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Opera Libretti




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Wagner Richard
Die Meistersinger von Nurnberg
Synopsis
Introduction
Act I
Act II
Act III

Dritter Akt

In Sachsens Werkstatt. Im Hintergrunde die halbgeöffnete Ladentüre, nach der Strasse führend. Rechts zur Seite eine Kammertüre. Links das nach der Gasse gehende Fenster, mit Blumenstöcken davor, zur Seite ein Werktisch. Sachs sitzt auf einem grossen Lehnstuhle an diesem Fenster, durch welches die Morgensonne hell auf ihn bereinscheint; er hat vor sich auf dem Schosse einen grossen Folianten und ist im Lesen vertieft. - David zeigt sich, von der Strasse kommend, unter der Ladentüre; er lugt herein und, da er Sachs gewahrt, fährt er zurück. Er versichert sich aber, dass Sachs ihn nicht bemerkt, schlüpft herein, stellt seinen mitgebrachten Handkorb auf den hinteren Werktisch beim Laden und untersucht seinen Inhalt; er holt Blumen und Bänder hervor und findet endlich auf dem Grunde eine Wurst und einen Kuchen; er lässt sich an, diese zu verzehren, als Sachs, der ihn fortwährend nicht beachtet, mit starkem Geräusch eines der grossen Blätter des Folianten umwendet.

David

fährt zusammen, verbirgt das Essen und wendet sich zurück
Gleich, Meister! Hier! -
Die Schuh sind abgegeben
in Herrn Beckmessers Quartier. -
Mir war's, als rieft Ihr mich eben?
beiseite
Er tut, als säh er mich nicht?
Da ist er bös, wenn er nicht spricht! -
Er nähert sich, sehr demütig, langsam Sachs.
Ach, Meister! Wollt mir verzeihn;
kann ein Lehrbub vollkommen sein?
Kenntet Ihr die Lene wie ich,
dann vergäbt Ihr mir sicherlich.
Sie ist so gut, so sanft für mich,
und blickt mich oft an so innerlich.
Wenn Ihr mich schlagt, streichelt sie mich,
und lächelt dabei holdseliglich;
muss ich karieren, füttert sie mich,
und ist in allem gar liebelich!
Nur gestern, weil der Junker versungen,
hab ich den Korb ihr nicht abgerungen.
Das schmerzte mich: - und da ich fand,
dass nachts einer vor dem Fenster stand,
und sang zu ihr, und schrie wie toll, -
da hieb ich ihm den Buckel voll:
wie käm nun da was Grosses drauf an?
Auch hat's unsrer Liebe gar wohl getan! -
Die Lene hat mir eben alles erklärt,
und zum Fest Blumen und Bänder beschert. -
Er bricht in grössere Angst aus.
Ach, Meister! Sprecht doch nur ein Wort! -
beiseite
Hätt ich nur die Wurst und den Kuchen erst fort!
Sachs hat unbeirrt immer weiter gelesen. jetzt schlägt er den Folianten zu. Von dem starken Geräusch erschrickt David so, dass er strauchelt und unwillkürlich vor Sachs auf die Knie fällt. Sachs sieht über das Buch, das er noch auf dem Schosse behält, hinweg, über David, welcher furchtsam nach ihm aufblickt, hin und heftet seinen Blick unwillkürlich auf den hinteren Werktisch.

Sachs

Blumen und Bänder seh ich dort?
Schaut hold und jugendlich aus.
Wie kamen mir die ins Haus?

David

verwundert über Sachsens Freundlichkeit
Ei, Meister! 's ist heut festlicher Tag;
da putzt sich jeder so schön er mag.

Sachs

Wär heut Hochzeitsfest?

David

Ja, käm's erst so weit,
dass David die Lene freit!

Sachs

's war Polterabend, dünkt mich doch?

David

für sich
Polterabend? ... Da krieg ich's wohl noch?
laut
Verzeiht das, Meister! Ich bitt, vergesst!
Wir feiern ja heut Johannisfest.

Sachs

Johannisfest?

David

Hört er heut schwer?

Sachs

Kannst du dein Sprüchlein, so sag es her!

David

der allmählich wieder zu stehen gekommen
Mein Sprüchlein? Denk, ich kann's gut - -
für sich
Setzt nichts! der Meister ist wohlgemut.
stark und grob
"Am Jordan Sankt Johannes stand . .
Er hat in der Zerstreuung die Worte mit der Melodie von Beckmessers Werbelied aus dem vorhergehenden Aufzuge gesungen; Sachs macht eine verwunderte Bewegung, worauf David sich unterbricht.

Sachs

Wa ... was?

David

lächelnd
Verzeiht das Gewirr!
Mich machte der Polterabend irr'.
Er sammelt und stellt sich gehörig auf.
"Am Jordan Sankt Johannes stand,
all Volk der Welt zu taufen;
kam auch ein Weib aus fernem Land,
aus Nürnberg gar gelaufen:
sein Söhnlein trug's zum Uferrand,
empfing da Tauf und Namen;
doch als sie dann sich heimgewandt,
nach Nürnberg wieder kamen,
in deutschem Land gar bald sich's fand,
dass wer am Ufer des Jordans
Johannes ward genannt,
an der Pegnitz hiess der Hans.-
sich besinnend
Hans? ... Hans! ...
feurig
Herr - Meister! 's ist heut Eu'r Namenstag!
Nein! Wie man so was vergessen mag!
Hier! hier die Blumen sind für Euch, -
die Bänder, und was nur Alles noch gleich?
Ja, hier, schaut! Meister, herrlicher Kuchen!
Möchtet Ihr nicht auch die Wurst versuchen? -

Sachs

immer ruhig, ohne seine Stellung zu verändern
Schön Dank, mein Jung! Behalt's für dich!
Doch heut auf die Wiese begleitest du mich;
mit Blumen und Bändern putz dich fein:
sollst mein stattlicher Herold sein!

David

Sollt ich nicht lieber Brautführer sein?
Meister, ach! Meister, Ihr müsst wieder frei'n.

Sachs

Hätt'st wohl gern eine Meist'rin im Haus?

David

Ich mein, es säh doch viel stattlicher aus.

Sachs

Wer weiss? Kommt Zeit, kommt Rat.

David

's ist Zeit.

Sachs

Dann wär der Rat wohl auch nicht weit?

David

Gewiss! Es gehn schon Reden hin und wieder;
den Beckmesser, denk ich, säng't Ihr doch nieder?
Ich mein, dass der heut sich nicht wichtig macht!

Sachs

Wohl möglich; hab mir's auch schon gedacht. -
jetzt geh und stör mir den Junker nicht.
Komm wieder, wenn du schön gericht't!
David küsst Sacbs gerührt die Hand.

David

für sich
So war er noch nie, wenn sonst auch gut! -
Kann mir gar nicht mehr denken, wie der Knieriemen tut!
Er packt seine Sachen zusammen und geht in die Kammer ab. - Sachs, immer noch den Folianten auf dem Schosse, lehnt sich, mit untergestütztem Arm, sinnend darauf. Nach der Pause:

Sachs

Wahn! Wahn!
Überall Wahn!
Wohin ich forschend blick
in Stadt- und Weltchronik,
den Grund mir aufzufinden,
warum gar bis aufs Blut
die Leut sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut?
Hat keiner Lohn
noch Dank davon;
in Flucht geschlagen
wähnt er zu jagen;
hört nicht sein eigen
Schmerzgekreisch,
wenn er sich wühlt ins eigne Fleisch,
wähnt Lust sich zu erzeigen! -
Wer gibt den Namen an? -
's ist halt der alte Wahn,
ohn den nichts mag geschehen,
's mag gehen oder stehen!
Steht's wo im Lauf,
er schläft nur neue Kraft sich an:
gleich wacht er auf; -
dann schaut, wer ihn bemeistern kann! ...
Wie friedsam treuer Sitten,
getrost in Tat und Werk,
liegt nicht in Deutschlands Mitten
mein liebes Nürenberg! -
Er blickt mit freudiger Begeisterung ruhig vor sich hin.
Doch eines Abends spat,
ein Unglück zu verhüten
bei jugendheissen Gemüten,
ein Mann weiss sich nicht Rat;
ein Schuster in seinem Laden
zieht an des Wahnes Faden;
wie bald auf Gassen und Strassen
fängt der dort an zu rasen!
Mann, Weib, Gesell und Kind
fällt sich da an wie toll und blind;
und will's der Wahn gesegnen,
nun muss es Prügel regnen,
mit Hieben, Stoss und Dreschen
den Wutesbrand zu löschen. -
Gott weiss, wie das geschah? -
Ein Kobold half wohl da: -
ein Glühwurm fand sein Weibchen nicht,
der hat den Schaden angericht't. -
Der Flieder war's: - Johannisnacht! -
Nun aber kam Johannistag! -
Jetzt schaun wir, wie Hans Sachs es macht,
dass er den Wahn fein lenken kann,
ein edler Werk zu tun:
denn lässt er uns nicht ruhn,
selbst hier in Nürenberg,
so sei's um solche Werk,
die selten vor gemeinen Dingen
und nie ohne ein'gen Wahn gelingen.
Walther tritt unter der Kammertür ein. Er bleibt einen Augenblick dort stehen und blickt auf Sachs. Dieser wendet sich und lässt den Folianten auf den Boden gleiten.

