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6.110051 - TCHAIKOVSKY: Piano Concertos Nos. 1 and 3
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Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893)

Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893)

Klavierkonzerte Nr. 1 op. 23 • Klavierkonzerte Nr. 3 op. posth. 75/79

 

Peter Iljitsch Tschaikowsky ist bis heute der beliebteste Komponist Russlands. Seine Musik bietet zunächst einmal mit ihrer gewinnenden Melodik und ihren lebendigen Orchesterfarben einen großen Zauber. Unter der Oberfläche verbirgt sich freilich weit mehr – obwohl es natürlich sehr verführerisch sein könnte, jemanden zu verachten, dessen Werke so vielen Menschen Vergnügen bereiten.

 

Peter Tschaikowsky wurde 1840 in Kamsko-Wotkinsk als zweiter Sohn eines Bergbau-Ingenieurs geboren. Seine allgemeine und musikalische Ausbildung erfuhr er zunächst durch seine Mutter und seine Gouvernante. Seit seinem zehnten Lebensjahr war er Schüler der Rechtsschule von St. Petersburg. 1858 beendete er seine dortige Ausbildung, um anschließend im Justizministerium zu arbeiten. In all diesen Jahren pflegte und entwickelte er seine musikalischen Fähigkeiten, und es sah ganz so aus, als sollte er wie seine beinahe gleichaltrigen Kollegen Mussorgsky, Cui und Borodin die Musik neben dem Brotberuf mehr oder minder als Steckenpferd betreiben.

 

Doch im vorliegenden Falle wendete sich das Blatt. Nachdem Anton Rubinstein das Konservatorium von St. Petersburg gegründet hatte, konnte sich Tschaikowsky dort seit 1863 als Vollzeitstudent ausbilden lassen. Zwei Jahre später ging er nach Moskau, wo er selbst Lehrer an dem neuen, von Antons Bruder Nikolai Rubinstein gegründeten Konservatorium wurde. Mehr als zehn Jahre verbrachte er auf diese Weise in Moskau, bevor ihn die finanziellen Zuwendungen der reichen Witwe Nadeshda von Meck in die Lage versetzten, aus dem Konservatoriumsdienst auszuscheiden und sich ganz der Komposition zu widmen. In dieser Zeit ging er eine unglückselige Ehe mit einer Verehrerin ein, die schon bald die ersten Zeichen geistiger Labilität erkennen ließ und nur zur Vermehrung der Probleme beitragen konnte, die Tschaikowsky mit sich selbst und seinen Neigungen hatte. Seine Homosexualität war ihm eine Qual, während seine morbide Sensibilität und Schüchternheit in Verbindung mit einer physischen Abneigung gegen die Frau, die er geheiratet hatte, zu einem schweren nervösen Zusammenbruch führte.

 

Binnen kurzem kam es zur Trennung von der Ehefrau, doch auch weiterhin gab es praktische und persönliche Probleme, die der Lösung bedurften. Die Beziehung zu Nadeshda von Meck bedeutete für Tschaikowsky indessen nicht nur eine finanzielle Entlastung, sondern er fand hier auch das Verständnis und die Unterstützung einer Frau, die weit davon entfernt war, körperliche Ansprüche an ihn zu stellen und die ihm nicht ein einziges Mal persönlich begegnete. Diese wunderbare, distanzierte Beziehung endete erst 1890, als Frau von Meck fälschlicherweise annahm, sie sei bankrott. Sie stellte die (für den Komponisten nicht mehr erheblichen) Zahlungen sowie die Korrespondenz ein, die für Tschaikowsky ein wichtiger Teil seines Lebens geworden war.

 

Als Peter Tschaikowsky plötzlich im Jahre 1893 in St. Petersburg verstarb, war das Wasser auf die Mühlen der damaligen und posthumen Gerüchteküchen. Man äußerte die Vermutung, er habe sich nach der Entscheidung eines „Ehrengerichts” ehemaliger Jurastudenten das Leben genommen: Angeblich soll dem Urteil die Liaison mit einem jungen Adligen voraufgegangen sein, deren Enthüllung einen öffentlichen, bis in die höchsten Kreise des Zarenhofes reichenden Skandal ausgelöst hätte. Von offizieller Seite hieß es, er sei nach dem Genuss nicht abgekochten Wassers an der Cholera verstorben, und es gibt in der Tat detaillierte Berichte über den Fortgang der Krankheit. Was nun immer zu seinem Tod geführt hat, die Cholera, Unachtsamkeit, Verzweiflung oder eine ganz bewusste Aktion – Tschaikowskys Dahinscheiden wurde allenthalben betrauert.

