About this Recording
5.110065 - CANTELOUBE: Chants d'Auvergne
English  French  German 

Joseph Canteloube (1879-1957): Chants d’Auvergne

Die bergige Landschaft der Auvergne, deren Name sich vom keltischen Stamm der Arverner ableitet, die unter ihrem Fürsten Vercingétorix siegreich im Freiheits-kampf gegen Julius Caesar hervorgingen, spielte seit ihrer Eroberung durch Philippe Auguste im Jahre 1190 eine bedeutende Rolle in der Geschichte Frankreichs. Herrschte im Mittelalter noch eine wohlaustarierte Machtbalance zwischen den lokalen Lehnsherren, so fiel die Auvergne im 16. Jahrhundert dann der französischen Krone zu. Aus dieser Gegend, die ihr eigenes Patois und ihre eigenen kulturellen Traditionen besitzt, stammt die Familie von Marie-Joseph Canteloube de Malaret. Er selbst wurde 1879 in Annonay geboren und verbrachte seine Kindheit im ländlichen Malaret, im Süden der Auvergne, wo er dann auch erstmals begann, sich mit Volksliedern zu beschäftigen. Später beschrieb er das so: „Les chants paysans s’élèvent bien souvant au niveau de l’art le plus pur, par le sentiment et l’expression, sinon par la forme“ (Die Lieder der Landbevölkerung erreichen oft das höchste künstlerische Niveau was Gefühl und Ausdruck betrifft, nicht jedoch ihrer Form nach). Im Jahr 1900, nach dem Tod seiner Mutter, ging Canteloube nach Paris, wo er Klavier bei Amélie Daetzer, einer Schülerin Chopins, studierte. Zwei Jahre darauf begannen dann seine Kontrapunktstudien bei Vincent d’Indy, einem Schüler César Francks. Später besuchte er auch die von d’Indy begründete Schola Cantorum, eine Institution mit klaren musikalischen Prinzipien, die ausdrücklich die Vorschriften und Formalitäten des Conservatoire zu vermeiden suchte. Besondere Förderung erfuhr dabei die Entwicklung regionaler musikalischer Traditionen, ein Anliegen, das gerade auch den Ansichten des Neoroyalisten Charles Maurras und der Action française entgegenkam. Hier also studierte Canteloube die Technik der Fuge, Komposition und Instrumentation, wobei er auf einen weiteren Schüler Francks traf: Charles Bordes, dessen Missmanagement der Schola später zu seinem eigenen Bankrott und Amts-rücktritt führen sollte. Auch lernte er an der Schola den Komponisten Déodat de Séverac kennen, der mit seinem Bezug auf das Regionale künstlerisch ähnliche Ziele wie er selbst verfolgte. Später sollte Cantouble dann sowohl die Biographie Vincent d’Indys als auch die Déodat de Séveracs verfassen.

Auch wenn seine Musik durchaus in Paris gespielt wurde, konnte Joseph Canteloube als Komponist letztlich doch nie außergewöhnliche Erfolge feiern. Zu seinen ersten Kompositionen gehört die Vertonung von Verlaines Colloque sentimental für Gesang und Streichquartett. Andere Werke für Gesang und Instrumentalensembles schlossen sich an. Seine größtenteils 1913 entstandene Oper Le Mas wurde in Paris erst 1929 aufgeführt, ein zweites Bühnenwerk blieb unvollendet und sein drittes, Vercingétorix, kam in Paris 1933 dann immerhin recht bald auf die Bühne. Orchesterwerke und Kammermusik liegen von Canteloube nur in relativ geringer Zahl vor, da er seine Volksmusikstudien zunehmend intensivierte. Während der Besetzung von Paris durch die National-sozialisten hielt sich Canteloube in Vichy auf, wo er für die Regierung an der Wiederbelebung des volks-musikalischen Interesses arbeitete, ein Anliegen, mit dem er – wie andere mit der Action française Verbundene auch – sowohl eine ethische, als auch eine soziale und politische Bedeutung verband.

Seit seinem Tod im Jahr 1957 ist Canteloube vor allem durch seine Volksliedarrangements bekannt geworden, namentlich die Chants d’Auvergne für Gesang und Instrumentalensemble, eine Serie von fünf Bänden, wobei die ersten beiden 1924 entstanden, der dritte und vierte 1927 und 1930 und der letzte dann 1955. Diese Vertonungen, die sich immer noch steigender Beliebtheit erfreuen, präsentieren in erster Linie geschickt das ursprüngliche Lied, wobei die orchestrale Begleitung nicht selten ländliche Instrumente suggeriert. Die Lieder, die durch den Satz Canteloubes eher gewinnen als verlieren, sprechen dabei im Grunde genommen für sich selbst.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


Close the window