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Wagner Siegfried
Sternengebot
English
Title Page
German
Prelude and Prologue
Act I
Act II
Act III

Erster Akt

 
Erste Szene
 
Freier Platz. Rechts die Pfalz. Links im Hintergrund ein Tor. Mauern umgeben den Burghof, der erhöht gelegen gedacht  ist, so daß man von der Stadt nur die Dächer und Turmspitzen sieht. Die heimkehrenden Sieger werden erwartet. Fanfaren hinter der Szene. Ihre Frauen eilen herbei (aus der Pfalz zum großen Teil), Blumen streuend, unter ihnen:
 
Agnes
Eilt heim, lustige Vögel,
Buntbeschwingte!
Dorthin fliegt,
Eilt voran! O säumet nicht! Eilt!
Wo er nahend weilt.
Zwitschert ihm zu:        
‘Wir kommen gesandt
Von Maidens Herz,
Das in Lieb’ entbrannt.
In Liebe, die die Brust ihr selig erfüllt,
In Sehnen, das seines Blickes
Strahl nur stillt!’
O flög’ ich mit euch
Durch luftiges Reich!
 
Chor der Frauen
Fürstin! Dort! Sie nah’n!
Der Herzog voran! Zur Seite
Helferich!
 
Agnes
Einziges Glück, nenn ich dich mein!
Vertrag’ es, Herz!
 
 
Die Frauen
Heil euch!
Heil euch Siegern! Heil euch Kühnen,
Daß ihr uns schützet,
Daß ihr heil uns zurückgekehrt!
 
(Konrad und Helferich ziehen an der Spitze des Heeres ein. Adalbert folgt. Hiltrud ist aus der Burg ihrem Gatten entgegen gekommen.)
 
Konrad
(auf Helferich deutend)
Nicht mir! Dem Helden jubelt zu!
Bewältigt schon von der Wenden Macht,
Verloren sahen wir die Schlacht,
Als ungeahnt, wie eine Wirbelwolke,
Ein Helfer von Osten zu uns stürmt,
Zum Heil dem weichenden Volk,
Das seine Schar sieghaft beschirmt.
 
Die Frauen
Helferich! Des Namens wert!
Heil, daß du uns Sieg beschert!
 
(Helferich geht  Agnes entgegen. Während des folgenden Gesprächs finden immer wieder neue Begrüßungen statt, so daß  Agnes und Helferich von den übrigen wenig beachtet werden.)
 
Konrad
(auf Helferich deutend)
Nicht mir! Dem Helden jubelt zu!
Bewältigt schon von der Wenden Macht,
Verloren sahen wir die Schlacht,
Als ungeahnt, wie eine Wirbelwolke,
Ein Helfer von Osten zu uns stürmt,
Zum Heil dem weichenden Volk,
Das seine Schar sieghaft beschirmt.
 
Die Frauen
Helferich! Des Namens wert!
Heil daß du uns Sieg beschert!
 
(Helferich geht Agnes entgegen. Während des folgenden Gesprächs finden immer wieder neue Begrüßungen statt, so daß Agnes undHelferich von den übrigen wenig beachtet werden.) 
 
Agnes
Wollte ein Glühwurm der Sonne nah’n,
Was nützte ihm sein eig’nes Licht?
Von der Strahlenden würd’ er das Leuchten empfah’n,
Sein karges, es wär’ zunicht!
Sonne Ruhm erst muß versinken,
Soll das Tierchen nicht vergeh’n,
Nacht Bescheidenheit gibt ihm nur Blinken,
Kann im Dunkel nur besteh’n.
 
Helferich
So könnten beide nie sich schauen!
Erst wenn eines trüb gesunken,
Wenn sein Licht verschwand im Grau’n,
Sprüht das and’re grünliche Funken.
Ihre Entzünder: Tag und Nacht,
Daß nie sie sich fänden, halten sie Wacht?
 
Agnes
Du deutest nicht recht, was ich meine im Bild!
Du so groß: ich so klein:
Was dir mein ärmlich Lob wohl gilt?
 