Sachs

Grüss Gott, mein Junker! Ruhtet Ihr noch?
Ihr wachtet lang, nun schlieft Ihr doch?

Walther

Ein wenig, aber fest und gut.

Sachs

So ist Euch jetzt wohl bass zumut?

Walther

Ich hatt einen wunderschönen Traum.

Sachs

Das deutet Gut's: erzählt mir den!

Walther

Ihn selbst zu denken wag ich kaum:
ich fürcht ihn mir vergehn zu sehn. -

Sachs

Mein Freund! Das grad ist Dichters Werk
dass er sein Träumen deut und merk.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan:
all Dichtkunst und Poeterei
ist nichts als Wahrtraumdeuterei.
Was gilt's, es gab der Traum Euch ein,
wie heut Ihr wolltet Meister sein?

Walther

Nein, von der Zunft und ihren Meistern
wollt sich mein Traumbild nicht begeistern.

Sachs

Doch lehrt es wohl den Zauberspruch,
mit dem Ihr sie gewännet?

Walther

Wie wähnt Ihr doch nach solchem Bruch,
wenn Ihr noch Hoffnung kennet!

Sachs

Die Hoffnung lass ich mir nicht mindern,
nichts stiess sie noch übern Haufen;
wär's nicht, glaubt, statt Eure Flucht zu hindern,
wär ich selbst mit Euch fortgelaufen!
Drum bitt ich, lasst den Groll jetzt ruhn!
Ihr habt's mit Ehrenmännern zu tun;
die irren sich, und sind bequem,
dass man auf ihre Weise sie nähm. -
Wer Preise erkennt und Preise stellt,
der will am End auch, dass man ihm gefällt.
Eu'r Lied, das hat ihnen bang gemacht;
und das mit Recht: denn wohlbedacht,
mit solchem Dicht- und Liebesfeuer
verführt man wohl Töchter zu Abenteuer;
doch für liebseligen Ehestand
man andre Wort' und Weisen fand.

Walther

lächelnd
Die kenn ich nun auch seit dieser Nacht:
es hat viel Lärm auf der Gasse gemacht.

Sachs

lachend
Ja, ja! Schon gut! Den Takt dazu
hörtet Ihr auch! - Doch lasst dem Ruh,
und folgt meinem Rate, kurz und gut:
fasst zu einem Meisterliede Mut!

Walther

Ein schönes Lied - ein Meisterlied:
wie fass ich da den Unterschied?

Sachs

Mein Freund, in holder Jugendzeit,
wenn uns von mächt'gen Trieben
zum sel'gen ersten Lieben
die Brust sich schwellet hoch und weit,
ein schönes Lied zu singen
mocht vielen da gelingen:
der Lenz, der sang für sie.
Kam Sommer, Herbst und Winterszeit
viel Not und Sorg im Leben,
manch ehlich Glück daneben:
Kindtauf, Geschäfte, Zwist und Streit: -
denen's dann noch will gelingen
ein schönes Lied zu singen,
seht: Meister nennt man die!

Walther

Ich lieb ein Weib, und will es frein,
mein dauernd Ehgemahl zu sein. -

Sachs

Die Meisterregeln lernt beizeiten,
dass sie getreulich Euch geleiten
und helfen wohl bewahren
was in der Jugend Jahren
mit holdem Triebe
Lenz und Liebe
Euch unbewusst ins Herz gelegt,
dass Ihr das unverloren hegt!

Walther

Stehn sie nun in so hohem Ruf,
wer war es, der die Regeln schuf?

Sachs

Das waren hochbedürft'ge Meister,
von Lebensmüh bedrängte Geister:
in ihrer Nöten Wildnis
sie schufen sich ein Bildnis,
dass ihnen bliebe
der Jugendliebe
ein Angedenken, klar und fest,
dran sich der Lenz erkennen lässt.

Walther

Doch, wem der Lenz schon lang entronnen,
wie wird er dem im Bild gewonnen?

Sachs

Er frischt es an, so gut er kann:
drum möcht ich, als bedürft'ger Mann,
will ich die Regeln Euch lehren,
sollt Ihr sie mir neu erklären. -
Seht, hier ist Tinte, Feder, Papier:
ich schreib's Euch auf, diktiert Ihr mir!

Walther

Wie ich's begänne, wüsst ich kaum.

Sachs

Erzählt mit Euren Morgentraum.

Walther

Durch Eurer Regeln gute Lehr
ist mir's, als ob verwischt er wär.

Sachs

Grad nehmt die Dichtkunst jetzt zur Hand:
mancher durch sie das Verlor'ne fand.

Walther

So wär's nicht Traum, doch Dichterei?

Sachs

's sind Freunde beid, stehn gern sich bei.

Walther

Wie fang ich nach der Regel an?

Sachs

Ihr stellt sie selbst und folgt ihr dann.
Gedenkt des schönen Traums am Morgen:
fürs Andre lasst Hans Sachs nur sorgen.

Walther

sich zu Hans Sachs am Werktisch setzend, wo dieser das Gedicbt Waltbers nacbschreibt
"Morgenlich leuchtend in rosigem Schein,
von Blüt und Duft
geschwellt die Luft,
voll aller Wonnen
nie ersonnen,
ein Garten lud mich ein,
Gast ihm zu sein."

Sachs

Das war ein "Stollen"; nun achtet wohl,
dass ganz ein gleicher ihm folgen soll.

Walther

Warum ganz gleich?

Sachs

Damit man seh,
Ihr wähltet Euch gleich ein Weib zur Eh'.

Walther

"Wonnig entragend dem seligen Raum,
bot goldner Frucht
hellsaft'ge Wucht,
mit holdem Prangen
dem Verlangen,
an duft'ger Zweige Saum,
herrlich ein Baum."

Sachs

Ihr schlosset nicht im gleichen Ton:
das macht den Meistern Pein,
doch nimmt Hans Sachs die Lehr davon,
im Lenz wohl müsst es so sein. -
Nun stellt mir einen "Abgesang".

Walther

Was soll nun der?

Sachs

Ob Euch gelang,
ein rechtes Paar zu finden,
das zeigt sich an den Kinden;
den Stollen ähnlich, doch nicht gleich,
an eignen Reim und Tönen reich;
dass man's recht schlank und selbstig find,
das freut die Eltern an dem Kind;
und Euren Stollen gibt's den Schluss,
dass nichts davon abfallen muss. -

Walther

"Sei euch vertraut,
welch hehres Wunder mir geschehn:
an meiner Seite stand ein Weib,
so hold und schön ich nie gesehn:
gleich einer Braut
umfasste sie sanft meinen Leib;
mit Augen winkend,
die Hand wies blinkend,
was ich verlangend begehrt,
die Frucht so hold und wert
vom Lebensbaum."

Sachs

gerübrt
Das nenn ich mir einen Abgesang!
Seht, wie der ganze Bar gelang!
Nur mit der Melodei
seid Ihr ein wenig frei;
doch sag ich nicht, dass das ein Fehler sei;
nur ist's nicht leicht zu behalten,
und das ärgert unsre Alten.
Jetzt richtet mir noch einen zweiten Bar,
damit man merk, welch der erste war.
Auch weiss ich noch nicht, so gut Ihr's gereimt,
was Ihr gedichtet, was Ihr geträumt.

