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5.110003 - ELGAR: Symphony No. 3
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Edward Elgar (1857-1934) • Anthony Payne (b

Edward Elgar (1857-1934) • Anthony Payne (b. 1936)

Sinfonie Nr. 3 In den Jahren des Ersten Weltkriegs hatte sich Elgar zunehmend von der Komposition größerer Werke zurückgezogen, und nach dem Tod seiner Frau Alice im April 1920 verfiel er immer mehr in melancholische Apathie. In den letzten 14 Jahren seines Lebens, Elgar starb am 23. Februar 1934, versiegte seine kompositorische Energie fast vollständig. Er glaubte, daß ihn seine Inspiration verlassen habe. Die wenigen Kompositionen, die in den zwanziger Jahren entstanden, gehen zumeist auf frühere Einfälle aus den Skizzenbüchern zurück oder sind Bearbeitungen der Werke anderer Komponisten, wie z.B. die Instrumentierung von Werken von Bach, Händel, Purcell und Chopin. Um 1930 kehrte jedoch die Motivation zum Komponieren noch einmal zurück. In wenigen Wochen schrieb er die Severn Suite, einen fünften Marsch für die Sammlung Pomp and Circumstance und die Nursery Suite. Ermutigt von George Bernard Shaw, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband, begann er sogar mit der Arbeit an einer dritten Sinfonie. Als 1932 die BBC als Auftraggeber für die Sinfonie gewonnen werden konnte, nahmen die Pläne zur Vollendung des Werkes konkretere Formen an. Dennoch äußerte sich Elgar äußerst widersprüchlich über den Fortgang der Komposition und gab damit Anlaß zu Spekulationen und Gerüchten. Bezeichnete er die Sinfonie einmal als "fast vollendet", so bestritt er kurz darauf gänzlich die Möglichkeit, die Sinfonie überhaupt jemals zu vollenden. Allerdings mag Elgars Arbeitsweise für diese Unstimmigkeiten mitverantwortlich gewesen sein. Denn Elgar arbeitete wie an einem Puzzle parallel an den zahllosen Skizzen der Sinfonie. Mehrmals spielte Elgar einzelne Stellen und ganze Passagen der Sinfonie zusammen mit seinem Freund Billy Reed, dem langjährigen Konzertmeister des London Symphony Orchestra, wobei er fehlende Passagen mit geschickten Improvisationen überbrückte, so daß sich bei Reed der Eindruck einstellte, es handle sich schon um die ganze Sinfonie. Offen bleibt jedoch, was dabei Elgars Improvisationstalent entsprang und welche Einfälle bereits zu Papier gebracht waren.

1933 verschlechterte sich Elgars Gesundheitszustand durch eine weit fortgeschrittene Krebserkrankung rapide. Zunehmende Schmerzen und die Nebenwirkungen der Behandlung machten die Arbeit an der Sinfonie nahezu unmöglich. Elgar äußerte sich oft widersprüchlich, was mit den Skizzen zur Sinfonie nach seinem Tod geschehen solle. Der Hoffnung, daß jemand die Arbeit nach seinem Tod fortsetzen und die Sinfonie beenden möge, steht die berühmt gewordene Bitte an Billy Reed entgegen: "Don’t let them tinker with it, Billy - burn it" - "Laß’ sie nicht daran herumpfuschen, Billy - verbrenne sie."

Glücklicherweise kam Reed Elgars Bitte nicht nach. In seinem 1936 erschienenen Buch Elgar as I knew him veröffentlichte er eine Auswahl der Skizzen sowie einige der Anweisungen und Bemerkungen, die Elgar über die Ausführung der Skizzen und ihre Plazierung im Gesamt-zusammenhang der Sinfonie gemacht hatte. Dennoch herrschte die einhellige Meinung vor, daß eine Vollendung der Sinfonie unmöglich sei. Noch Michael Kenedy schrieb in seiner Elgar Biographie Portait of Elgar: "Es ist unmöglich, Elgars Sinfonie zu rekonstruieren, wie etwa Mahlers 10. Sinfonie. Ein derartiger Versuch sollte nicht nur unterbleiben, sondern er ist völlig ausgeschlossen. Was man bei Mahler vorfand, war gewissermaßen eine vollständig komponierte Kurz-Partitur. Was von Elgars Sinfonie erhalten ist, sind lediglich Skizzen einer Skizze zu einer Skizze."

