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6.110016 - VAUGHAN WILLIAMS: Symphony No. 1, 'A Sea Symphony'
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Ralph Vaughan Williams (1872-1958)
A Sea Symphony (Sinfonie Nr. 1)

Nicht selten haben erste Sinfonien ihren Schöpfern erhebliche Schwierigkeiten bereitet. Man denke etwa an Brahms, der beinahe zwei Jahrzehnte ohne rechten Erfolg mit seiner c-Moll-Sinfonie gerungen hat. Die Schwierigkeit bestand in jenem Fall darin, die sinfonische Tradition Deutschlands und Österreichs, die immer noch von Beethoven überschattet war, fortzusetzen. Ähnliche Schwierigkeiten kommen einem bei der Betrachtung von A Sea Symphony in den Sinn, der ersten Sinfonie von Ralph Vaughan Williams (wenn sie auch nicht als solche bezeichnet wurde). Als der Komponist 1903 mit der Arbeit an der Sinfonie begann, hatte er das 30. Lebensjahr bereits überschritten und einige Lieder, Kammermusikwerke und kurze Orchesterstücke komponiert, jedoch noch keine nationale Reputation erlangen können. A Sea Symphony wurde 1909 vollendet und im folgenden Jahr beim Leeds Festival uraufgeführt. Zusammen mit der Tallis- Fantasie, die nur wenige Wochen zuvor beim Three Choires Festival uraufgeführt wurde, begründete sie Vaughan Williams festen Platz im englischen Musikleben.

Parallel zur Entwicklung einer individuellen sinfonischen Musiksprache verfolgte Vaughan Williams das Ziel, die englische Musik aus der deutschösterreichischen Abhängigkeit zu befreien, die noch immer in der Musik von Parry, Stanford und Elgar gegenwärtig war. Der Einfluss der Chor-Oden von Parry, aber auch Stanfords Songs of the Sea und Elgars Sea Pictures kommen unmittelbar in den Sinn. Ebenso stellte Elgars Dream of Gerontius ein Vorbild für ein sinfonisch angelegtes Oratorium dar. Doch die Verbindung von hoher Kunst und folkloristisch inspirierter Musik in A Sea Symphony bedeutete eine radikale Abkehr von den Vorbildern. Darüber hinaus bestärken die Vertonungen von Texten von Walt Whitman (Leaves of Grass in den ersten drei Sätzen, Passage to India im Finale) das Gefühl eines Neubeginns, der auch im nächsten halben Jahrhundert das Denken Vaughan Williams geprägt hat.

Als Chorsinfonie steht Vaughan Williams A Sea Symphony der Tradition Mendelssohns näher als der Beethovens. Die formale Anlage mit vier Sätzen und einem Sinn für tonale Geschlossenheit bezieht sich jedoch direkt auf sinfonische Vorgänger. Nach einer Blechbläser-Fanfare setzt der erste Satz, A Song for all Seas, all Ships, mit einer Chorpassage von Atem beraubender Unmittelbarkeit ein, die das Gefühl neuer Perspektiven ganz mühelos hervorruft. Der Hauptteil beginnt mit „Today a rude brief Recitative“, das vom Bariton mit Shanty-ähnlichen Anklängen gesungen und in enthusiastischer Weise vom Chor wiederholt wird. Als Kontrast folgt darauf ein elegisches Intermezzo, „chant for the sailors“, das an Intensität zunimmt, bis die einleitenden Blechbläser-Fanfaren wiederholt werden. Der Sopran erhält mit „Flaunt out O seas“ einen dramatischen Auftritt und markiert den Beginn eines reichen Mittelteils. Eine nachdenkliche Chorpassage, in deren Mittelpunkt „Tokens of the brave captains“ steht, kündigt eine Reprise der Eingangsmusik an. Solisten und Chor wechseln sich mit zunehmender Intensität ab und gelangen mit der Wiederholung der Zeile „one flag above all the rest“ zu einen Höhepunkt. Der Schluss jedoch erinnert mit einer Atmosphäre der Ruhe und Stille an die Universalität von Whitmans Botschaft.

Grübelnde Stille beherrscht den zweiten Satz, On the Beach at Night alone, ein Nocturne, das mit seiner harmonischen Mehrdeutigkeit einen düsteren Kontext für die Vertonung bereitet, die der Bariton übernimmt. Ein kerniger Mittelteil, dessen Hauptthema von den Hörnern über Pizzicati in den Streichern vorgestellt wird, erreicht einen affirmativen Chor-Höhepunkt, bevor der introvertierte erste Teil in großen orchestralen Bögen wiederholt wird.

Der dritte Satz, The Waves, ist ein Scherzo, das mit seiner kontrapunktischen Komplexität hohe Anforderungen an den Chor stellt. Die Eingangs- Fanfare des Werkes wird wieder aufgegriffen, und zwei Volkslieder, The Golden Vanity und The Bold Princess Royal, spielen in dieser funkelnden Schilderung auf die See als Naturschauspiel an. Ein nobles Thema, das ein großes auslaufendes Schiff vor unserem geistigen Auge erscheinen lässt, sorgt zweimal für Kontrast, bevor der Satz zu seinem endgültigen Ende gelangt.

The Explorers ist der passender Titel für den großformatigen vierten Satz, eine tief empfundene Zusammenfassung der musikalischen und spirituellen Entwicklungen des Komponisten. Der Beginn legt mit den Worten „O vast Rondure swimming in space“ den überschwänglichen Ton fest, der das Folgende bestimmt. Eine modale Fortschreitung schildert die Erschaffung des Menschen und führt zu einer Vertonung von „Wherefore unsatisfied soul“ und der bestimmten Antwort „Yet soul be sure“, die zusammen das philosophische Ziel des gesamten Werkes definieren. Ein triumphaler Höhepunkt wird um das Wort „singing“ gebildet. Die Solisten setzen impulsiv bei den Worten „O we can wait no longer“ ein, um eine menschliche Dimension hinzu zu fügen. Der Chor beginnt erneut bei „O thou transcendent“. Mit dem Vers „Away O Soul“ fällt die Musik in einen wilden Shanty- Rhythmus, um anzudeuten, dass das Schiff/die Seele die Segel setzt. Dennoch ist dieser Ausbruch nur von kurzer Dauer; das Werk endet mit der ruhigen Beschreibung des Schiffes, das hinter dem Horizont verschwindet – und der unausgesprochenen Reise der Seele in die unbekannten Regionen der Erde, aber auch des menschlichen Geistes.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Peter Noelke


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