Walther

"Abendlich glühend in himmlischer Pracht
verschied der Tag,
wie dort ich lag:
aus ihren Augen
Wonne saugen,
Verlangen einz'ger Macht
in mir nur wacht.
Nächtlich umdämmert der Blick mir sich bricht:
wie weit so nah,
beschienen da
zwei lichte Sterne
aus der Ferne,
durch schlanker Zweige Licht,
hehr mein Gesicht.
Lieblich ein Quell
auf stiller Höhe dort mir rauscht;
jetzt schwellt er an sein hold Getön,
so stark und süss ich's nie erlauscht:
leuchtend und hell,
wie strahlten die Sterne da schön!
Zu Tanz und Reigen
in Laub und Zweigen
der goldnen sammeln sich mehr,
statt Frucht ein Sternenheer
im Lorbeerbaum."

Sachs

sehr gerührt
Freund, Euer Traumbild wies Euch wahr:
gelungen ist auch der zweite Bar.
Wolltet Ihr noch einen dritten dichten,
des Traumes Deutung würd' er berichten. -

Walther

schnell aufstehend
Wo fänd ich die? Genug der Wort!

Sachs

sich ebenfalls erhebend und mit freundlicher Entschiedenheit zu Walther tretend
Dann Tat und Wort
am rechten Ort!
Drum bitt ich, merkt mir wohl die Weise:
gar lieblich drin sich's dichten lässt.
Und singt Ihr sie in weitrem Kreise,
so haltet mir auch das Traumbild fest.

Walther

Was habt Ihr vor?

Sachs

Eu'r treuer Knecht
fand sich mit Sack und Tasch zurecht:
die Kleider, drin am Hochzeitsfest
daheim Sie wollten prangen,
die liess er her zu mir gelangen:
ein Täubchen zeigt ihm wohl das Nest,
darin sein Junker träumt.
Drum folgt mir jetzt ins Kämmerlein:
mit Kleidern, wohl gesäumt,
sollen beide wir gezieret sein,
wenn's Stattliches zu wagen gilt.
Drum kommt, seid Ihr gleich mir gesinnt.
Walther schlägt in Sachsens Hand ein; so geleitet ihn dieser ruhig festen Schrittes zur Kammer, deren Türe er ihm ehrerbietig öffnet und dann ihm folgt.
Man gewahrt Beckmesser, welcher draussen vor dem Laden erscheint, in grosser Aufgeregtheit hereinlugt und, da er die Werkstatt leer findet, hastig hereintritt. Er ist sehr aufgeputzt, aber in sehr leidendem Zustande. Er hinkt und streicht sich den Rücken und die Knie. Er setzt sich auf den Schusterschemel, fährt aber schnell schmerzhaft wieder auf. Er hinkt immer lebhafter umher. Wie um nicht umzusinken, hält er sich an dem Werktisch an und starrt vor sich hin, - sein Blick fällt durch das Fenster auf Pogners Haus. Ärgerliche Gedanken entstehen ihm dadurch. Die Eifersucht übermannt ihn; er schlägt sich vor den Kopf. Er wendet sich mechanisch wieder dem Werktische zu. Sein Blick fällt auf das von Sachs zuvor beschriebene Papier, das auf dem Werktisch zurückgeblieben war; er nimmt es neugierig auf, überfliegt es mit wachsender Aufregung und bricht endlich wütend aus.

Beckmesser

Ein Werbelied! Von Sachs! - Ist's wahr?
Ha! jetzt wird mir alles klar! -
Da er die Kammertüre gehen hört, fährt er zusammen und steckt
das Papier eilig in die Tasche. - Sachs, im Festgewande, tritt ein
und hält an, als er Beckmesser gewahrt.

Sachs

Sieh da, Herr Schreiber: auch am Morgen?
Euch machen die Schuh doch nicht mehr Sorgen?

Beckmesser

Zum Teufel! So dünn war ich noch nie beschuht;
fühl durch die Sohl den kleinsten Kies!

Sachs

Mein Merkersprüchlein wirkte dies,
trieb sie mit Merkerzeichen so weich.

Beckmesser

Schon gut der Witz, und genug der Streich!
Glaubt mir, Freund Sachs: jetzt kenn ich Euch!
Der Spass von dieser Nacht,
der wird Euch noch gedacht.
Dass idi Euch nur nicht im Wege sei,
schuft Ihr gar Aufruhr und Meuterei!

Sachs

's war Polterabend, lasst Euch bedeuten;
Eure Hochzeit spukte unter den Leuten:
je toller es da hergeh,
je besser bekommt's der Eh'!

Beckmesser

wütend
Oh, Schuster voll von Ränken
und pöbelhaften Schwänken!
Du warst mein Feind von je:
nur hör, ob hell ich seh!
Die ich mir auserkoren,
die ganz für mich geboren,
zu aller Witwer Schmach
der Jungfer stellst du nach.
Dass sich Herr Sachs erwerbe
des Goldschmieds reiches Erbe,
im Meisterrat zur Hand
auf Klauseln er bestand,
ein Mägdlein zu betören,
das nur auf ihn sollt hören,
und Andren abgewandt
zu ihm allein sich fand.
Darum! Darum!
Wär ich so dumm?
Mit Schreien und mit Klopfen
wollt er mein Lied zustopfen,
dass nicht dem Kind werd kund,
wie auch ein Andrer bestund.
Ja, ja! Haha!
Hab ich dich da? -
Aus seiner Schusterstuben
hetzt endlich er den Buben
mit Knüppeln auf mich her,
dass meiner los er wär!
Au, au! Au, au!
Wohl grün und blau
zum Spott der allerliebsten Frau,
zerschlagen und zerprügelt,
dass kein Schneider mich aufbügelt!
Gar auf mein Leben
war's angegeben.
Doch kam ich noch so davon,
dass ich die Tat Euch lohn:
zieht heut nur aus zum Singen,
merkt auf, wie's mag gelingen!
Bin ich gezwackt
auch und zerhackt,
Euch bring ich doch sicher aus dem Takt.

Sachs

Gut Freund, Ihr seid in argem Wahn;
glaubt was Ihr wollt, was ich getan;
gebt Eure Eifersucht nur hin;
zu werben kommt mir nicht in Sinn.

Beckmesser

Lug und Trug! Ich kenn es besser.

Sachs

Was fällt Euch nur ein, Meister Beckmesser?
Was ich sonst im Sinn, geht Euch nichts an;
doch, glaubt, ob der Werbung seid Ihr im Wahn.

Beckmesser

Ihr sängt heut nicht?

Sachs

Nicht zur Wette.

Beckmesser

Kein Werbelied?

Sachs

Gewisslich, nein!

Beckmesser

Wenn ich aber drob ein Zeugnis hätte?
Er greift in die Tasche.

Sachs

auf den Werktisch blickend
Das Gedicht? hier liess ich's. Stecktet Ihr's ein?

Beckmesser

das Blatt hervorziehend
Ist das Eure Hand?

Sachs

Ja, war es das?

Beckmesser

Ganz frisch noch die Schrift?

Sachs

Und die Tinte noch nass?

Beckmesser

's wär wohl gar ein biblisches Lied?

Sachs

Der fehlte wohl, wer darauf riet!

Beckmesser

Nun denn?

Sachs

Wie doch?

Beckmesser

Ihr fragt?

Sachs

Was noch?

Beckmesser

Dass Ihr mit aller Biederkeit
der ärgste aller Spitzbuben seid.

Sachs

Mag sein; doch hab ich noch nie entwandt,
was ich auf fremden Tischen fand:
und dass man von Euch auch nicht Übles denkt,
behaltet das Blatt, es sei Euch geschenkt.

Beckmesser

in freudigem Schreck aufspringend
Herr Gott! - Ein Gedicht? Ein Gedicht von Sachs?
Doch halt - dass kein neuer Schad mir erwachs!
Ihr habt's wohl schon recht gut memoriert?

Sachs

Seid meinethalb doch nur unbeirrt!

Beckmesser

Ihr lasst mir das Blatt?

Sachs

Damit Ihr kein Dieb.

Beckmesser

Und macht' ich Gebrauch?

