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3.
Aufzug
Erstes
Morgengrauen; links die Stadtmauer mit Tor und Graben. Rechts die Kapelle, in
welcher Heinrich und Walburg eingeschlosssen sind, dahinter Wald, nach der
Tiefe hin zum Tal sich senkend. In der Mitte des Hintergrundes gerade am
Abhang, eine verwitterte, kaum belaubte Eiche, freier Horizont
Der
Bürgermeister, begleitet von etlichen Stadtvätern, tritt leise aus dem Stadttor
heraus, die Väter bilden einen Halbkreis um ihn.
1.
Szene
Bürgermeister (flüsternd)
So wär’ zur List fein alles gericht’
von Osten lugt schon das Licht!
Hierher kommt er selb’ dritt
geritten,
zu hören uns’re falschen Bitten.
Doch ach! das Wichtigste fast hätten wir
schier verpaßt!
Wer greift ihn? Wer hat Mut?
An einen hätt’ ich dabei
gedacht’,
ein Einz’ger ist’s, der es zaglos
macht:
Die
Stadtväter
Heinrich!
Bürgermeister
Der ist’s, den ich such’!
Zwar traf ihn des Priesters Fluch.
Doch was schert
mich
die Flucherei!
Ich war ja gestern nicht dabei.
(Er
geht zur Tür der Kapelle)
Die
Stadtväter
Glaubst du, daß er uns erhören wird?
Bürgermeister
Das eben laßt uns sehn!
(er
klopft an)
Heinrich! Ich bin am Tor.
Denk nichts Schlimmes! Komm hervor!
Heinrich (hinter der Szene)
Wer bist du?
Bürgermeister
Den alten Michel kennst du nicht mehr?
Heinrich
Was will er?
Bürgermeister (jammernd)
Du weißt: Der Kaiser naht!
Teuer! ach! ist einz’ger Rat!
Heinrich
Das keine List dich hergeführt,
und keiner dieses Weib berührt:
Schwört ihr mir das?
Alle
Wir schwören!
Heinrich (tritt aus der Kirche)
Nun! Väter: Ei wie kleinlaut!
Man sinnt hier wohl in Verlegenheit
über allzu kühne Verwegenheit!
den Kaiser hübsch zu empfangen,
ihn pfiffig dann in’s Netz zu
fangen!
Bürgermeister
Das ist’s ! und haben wir ihn erst
in den Mauern,
rufen wir dem Heer zu:
»Laßt ihr uns hier nicht in Frieden,
Haar und Bart, des Kaisers Ehre,
fällt der Städter schnitt’gen
Schere!
Heinrich
Wozu braucht ihr nun
mich
?
Bürgermeister
’sist keiner da, der sich’s
getrau,
den Kaiser fest beim Nacken zu packen
Heinrich
Aha, dazu
(bittend
drängen sich alle an Heinrich heran)
Bürgermeister
Die Not! Erbarmen! Ach! Gedenk der
Mütter!
O guter Heinrich!
Wir waren’s nicht, die dich
verflucht!
O laß ohn‘ Hoffnung uns nicht von
dannen gehn!
Die
Stadtväter
Ach, uns droht der Tod! Bleib nicht hart!
Der Kindlein zart! Hör unser Flehn!
Wir waren’s nicht!
O laß ohn’ Hoffnung uns nicht von
dannen gehn!
Heinrich (sinnend, leise, für sich)
Zwei Zügel hält das Schicksal hin!
Faß sie Heinz! Mußt recht sie ziehn!
Doppelt Zwiespalt mir zu schlichten:
Laß zum Ziele straff sie richten.
(zu
den anderen gewandt)
Gut! Zwei Burschen gebt mir zur Hand,
und das Seil, fest wie Ketten!
Ihr Väter sorgt dafür,
die zu fassen, die ihn begleiten.
Die
Väter
O Glück und Heil! Noch in später Zeit
preist man uns gescheit!