Helferich
Das Lob aus holdem Frauenmunde
Ist Balsam auf des Siegers Wunde.
 
Agnes
Wunde sagst du? Sprichst du wie ich?
 
Helferich
Im Bilde nur! Nicht bin ich siech!
 
 Agnes
(immer zaghafter)
So ist dir’s nicht frei ums Herz?
Ein Sieger, meint’ ich, müßte glücklich sein.
 
Helferich
(ausweichend)
Spiel ist’s nur! Mit Worten ein Scherz!
Wolken wechseln wie Lust und Pein.
(Hiltrud geht auf Helferich zu.)
Hohe Frau!
 
(Hiltrud wendet sich mit Helferich der Burg zu.)
 
Agnes
(allein vorn stehend)
Was ist ihm? Welch fremdes Gebaren?
Wie deut’ ich das?
 
Adalbert
(nähert sich  Agnes)
Mein edles Fräulein,
Mir kein Gruß?
 
Agnes
(kindlich, schalkhaft)
Ei ja! Gestrenger Adalbert,
Doch als zweiter, dünkt mich, kommst du auch heute,
Denn zuvor mußt’ ich den Sieger grüßen.
 
(Alle ab bis auf Adalbert)
 
           
Zweite Szene
 
Adalbert
(angelehnt an eine Brüstung)
Haha, da hast du’s!
Hörtest du, Adalbert?
‘Als zweiter, dünkt mich, kommst auch heute du’ –
Als zweiter! – auch heute ! – auch!
Ja! Beim Werben, im Wettspiel, im Krieg
Als zweitem nur wird mir der Sieg.
Zu Helferich gafft die Menge und tost:
‘Das ist unser Held! Der alles bezwingt.’
Dann wendet man sich auch mir wohl zu:
‘Gewiß, du kühner Adalbert,
Ein Held bist auch du!
Aber – Da klingt er wieder, verhaßter Klang,
Den an der Wiege eine Hexe mir sang:
Doch ertrotz’ ich’s: bann ich ihren Spruch,
In einem will ich der erste sein,
Stoß von mir ihren tückischen Fluch!
Die eben mich mied, sie wird mein!
Des Saliers Erbe, dem meinen gesellt,
Zum Mächtigsten macht mich der Ehe Bund,
Ob es Jung-Agnes, ob nicht gefällt,
Der Mutter Wunsch tut ihr es kund.
Herrn Konrads Wille, mir zwar nicht gewogen,
Durch weiblich’ Beharren wird schließlich gebrochen,
Und der Maid den Schmerz zu stillen,
Läßt am End’ sich leicht erfüllen.
Zwei dunkle Augen sah ich vorhin glüh’n,
Mir ahnt, daraus könnte uns Nutzen erblüh’n!
 
(Helferich tritt aus der Burg.)
 
(für sich)
Da ist er! Schöne Frucht,
Allzu schön!
Komm’, Wurm!
Nag’ dich ein!
(laut)
Nun, mein ruhmerdrückter Recke,
Sonnst du dich in deinem Glanz?
Oder wie? Sehnst du dich nach Schatten?
Zuviel des Lichts,
Das macht verdrießlich.
(indem er allmählich Helferich näherrückt, welcher sich an der Brüstung der Stufen niedergesetzt hat)
 
Adalbert
Auch Herrn Konrad, scheint es, ist’s zuviel!
Gott weiß, was ihn bedrückt?
Sonderbar! Immer um diese Zeit:
Bauern meinen da klüglich:
‘’s ist halt um die Sonnwendnacht’.
Du, sag’: weißt du vom Grafen
Luitpold von Kalw? Dem Verbannten?
Weil er dem Frieden unhold,
Schuf ihn der Salier zu Schanden.
Dem Sterbenden gebar sein Weib,
Zur Mühle fliehend, holden Erben.
Doch totgeweiht war auch ihr Leib,
Sie mußte ein jähes Ende verderben!
Was ist mit dem Knäblein, sag’ mir, gescheh’n?
Im Märchen pflegt es da so zu geh’n:
Man schickt einen Knecht,
Den Kleinen zu töten;
Warum es vonnöten,
Erfährt man nicht recht.
Der Knecht fühlt Erbarmen,
Seinen Schwur er bricht,
Er trägt in den Armen
Zum Kloster den Wicht.
Und dann – eines Tages –
So ist es im Märchen –
Gibt’s wider Wunsch ein minniges Pärchen.
 
