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5.110052 - PART: Berliner Messe / Magnificat / Summa
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Arvo Pärt (geb.1935)
Berliner Messe

Arvo Pärt wurde am 11. September 1935 in der estnischen Stadt Paide geboren. Er studierte in Tallinn und zwar zunächst bei Harri Otsa und Veljo Tormis, dann am Konservatorium bei Heino Eller. 1963 legte er sein Examen ab. Hatte er sich in seinen frühesten Werken eines anspruchslos neoklassizistischen Stils befleißigt, so zeigte sich später, dass er heimlich die Methoden des Serialismus studiert hatte. Zunächst war das an dem 1960 entstandenen Nekrolog zu erkennen, mit dem Pärt eine Reihe von Werken begann, die ihn – wie etwa Perpetuum mobile oder die erste polyphonische Symphonie – bei dem zurückhaltend-konservativen Establishment der damaligen Zeit in einen gewissen Verruf brachten. Das zunehmende Interesse an der Musik von Johann Sebastian Bach führte dazu, dass Pärt das berühmte B-A-C-H-Motiv mit anderen, oft denkbar ungewöhnlichen Materialien kombinierte – beispielsweise in dem Cellokonzert Pro et Contra und der zweiten Symphonie (beide von 1966). Den Höhepunkt der damaligen Schaffensphase markierte 1968 das Credo, ein offener Konflikt zwischen Bach und der Moderne, von dessen deutlich christlicher Haltung sich die sowjetische Kulturbürokratie ganz unmittelbar herausgefordert fühlte.

Pärt setzte diese gedankliche Linie nicht fort, sondern er verstummte fast völlig. Seine dritte Symphonie aus dem Jahre 1971 [Naxos 8.554591] spricht von einem intensiven Interesse an Alter Musik im allgemeinen und am Gregorianischen Choral im besonderen; doch erst 1976 entstand ein neuer, regelmäßiger Fluss an Kompositionen, wobei Pärt jetzt eine tonale Technik benutzte, die er als Tintinnabulismus bezeichnet. Dabei wird eine melodische, schrittweise um einen Zentralton kreisende Stimme von glockenartig nachhallenden Dreiklängen unterstrichen. Viele der folgenden Werke gelten heute bereits als Klassiker der Moderne, darunter vor allem Tabula Rasa [Naxos 8.554591], Fratres und Cantus in memoriam Benjamin Britten [beide auf Naxos 8.553750] sowie als Höhepunkt das bis dahin größte Werk von Pärt, die Johannes-Passion aus dem Jahre 1982 [Naxos 8.555860]. So wurde der Weg frei für jene Reihe vornehmlich geistlicher Chorwerke, denen Arvo Pärt endgültig seinen Ruhm und seinen Ruf als einer der markantesten Komponisten der Gegenwart verdankt. Die vorliegende Veröffentlichung enthält Werke, die in den Jahren vor und nach der Passion entstanden. So ergibt sich ein Überblick über die reifen Kompositionen eines Künstlers, der sich nach und nach immer weiter für expressive Elemente und ein harmonisch reicheres musikalisches Vokabular öffnete.

Die Vertonung des Psalms 95, Cantate Domino, entstand 1977 und wurde 1996 revidiert. Das Werk für vierstimmigen Chor und Orgel bringt eine einfache, choralartige Melodie, die in verschiedenen Harmonisierungen und Registerkombinationen erklingt, indessen der sparsame Orgelpart dem Chorsatz ein feines Maß an zusätzlichen Farben verleiht.