Bürgermeister
Kunz gibt das Zeichen just recht,
wenn‘ frommt zu greifen!
(indem
er sich zum Tor wendet)
Und jetzt in die Mauer! Still!
(Heinrich
und zwei Burschen, von einem der Stadtväter herbeigerufen, bleiben zurück)
Heinrich (den Stadtvätern nachblickend)
Wartet nur! Ihr Kerle!
(zu
den Burschen)
Auf mein Zeichen packt ihr ihn bei den
Armen!
Ihr voran! Ich folge.
(Sie
verbergen sich zu dritt hinter der Kapelle)
2.
Szene
Sonnenaufgang.
Trompetenruf aus dem Tal. Antwort von der Mauer. Sie verbergen sich zu dritt
hinter der Kapelle. Auf Musik: Die Trompeter aus dem Talstellen sich auf der
Bühne, den Stadtmauern zugewandt, auf. Der Kaiser, von zwei Trabanten und dem
Herold begleitet, steigt vom Pferd. Die Stadttore öffnen sich.
Etwa
sechs der Stadtväter, voran der Bügermeister, gehen in demütiger Haltung dem
Kaiser entgegen, der, auf sein Schwert gestützt, in der Mitte der Bühnen steht.
Bürgermeister
Huld o Herr! Dank! Daß du uns gewährt! O
Herr! Sinnst du auch keine List?
Kaiser
Lüg’ ich? Zittergras?
Bürgermeister
Mir bangt, (er sieht sich scheu um) daß
dein Heer – im Gebüsch, dort geheim – vielleicht man kann nicht
–
(Einer
der Stadtväter pfeift. Aus dem Tor brechen mehrere Burschen hervor.)
Heinrich (im Versteck zu den zwei Burschen)
Jetzt Ihr!
(Die Burschen eilen auf den Kaiser zu)
Kaiser
Tückische Hunde!
(Die
Trabanten und der Kaiser werden gefesselt. Der Herold entkommt.)
Bürgermeister
Fest! daß keiner locker läßt!
(Sie
wollen den Kaiser eben zum Tor hinein zerren, als Heinrich mit einer
Riesenkeule hervorspringt und auf die Stadtväter und Burschen losstürmt)
Heinrich
Halt! Ihr Schurken! Wagt Ihr’s!
(Die
Väter, wähnend, mit Heinrich komme das Heer herbei, lassen den Kaiser los und
fliehen in die Stadt)
Bürgermeister
Verrat! Flieht! Das Heer!
(Heinrich
schlägt wie ein Wilder auf sie los; sodann bindet er den Kaiser frei, verhüllt
aber zugleich sein Gesicht mit einem Tuch.
Der
Kaiser und Heinrich bleiben allein zurück.)
Kaiser
Ich Tor! arglos gläubiger Tor! Der
mich
ihren Krallen
entklaubt, was birgst du vor mir dein Haupt? Daß ich dir danken kann, zeig
dich, kühner Mann!
Heinrich
Nicht eher
Kaiser
Nicht eher? bis?
Heinrich
Ein Wunsch nur:
Kaiser
Wenn ich’s vermag!
Heinrich
Daß drei Wünsche du mir erfüllst!
Kaiser (lächelnd)
Das sind ihrer vier!
Heinrich
Die du vernichten solltest, schone die
Stadt!
Der dein Gericht erfleht, spend’
ihm Gnad’!
Und der dich eben gerettet, gedenk seiner
Tat!
Kaiser
Wie deut’ ich das?
Heinrich
Gelob, daß kein Groll
deinen Retter vernichten soll!
Kaiser
Sam mir mein Bart,
bei dem
mich
einst ein
Unhold faßte!
Und hättest du mir den Vater erschlagen:
D’rum müßt’ ich schweigend
klagen!
Du forderst viel! Doch sei’s! Ich
hab gelobt!
(Heinrich
enthüllt sein Haupt.Der Kaiser erkennt ihn)
Kaiser
Erkenn’ ich recht?
