By Alfred Marko


Vesucht man in meiner Heimatstadt Graz, ein Abonnement für die Orchester- oder Kammerkonzerte des Musikvereins im Stephaniensaal zu bekommen, so sieht man sich mit seitenlangen Wartelisten konfrontiert, Todesnachrichten werden den Organisatoren unterschlagen, um selbst das Abonnement naher Anverwandter zu konsumieren. Konzerte des Sommerfestivals "styriarte" sind ausverkauft, und selbst die Konzertreihe "Ikonen des 20. Jahrhunderts" in der neuen Helmut-List-Halle sind bestens besucht. Andererseits klagt das Opernhaus über eine Auslastung von bloß 60% trotz im Allgemeinen enthusiastischer Kritiken.

Andernorts mag die Sache ähnlich oder seitenverkehrt liegen - wie dem auch sei, immer häufiger rufen die Politiker nach Sparmaßnahmen, geben zu bedenken, dass die Liebhaber klassischer Musik doch nur eine Minderheit darstellten, dass - abgesehen von den drei Tenören, als ihr Schulterschluss noch taufrisch war - solche Veranstaltungen nie ganze Stadien zu füllen im Stande seien wie etwa Pop-Stars, und dass man dem durch Kürzungen, Zusammenlegungen u.Ä. Rechnung tragen müsse.

Mich fasziniert an der Teilnahme an klassischen Konzerten und Opernaufführungen die Unmittelbarkeit, die vom Konzertpodium und der Bühne auf die Zuhörer überspringt undumgekehrt: eine Interdependenz, die ein Tonträger nicht leisten kann. Selbstverständlich beinhaltet diese Unmittelbarkeit aber auch die Gefahr des Scheiterns.

Was mir an der persönlichen Teilnahme an musikalischen Aufführungen weniger behagt, ist der Umstand, dass Künstlerinnen in Abendroben und Künstler im Frack ebenso gekleideten Damen und Herren im Publikum gegenüber stehen; diese Unbequemlichkeit, verbunden mit dem Zwang, während längerer Zeiträume unbeweglich auf seinem Sitz zu verharren, mag viele jüngere Menschen vom Besuch abhalten. Eine Lockerung solcher Rituale wäre möglicherweise ein erster Schritt zur Rekrutierung neuer Publikumsschichten, denn wirkliche Sorgen um die Auslastung von Konzertsälen und Opernhäusern wird man sich machen müssen, wenn die jetzige Trägerschicht - ältere Angehörige des gehobenen Bürgertums - aus finanziellen und/oder biologischen Gründen "ausstirbt".

 Der frühere Kulturreferent des steirischen Landesparlaments verlangte einmal, das Grazer Opernhaus müsse für Veranstaltungen mit 'Event-Charakter' geöffnet werden, um mehr Einnahmen zu lukrieren. So reserviert ich grundsätzlich solchen Forderungen gegenüberstehe - ein Körnchen Wahrheit enthält dieses Argument. Man könnte etwa - wie das im Wiener Konzerthaus ja einmal im Jahr geschieht - Prom-Konzerte veranstalten, indem man die Sitzreihen beseitigt und im Parterre einen Stehraum schafft, in dem das Publikum seinen Emotionen beim Anhören - zunächst wohl populärer - klassischer Musik freieren Raum lassen kann.

Ein ganz wichtiger Schritt wäre auch die Gewinnung und Rückgewinnung jüngerer Menschen für klassische Musik. Hier sind PädagogInnen aufgerufen, entsprechende Methoden zu finden, die ihren Schülerinnen und Schülern einen Vorgeschmack auf das, was man im Konzertsaal oder im Opernhaus hören und sehen kann, geben und ihre Neugierde wachrufen. Dass das bei der Omnipräsenz von Pop-Musik ist, nicht leicht ist, liegt allerdings auf der Hand ...

Jedenfalls wünsche ich mir, dass der Abbau klassischer Musikstrukturen nicht weiter fortschreitet, sodass ich immer wieder Sternstunden erleben kann wie die konzertante Aufführung von Händels "Giulio Cesare in Egitto" in Wien unter Marc Minkowski, der Turangalila-Symphonie von Olivier Messiaen unter Sylvain Cambreling in Graz und vieler mir unvergesslicher Opernaufführungen in Graz, Wien und anderen Städten im Umkreis von 500 Kilometern.