Zudem vertraten viele Musikkritiker die Ansicht, daß die Ideen zu der Sinfonie bereits zu sehr vom Nachlassen der kompositorischen Kräfte Elgars gekennzeichnet waren. Erst der Komponist, Autor und Kritiker Anthony Payne, der die Skizzen 1972 erstmals zu Gesicht bekam, war von der "Kraft und der Vitalität" der skizzierten Musik so fasziniert, daß sie ihn nicht mehr losgelassen hat. Doch auch er betrachtete den Versuch, die Sammlung ungeordneter Skizzen in eine Form zu bringen, die einem geschlossenen Ganzen nahekäme, eher als ein Hobby. Mitte der 1990er Jahre erreichte ihn der Auftrag der BBC Manchester, das vorhandene Material für eine Aufführung im Rahmen eines Werkstattkonzerts einzurichten. Das Ergebnis, das 1995 vom BBC Philharmonic Orchestra aufgeführt wurde, war so überzeugend, daß die Erben Elgars Payne ihre Einwilligung gaben, seine Rekonstruktion der Sinfonie zu Ende zu führen. Die erste öffentliche Aufführung der Sinfonie fand am 15. Februar 1998 in der Royal Festival Hall in London statt. Es spielte das BBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Andrew Davis.

Payne behauptet natürlich nicht, daß diese rekonstruierte Fassung der Sinfonie dem Werk entspricht, das Elgar geschrieben hätte. Aber er nimmt für sich in Anspruch, aufgrund der erhaltenen Skizzen und der überlieferten Bemerkungen Billy Reeds die Gesamtanlage der Sinfonie so beendet zu haben, wie es der Intention Elgars entsprach.

Auch wenn die Sinfonie nicht so farbenprächtig ist, wie die beiden ersten Sinfonien, so bleibt doch Elgars charakteristischer Stil unverkennbar. Wie in allen seinen späten Werken greift Elgar auf frühere Kompositionen zurück, hier vor allem auf die Schauspielmusik zu Laurence Binyons Drama Arthur von 1923, auf dem das Hauptthema des zweiten Satzes beruht. Lediglich die Skizzen für den vierten Satz scheinen vollständig auf originären Ideen zu beruhen, doch auch hier fügt Payne in großem Umfang Material aus Arthur ein.

Die Exposition des ersten Satzes liegt als Klavierskizze vor, die ersten 17 Takte sogar in der vollständigen Instrumentierung. Das erste, kraftvolle Thema war ursprünglich für das nicht vollendete Oratorium The Last Judgement gedacht, das zweite Thema geht auf einen neuen musikalischen Einfall zurück, den Elgar mit "V.H.’s owns theme" überschrieben hat und in seiner Vorstellung offensichtlich mit der Geigerin Vera Hockman verbunden war. Auf die überraschende Wiederholung der Exposition, die tatsächlich Elgars Intention entspricht und nicht auf Paynes "Erfindung" zurückgeht, lotet die Durchführung den geheimnisvollen Charakter der beiden Themen aus. Sie enthält zudem erneut eine Passage aus dem Oratorium The Last Judgement, und erinnert auch darüber hinaus in mehrfacher Hinsicht an Elgars große Oratorienkompositionen. Eine variierte Wiederholung der Exposition mit einer ausgedehnten Coda beendet den ersten Satz.

Auf das mächtige Allegro molto maestoso folgt ein Allegretto, das eher den Charakter eines leichten Zwischenspiels oder eines Divertimentos aufweist. Der Hauptgedanke beruht auf der Schauspielmusik zu Arthur. Gegenüber der Fassung in Arthur wurden jedoch einige schroffe Fortschreitungen abgeschwächt. Einige der Skizzen geben Aufschluß darüber, wie eine der Episoden zum Hauptthema zurückführen und wie die Verbindung anderer Episoden mit dem Arthur-Thema den Schluß des Satzes bilden sollte.

Im Gegensatz zum heiteren Allegretto trägt der langsame Satz, Adagio solenne, eine düstere und tragische Grundstimmung. Er beginnt mit einem Gedanken, der ursprünglich in der geplanten zweiten Cockaigne-Ouvertüre Verwendung finden sollte. Elgar beschreibt die Bedeutung dieses Themas für die Sinfonie: "als öffne man große Bronze-Tore zu etwas gänzlich fremden und ungewöhnlichen." Das Hauptthema des Satzes geht wieder auf das Oratorium The Last Judgement zurück. Darauf folgt ein Abschnitt in den gedämpften Streichern, aus dem sich langsam ein Thema herauskristalisiert, ohne jedoch wirklich Kontur zu gewinnen. Der Satz klingt aus mit einer einzigen Note in der Bratsche, und Elgar soll diese mit "fine" gekennzeichnete Phrase Billy Reed mit der Bemerkung übergeben haben: "This is the end - das ist das Ende".

Das Finale beginnt mit einer aufbrausenden Fanfare, die in Elgars originaler Instrumentierung erhalten ist, und wird in "heroischer, fast ritterlicher" Weise (Payne) fortgesetzt. Das zweite Thema erinnert entfernt an den stolzen Gestus der Cockaigne-Ouvertüre. Elgars Skizzen enthalten kaum Anhaltspunkte, wie der Finalsatz fortgeführt werden sollte. Einmal mehr vertraut Payne seiner Spekulation und greift wieder auf Material aus der Schauspielmusik zu Arthur zurück. In einer Durchführung werden die Themen verarbeitet, bevor die Sinfonie mit einer Reprise und Coda endet.

Robin Golding

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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