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5.110111 - TALLIS: Spem in alium / Missa Salve intemerata
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Thomas Tallis (um 1505–1585)

Spem in alium • Salve intemerata (Messe und Motette)

Dafür, dass Thomas Tallis der beste englische Komponist seiner Generation war, wissen wir eigentlich überraschend wenig über sein Leben. Erstmals begegnet uns sein Name im Jahre 1530 als derjenige des Organisten der Propstei von Dover in Kent. Damals war er schon eindeutig ein geachteter Berufsmusiker. Ferner wissen wir, dass man ihn 1577 als „sehr betagt” beschrieb und dass er im November 1585 starb. Aus der Zusammenfügung dieser drei Nachrichten entstand die einhellige Ansicht, dass Tallis um 1505 geboren wurde, woraus folgt, dass er während seiner Tätigkeit in Dover ein Mittzwanziger gewesen sein muss, während der „sehr betagte” Tallis Anfang der Siebziger stand und er schließlich mit etwa achtzig Jahren verstarb. All das ist nicht sonderlich überzeugend, doch es gibt kaum etwas, das weiterhelfen könnte.

Die Motette Salve intemerata ist die Vertonung eines langen Prosagebets an die Jungfrau Maria und mit ihren fünf Stimmen ist sie in einem expansiven katholischen Stil komponiert. Wir wissen nicht, wo sich Tallis aufhielt, als dieses Werk entstand; bekannt ist aber, dass die älteste Handschrift, in der die Motette überliefert ist, Ende der 1520er Jahre hergestellt wurde und der Text in dem 1527 erschienenen Stundenbuch niedergelegt ist. Ungeachtet dieses frühen Entste-hungsdatums schuf Tallis mit Salve intemerata eine Musik von beträchtlichem Fluss und Erfindungs-reichtum, ein Werk, das eine beachtliche Leistung für einen Komponisten darstellt, der eben am Anfang seines dritten Lebensjahrzehnts stand. Mit einem solch gehaltvollen und gekonnten Werk auf dem Konto konnte Tallis schon als junger Mann leicht eine Anstellung an der Propstei von Dover finden.

1535 wurde die Propstei aufgelöst, und damit verlor auch Tallis sein Amt. Spätestens seit 1537 finden wir ihn dann an der Londoner Kirche St. Maryat- Hill, einer wichtigen musikalischen Einrichtung. Von hier aus scheint Tallis seine Kontakte zum englischen Königshof angeknüpft zu haben (1577 hieß es von Tallis, er habe „vierzig Jahre im Dienste Eurer Majestät und Königlichen Vorfahren” gestanden). Zu dieser Zeit könnte die Missa Salve intemerata entstanden sein, die sich zwar vor allem im Gloria und Credo weithin der bewussten Motette bedient, zugleich aber auch zeigt, dass Tallis’ Stil im Laufe der Jahre reifer geworden ist. Die Messe – seine beste vorreformatorische Leistung – ist konziser, direkter und in stimmlicher Hinsicht pragmatischer als die umfängliche Motette. Der Grund dafür, dass man die Missa Salve intemerata heute nicht besser kennt, ist einfach der, dass der Tenor re-konstruiert werden musste, da sein Stimmbuch verschollen ist. Glücklicherweise fehlt allerdings nur die Stimme über der tiefsten Partie, und in dieser Textur ließ sich die Rekonstruktion recht leicht bewerkstelligen.

Im Jahre 1538 finden wir Tallis als Vorgesetzten der Musiker von Waltham Abbey in Essex, doch wieder verlor Tallis seine Stelle mit der Auflösung der Abtei im Jahre 1540. Er ließ sich davon nicht entmutigen und ging an die neu gegründete säkulare Abteilung der Kathedrale von Canterbury, wo er Mitglied eines Chores von 22 Männern und Knaben war. Die Reformation hatte tiefe Auswirkungen auf die englische Kirchenmusik, was sich besonders unter der Herrschaft Edwards VI. bemerkbar machte, der die spätmittel-alterliche lateinische Polyphonie, wie sie uns hier im Salve intemerata und der entsprechenden Messe begegnet, für ungesetzlich erklärte. Tallis stellte seine kompositorische Fertigkeit und Stimme fortan in den Dienst der Church of England, für die er weitgehend homophone Musik auf englische Texte schrieb. Er war in erster Linie ein Pragmatiker, und er nutzte die Intimität und Direktheit des Ausdrucks, die der neue Stil verlangte, um seinen kompositorischen Visionen eine neue Dimension zu verleihen. Obwohl die liturgische Revolution Englands für jemanden, der sein Leben lang Katholik war, voller Turbulenzen gewesen sein muss, akzeptierte Tallis die neue musikalische Ordnung, und er lernte von ihr.