Sachs

Wie's Euch belieb.

Beckmesser

Und sing ich das Lied?

Sachs

Wenn's nicht zu schwer.

Beckmesser

Und wenn ich gefiel?

Sachs

Das - wunderte mich sehr.

Beckmesser

ganz zutraulich
Da seid Ihr nun wieder zu bescheiden;
ein Lied von Saclis, das will was bedeuten. -
Und seht nur, wie mir's ergeht,
wie's mit mir Armsten steht!
Erseh ich doch mit Schmerzen,
das Lied, das nachts ich sang
Dank Euren lust'gen Scherzen!
es machte der Pognerin bang.
Wie schaff ich mir nun zur Stelle
ein neues Lied herzu?
Ich armer, zerschlagner Geselle,
wie fänd ich heut dazu Ruh.
Werbung und ehlich Leben,
ob das mir Gott beschied,
muss ich nun grad aufgeben,
hab ich kein neues Lied. Ein Lied von Euch, dess bin ich gewiss,
mit dem besieg ich jed' Hindernis;
soll ich das heute haben,
vergessen, begraben
sei Zwist, Hader und Streit,
und was uns je entzweit!
Er blickt seitwärts in das Blatt: plötzlich runzelt sich seine Stirne.
Und doch! Wenn's nur eine Falle wär?
Noch gestern wart Ihr mein Feind:
wie käm's, dass nach so grosser Beschwer
Ihr's freundlich heut mit mir meint?

Sachs

Ich macht Euch Schuh in später Nacht:
hat man je so einen Feind bedacht?

Beckmesser

Ja, ja! Recht gut! Doch eines schwört:
wo und wie Ihr das Lied auch hört,
dass nie Ihr Euch beikommen lasst,
zu sagen, das Lied sei von Euch verfasst.

Sachs

Das schwör ich, und gelob euch hier
nie mich zu rühmen, das Lied sei von mir.

Beckmesser

sich vergnügt die Hände reibend
Was will ich mehr? Ich bin geborgen:
jetzt braucht sich Beckmesser nicht mehr zu sorgen.

Sachs

Doch, Freund, ich führ's Euch zu Gemüte,
und tat es Euch in aller Güte:
studiert mir recht das Lied;
sein Vortrag ist nicht leicht;
ob Euch die Weise geriet,
und Ihr den Ton erreicht.

Beckmesser

Freund Sachs, Ihr seid ein guter Poet;
doch was Ton und Weise betrifft, gesteht,
da tut mir's keiner vor.
Drum spitzt nur fein das Ohr -
und: "Beckmesser!
Keiner besser!"
darauf macht Euch gefasst,
wenn Ihr mich ruhig singen lasst.
Doch nun memorieren,
schnell nach Haus:
ohne Zeit zu verlieren
richt ich das aus.
Hans Sachs, mein Teurer,
ich hab Euch verkannt;
durch den Abenteurer
ward ich verrannt:
so einer fehlte uns bloss!
Den wurden wir Meister doch los!
Doch mein Besinnen
läuft mir von hinnen!
Bin ich verwirrt
und ganz verirrt?
Die Silben, die Reime,
die Worte, die Verse!
Ich kleb wie am Leime,
und brennt doch die Ferse.
Ade! Ich muss fort:
an andrem Ort
dank ich Euch inniglich,
weil Ihr so minniglich;
für Euch nur stimme ich,
kauf Eure Werke gleich,
mache zum Merker Euch,
doch fein mit Kreide weich,
nicht mit dem Hammerstreich!
Merker! Merker! Merker Hans Sachs!
Dass Nürnberg schusterlich blüh und wachs!
Beckmesser nimmt von Sachs Abschied, taumelt und poltert der Ladentüre zu; plötzlich glaubt er das Gedicht vergessen zu haben, läuft wieder vor, sucht ängstlich auf dem Werktische, bis er es in der eigenen Hand gewahr wird: darüber scherzhaft erfreut, umarmt er Sachs nochmals voll feurigen Dankes und stürzt dann, hinkend und strauchelnd, geräuschvoll durch die Ladentür ab.

Sachs

Beckmesser gedankenvoll lächelnd nachsehend
So ganz boshaft doch keinen ich fand;
er hält's auf die Länge nicht aus:
vergeudet mancher oft viel Verstand,
doch hält er auch damit Haus:
die schwache Stunde kommt für jeden,
da wird er dumm, und lässt mit sich reden.
Dass hier Herr Beckmesser ward zum Dieb,
ist mir für meinen Plan gar lieb.
Eva nähert sich auf der Strasse der Ladentür. Sachs wendet sich und gewahrt Eva.
Sieh, Evchen! Dacht ich's doch, wo sie blieb!
Eva, reich geschmückt, in glänzend weisser Kleidung, etwas leidend und blass, tritt zum Laden herein.

Sachs

Grüss Gott, mein Evchen! Ei, wie herrlich
und stolz du's heute meinst!
Du machst wohl Alt und Jung begehrlich,
wenn du so schön erscheinst!

Eva

Meister, 's ist nicht so gefährlich:
und ist's dem Schneider geglückt,
wer sieht dann, wo's mir beschwerlich,
wo still der Schuh mich drückt?

Sachs

Der böse Schuh! 's war deine Laun,
dass du ihn gestern nicht probiert.

Eva

Merkt wohl, ich hatt zu viel Vertraun;
im Meister hatt ich mich geirrt.

Sachs

Ei, 's tut mir leid! Zeig her, mein Kind,
dass ich dir helfe gleich geschwind.

Eva

Sobald ich stehe, will es gehn;
doch, will ich gehn, zwingt mich's zu stehn.

Sachs

Hier auf den Schemel streck den Fuss:
der üblen Not ich wehren muss. -
Sie streckt einen Fuss auf dem Schemel am Werktiscb aus.
Was ist mit dem?

Eva

Ihr seht, zu weit!

Sachs

Kind, das ist pure Eitelkeit;
der Schuh ist knapp.

Eva

Das sagt ich ja:
drum drückt er mich an den Zehen da.

Sachs

Hier links?

Eva

Nein, rechts.

Sachs

Wohl mehr am Spann?

Eva

Hier mehr am Hacken.

Sachs

Kommt der auch dran?

Eva

Ach, Meister! Wüsstet Ihr besser als ich,
wo der Schuh mich drückt?

Sachs

Ei! 's wundert mich,
dass er zu weit, und doch drückt überall!
Walther, in glänzender Rittertracht, tritt unter die Türe der Kammer. Eva stösst einen Schrei aus und bleibt, unverwandt auf Walther blickend, in ihrer Stellung, mit dem Fusse auf dem Schemel. Sachs, der vor ihr niedergebückt steht, bleibt mit dem Rücken der Türe zugekehrt. Walther, durch den Anblick Evas festgebannt, bleibt ebenfalls unbeweglich unter der Türe stehen.
Aha! - hier sitzt's: nun begreif ich den Fall. -
Kind, du hast recht: 's stak in der Naht.
Nun warte, dem Übel schaff ich Rat:
bleib nur so stehn; ich nehm dir den Schuh
eine Weil auf den Leisten, dann lässt er dir Ruh!
Sachs hat Eva sanft den Schuh vom Fusse gezogen; während sie in ihrer Stellung verbleibt, macht er sich am Werktisch mit dem Schuh zu schaffen und tut, als beachte er nichts anderes. - Bei der Arbeit.
Immer schustern, das ist nun mein Los;
des Nachts, des Tags, komm nicht davon los.
Kind, hör zu: ich hab mir's überdacht,
was meinem Schustern ein Ende macht:
am besten, ich werbe doch nun um dich;
da gewänn ich doch was als Poet für mich.
Du hörst nicht drauf? So sprich doch jetzt;
hast mir's doch selbst in den Kopf gesetzt?
Schon gut! - ich merk: - "mach deine Schuh!"
Säng mir nur wenigstens einer dazu!
Hörte heute gar ein schönes Lied:
wem dazu wohl ein dritter Vers geriet?

Walther

den begeisterten Blick unverwandt auf Eva
"Weilten die Sterne im lieblichen Tanz?
So licht und klar
im Lockenhaar,
vor allen Frauen
hehr zu schauen,
lag ihr mit zartem Glanz
ein Sternenkranz."