Heinrich
Heinrich heißt man
mich
, von Kempten
Freiherrlich!
Kaiser (erstaunt)
Heinrich von Kempten? Unbekannt!
Heinrich
Zu Bamberg »Bruder Lustig« benannt!
–
Kaiser
Du bist’s? Du büßt’s! Ha!
Frevler!
Du! in meiner Hand!
Der
mich
erniedrigt zu
tiefster Schmach!
Du Vogelfreier! Bruder Lustig!
Bangt dir’s nicht? Zitt’re
vor dem Hochgericht!
(sanft) Nein!
zitt’tre nicht!
Heinrich, kühner Sünden-Sühner!
Ich hab‘s gelobt! Der Zoren
erstickt!
Von Acht befreit,- steh auf beglückt!
3.
Szene
(Vom
Herold aufgerufen hört man das Heer in wilder Jagd heraneilen.Der Kaiser reicht
Heinrich die Hand, welche dieser dankerfüllt küßt.)
Heinrich
Heil! Mein Kaiser!
Tenöre (hinter der Szene)
Rettet ihn!
Zu Hilfe! Eilt!
Bässe
Eil herbei! Schnell!
Tenöre
und
Bässe
Helft dem Kaiser!
(Das
Heer umringt den Kaiser)
Tenöre (allein)
Hier steht er!
Tenöre und Bässe (von jetzt ab auf der
Bühne)
Heil! Gerettet! Wer tat’s? Der?
(Der
Kaiser deutet auf Heinrich)
Der dort? Heil! Heil!…
Heinrich
mit Tenor und Bässe (zu den
Mauern hinaufrufend)
Halloheihe!
Bürger herbei! Kommt ihr Städter zur
Mauer hervor!
Halloheihe!
Kaiser hat’s befohlen! nicht
gesäumt!
(Der
Kaiser hat sich rechts auf einem Steinsitz vor der Kapelle niedergesetzt, das
Heer stellt sich in einem Halbkreis dahinter bis zur Mauer der Stadt. Langes
Zögern von Seiten der Städter. Endlich treten die Väter aus dem Tor. Der Kaiser
blickt sie längere Zeit stumm durchbohrend an. Peinliches Schweigen.)
Kaiser
Schöner Morgen heut! Ich grüß’
euch!
(Die
Väter verneigen sich verlegen)
Kaiser
Tiefer!
(Die
Väter verneigen sich tiefer)
Noch tiefer. So! Und jetzt ganz tief. Und
so bleibt ihr.
(zu
seinem Heer)
Ihr Krieger! Tretet vor! Schwerter hoch!
(Die
Soldaten heben die Schwerter)
Köpfe ab und wenn sie sanken,
plündert, sengt, würgt und hängt!
dem Erdenreich die Mauern gleich!
Heinrich
Herr! brichst du dein Wort?
Kaiser
Hört ihr, wie er für euch flennt?
Auf Diebsgelichter! Meineid-Gauner!
Ihr verdient kein Schwert, das nur Edle
ehrt!
Ich schenk euch euer Leben, weil
ich’s ihm gelobt!
(Die
Väter erheben sich)
Doch weh euch übt neu ihr Verrat!
Ein Röcheln nur die ganze Stadt! Sam mir
mein Bart!
Fort
jetzt
! Es folgt das
zweite Gericht!
4.
Szene
(Konrad
tritt lebhaft hervor)
Konrad
Ja, Kaiser! Gericht!
Der hier so stramm als Retter prahlt,
auf ihn ist der Bann darniedergestrahlt!
Ihn traf des Priesters Fluch
ob Kirchenschändung und Ehebruch!
Kaiser(betroffen)
Bruder Lustig?
Heinrich
Nein, Bruder Traurig!
Konrad
Ihn und mein Weib verklag’ ich
laut,
die gestern erst mir angetraut,
so schwer mir’s wird
Ich sag es frei:
Der Buhlschaft und der Zauberei!