Einige seiner englischsprachigen Werke schrieb Tallis unter Edward; der Rest gehört in die Zeit Elizabeths. I call and cry war zunächst ein Instrumentalstück, das Tallis erst später textierte. Einige Zeit später wurde daraus dann auch die lateinische Motette O sacrum convivium, doch die englische Vertonung ist flüssiger und überzeugender als die lateinische Version. Umgekehrt dürfte es sich bei der Komposition With all our heart verhalten, die eindeutig aus der lateinischen Motette Salvator mundi entstand. Das interessanteste all dieser Stücke ist das „Armada”-Anthem Discomfort them, das drei Jahre nach dem Tode des Komponisten mit seinem englischen Text versehen wurde. „Angelegentlich der spanischen Invasion von 1588” nahm man seine lateinische Motette Absterge Domine und behängte ihr musikalisches Gerüst mit den neuen kriegerischen Worten.

Im Laufe seines langen Lebens war Thomas Tallis unter vier Königen (Henry VIII., Edward VI., Mary und Elizabeth) als Sänger, Organist, Chorlehrer und Komponist tätig. Sein musikalisches Genie und seine langjährigen Dienste bei Hofe wurden 1573 mit einem königlichen Privileg belohnt, das ihm und seinem Schüler William Byrd für 21 Jahre ein Monopol zum Druck und zur Veröffentlichung der eigenen Werke einräumte. Diese außerordentliche königliche Gunst wurde ihm anscheinend direkt nach einer seiner schönsten musikalischen Leistungen überhaupt zuteil – der Komposition der 40stimmigen Motette Spem in alium. 1567 brachte der Mantovaner Komponist Alessandro Striggio seine Motette Ecce beatam lucem à 40 mit nach London. In einem späteren Bericht von 1611 heißt es, ein musikliebender Herzog (möglicher-weise der Herzog von Norfolk) habe wissen wollen, „ob denn nicht einer von den unsern Engelländern ein Lied von gleich großer Güte zu setzen vermöchte”. So kam es, dass „Tallis äußerst geschickt davor gehalten ward, die Sach in Angriff zu nehmen, was er that, und machte eine solche zu vierzig Partieen, die in der Long Gallery von dem Arundel House gesungen ward.” Arundel House abseits des Londoner Strand gehörte Norfolks Schwiegervater, dem Earl of Arundel, der ein großes musikalisches Etablissement unterhielt. Weiterhin hatte der Earl of Arundel einen Landsitz, Nonsuch Palace, in dem es einen achteckigen Bankettsaal gab. In diesem Saal hätte man Spem in alium vermutlich „in der Runde” aufführen müssen, wobei das Oktogon Platz für acht fünfstimmige Chöre geboten hätte. Das damalige Publikum wird kaum bemerkt haben, dass die vierzig Stimmen zum ersten Mal bei der vierzigsten Semibrevis gemeinsam einsetzen und dass das Stück 69 Longae lang ist (im lateinischen Alphabet waren I und J derselbe Buchstabe; daraus folgen T=19, A=1, L=11, L=11, I=9, S=18 und als Summe TALLIS = 69). Doch werden jene glücklichen Menschen miteinander das eindrucksvollste Hörerlebnis ihres Lebens geteilt haben. Die Zahlensymbolik ist ein Zeichen dafür, dass Tallis noch immer technische Reserven hatte, als er sich an einer Komposition versuchte, die für einen Durch-schnittsmusiker seiner Zeit unmöglich gewesen sein dürfte.

Für diese Aufnahme der Motette Spem in alium wurden die vierzig Stimmen so arrangiert, dass sie die vier Seiten eines großen St. Chad-Kreuzes bilden: Chöre 1 und 2 im Westen, 3 und 4 im Norden, 5 und 6 im Osten sowie 7 und 8 im Süden. Die CD entstand zum 500. Geburtstag des Komponisten Thomas Tallis und zum 21jährigen Jubiläum der Oxford Camerata. Dabei trafen sich alte und neue Mitglieder des Ensembles, um gemeinsam dieses Meisterwerk von Tallis aufzuführen.

Jeremy Summerly
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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