About this Recording
2.220001 - PETITGIRARD, L.: Joseph Merrick, the Elephant Man
English  French  German 

Laurent Petitgirard (geb. 1950)
Joseph Merrick, Der Elefantenmann

Schon immer wollte ich eine Oper schreiben, in deren Mittelpunkt eine duale Persönlichkeit steht.

Eric Nonn schlug mir die Geschichte des Elefantenmannes vor. Diese handelt nicht nur von dem dualen Widerspruch zwischen Merricks innerem Ich und seiner physischen Erscheinung. Sie behandelt auch ein Thema, das, soweit ich weiß, als Opernsujet neu und heute ganz besonders relevant ist – das Thema des Aus-geschlossenseins.

Man hat diesen Menschen missverstanden, erniedrigt und missbraucht. Was war wohl schlimmer für ihn: dass man ihn unbekleidet und ohne sein Einverständnis vor Dutzenden von Ärzten und einem Photographen zur Schau stellte – oder in Tom Normans Show als Monster aufzutreten, wo er wenigstens genau wusste, was er tat?

Als ich die Oper plante, wusste ich, dass ich einen Stoff wählen musste, der jeden von uns berührt, anstatt irgend einem obskuren Libretto aufzusitzen.

Auch war ich darauf versessen, etwas Verständliches zu schreiben. Eric Nonn hat das begriffen und ein Libretto voller Lyrik und Rhythmik verfasst. Das Verhältnis von Wort und Musik war also mein erstes Anliegen. Deshalb werden die Singstimmen auch nie verdeckt, obwohl die Orchesterbesetzung des Werkes ganz beträchtlich ist.

Von Anfang an wollte ich die Titelrolle mit einer Frau besetzen – zum einen, weil ich die besondere Klangqualität der Altstimme sehr mag, zum andern, um ein Gefühl des Andersseins entstehen zu lassen.

Eric Nonn gründete unser Werk auf die originale Lebensgeschichte des Joseph Merrick. Diese unterscheidet sich deutlich von derjenigen, die David Lynch in seinem Film darstellt: Letztere basiert auf den Erinnerungen des Dr. Treves, dem daran gelegen war, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken.

Joseph Merrick ist zunächst, wie wir mehr oder minder voyeuristisch beobachten können, ein freak, ein Monster, eine Missgeburt. Allmählich verwandelt er sich dann in einen Spiegel, in dem wir unsere eigene Angst vor allem Andersartigen wiederfinden. Und schließlich wird er zu einem Menschen, der über die Gnade Gottes nachdenkt und mit dem wir uns demzufolge alle identifizieren können. Die Arbeit an der Oper dauerte vom Mai 1995 bis zum Dezember 1998. Sie wurde im Mai und Juni 1999 mit Nathalie Stutzmann in der Titelrolle aufgenommen.

Die szenische Uraufführung fand im Februar 2002 in Prag statt. Diese Inszenierung kam im November des Jahres dann auch nach Nizza. Die unglaubliche Arbeit des Regisseurs Daniel Mesguichs brachte das grundlegende Thema der Dualität nur noch tiefer zum Ausdruck.

Jana Sykorova begegnete den stimmlichen und schauspielerischen Herausforderungen dieser mehr-deutigen Rolle ganz vorzüglich.

Laurent Petitgirard
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window