Durch Teufelsspuk der Andreasnacht
ward zwischen uns der Bund gemacht!
Ein Zufall mir den Trug beweist!
Walburg selbst sich schuldig heißt!
Sie schrie um Hilfe! Ein Zwist entstand!
Rüles Bräutigam – der dort ist zur
Hand!
Ein Faustschlag – ich sank zu
Boden!
Zur Kirche fliehend beide entrinnen und
schufen,
o höre die Schmach,
der Kirche
Halle
zum
Buhlgemach!
Heinrich (außer sich)
Lügner! Nimm zurück dein Wort!
Denn, bei Gott!
keine Gewalt der Welt…
Kaiser
Halt! Heinrich!
Heinrich
Konrad! Wähnst du wirklich,
was du da klagst, das sei wahr?
Nein, Freund! der Frevel sei uns fremd!
Nicht sündig haben wir entweiht den Raum,
wo Gott uns Gnad’ verleiht:
Verblendet ist er, o Herr! Du wirst
seh’n!
(Heinrich
wendet sich zur Kapelle. Er geleitet Walburg heraus.)
5.
Szene
Heinrich
Kaiser! Liebster Kaiser: Blick hin!
Sieh sie an! Das Auge!
Wie sie wandelt! Sprich! Kann das sündig
sein?
Kaiser (zu Walburg)
Sag! bist du der Kirchenschändung durch
Ehebruch geständig?
Walburg(zuckt zusammen)
Entsetzen!
Kaiser
So wärst du keiner Schuld dir bewußt?
Walburg
Doch! Einer!
Kaiser
Künd’ uns, laß hören!
Arie Walburg
Walburg
Seit ich erwachte zum Liebesleben
zu einem den Blick voll Minne zu heben
einer war es da, dessen Wesen
mich
bannte,
zu dem mein Herz in Liebe entbrannte!
Ich sah nur ihn im Träumen und Wachen,
in Leid und Lust, in Weinen und in
Lachen!
Doch Schmerz war gleich dem Glück gepaart
Wolkenheer um Sonne geschart!
Dem ich das Herz so willig gab
kalt an ihm glitt mein Fühlen ab.
Wirres Bangen faßte
mich
:
Jedes Hoffen schien, als ob es blich.
Doch ward’s im Inn’ren nicht
still:
ob sich mein Sehnen doch erfülle!
War sein Herz nicht trugverworren,
irr, in falscher Bahn verloren
könnt’ sich’s vielleicht noch
glücklich wenden!
Dürft’ ich mein Herz ihm nimmer
spenden?
Sehnsucht, wachsend,
mich
umdüstert.
Von Zaubermacht zu mir es flüstert:
wie durch geheimnisvollen Bann
die Zukunft der Mensch erschauen kann.
Ich muß es wissen,
und sollt’ ich d’ran zu Grunde
gehn.
Andreasnacht. O Nacht voll Grauen.
da kann man den Künftigen
erschau’n!
Bangen und Hoffen: wird es sein?
Ein Andrer tritt ein.
Zerknickt das Herz, gebrochen:
Schicksal hatte gesprochen!
Heinrich
O ich Tor!
Der all den Jammer beschwor!
Kobolds Tücke, die das Aug’ mir
verschloß!
Als sie damals
mich
schützte,
sah ich denn nicht ihren Blick?
Erst als geknebelt sie am Boden lag,
wurd’ ich da erst sehend?
Ein sterbendes Reh kann nicht rührender
fleh’n!
Leiden
und Lieben!
verzweifeltes Ringen!
Mich
strafe, wenn
Dummheit sich strafen läßt!
Kaiser
So willst du, daß sie dein Weib werde?
Heinrich
Dürft’ ich je es hoffen!
Kaiser
Und Walburg – bist stumm?
Walburg
Laß
mich
Büßerin
werden!
Heinrich
Du, Walburg! in’s Kloster?
Betschwester du?
Das tust du nicht!
Gesühnt wird alles!
