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6.110020 - SHOSTAKOVICH: Symphony No. 7, 'Leningrad'
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Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)
Die ‘Leningrader’ Symphonie op.60


„Meine Seele blutet beim Anblick des menschlichen Leidens um mich her“. Der Goethe-Zeitgenosse Alexander Radistscheff (1749-1822) war Beamter ihrer Majestät Katharina der Großen und dürfte wohl der erste gewesen sein, der die Zustände auf dem russischen Lande in literarischer Form beklagte.

Gleichermaßen ließe sich ein großer Teil der Musik, die Dmitri Schostakowitsch komponiert hat, mit diesen Worten überschreiben. Seine je 15 Symphonien und Streichquartette, seine Lady Macbeth von Mzensk, der Liederzyklus Aus der jüdischen Volkspoesie – all diese Werke sprechen von einer Anteilnahme am Los der Menschen, die weit über das normale Maß des Mitleids oder gar Mitleidens hinausgeht: Wer schon als Kind die Ausschreitungen der (damals noch zaristischen) Staatsmacht beobachten muss, wer später immer wieder die Resultate von politischen oder rassischen Reinigungsaktionen erlebt, dem wird selbst dann der naive Humor abhanden kommen, wenn er – wie Schostakowitsch – eigentlich eine durchaus komisch-satirische Ader hatte. Bedenkt man ferner, dass schon der junge Komponist in die gefährliche Zwickmühle zwischen musikalischem Wollen und politischen Zwängen geriet und im Laufe seines Lebens immer wieder zwischen Kniefall und innerer Rebellion balancierte, dann bekommt man vielleicht eine schemenhafte Vorstellung davon, auf welch schwankendem Grund sich die Kulturschaffenden der Sowjetunion bewegten, wenn sie nicht gerade zu den mittelmäßigen Speichelleckern der großen Diktatoren gehörten.

Gewiss, Schostakowitsch hat in den Jubel eingestimmt, der seit Stalins Machtergreifung befohlen wurde. Doch wie er das tat, das war so geschickt und subversiv, dass keiner der linientreuen Kulturbonzen je hätte bemerken können, welche Natter die Partei am Busen nährte – einen musikalischen Chronisten nämlich, der während seines ganzen Lebens nicht müde wurde, die eklatanten Widersprüche zwischen Schein und Sein so geschickt zu formulieren, dass sie sich in ihrer ganzen Tragweite eigentlich erst nach seinem Tode am 9. August 1975 offenbarten.

Wie weit diese Schachzüge gingen, verrät die vielgepriesene Leningrader Symphonie, die in Ost und West gleichermaßen als das große musikalische Bollwerk gegen die deutschen Aggressoren gehört und gefeiert wurde, bis man heute auf breiter Front hat einsehen müssen, dass es sich dabei um ein Mahnmal gegen jede Art von Tyrannei handelt. Der Faschismus ist überall, und er wird immer wieder ausbrechen, wenn man sich von Parolen einlullen, von Versprechungen ködern und von künstlichen Feindbildern ins Verderben reißen lässt – ganz gleich, ob die Uniformen braun, schwarz oder rot sind.

Dmitri Schostakowitsch war eben dabei, die Kompositionsstudenten des Leningrader Konservatoriums zu examinieren, als Hitlers Truppen am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion einfielen. Im September war Leningrad vollständig eingekesselt. Es begann eine lange Belagerung. Schon im Sommer hatte Schostakowitsch seine siebte Symphonie in Angriff genommen. Nach acht Wochen waren die ersten drei Sätze abgeschlossen, und diese nahm er mit sich, als er mit seiner Familie am 1. Oktober evakuiert wurde. Die Reise ging zunächst nach Moskau und nach einigen Wochen weiter Richtung Osten. Eine Woche später wiederum erreichte der Zug Kuibyschew, das seit jüngstem der Sitz der Sowjetregierung und zudem ein Refugium für Künstler und Musiker geworden war – namentlich für die Mitglieder des Moskauer Bolschoi-Theaters. Anfangs mussten Schostakowitsch und seine Familie auf dem Fußboden einer überfüllten Schule schlafen, doch schon bald konnte man ihnen eine kleine Wohnung mit einem Klavier zuweisen. Zur Wiederaufnahme seiner kompositorischen Arbeit aber sah sich Schostakowitsch erst wieder imstande, als die Nachricht von einer Niederlage der Deutschen bei Moskau durchkam.

Für das Finale der Symphonie benötigte Schostakowitsch keine zwei Wochen. Am 27. Dezember war das gesamte Werk abgeschlossen. Einige Wochen darauf begannen die Proben, und am 5. März 1942 fand in Kuibyschew die Uraufführung statt. Das Orchester des Bolschoi-Theaters erspielte der neuen Symphonie unter der Leitung von Samuel Samossud einen gewaltigen Erfolg. Ende März wurde das Werk in derselben Besetzung auch in Moskau gegeben. Am 22. Juni brachten Sir Henry Wood und das London Symphony Orchestra die Komposition in einem Londoner BBC-Studio erstmals außerhalb Russlands zu Gehör. Einen Monat später dirigierte Arturo Toscanini die amerikanische Erstaufführung.