Als Auftragswerk für den 90. Deutschen Katholikentag entstand 1990/91 die Berliner Messe. Sechs Jahre später revidierte Pärt das ursprünglich für vier Solostimmen und Orgel geschriebene Werk, das nun auch in Einrichtungen für Chor und Orgel beziehungsweise (wie in dieser Produktion) für Chor und Streicher vorliegt. Nach dem elegischen Kyrie, in dem die Streicher mit den Fürbitten des Chores verflochten sind, erreicht das Gloria eine lebhaftere Haltung, ohne dass der grundsätzlich eingeschränkte harmonische Umfang aufgegeben würde. Zum ersten Mal weicht Pärt vom regulären ordinarium missae, der Standardliturgie der katholischen Kirche, mit der Einfügung des Ersten und zweiten Alleluia ab, in denen sich die warmherzigen Chortexturen mit dem ganzen Glanz des Dur-Geschlechtes entfalten. Es folgt eine umfängliche Vertonung des Veni Sancte Spiritus, in dem sich die alternierenden Antworten der vier vokalen Register über einem statischen Untergrund der tiefen Streicher entfalten, während die hohen Streicher an Schlüsselstellen die vokalen Harmonien hervorheben. Das Credo ist eine direkte Umarbeitung der Summa (siehe unten), die hier eine Stimmung friedlicher Selbstbescheidung verbreitet – ganz anders als das nachfolgende Sanctus, dessen introvertierte Nachdenklichkeit sich noch ausgedünnter in dem Agnus Dei fortsetzt, mit dem die Berliner Messe auf ruhige, quasi wesenlose und abgelöste Weise zu Ende geht.

Der Entwurf des Psalms 129 De Profundis für Männerchor, Orgel und Schlagzeug ad libitum wurde 1977 skizziert und drei Jahre später vollendet. Pärt hatte sich damals vorübergehend in Wien niedergelassen und widmete das Werk seinem österreichischen Kollegen Gottfried von Einem. Das angestrengte Voranschreiten der Tenöre und Bässe zu Beginn des Werkes wird von einem flackernden Orgelostinato angefeuert; ruhige Schläge der großen Trommel und das Tönen einer einzigen Röhrenglocke durchsetzen den Gang der Dinge. Nach und nach steigert sich die Lautstärke der Musik, die dann wieder zu ihrem anfänglichen dynamischen Niveau zurückkehrt und endlich einen beinahe peremtorischen Abschluss findet.

Summa komponierte Arvo Pärt 1977 für Sopran, Alt, Tenor und Bass bzw. vierstimmigen Chor. 1990 überarbeitete er den Satz, um ihn als Credo in seine Berliner Messe zu integrieren. Damals richtete Pärt das Stück auch für Streichquartett ein [Naxos 8.553750]. Im Gegensatz zu der revidierten Fassung bewegt sich das Original ausschließlich in Moll. Darin könnte man vielleicht einen Hinweis auf die Umstände seiner Entstehung sehen, denn seinerzeit waren auch in Estland öffentliche religiöse Bekenntnisse verboten.

Pärts erstes Werk auf einen englischen Text sind The Beatitudes für den RIAS Kammerchor. Die Komposition wurde 1990 vollendet und ein Jahr später revidiert. Darin vertont er die Verse 3-12 aus dem fünften Kapitel des Matthäus-Evangeliums, und die Folgerichtigkeit seiner Umsetzung zeigt sich in der Art der musikalischen Phrasierung, die in ihrer Verbindung aus kurzen und langen Tönen herausragende Worte des Textes unterstreicht. Wiederum gibt es ein allmähliches Crescendo, das hier allerdings in einem inbrünstigen Amen gipfelt und zu einem intensiven Orgelpostludium übergeht, das sich in den letzten Takten bis zur Unhörbarkeit verflüchtigt.

Im Auftrag des Deutschen Musikrates entstand das Magnificat, das vom Berliner Staats- und Domchor 1989 uraufgeführt wurde. Es dürfte sich dabei um das unmittelbar fasslichste Chorwerk des Komponisten handeln. Im Wechsel der Solo- und Tutti-Abschnitte entsteht eine mächtige spirituelle Aura, und wieder einmal wird man feststellen, dass Arvo Pärt keinen Versuch unternimmt, den gewählten Text in jenem klassischen Sinne zu „vertonen“, den man seit wenigstens drei Jahrhunderten kennt.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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