Helferich
Woher weißt du was?
 
Adalbert
Ich? Wär’ ich weise?
Ach ja, ein Krüppel krächzte mir Kunde.
Doch von Konrad sprach ich –
Vielleicht ist ihm das Gram,
Daß bald ein Freier wiederkam!
Sein Töchterchen soll er verlieren,
Byzanzens Thron zu zieren.
Ob das ihm gute Laun’ verdirbt?
Sollt’s zwar nicht meinen!
Nicht leicht solch’ einen
Findet ein Vater zum Eidam!
Doch dich, Sonnenritter,
Wendenbezwinger!
Was kann dich müh’n?
Jubel, Sieg, Ehre, Ruhm –
Und –
(er rückt ganz an Helferich heran)
Sahst du Julias glühenden Augenpaar,
Als sie den Wein dir reichte dar?
He, hat’s dich nicht getroffen! Verbrannt?
Oder wär’ sie mit den Pfeilen daneben gerannt?
Die Arme! Ihr Gatte taugt ihr nicht,
Düster, karg und fahl,
Ein traurig’ Eh’gemahl;
Weißt du, was ihre Magd mir vertraut?
Zu Konrad sei Herbert befohlen,
Heute nacht wär’ Julia allein –
Das Pförtchen am Garten würde erschlossen.
 
Helferich
(steht auf, um sich abzuwenden)
Bist du zum Kuppeln gut?
 
Adalbert
Hahahahaha!
Sittsam und tugendreich,
Wer käm’ dir Muster gleich!
(Er will abgehen, bleibt aber stehen, als er Lärm vernimmt.)
 
 
Dritte Szene
 
(Wachsender Lärm hinter der Szene)
 
Stimmen
Nur fest! Schlag ihn!
 
Andere
Trennt sie doch!
 
(Der junge Heinz jagt daher, vor ihm der Kurzbold, den jener am Nacken hält, um ihm etwas zu entreißen. Das Volk, laut lachend, umdrängt sie.)
 
Heinz
(wirft den Kurzbold zu Boden, knebelt ihn und schlägt umbarmherzig auf ihn los)
Halt, Verruchter!
Krüppel! Hund!
Wirst du’s mir geben!
Ich trete dich tot!
 
Frauen
Trennt sie doch!
Träge Mannsbilder!
 
Konrad und Gefolge
(unter ihnen Herbert, eilen aus der Burg hinzu)
Halt ein!
Was gibt’s?
 
Heinz
Denn Lappen will ich!
Den gelben Lappen!
Sterbend gab mir’s mein guter Abt.
Und der will’s nun stehlen.
Es steht was drauf –
Nur kann ich nicht lesen!
Der Tropf doch las mir’s vor.
In den Wald lockt er mich,
Aus dem Kloster heraus:
Er las es; ob’s wahr ist, weiß ich ja nicht.
Ein dummes Zeug –
Und wie ich hineinguck’,
Zieht er ein Messer,
Will nach mir stechen,
Doch mein Heinz, der ist flink!
Ich wend’ mich und fass’ ihn –
Er flieht –
Und jetzt erst erwischt’ ich den Krüppel!
(Er reicht das Pergament dem Herzog.)
Du Bärt’ger, kannst du lesen?
(Alle lachen.)
Da! lug’ hin und künd’ mal laut,
Was man diesem Fetzen anvertraut.
(Konrad nimmt das Pergament und liest; mit Mühe wahrt er seine Fassung.)
 
Konrad
Wer gab dir das?
 