Die verfluchte Urme hatte uns alle
verhext! Sie strafe!
Ruft das Teufelsweib herbei!
6.
Szene
(Die
Urme, fantastisch geschmückt, hüpft tanzend herbei)
Urme
Da bin ich schon, seht!
Trudeli! prudeli! tra la la la la la la!
Mädel singt Lieder!
die Kröte bringt Glück!
die Kröte kommt wieder!
das Kupfer macht dick!
Greift sie nur dreist!
die Unke ist feist!
Schon hopst sie nicht mehr!
Das Bäuchlein, schaut, ist schwer –
Kaiser
Ist’s wahr, wess’ man dich
verklagt?
Urme
Nur zu, bindet
mich
!
Kaiser
Bekennst du es auch noch lachend?
Urme
Trudeli! prudeli! Ja! Ja! ‘s ist
wahr!
Kaiser
Die Augen verbunden, führt sie zum Tod!
(Sie
wird gefesselt, ihre Augen verbunden. Während sie die Ballade singt, wird der
Scheiterhaufen im Hintergrunde errichtet.)
Urme
So ist’s recht! Fest! Fest!
Doch zuvor die Urme euch eins singt
Herr! das gewährst du wohl?
Kaiser
Letzter Wunsch wird nie versagt!
Urme
Nun lauscht dem, Kinder lauscht,
was die Urme weiß!
(mit
verbundenen Augen, die Hände am Rücken gefesselt)
Einmal im Jahr zur Weihmitternacht
des Fonichs Blüte zum Blühen erwacht!
In gleicher Stund’ verwelkt sie
wieder!
senkt zum Boden den Samen darnieder!
Des Fonichs Blüte birgt heimliche Kraft!
Unsichtbar wird, wer klug sie sich rafft!
(Bewegung
der Verwunderung unter den Zuhörenden:
was
die Urme wohl will)
Mächt’ger Herr hat ein wonniglich
Weib,
rein wie Herz ihr edler Leib!
Doch Teufelshalunk flößt Eifersucht ein!
Zweifel säend, ob wirklich sie rein!
Mächt’ger Herr vom Fonich vernimmt,
heimlich und flugs er zur Seherin klimmt,
daß durch sie er die Blüte sich fände,
die bangenden Mißtraun’s Qualen
beende:
der Gattin Wege, von ihr nicht gesehn,
ob wahr ihre Schuld, klar zu
erspäh’n!
Im Mantel gehüllt, ihn nicht zu erkennen,
selbander mußt’ er den Weg durchrennen!
Da stand sie still! Sie zog einen Kreis
–
d’rein stellt er sich auf ihr
Geheiß
»Und was da auch komme, krumm und kraus,
Herr:« rief sie, »tritt nicht heraus.«
Die Stunde naht! – da
schwirrt‘s um sie quer!
Der Teufel drohend ritt selbst um sie her!
»Heut wirst du verlacht. –
Hier hast du nicht Macht!«
Und Feuerrad rasend den Kreis umsaust!
den Herrn es schauert, den Kühnen es
graut.
Da duftend erblühte der Fonich so rot!
Einen Kelch hielt sie ihm hin, den der
Herr ihr bot.
Drein fiel der Staub. Der Zauber
verschwand! –
Wie der Herr mit dem Weib sich heimwärts
wandt’,
da trat ihm des Weg’s entgegen der
Priester!
»Herr! Du hier«? fragte er düster,
»Fürchtest du nicht des Himmels Gericht?
Was du da birgst zeig es mir licht!
»Tu’s nicht! Tu’s nicht!« so
warnte die Frau,
»dem Priester mitnichten den Kelch
vertrau’!«
Doch der Herr ohne Zagen den Kelch ihm
wies!
Da schaut! Der Priester, was tat er? Er
blies!
die Blüte flog in die Lüfte davon!
Trugpfaffe verschwunden: der Teufel lacht
Hohn!