Sachs

Lausch, Kind! Das ist ein Meisterlied.

Walther

"Wunder ob Wunder nun bieten sich dar:
zwiefachen Tag
ich grüssen mag;
denn gleich zwei'n Sonnen
reinster Wonnen,
der hehrsten Augen Paar
nahm ich da wahr."

Sachs

Derlei hörst du jetzt bei mir singen.

Walther

"Huldreichstes Bild,
dem ich zu nahen mich erkühnt!
Den Kranz, von zweier Sonnen Strahl
zugleich geblichen und ergrünt,
minnig und mild
sie flocht ihn um das Haupt dem Gemahl:
dort Huldgeboren,
nun Ruhmerkoren
giesst paradiesische Lust
sie in des Dichters Brust
im Liebestraurn."
Sachs hat den Schuh zurückgebracht und ist jetzt darüber her, ihn Eva wieder an den Fuss zu ziehen.

Sachs

Nun schau, ob dazu mein Schuh geriet?
Mein' endlich doch,
es tät mir gelingen?
Versuch's, - tritt auf! Sag, drückt er dich noch?
Eva, die wie bezaubert, regungslos gestanden, gesehen und gehört hat, bricht jetzt in heftiges Weinen aus, sinkt Sacbs an die Brust und drückt ihn schluchzend an sich. - Walther ist zu ihnen getreten; er drückt begeistert Sachs die Hand. - Sachs tut sich endlich Gewalt an, reisst sich wie unmutig los und lässt dadurch Eva unwillkürlich an Walthers Schulter sich anlehnen.

Sachs

Hat man mit dem Schuhwerk nicht seine Not!
Wär ich nicht noch Poet dazu,
ich machte länger keine Schuh!
Das ist eine Müh, ein Aufgebot!
Zu weit dem einen, dem andern zu eng;
von allen Seiten Lauf und Gedräng:
da klappt's,
da schlappt's;
hier drückt's,
da zwickt's;
der Schuster soll auch Alles wissen,
flicken, was nur immer zerrissen:
und ist er gar Poet dazu,
da lässt man am End ihm auch da keine Ruh;
und ist er erst noch Witwer gar,
zum Narren hält man ihn fürwahr:
die jüngsten Mädchen, ist Not an Mann,
begehren, er hielte um sie an;
versteht er sie, versteht er sie nicht,
all eins: ob ja, ob nein er spricht,
am End riecht er doch nach Pech,
und gilt für dumm, tückisch und frech.
Ei! 's ist mir nur um den Lehrbuben leid,
der verliert mir allen Respekt
die Lene macht ihn nun nicht recht gescheit,
dass aus Töpf und Tellern er leckt.
Wo Teufel er jetzt nur wieder steckt!

Eva

indem sie Sachs zurückhält und von Neuem an sich zieht
O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann!
Wie ich dir Edlem lohnen kann!
Was ohne deine Liebe,
was wär ich ohne dich,
ob je auch Kind ich bliebe,
erwecktest du mich nicht?
Durch dich gewann ich,
was man preist;
durch dich ersann ich,
was ein Geist;
durch dich erwacht,
durch dich nur dacht
ich edel, frei und kühn;
du liessest mich erblühn!
Ja, lieber Meister, schilt mich nur;
ich war doch auf der rechten Spur.
Denn, hatte ich die Wahl,
nur dich erwählt ich mir;
du warest mein Gemahl,
den Preis reicht ich nur dir.
Doch nun hat's mich gewählt
zu nie gekannter Qual;
und werd ich heut vermählt,
so war's ohn alle Wahl:
das war ein Müssen, war ein Zwang!
Euch selbst, mein Meister, wurde bang.

Sachs

Mein Kind,
von Tristan und Isolde
kenn ich ein traurig Stück:
Hans Sachs war klug, und wollte
nichts von Herrn Markes Glück.
's war Zeit, dass ich den Rechten fand,
wär sonst am End doch hineingerannt.
Aha! Da streicht die Lene schon ums Haus:
nur herein! He! David! Kommst nicht heraus?
Magdalene, in festlichem Staate, tritt durch die Ladentüre herein.
David, ebenfalls im Festkleid, mit Blumen und Bändern sehr reich
und zierlich ausgeputzt, kommt zugleich aus der Kammer heraus.

Die Zeugen sind da, Gevatter zur Hand:
jetzt schnell zur Taufe! Nehmt euren Stand!
Alle blicken ihn verwundert an.

Sachs

Ein Kind ward hier geboren:
jetzt sei ihm ein Nam' erkoren.
So ist's nach Meisterweis' und Art,
wenn eine Meisterweise geschaffen ward,
dass die einen guten Namen trag,
dran jeder sie erkennen mag.
Vernehmt, respektable Gesellschaft,
was euch heut zur Stell schafft.
Eine Meisterweise ist gelungen,
von Junker Walther gedichtet und gesungen:
der jungen Weise lebender Vater
lud mich und die Pognerin zu Gevatter.
Weil wir die Weise wohl vernommen,
sind wir zur Taufe hierher gekommen;
auss dass wir zur Handlung Zeugen haben,
ruf ich Jungfer Lene und meinen Knaben.
Doch da's zum Zeugen kein Lehrbube tut,
und heut auch den Spruch er gesungen gut,
so mach ich den Burschen gleich zum Gesell.
Knie nieder, David, und nimm diese Schell!
David ist niedergekniet; Sachs gibt ihm eine starke Ohrfeige.
Steh auf, Gesell, und denk an den Streich:
du merkst dir dabei die Taufe zugleich. -
Fehlt sonst noch was, uns keiner schilt;
wer weiss, ob's nicht gar einer Nottaufe gilt.
Dass die Weise Kraft behalte zum Leben,
will ich nur gleich den Namen ihr geben:
Die "selige Morgentraum-Deutweise"
sei sie genannt zu des Meisters Preise. -
Nun wachse sie gross, ohn Schad' und Bruch.
Die jüngste Gevatterin spricht den Spruch.

Eva

Selig, wie die Sonne
meines Glückes lacht,
Morgen voller Wonne,
selig mir erwacht;
Traum der höchsten Hulden,
himmlich Morgenglühn:
Deutung euch zu schulden,
selig süss Bemühn!
Einer Weise, mild und hebt,
sollt es hold gelingen,
meines Herzens süss Beschwer
deutend zu bezwingen.
Ob es nur ein Morgentraum?
Selig deut ich mir es kaum.
Doch die Weise,
was sie leise
mir vertraut,
hell und laut,
in der Meister vollem Kreis,
deute sie auf den höchsten Preis.

Sachs

Vor dem Kinde, lieblich hold,
mocht ich gern wohl singen:
doch des Herzens süss Beschwer
galt es zu bezwingen:
's war ein schöner Morgentraum;
dran zu denken wag ich kaum.
Diese Weise,
was sie leise
mir anvertraut,
im stillen Raum,
Sagt mir laut:
auch der Jugend ew'ges Reis
grünt nur durch des Dichters Preis.

Walther

Deine Liebe liess mir es gelingen,
meines Herzens süss Beschwer
deutend zu bezwingen:
ob es noch der Morgentraum?
Selig deut ich mir es kaum!
Doch die Weise,
was sie leise
dir vertraut
im stillen Raum,
hell und laut
in der Meister vollem Kreis,
werbe sie um den höchsten Preis!

David

Wach oder träum ich schon so früh?
Das zu erklären macht mir Müh:
's ist wohl nur ein Morgentraum?
Was ich seh, begreif ich kaum.
Ward zur Stelle
gleich Geselle?
Lene Braut? -
im Kirchenraum
wir gar getraut?
's geht der Kopf mir wie im Kreis,
dass ich Meister bald heiss

Magdalene

Wach oder träum ich schon so früh?
Das zu erklären macht mir Müh:
's ist wohl nur ein Morgentraum?
Was ich seh, begreif ich kaum.
Er zur Stelle
gleich Geselle?
Ich die Braut,
im Kirchenraum
wir gar getraut?
ja, wahrhaftig, 's geht! Wer weiss,
dass ich Meist'rin bald heiss?