Heinz
Wie oft soll ich’s noch wiederholen!
Vom Abte, dem ich anbefohlen.
Ward mir’s vermacht. Durch deinen Mund
Nun werde sein Inhalt mir kund.
Haha! Da guckt! Wie er gern möcht’,
Und kennt das Lesen auch nur schlecht.
Er wird bleich, ich stets rot,
Geraten wir in die Lesens-Not.
 
Konrad
(zu Herbert)
Zur Burg heiß’ den Buckligen folgen.
(zu Helferich, auf Heinz deutend)
Wahr’ ihn hier,
Bis wir Klärung erlangt.
 
(Herzog und Gefolge ab)
 
(Das Volk und die übrigen zerstreuen sich allmählich, nicht ohne Fragen, Erörterungen, Murren über das Erlebte, sonderlich das geheimgehaltene Pergament. Helferich und Heinz bleiben allein zurück.)
 
Heinz
Wer war denn der Alte?
 
Helferich
Unser Herzog, der Salier.
 
Heinz
Der hat aber dreingeguckt,
Durch und durch hat’s ihn gezuckt.
Ganz wie mich, als der Kurzbold mir zu trinken gab.
Gift war’s, und ich Esel sog’s hinab.
Weh! Wie mich’s da herumgedreht!
Milch, gottlob, nah bei uns steht,
Trink’ das Hümpchen aus, und sieh’:
Heraus kommt sie, die gift’ge Brüh’ –
Ein grauslicher Kauz, verhaßt schon dem Abt,
Er traut ihm nie recht, in der Kutte verkappt.
Ganz anders als die heiligen Brüder
Fiel er heuchelnd zum Beten nieder.
Ich glaub’s auch nicht, was er da las:
Unsinn, er faßt solchen Gedanken,
Erb’ und Eidam, ’s ist kein Spaß!
Würd’ ich einst des Herrn von Franken!
Du lachst? Und ich lach’ auch!
Der Kerl macht mir solchen Zauber vor,
Und wie erwähnt, ich merkt’ es nicht,
Mit dem Messer nach mir sticht!
Hätt’ er mich nun umgebracht! –
 
Helferich
(sich vergessend, heftig)
Hätt’ er dich! –
 
Heinz
(blickt ihn verwundert an)
Hätt’ er mich? – Das würde dir gefallen?
Bist auch du ein schlechter Mensch?
 
Herbert
(kommt vom Herzog zurück)
(zu Heinz)
Nicht will es dir der Herr entgelten,
Daß Gewalt an Schwäch’ren du geübt,
Er gibt dich nun in meine Hut,
Bis Weit’res er beschlossen –
 
Helferich
(lebhaft)
Du folgst ihm nicht!
 
Herbert
Konrads Befehl!
 
Heinz
Aber die Rolle!
Erst gib sie zurück.
 
Herbert
Ich hab’ sie nicht.
 
Heinz
Doch! Ich will!
 
(Herbert will Heinz gewaltsam entfernen; dieser sucht an Herberts Gewand, ob er nicht jenes Pergament findet; sie ringen; es fällt ein Brief zu Boden; Helferich tritt  schnell mit dem Fuß darauf und bleibt in dieser Stellung, so daß Herbert nichts bemerkt.)
 
Herbert
Wache, herbei! Fesselt ihn, den Trotzkopf!
 
(Heinz wird gefesselt.)
 
Herbert
(freundlich)
Laßt ihn wieder!
Ich wollte nur schrecken.
Folg’ mir jetzt.
 
(Heinz blickt fragend zu Helferich und folgt, als dieser regungslos verbleibt, zögernd, Herbert.)
(Alle ab bis auf Helferich)
 
 
Vierte Szene
 
(Sobald Helferich sich allein sieht, hebt er den Brief auf und liest:)
 