Die ergreifendste Premiere der Symphonie aber muss diejenige gewesen sein, die am 9. August 1942 im belagerten Leningrad stattfand. Es gab nur noch wenige Berufsmusiker in der Stadt. Das Orchester war nach Nowosibirsk evakuiert worden, der Dirigent musste pensionierte Musiker, Soldaten und andere Personen verpflichten, die ein Instrument beherrschten. Die Reaktion des Publikums hat der Schauspieldichter Alexander Kron in die folgenden Worte gefasst: „Menschen, die nicht mehr wussten, wie sie Tränen des Kummers und des Elends weinen sollten, weinten aus reiner Freude“.

Die intime Beziehung der Symphonie zu der Stadt, in der sie entstanden war, brachte ihr unvermeidlicherweise den Beinamen „Leningrader“ ein. Doch ist sie das wirklich? Gewiss, das rund 80minütige Werk scheint nichts anderes als eines jener überdimensionalen Gebäude zu sein, an die wir uns seit Anton Bruckner und Gustav Mahler gewöhnt haben. Die Symphonie ist viersätzig, die vier Sätze sind hinsichtlich ihrer jeweiligen Aufführungsdauer recht ausgewogen, und sie sollten überdies nach dem Willen des Komponisten zunächst sogar programmatische Überschriften tragen, die das Verständnis erleichtert hätten: Krieg, Gedenken, das weite Russland und Sieg lauteten die Satztitel, die Dmitri Schostakowitsch allerdings schon bald zurückzog.

Und das war gut so, denn schon der berühmte Kopfsatz der siebten Symphonie ist weit mehr als die Darstellung einer militärischen Invasion, obwohl sich das Bild zunächst durchaus aufdrängen könnte. Prächtige, satte Klänge bezeichnen ein stolzes Land; die Menschen leben, wie uns das zweite Thema signalisieren will, in schier paradiesischem Frieden (allein das ist vor dem Hintergrund der eingangs zitierten Klage die bitterste Ironie). Dann beginnt der Einmarsch. Über einem zunächst kaum wahrnehmbaren Rhythmus der kleinen Trommel zupfen die Streicher ein Thema, in dem es eine ganz eigenartige Wendung gibt – einen fernen Gruß des Grafen Danilo aus Lehárs Lustiger Witwe (Da geh’ ich zu Maxim), und just dieser Operettenschlager soll eine Lieblingsmelodie unseres größten Feldherrn aller Zeiten gewesen sein.

Damit hätten wir den Hitler-Faschismus also melodisch dingfest gemacht. Doch es geht ja weiter. Rhythmus, Instrumentation, Lautstärke und Gewaltpotential steigern sich ins schier Unerträgliche: Am Ende sollen gar drei kleine Trommeln ihr Motiv herausprügeln, indessen das gesamte Orchester wie gefoltert aufschreit. Natürlich wusste Schostakowitsch genau, dass er mit dieser riesenhaften Szene einen zweiten Bolero komponierte; er wusste auch, dass der Bolero ein Tanz der spanischen Halbinsel ist – oder besser der „iberischen“ Halbinsel. Das Iberia aber, auf das Schostakowitsch damit versteckt anspielte, ist eben nicht das südwesteuropäische Urlaubsland sondern jene georgische Region, in der ein gewisser Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, zu Hause war.

Am Ende des spektakulären ersten Satzes klingt die Bedrohung weiter. Ein Intermezzo, das in Wirklichkeit ein großangelegter Trauermarsch ist, sowie ein Totengedenken schließen sich an, bevor die Symphonie mit einer der beklemmendsten Jubelfeiern der musikalischen Literatur beschlossen wird. Den Sieg und die strahlende Zukunft, die man hier zunächst glaubt hören zu können, kann man in einem Brief wiederfinden, den Schostakowitsch zwei Jahre nach dem Abschluss dieser Symphonie an einen Freund schrieb: „Dieses Jahr [1944] wird uns viel Gutes bringen. Die freiheitsliebenden Völker werden nun endlich das Joch des Hitlerfaschismus abwerfen, und Friede wird in der Welt herrschen, und wir werden unter der Sonne der Stalinschen Verfassung von neuem ein friedliches Leben führen. Davon bin ich überzeugt, und ich empfinde deshalb allergrößte Freude ...“

Genau das präsentiert er in dem Finale seiner weltberühmten Leningrader Symphonie: Die Aussicht auf noch grausamere geistige Unterdrückung, auf den letzten Sieg der Muskeln, Gewehre und Stromschläge über das, was Leben wirklich ist. Er sollte recht behalten. Schon 1948 kam es mit dem berüchtigten Shdanow-Beschluss zu einem neuen Angriff auf die künstlerischen Freiheiten in der Sowjetunion, die doch angeblich gegründet worden war, um dem „neuen Menschen“ all das zu geben, was er bis dahin hatte entbehren müssen. Die Trommelschläge des ersten Satzes und der gepeitschte, durch Drohung und Folter erzwungene Jubel am Ende der Leningrader Symphonie sollten uns eine ständige Warnung sein ...

© Cris Posslac 2004


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