Sachs

zu den Übrigen sich wendend
jetzt alle am Fleck!
zu Eva
Den Vater grüss!
Auf, nach der Wies - schnell auf die Füss!
Eva und Magdalene gehen zu Walther.
Nun, Junker, kommt! Habt frohen Mut! -
David, Gesell: schliess den Laden gut!
Sachs und Walther gehen ebenfalls auf die Strasse und David macht sich über das Schliessen der Ladentür her.
Nach dem Vorspiel ist die Bühne verwandelt. Sie stellt jetzt einen freien Wiesenplan dar, im ferneren Hintergrunde die Stadt Nürnberg. Die Pegnitz schlängelt sich durch den Plan. Buntbeflaggte Kähne setzen unablässig die ankommenden, festlich gekleideten Bürger der Zünfte, mit Frauen und Kindern, an das Ufer der Festwiese über. Eine erhöhte Bühne, mit Bänken und Sitzen darauf, ist rechts zur Seite aufgeschlagen; bereits ist sie mit den Fahnen der angekommenen Zünfte ausgeschmückt; im Verlaufe stecken die Fahnenträger der noch ankommenden Zünfte ihre Fahnen ebenfalls um die Sängerbühne auf, so dass diese schliesslich nach drei Seiten hin ganz davon eingefasst ist. - Zelte mit Getränken und Erfrischungen aller Art begrenzen im Übrigen die Seiten des vorderen Hauptraumes. Vor den Zelten geht es bereits lustig her: Bürger, mit Frauen, Kindern und Gesellen, sitzen und lagern daselbst. - Die Lebrbuben der Meistersinger, festlich gekleidet, mit Blumen und Bändern reich und anmutig geschmückt, üben mit schlanken Stäben, die ebenfalls mit Blumen und Bändern geziert sind, in lustiger Weise das Amt von Herolden und Marschällen aus. Sie empfangen die am Ufer Aussteigenden, ordnen die Züge der Zünfte und geleiten diese nach der Singerbübne, von wo aus, nachdem der Bannerträger die Fahne aufgepflanzt, die Zunftbürger und Gesellen nach Belieben sich unter den Zelten zerstreuen. - Soeben, nach der Verwandlung, werden in der angegebenen Weise die Schuster am Ufer empfangen und nach dem Vordergrund geleitet.

Die Schuster

mit fliegender Fahne aufziehend
Sankt Krispin,
lobet ihn!
War gar ein heilig Mann,
zeigt, was ein Schuster kann.
Die Armen hatten gute Zeit,
macht ihnen warme Schuh;
und wenn ihm keiner 's Leder leiht,
so stahl er sich's dazu.
Der Schuster hat ein weit Gewissen,
macht Schuhe selbst mit Hindernissen;
und ist vom Gerber das Fell erst weg,
dann streck, streck, streck!
Leder taugt nur am rechten Fleck.
Die Stadtwächter ziehen mit Trompeten und Trommeln den Stadtpfeifern, Lautenmachern u.s.w. voraus.

Die Schneider

mit fliegender Fahne aufziehend
Als Nürenberg belagert war
und Hungersnot sich fand,
wär Stadt und Land verdorben gar,
war nicht ein Schneider zur Hand,
der viel Mut hatte und Verstand.
Hat sich in ein Bocksfell eingenäht,
auf dem Stadtwall da spazieren geht,
und macht wohl seine Sprünge
gar lustig guter Dinge.
Der Feind, der sieht's und zieht vom Fleck:
der Teufel hol die Stadt sich weg,
hat's drin noch so lustige Meck-meck-meck!
Meck! Meck! Meck!
Wer glaubt's, dass ein Schneider im Bocke steck!

Die BÄCKER

mit fliegender Fahne aufziehend
Hungersnot! Hungersnot!
Das ist ein greulich Leiden:
gäb euch der Bäcker nicht täglich Brot,
müsst alle Welt verscheiden.
Beck! Beck! Beck!
Täglich auf dem Fleck,
nimm uns den Hunger weg!

Die Schuster

Streck! Streck! Streck!
Leder taugt nur am rechten Fleck!

Die Schneider

Meck! Meck! Meck!
Wer meint, dass ein Schneider im Bocke steck!
Ein bunter Kahn mit jungen Mädchen in reicher bäuerischer Tracht kommt an. Die Lehrbuben laufen nach dem Gestade.

Lehrbuben

Herr Je! Herr Je! Mädel von Fürth!
Stadtpfeifer, spielt! Dass's lustig wird!
Sie heben währenddessen die Mädchen aus dem Kahn. - Das Charakteristische des folgenden Tanzes besteht darin, dass die Lehrbuben die Mädchen scheinbar nur an den Platz bringen wollen; sowie die Gesellen zugreifen wollen, ziehen die Buben die Mädchen aber immer wieder zurück, als ob sie sie anderswo unterbringen wollten, wobei sie meistens den ganzen Kreis, wie wählend, ausmessen und somit die scheinbare Absicht auszuführen anmutig und lustig verzögern.

David

vom Landungsplatz vorkommend
Ihr tanzt: Was werden die Meister sagen?
Die Lehrbuben drehen ihm Nasen.
Hört nicht? - Lass ich mir's auch behagen.
Er nimmt sich ein junges, schönes Mädchen und gerät im Tanze mit ihr schnell in grosses Feuer. Die Zuschauer freuen sich und lachen.

Ein paar Lehrbuben

David winkend
David! David! Die Lene sieht zu!
David, erschrocken, lässt das Mädchen schnell fahren; da er Lene nirgends gewahrt, merkt David, dass er nur geneckt worden, erfasst sein Mädchen wieder und tanzt nun noch feuriger weiter.

David

Ach! lasst mich mit euren Possen in Ruh!
Die Buben suchen ihm das Mädchen zu entreissen; er wendet sich mit ihr jedesmal glücklich ab.

Gesellen

vom Ufer her
Die Meistersinger!

Lehrbuben

Die Meistersinger!
Sie unterbrechen schnell den Tanz und eilen dem Ufer zu.

David

Herr Gott! Ade, ihr hübschen Dinger!
Er gibt dem Mädchen einen feurigen Kuss und reisst sich los. Die Lehrbuben reihen sich zum Empfang der Meister: das Volk macht ihnen willig Platz. - Die Meistersinger ordnen sich am Landungsplatze zum festlichen Aufzuge. Wenn Kothner im Vordergrunde ankommt, wird die geschwungene Fahne, auf welcher König David mit der Harfe abgebildet ist, von allem Volk mit Hutschwenken begrüsst. Der Zug der Meistersinger ist nun auf der Singerbühne, wo Kothner die Fahne aufpflanzt, angelangt. - Pogner, Eva an der Hand führend, diese von festlich geschmückten und reich gekleideten jungen Mädchen, unter denen auch Magdalene, begleitet, voran. Als Eva von den Mädchen umgeben, den mit Blumen geschmückten Ehrenplatz eingenommen und alle übrigen, die Meister auf den Bänken, die Gesellen hinter ihnen stehend, ebenfalls Platz genommen haben, treten die Lehrbuben dem Volke zugewendet, feierlich vor die Bühne in Reih und Glied.

Lehrbuben

Silentium! Silentium!
Macht kein Reden und kein Gesumm!
Sachs erhebt sich und tritt vor. Bei seinem Anblick stösst sich Alles an; Hüte und Mützen werden abgezogen: Alle deuten auf ihn.