Helferich
‘An den Burgvogt von Nürnberg.
‘Hüt’ ihn, der diesen Brief dir bringt,
Der Sproß ist’s eines Tiefgehaßten,
Von dem mir Weissagung Übles singt.
Birg ihn, Vetter! Laß ihn rasten,
Wo Sonne niemals hingelugt.’
(leidenschaftlich)
Salier, du Tor!
Willst des Schicksals Fäden zerreißen:
Narr! Der du Schuld auf Verbrechen wälzt,
Siehst nicht das Gewebe, frisch gesponnen,
Darein du, törichte Fliege, fällst? –
– Sternengebot! –
Was trieb mich hin zum krausen Walde,
Nachts Geheimes zu erkunden?
Daß ich nun den Brief gefunden,
Kann es sein, daß Zufall schalte?
Dazu wär’ ich geboren,
Das Gespinst sanft zu entweben,
Zu retten wär’ ich erkoren,
Ein Gewissen und ein Leben?
Hohes Los! Bitter traurig! –
Trügende Göttin, Spötterin Glück!
Wie flogst du vor mir so flatternd dahin!
Mit Hoffnung der Liebe erfüllend den Sinn!
Ziehst du so bald deine Hand zurück?
Du hieltst sie nah: Ich wähnte sie zu fassen,
Im Kampf mich begeisternd, ein Gott dünkt’ ich mich.
Nun seh’ ich dich, Blühende, bleich erblassen,
Teuflischem Grinsen dein Lächeln wich.
Vom Blitzstrahl getroffen,
In Lenzespracht,
Sank Hoffen
Hinab zur Nacht.
Holde Maid! –
Sie ahnte nicht verborg’nes Leiden!
Bang mußt’ ihren Blick ich meiden,
Die Liebesglut mußt’ ich ersticken,
Kalt wollt’ ich vor ihr besteh’n! –
Entsagen – verzichten –
Herzens jähes Vernichten!
Um eines Wahnes willen,
Ja, Wahn!
Kümmert mich Trug-Sterndeuterei,
Aberglaubens Sinn-Verwirren?
Walt’ ich nicht meines Lebens frei?
Drückt’ mich and’rer Wahn und Irren?
Ich will! Zu mattem Entsagen taug’ ich nicht!
Fliehe von mir, Zweifel! Ich will zum Licht!
Ich greif’ sie, die schon entschweben wollte,
Ich hab’ dich, höhnisch holde!
Laß dein Grinsen! Schau nicht so fahl,
Wenn ich furchtlos die Liebe erfaß,
Was trittst du dazwischen bleiern blaß?
Den jauchzenden Sang ein Mißklang verstimmt –
Der Liebende fern ein Seufzen vernimmt,
Eines Sterbenden Weh im Innern er hört,
Das ihm des Liebens Freude zerstört –
Umsonst verschließt er das Ohr dem Stöhnen,
Vergeblich will er den Ton übertönen;
Kobolds wachsend grausige Plage:
Kobolds jammervoll quälende Klage!
Wissend leugn’ ich, um nicht zu wissen,
Um nicht zu sehen, möcht’ ich die Augen schließen,
Versperren den Klang, daß er nicht zu mir dring’,
Daß nicht des Gewissens Saite erkling’.
O Schmerz! Furchtbares Weh! –
Liebliches Bild! –
Lebenden Odems ewig beraubt,
Kalt wie Stein – herbstlich entlaubt,
Versinke tief –
Vollstrecker einer Weissagung sein,
In fremdes Schicksal meins verketten,
Eines Unschuldsvollen Leben retten.
Herr, ist das der Wille dein?
Streng bist du, dein Walten hart,
– Doch sei’s, wie du befiehlst!
 
(Bertha kommt eilig, am Boden suchend; sie hält an, als sie Helferich erblickt.)
 
Helferich
(sich jäh wendend)
Wer bist du?
 
Bertha
Julias Magd –
Einen Brief zu finden,
Den mein Herr verlor –
Er ist wie toll!
Der Herzog rief ihn zu sich –
Und dann – Meine Herrin –
 
Helferich
(hastig)
Eine Botschaft?
Sag’ ihr, daß ich komm’!
 