(Der
Kaiser, welcher während der Ballade mit Mühe sein Unbehagen barg, fährt jetzt
heftig auf.)
Kaiser
Urme, woher weißt du das?
Urme
Wer war das Weib, und wer war der Herr?
Wär’t ihr nicht dumm, ihr
rietet’s nicht schwer!
Kaiser
Bindet sie frei!
Urme (höhnisch)
Frei? Ihr?
(Sie
zerreißt die Fesseln, löst die Binde von den Augen und springt in den
Scheiterhaufen. Plötzliche Finsternis. Flammen lodern auf. Als es wieder Licht
geworden, sieht man ein Krähe davonfliegen.)
Urme (unsichtbar)
Hört ihr
mich
?
Seht ihr
mich
?
Chor
Grausen!
Urme
Tra la la la la la!
Chor
Der Hölle Zauber!
Urme
Tra la la la…
Heinrich
Ja, Kaiser, ja, Kaiser, welch’
grimmer Spott!
Wir dachten, du sei’st schier ein
halber Gott!
Und nun bist du ein Mensch grad so wie
wir!
(alle
lachen)
7.
Szene
Kaiser
Nicht zu früh gelacht!
Vor einem noch mußt du besteh’n!
Auf! Laßt nach dem Priester seh’n!
Heinrich (leidenschaftlich)
Nicht er! Nur der nicht!
(allgemeine
Betroffenheit)
Schwester, ach Schwester! Wunde, kaum
vernarbt!
Blutest du wieder?
Kaiser
Wessen klagst du ihn an?
Heinrich
Frag’ ihn selbst, ob er mir Rede
steht!
Nein, Herr! So wenig dort sein Fluch uns
traf,
– so wenig künd er heut uns
Straf’!
Kaiser
Kron’ und Kirche bestünden heut
schlecht!
Wer ist jetzt der Richter gerecht?
(zum
Volke sich wendend)
Eure Herzen sollen entscheiden,
ob sie schuldig sollen
leiden
,
des Volkes wahre Stimme nun Richter sei!
Sie strafe oder spreche frei!
Alle
Frei von Schuld: frei von Fehl! frei!
Walburg
O, könnt ich ganz
mich
frei doch
fühlen!
Ins Meer des Nichts hinweg es spülen!
Daß kein Fehl mein Inn’res
verdunkelt:
daß rein wie einst es wieder funkelt:
Hell und licht:
Ein Sorgen will
mich
nicht
verlassen. Ein Lustverwehn!
Heinrich
Sie zagt noch, der Unschuld sich zu
freu’n?
(hat
sich von seinem Sitz erhoben und tritt näher zu Walburg)
Hörst du nicht? Bleibst du kalt?
Willst du besser als der Kaiser sein?
Chor
Zagst du noch, der Unschuld dich zu
freu’n?
Heb froh dein Angesicht!
Denn Sühne sei die laut’re Liebe,
die kein Nebel fortan trübe!
Walburg laß dein Zagen! Gib ihm nach:
Sühne sei die laut‘re Liebe.
Hör auf ihn! Wie weis’ er spricht!
Er selbst kennt die Pein!
Willst du besser als der Kaiser
sein?…
Kaiser
Sie zagt noch, der Unschuld sich zu
freu’n!
Unbewußt, nach dem Ungekannt Geheimen
wohnt in unser Brust ein Sehnen dort sich
hinzuträumen!
Des Tages Rätsel: dunkles Irren.
Die Zauber der Nacht hell entwirren!
Heil dem, der den Zauber zähmt!
Heil auch, wen solch Sehnen grämt!
Frevler, wer der Nacht wohl fröhnt,
am Tag verleugnend, sie verhöhnt!
Heinrich
Wie Walburg! Sahst du denn nicht
im Traum die Heil’ge Jungfrei
licht?
Wie sie neigend uns Segen gab?
Hörtest du nicht, wie die Englein sangen,
wie Himmelsweisen uns erklangen.
Selig, wer reinen Herzens?