Alles Volk

Ha! Sachs! 's ist Sachs!
Seht, Meister Sachs!
Stimmt an! Stimmt an! Stimmt an!
Alle Sitzenden erheben sich; die Männer bleiben mit entblösstem Haupte. Ausser Sachs singen alle Anwesenden die folgende Strophe mit.
"Wacht auf, es nahet gen den Tag;
ich hör singen im grünen Hag
ein wonnigliche Nachtigall,
ihr Stimm' durchdringet Berg und Tal;
die Nacht neigt sich zum Occident,
der Tag geht auf von Orient,
die rotbrünstige Morgenröt
her durch die trüben Wolken geht.-
Das Volk nimmt wieder eine jubelnd bewegte Haltung an. Der Chor des Volkes singt wieder allein; die Meister auf der Bühne sowie die anderen vorigen Teilnehmer am Gesange der Strophe geben sich dem Schauspiele des Volksjubels hin.
Heil! Heil!
Heil dir, Hans Sachs!
Heil Nürnbergs Sachs!
Heil Nürnbergs teurem Sachs!
Heil! Heil!
Sachs, der unbeweglich, wie geistesabwesend, über die Volksmenge hinweg geblickt hatte, richtet endlich seine Blicke vertrauter auf sie, und beginnt mit ergriffener, schnell aber sich festigender Stimme:

Sachs

Euch macht ihr's leicht, mir macht ihr's schwer,
gebt ihr mir Armen zu viel Ehr.
Soll vor der Ehr ich bestehn,
sei's mich von euch geliebt zu sehn.
Schon grosse Ehr ward mir erkannt,
ward heut ich zum Spruchsprecher ernannt.
Und was mein Spruch euch künden soll,
glaubt, das ist hoher Ehren voll. -
Wenn ihr die Kunst so hoch schon ehrt,
so galt es zu beweisen,
dass, wer ihr selbst gar angehört,
sie schätzt ob allen Preisen.
Ein Meister, reich und wohlgemut,
der will heut euch das zeigen:
sein Töchterlein, sein höchstes Gut,
mit allem Hab und Eigen,
dem Singer, der im Kunstgesang
vor allem Volk den Preis errang,
als höchsten Preises Kron
er bietet das zum Lohn.
Darum, so hört, und stimmt mir bei:
die Werbung steh dem Dichter frei.
Ihr Meister, die ihr's euch getraut,
euch ruf ich's vor dem Volke laut:
erwägt der Werbung seltnen Preis,
und wem sie soll gelingen,
dass der sich rein und edel weiss
im Werben wie im Singen,
will er das Reis erringen,
das nie, bei Neuen noch bei Alten,
ward je so herrlich hoch gehalten,
als von der lieblich Reinen,
die niemals soll beweinen,
dass Nürenberg mit höchstem Wert
die Kunst und ihre Meister ehrt!
Grosse Bewegung unter Allen. - Sachs geht auf Pogner zu, der ihm
gerührt die Hand drückt.

Pogner

O Sachs, mein Freund! Wie dankenswert!
Wie wisst Ihr, was mein Herz beschwert!

Sachs

zu Pogner
's war viel gewagt; jetzt habt nur Mut!
Er wendet sich zu Beckmesser, der schon während des Einzuges und dann fortwährend eifrig das Blatt mit dem Gedicht herausgezogen, memoriert, genau zu lesen versucht und oft verzweiflungsvoll sich den Schweiss getrocknet hat.
Herr Merker! Sagt, wie geht's? Gut?

Beckmesser

O! Dieses Lied! ... Werd nicht draus klug,
und hab doch dran studiert genug.

Sachs

Mein Freund, 's ist Euch nicht aufgezwungen.

Beckmesser

Was hilft's? Mit dem meinen ist doch versungen:
's war Eure Schuld! Jetzt seid hübsch für mich:
's wär schändlich, liesst Ihr mich im Stich!

Sachs

Ich dächt, Ihr gäbt's auf.

Beckmesser

Warum nicht gar?
Die Andren sing ich alle zu paar;
wenn Ihr nur nicht singt.

Sachs

So seht, wie's geht!

Beckmesser

Das Lied, bin's sicher, zwar Niemand versteht;
doch hoff ich auf Eure Popularität.

Sachs

Nun denn, wenn's Meistern und Volk beliebt,
zum Wettgesang man den Anfang gibt.

Kothner

hervotretend
Ihr ledig' Meister! Macht euch bereit!
Der Ältest' sich zuerst anlässt!
Herr Beckmesser, Ihr fangt an: 's ist Zeit!
Die Lehrbuben führen Beckmesser zu einem kleinen Rasenhügel vor der Singerbühne, welchen sie zuvor festgerammelt und reich mit Blumen überdeckt haben.

Beckmesser

darauf strauchelnd, unsicher tretend und
schwankend

Zum Teufel! Wie wackelig! Macht das hübsch fest!
Die Buben lachen unter sich und stopfen lustig an dem Rasen.

Das Volk

sich gegenseitig anstossend
Wie? Der? Der wirbt
Scheint mir nicht der Rechte!
An der Tochter Stell ich den nicht möchte!
Ach, der kann ja nicht mal stehn!
Wie soll es mit dem gehn?
Seid still! 's ist gar ein tücht'ger Meister!
Stadtschreiber ist er, Beckmesser heisst er, -
Gott, ist der dumm!
Still! Macht keinen Witz!
Er fällt fast um!
Der hat im Rate Stimm und Sitz.
Viele lachen.

Die Lehrbuben

in Aufstellung
Silentium! Silentium!
Macht kein Regen und kein Gesumm!

Kothner

Fanget an!
Beckmesser, der sich endlich auf dem Rasenhügel festgestellt bat, macht eine erste Verbeugung gegen die Meister, eine zweite gegen das Volk, dann gegen Eva, welche sich abwendet.

Beckmesser

nach einem Vorspiel auf der Laute, um sich zu ermutigen
"Morgen ich leuchte in rosigem Schein
von Blut und Duft
geht schnell die Luft;
wohl bald gewonnen,
wie zerronnen;
im Garten lud ich ein
garstig und fein."
Er richtet sich wieder ein, besser auf den Füssen zu stehen.

Die Meister

leise unter sich
Mein! Was ist das? Ist er von Sinnen?
Woher mocht er solche Gedanken gewinnen?

Das Volk

leise unter sich
Sonderbar! Hört ihr's? Wen lud er ein?
Verstand man recht? Wie kann das sein?

Beckmesser

zieht das Blatt verstohlen hervor und lugt hinein; dann steckt er es ängstlich wieder ein.
Wohn ich erträglich im selbigen Raum,
hol Geld und Frucht, -
Bleisaft und Wucht.
Er lugt in das Blatt.
Mich holt am Pranger
der Verlanger
auf luft'ger Steige kaum,
häng ich am Baum."
Er wackelt wieder sehr: sucht im Blatt zu lesen.
Das Volk
Schöner Werber! Der find't wohl seinen Lohn.
Bald hängt er am Galgen! Man sieht ihn schon!

Die Meister

Was soll das heissen? Ist er nur toll?
Sein Lied ist ganz von Unsinn voll!

Beckmesser

sich verzweiflungsvoll und ingrimmig aufraffend
"Heimlich mir graut,
weil es hier munter will hergehn:
an meiner Leiter stand ein Weib;
sie schämt und wollt mich nicht besehn;
bleich wie ein Kraut
umfasert mir Hanf meinen Leib;
mit Augen zwinkend -
der Hund blies winkend,
was ich vor langem verzehrt,
wie Frucht so Holz und Pferd
vom Leberbaum."
Alles bricht in ein dröhnendes Gelächter aus.

Beckmesser

wütend den Hügel verlassend und auf Sachs zustûrzend
Verdammter Schuster, das dank ich dir!
Das Lied, es ist gar nicht von mir:
vom Sachs, der hier so hoch verehrt,
von eurem Sachs ward mir's beschert.
Mich hat der Schändliche bedrängt,
sein schlechtes Lied mir aufgehängt.
Er stürzt wütend fort und verliert sich unter dem Volke.

Volk

Mein! Was soll das sein? jetzt wird's immer bunter!
Von Sachs das Lied? Das nähm uns doch Wunder!

Kothner

zu Sachs
Erklärt doch, Sachs!

Nachtigall

zu Sachs
Welch ein Skandal!

Vogelgesang

zu Sachs
Von Euch das Lied?

Ortel und Foltz

Welch eigner Fall!

Sachs

der ruhig das Blatt, welches ihm Beckmesser hingeworfen, aufgenommen hat
Das Lied, fürwahr, ist nicht von mir:
Herr Beckmesser irrt, wie dort so hier.
Wie er dazu kam, mag selbst er sagen;
doch möcht ich nie mich zu rühmen wagen,
ein Lied, so schön, wie dies erdacht,
sei von mir, Hans Sachs, gemacht.

Meistersinger

Wie? Schön? Dieser Unsinnswust?

Volk

Hört! Sachs macht Spass! Er sagt es nur zur Lust.