(Beide nach verschiedenen Richtungen ab. Zunehmende Dunkelheit)
 
Fünfte Szene
 
(Aus dem Gestein, bei den Stufen zur Burg, als habe er längst schon dort gekauert, erhebt sich der Kurzbold, in halb liegender Stellung zunächst verharrend.)
Kurzbold
Sonne schwand auf fernem Pfad;
Freundin Nacht schon lüstern naht.
Aus Erdenporen gift’ge Säfte!
Würzt ihre Kraft durch neue Kräfte.
Ich bin’s, der Kurzbold, treu dein Gast:
Kurzbold ruft, dein Herr und Knecht,
Tag-abhold, weil der mich haßt,
Krüppeldasein Nacht nur rächt.
Keiner lauscht! Zeit ist’s, Spinne,
Auf! Dein künstlich Gewebe beginne!
Webe vier der Fäden lang,
Keiner reiße! Knüpf sie fest!
Taug’ das Netz zu richt’gem Fang,
Spinne sich nicht spotten läßt.
Wo sie sich kreuzen, setz’ dich dort,
Beutebergend ist der Ort!
Unheilschwanger diese Nacht.
Nicht geregt – und schlau gewacht!
Wolke,  raub’ dem Mond das Licht!
Helles macht List zunicht!
Dunst, dein Dämmern dräue dichter,
Tauch’ noch tiefer, Dunkelheit,
Zu hell ist’s noch dem Nachtgelichter,
Sei zum Wirken es bereit.
 
(Nebel verbreiten sich.)
 
Tagesfröner, was ihr auch strebt,
Spinne Nacht das Schicksal webt.
 
(Verwandlung)
 
 
Sechste Szene
 
Ein Garten; links Stufen zum Hause Herberts, im Hintergrund unterbrochen sichtbar, die Gartenmauer, rechts eine Laube. Mondschein
 
Julia
(aus dem Hause tretend, zu Bertha)
Gabst du dem Burschen zu trinken?
 
Bertha
Es wollt’ ihm nicht schmecken –
Er war trüb und nah’ am Weinen.
 
Julia
Ich hört’ einen Laut –
Zur Pforte! Eil’!
O Fieber, das an mir zehrt!
 
Bertha
Er ist’s!
 
(Helferich, von Bertha geleitet, tritt durch die Gartenpforte ein. Bertha zieht sich zurück. Helferich verbeugt sich höfisch vor Julia.)
 
Julia
(lächelnd)
Wie kühl! Wie steif!
Wären wir uns so fremd geworden?
Daß du dich neigst, wie vor einer Fürstin!
(Sie reicht ihm die Hand, setzt sich sodann auf die Bank; Helferich folgt ihr.)
Oder dünkt dich diese Stunde seltsam?
Du kamst ja nicht früher –
Ich mußte rufen.
Von selbst wärst du wohl nicht genaht!
Und doch, ’s ist gut,
Daß wir uns nicht eher sahen.
Jetzt ist’s so still, so traulich schön,
Erinnerungen weckend,
Die uns allein gehören. –
Erinnerung, gewiß! Du zuckst?
Zu lang’ schon her!
Wie gern ihr Männer vergeßt,
Was uns Frauen nie verläßt!
Weißt du noch? –
Ach nein, du weißt es nicht! –
Daß du jetzt kamst,
Laß dess’ uns freuen!
Tatst du es gern?
 
Helferich
Bedarf es all’ der Worte?
Umweg, künstlich gesucht,
Des Zieles Nähe zu bergen.
 
Julia
Ich tändle – du hast recht,
Wir Frauen, wir spielen so gern!
Wir spielen selbst mit dem Feuer.
Gefährlich Entfachen!
Unheil – Erwachen!
Weh! Wer entzündet!
Böses Weh’n lockenden Windes.
Er weckt eine Flamme,
Wo unter Asche
Kaum es mehr glimmt!
Wär’ er erstorben!
Doch kosend kam ein Hauch,
Die Flamme schlägt auf,
Sie greift um sich!
Glücklich! wer das Brennen nicht kennt!
Froh! Wem dies Feuer nicht brennt.
Vernichtend – sengend,
Helferich! Teuerster Mann!
Willst du mein Unheil?
Holder Unhold,
Warum kamst du?
Deine Nähe ist mein Tod1
Eine Unglückliche,
Befrei’ sie! Laß sie atmen!
Die das Geschick in Ketten gefesselt!
Laß sie einmal die erträumte  Freiheit  schau’n!
Die Freiheit, die dein Aug’ erleuchtet,
Was alle heiß ersehnen: die Liebe!
Laß den Zauber voll mich umgarnen,
Der von je mit heimlicher Macht mich bestrickte;
Das Gift laß mich selig schlürfen,
Diese Stunde, sie kehrt nie wieder!
O irdisch himmlische Lust,
Verwehr’ sie einer Dürstenden nicht!
 