Chor
Hör, wie er innig dich bittet!
Der Bund, gestiftet durch Satans Hand,
vor Gott hat der keinen Bestand!
D’rum sei er gelöst!
Kaiser
Der Bund, gestiftet durch Satans Hand,
vor Gott hat der keinen Bestand!
D’rum sei er gelöst!
8.
Szene
Heinrich (reibt sich die Augen, wie um allen Kummer
zu verscheuchen.)
Was steh’n wir alle so traurig?
(zum
Kaiser) Den »Bruder Lustig« hast du
mich
genannt!
Dem Namen bring’ ich nimmer Schand!
Herr! Noch blieb mir ein Wunsch!
Befiel, daß mein Wunsch gescheh’!
Kaiser
Sam mir mein Bart!
(drohend
zu den Bürgern gewendet)
Hört ihr’s? Ha! Ihr Frevler! Kaiserknebler!
Wißt ihr euren Lohn!
Glaubt ihr Braven, ohne Strafen kämt ihr
davon?
(Er
macht ihnen eine drohende Gebärde und wendet sich zu den Mädchen)
Ihr Weiber, wer noch ledig, trete jetzt
vor!
Alt
Was will er?
Sopran (flüsternd)
Was sinnt er?
Heinrich
Hörtet ihr nicht? Wer ist ledig?
(Langsam
treten die Mädchen in einer Gruppe vor)
Heinrich
Nur nicht zögern! Alle vor!
(zu
den Soldaten)
Die schönste Gabe: der Plünd’rung
Labe
!
Vernahmt ihr nicht des Kaisers Spruch?
Wär’s nun nicht des Wortes Bruch,
würd’ euch nicht heute des Sieges
Freude!
(auf
die Mädchen deutend)
Seht dort die Zinnen!
Von Stein nicht – von Linnen!
Seht ihr die Mauern,
d’rin Äuglein lauern?
(wachsende
Ausgelassenheit unter den Soldaten)
Seht ihr ide Gäß’chen,
die Brüstchen und Näschen?
Nun stürmt die Feste! Jedem die
Seine
!
Doch hütet euch wohl! Jeder nur Eine!
Eins! Zwei! Und eins dazu gibt drei!
(Unter
schallendem Gelächter stürmen die Soldaten auf die Mädchen zu. Ein Jagen
beginnt. Die Mädchen sträuben sich. Schließlich sucht ein jeder die
Seine
heraus.) (nähert sich Walburg)
Walburg! Holde! Lache mit uns!
Geheilt sind deine Wunden!
In Nacht alles Bangen entschwunden!
O! Helft mir alle bitten!
Haucht ihrem Herzen neues Leben ein!
Walburg! Sieh um dich!
Wo alles sich freut, wo alles freit!
Die Sonnenstrahlen lachend streut!
Wo alles kost, alles girrt,
von Lenzes Lust es um uns schwirrt!
Sollten wir da allein trüb und traurig
sein!?
(Walburg
wendet sich zu Konrad)
Walburg
Konrad! Hast du mir verzieh’n!
Konrad (schmerzlich, düster)
Gott verzieh! Verzeih du mir!
(unmerklich
tritt er zurück, so daß er den Blicken des Zuschauers nicht mehr sichtbar ist.)
Heinrich
Und wirst du mein?
Walburg
Die Frage, Heinrich, aus deinem Mund?
Chor
Heil ihnen, und Heil dem, der sie
vereint.
(Der
Kaiser schwingt eine Axt in den Eichenstamm)
Kaiser
Solang die Axt im Stamme steckt,
werd’ nimmer Fried durch Trug
befleckt!
Mahnend dort sie stumm es wahrt,
Kaisers Wort:
Sam mir mein Bart.
Chor
Solang die Axt dort fest im Stamme
steckt,
werd’ nimmer Fried durch Trug und
befleckt!
(Alle
drängen sich um den Kaiser und geleiten ihn in jugelndem Zug durch das Tor der
Stadt)
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