 

Sein erstes Klavierkonzert in b-moll schrieb Tschaikowsky Ende 1874. Am Weihnachtsabend des Jahres (nach westlichem Kalender am 5. Januar 1875) spielte er es Nikolai Rubinstein, dem Direktor des Moskauer Konservatoriums vor, da er sich von diesem Ratschläge hinsichtlich der Solostimme erhoffte. Rubinstein reagierte mit einer ungeheuren Explosion: Wertlos und unspielbar sei das Werk, voll belangloser, unbeholfener Passagen, schlecht, geschmacklos, zusammengestohlen. Den ansonsten meist schüchternen, zurückhaltenden Tschaikowsky stieß diese heftige Reaktion vor den Kopf. Er fühlte sich persönlich getroffen und schrieb die Äußerungen später Rubinsteins tyrannischer Kleinlichkeit zu. Doch das Konzert überlebte und erlebte durch Hans von Bülow im Oktober 1875 in Boston eine glanzvolle Uraufführung. Anschließend wurde es dann auch in St. Petersburg gegeben; noch erfolgreicher war die Moskauer Premiere, bei der Nikolai Rubinstein dirigierte und Tschaikowskys junger Schüler Sergej Tanejew den Solopart spielte. Am Ende nahm Rubinstein das Werk sogar in sein eigenes Konzertrepertoire auf.

 

Nach der anfangs gemischten Reaktion begeisterte das Konzert die Zuhörer immer wieder, und allein deswegen reagieren manche Kritiker bisweilen ablehnend – was nicht nur der übergroßen Popularität dieses Werkes, sondern auch der Tatsache zuzuschreiben ist, dass viele schwächere Kompositionen davon inspiriert wurden.

 

Tschaikowsky wollte das Konzert zunächst Tanejew widmen, entschloss sich dann aber doch, es Hans von Bülow, dem Solisten der Uraufführung, in Dankbarkeit zu dedizieren. Bevor das Klavierkonzert 1879 gedruckt wurde, nahm der Komponist verschiedene Revisionen vor, und bei der Neuauflage des Jahres 1889 wurden auch die berühmten, zuvor noch arpeggierten Akkorde des weiträumiger über die Klaviatur verteilt.

 

Der erste Satz beginnt mit einer Einleitung in Des-dur, der Parallele zur Grundtonart b-moll. Die ursprüngliche Tempoangabe war Andante non troppo e molto maestoso, wurde dann aber zu einem Allegro non troppo e molto maestoso. Dieser äußerst einprägsamen Introduktion folgt die eigentliche Exposition (Allegro con spirito). Das von einem ukrainischen Volkslied abgeleitete Hauptthema führt zu einem zweiten Gedanken, der zunächst vom Orchester vorgestellt und vom Solisten aufgegriffen wird, bevor das Orchester sich mit dem zweiten Teil dieses Themas befasst. Dieses Material liefert die Substanz für die zentrale Durchführung und die Reprise mit ihrer voll ausgeschriebenen Kadenz. Der langsame Satz bringt zunächst ein sanft bewegtes, von der Flöte exponiertes Thema; im Zentrum steht ein scherzoartiges Prestissimo über das französische Chanson Il faut s’amuser et rire. Auch das Finale beginnt mit einem Thema, das von einem ukrainischen Volkslied abgeleitet ist und im Wechsel mit dem Nebengedanken am Ende ein Höchstmaß an Brillanz erreicht.

 

Ende 1891 begann Tschaikowsky mit der Skizzierung einer neuen Symphonie, die er dann aber verwarf. Im Juni 1893 dirigierte er in London seine vierte Symphonie, und hier traf er auch ein weiteres Mal mit dem Pianisten Louis Dièmer zusammen. Anschließend reiste er nach Cambridge, wo er in einer gemeinsamen Zeremonie mit seinen Kollegen Camille Saint-Saëns und Max Bruch zum Ehrendoktor ernannt wurde. Anschließend kam er noch einmal kurz nach London zurück, bevor er nach Paris weiterreiste. Von hier aus führte ihn sein Weg über die Schweiz und Österreich wieder in die Heimat – und zwar zunächst auf den Familienbesitz der Familie Konradi in Grankino, wo er am ersten Satz eines neuen Konzertes arbeitete, bevor er schließlich in sein Heim nach Klin zurückkehrte. Die Idee, die beiseite gelegte Symphonie als Grundlage eines Klavierkonzerts zu verwenden, kam ihm durch die neuerliche Begegnung mit Louis Dièmer, für den das Werk gedacht war. Im Juli vollendete Tschaikowsky den ersten Satz, den er als selbständiges Allegro de concert ansah. Einige Zeit hatte er sich auf das Urteil Tanejews verlassen, und dieser war der Ansicht, dass der Klavierpart nicht virtuos genug sei. Dennoch muss Tschaikowsky an dem Projekt eines dreisätzigen Konzerts weitergearbeitet haben, wobei er den langsamen Satz und das Finale der verworfenen Symphonie als Vorlage für die Sätze 2 und 3 des Konzerts verwandte, die unter dem Titel Andante und Finale op.79 nach dem Tode des Komponisten von Tanejew revidiert, instrumentiert und 1897 schließlich veröffentlicht wurden.

 

Das erste Thema des Konzerts erklingt zunächst im Fagott. Sogleich setzt auch der Solist ein, der später den Anfang der zweiten Themengruppe in G-dur zu spielen hat. Der zentralen Durchführung folgt eine Kadenz über das zweite Thema, dann die abschließende Reprise. Das Orchester spielt den Anfang des langsamen Satzes in B-dur; die Akkorde des Solisten präsentieren danach Materialien, die im weiteren Verlauf des Andante entwickelt werden. Das Werk endet mit einem echten Finale, das Tanejew – wie schon den vorherigen Satz – mit eigenen virtuosen Zutaten angereichert hat.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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