Sachs

Ich sag Euch Herrn, das Lied ist schön;
nur ist's auf den ersten Blick zu ersehn,
dass Freund Beckmesser es entstellt.
Doch schwör ich, dass es euch gefällt,
wenn richtig Wort und Weise
hier einer säng im Kreise;
und wer dies verstünd, zugleich bewies,
dass er des Liedes Dichter,
und gar mit Rechte Meister hiess,
fänd er gerechte Richter. -
Ich bin verklagt, und muss bestehn:
drum lasst mich meinen Zeugen ausersehn.
Ist jemand hier, der Recht mir weiss?
Der tret als Zeug in diesen Kreis!
Walther tritt aus dem Volke hervor. Es entsteht eine angenehme Bewegung.
So zeuget, das Lied sei nicht von mir;
und zeuget auch, dass, was ich hier
vom Lied hab gesagt,
zuviel nicht sei gewagt.

Die Meister

Wie fein! Ei, Sachs, Ihr seid gar fein!
Doch mag es heut geschehen sein.

Sachs

Der Regel Güte daraus man erwägt,
dass sie auch mal'ne Ausnahm verträgt.

Das Volk

Ein guter Zeuge, stolz und kühn!
Mich dünkt, dem kann was Gut's erblühn.

Sachs

Meister und Volk sind gewillt
zu vernehmen, was mein Zeuge gilt.
Herr Walther von Stolzing, singt das Lied!
Ihr Meister, lest, ob's ihm geriet.
Er übergibt Kothner das Blatt zum Nachlesen.

Die Lehrbuben

in Aufstellung
Alles gespannt! 's gibt kein Gesumm:
da rufen wir auch nicht "Silentium!"
Walther beschreitet festen Schrittes den kleinen Blumenhügel.

Walther

"Morgenlich leuchtend im rosigen Schein,
von Blüt und Duft
geschwellt die Luft,
voll aller Wonnen,
nie ersonnen,
ein Garten lud mich ein, -
An dieser Stelle lässt Kothner das Blatt, in welchem er mit andren Meistern nachzulesen begonnen, vor Ergriffenheit unwillkürlich fallen.
dort unter einem Wunderbaum,
von Früchten reich behangen,
zu schaun in sel'gem Liebestraum,
was höchstem Lustverlangen.
Erfüllung kühn verhiess,
das schönste Weib:
Eva im Paradies."

Das Volk

leise flüsternd
Das ist was andres, wer hätt's gedacht;
was doch recht Wort und Vortrag macht!

Die Meistersinger

leise flüsternd
Ja wohl, ich merk, 's ist ein ander Ding,
ob falsch man oder richtig sing.

Sachs

Zeuge am Ort,
fahret fort!

Walther

"Abendlich dämmernd umschloss mich die Nacht;
auf steilem Pfad
war ich genaht
zu einer Quelle
reiner Welle,
die lockend mir gelacht:
dort unter einem Lorbeerbaum,
von Sternen hell durchschienen,
ich schaut im wachen Dichtertraum,
von heilig holden Mienen,
mich netzend mit dem edlen Nass,
das hehrste Weib,
die Muse des Parnass!"

Das Volk

immer leiser, für sich
So hold und traut, wie fern es schwebt,
doch ist es grad, als ob man selber Alles miterlebt!

Die Meistersinger

's ist kühn und seltsam, das ist wahr.
doch wohlgereimt und singebar.

Sachs

Zeuge, wohl erkiest!
Fahret fort, und schliesst!

Walther

sehr feurig
"Huldreichster Tag,
dem ich aus Dichters Traum erwacht!
Das ich erträumt, das Paradies,
in himmlisch neu verklärter Pracht
hell vor mir lag,
dahin lachend nun der Quell den Pfad mir wies;
die, dort geboren,
den Ruhm erkoren,
der Erde lieblichstes Bild,
als Muse mir geweiht,
so heilig ernst als mild,
ward kühn von mir gefreit,
am lichten Tag der Sonnen,
durch Sanges Sieg gewonnen
Parnass und Paradies!"

Das Volk

Gewiegt wie in den schönsten Traum,
hör ich es wohl, doch fass es kaum.
zu Eva
Reich ihm das Reis;
sein sei der Preis!
Keiner wie er so hold zu werben weiss!

Die Meister

sich erhebend
Ja, holder Sänger, nimm das Reis;
dein Sang erwarb dir Meisterpreis!

Pogner

O Sachs! Dir dank ich Glück und Ehr
vorüber nun all Herzbeschwer!
Walther ist auf die Stufen der Singerbühne geleitet worden und lässt sich dort vor Eva auf die Knie nieder.

Eva

zu Walther, indem sie ihn mit einem Kranz aus Lorbeer und
Myrte bekränzt, sich hinabneigend

Keiner wie du so hold zu werben weiss!

Sachs

zum Volk gewandt, auf Walther und Eva deutend
Den Zeugen, denk es, wählt ich gut:
tragt ihr Hans Sachs drum üblen Mut?

Das Volk

in jubelnder Bewegung
Hans Sachs! Nein! Das war schön erdacht!
Das habt Ihr einmal wieder gut gemacht!

Die Meistersinger

feierlich sich zu Pogner wendend
Auf, Meister Pogner! Euch zum Ruhm,
meldet dem Junker sein Meistertum!

Pogner

mit einer goldenen Kette, dran drei grosse Denkmünzen, zu Walther
Geschmückt mit König Davids Bild,
nehm ich Euch auf in der Meister Gild!

Walther

Nicht Meister! - Nein!
Er blickt zärtlich auf Eva.
Will ohne Meister selig sein! -
Alles blickt mit grosser Betroffenheit auf Sachs.

Sachs

auf Walther zuschreitend und ihn bedeutungsvoll bei der Hand fassend
Verachtet mir die Meister nicht,
und ehrt mir ihre Kunst!
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reichlich Euch zur Gunst.
Nicht Euren Ahnen, noch so wert,
nicht Eurem Wappen, Speer noch Schwert,
dass Ihr ein Dichter seid,
ein Meister Euch gefreit,
dem dankt Ihr heut Eu'r höchstes Glück.
Drum, denkt mit Dank Ihr dran zurück,
wie kann die Kunst wohl unwert sein,
die solche Preise schliessest ein?
Das unsre Meister sie gepflegt
grad recht nach ihrer Art,
nach ihrem Sinne treu gehegt,
das hat sie echt bewahrt:
blieb sie nicht adlig, wie zur Zeit,
da Höf und Fürsten sie geweiht,
im Drang der schlimmen Jahr
blieb sie doch deutsch und wahr;
und wär sie anders nicht geglückt,
als wie, wo Alles drängt und drückt,
Ihr seht, wie hoch sie blieb im Ehr:
was wollt Ihr von den Meistern mehr?
Habt Acht! Uns dräuen üble Streich: -
zerfällt erst deutsches Volk und Reich,
in falscher wälscher Majestät
kein Fürst bald mehr sein Volk versteht,
und wälschen Dunst mit wälschem Tand
sie pflanzen uns in deutsches Land;
was deutsch und echt, wüsst keiner mehr,
lebt's nicht in deutscher Meister Ehr.
Drum sag ich Euch:
ehrt Eure deutschen Meister!
Dann bannt Ihr gute Geister;
und gebt Ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging in Dunst
das heil'ge röm'sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil'ge deutsche Kunst!
Während des folgenden Schlussgesanges nimmt Eva den Kranz von Walthers Stirn und drückt ihn Sachs auf; dieser nimmt die Kette aus Pogners Hand und hängt sie Walther um. Nachdem Sachs das Paar umarmt, bleiben Walther und Eva zu beiden Seiten an Sachsens Schultern gestützt; Pogner lässt sich, wie huldigend, auf ein Knie vor Sachs nieder. Die Meistersinger deuten mit erhobenen Händen auf Sachs, als auf ihr Haupt. Alle Anwesenden - schliesslich auch Walther und Eva - schliessen sich dem Gesange des Volkes an.

Volk

Ehrt eure deutschen Meister,
dann bannt ihr gute Geister;
und gebt ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging in Dunst
das heil'ge röm'sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil'ge deutsche Kunst!
Das Volk schwenkt begeistert Hüte und Tücher; die Lehrbuben
tanzen und schlagen jauchzend in die Hände.

Heil! Sachs!
Nürnbergs teurem Sachs!

 


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6:38:40 PM, 22 September 2014
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