Helferich
Ergreift auch mich diese Flamme,
Zauber, muß ich dir erliegen?
Wo ist der Panzer, mit dem ich mich umschnürte,
Lösten die Ringe sich?
Schossen die Pfeile schon durch?
(erhebt sich mit erzwungener Kälte)
Wenn ich dir spende,
Was entgegnest du?
(Julia sieht ihn verwundert an.)
Ich will dir etwas schenken,
Weit größer als dieser Stunde Lust:
Deine Ehre!
Doch eine Gabe ford’r ich dafür!
Dein Haus birgt einen Gefang’nen,
Den gib mir heraus!
 
Julia
Ich weiß von keinem, und –
 
Helferich
Hüte dich! Sprich wahr!
Gedenk’ meines Wortes!
Fürchte mich!
Achtest du deine Ehre?
Den Namen deines Gatten?
 
Julia
(für sich)
Schändlich!
So tief muß es mich reißen!
Keine Rettung!
Ein Gespenst grinst mich an!
(Sie wendet sich nach link.s)
Bertha!
Führ’ den Ritter
Zum Gefangenen –
 
(Helferich geht ins Haus ab. Julia sthgt sinnend verworren da. Geräusch im Hintergrund. Julia eilt zur Gartenpforte, will verriegeln, doch zu spät. Herbert tritt ein.)
 
Herbert
Ist sie zurück?
 
Julia
Du kehrst schon heim?
 
Herbert
Ob die Magd zurück ist?
 
Julia
(zerstreut)
Ich glaube –
 
Herbert
Fand sie den Brief?
 
Julia
Brief? Welchen Brief?
 
Herbert
(heftig)
Den Brief! Den Brief!
Himmel, ging er verloren!
 
Julia
So wichtig wär’ er?
 
Herbert
Sahst du den Burschen?
 
Julia
Was denkst du gerade jetzt daran?
Der Brief und der Bursch –
Was hätten sie gemein?
Du und der Herzog,
Warum schließt ihr ihn ein?
Sprich! Ich verlang es!
Was habt ihr vor?
 
Herbert
Da horcht!
Was bekümmert mein Weib so sehr?
(Er will in das Haus eintreten.)
 
Julia
(heftig)
Du gehst zu ihm?
Nicht jetzt! Er schläft –
(erschöpft)
Laß mich erst sehen!
 
Herbert
(betroffen)
Julia! –
 
Julia
(wild aufschreiend)
Er kommt!
 
(Helferich tritt heraus. Herbert und Helferich starren sich an.)
 
Herbert
Verführer?
 
Helferich
Ja, Entführer!
 
(Sie ziehen die Schwerter. Herbert fällt. Bertha eilt herbei und bemüht sich um Julia.)
 
Herbert
(sterbend)
Schweigt!
Auf der Gasse von Mördern überfallen,
Sei ich gestorben!
Nur rettet Julias Ehre!
 
Helferich
Wir schwören! Und mehr noch! Hör’,
Nicht als Hascher nach weiblicher Huld,
Nicht zu heimlicher Lust kam ich her:
Doch als Verhüter gräßlichster Schuld;
Weißt du, was dieser Brief hier faßt?
(Herbert verneint.)
Lügst du, Sterbender?
 
Herbert
Ich schwör’, ich weiß es nicht.
 
Helferich
(betroffen)
Unwissend Schuldiger! –: Einen Mord!
Ruhe denn! Gewissens-Frieden,
Dir werd’ er durch mich beschieden.
 
(Herbert stirbt. Der Vorhang fällt.)
 

 


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