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6.110055 - MOZART: Flute Concertos Nos. 1 and 2 / Concerto for Flute and Harp, K. 299
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Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Konzerte für Flöte Nr. 1 und 2 • Konzert für Flöte und Harfe

Sowohl die beiden Flötenkonzerte, als auch das Konzert, das Mozart für Flöte und Harfe komponierte, können als Versuch betrachtet werden, den engen Grenzen seiner Heimatstadt Salzburg mit ihren beschränkten musikalischen Möglichkeiten zu entfliehen. Als Wunderkind hatte er ganz Europa in Erstaunen und Entzücken versetzt, und ein nachsichtiger Diensther, der damalige Erzbischof von Salzburg, gewährte Leopold Mozart, Vizekapellmeister in Salzburg, die Freiheit, mit seinen beiden Kindern auf Konzertreisen zu gehen, die die Familie Salzburg bisweilen über Jahre fern bleiben ließ. Der Amtsantritt des neuen Erzbischofs 1772 bereitete diesen Freiheiten ein Ende, und Mozart und sein Vater waren ständig auf der Suche nach einer Anstellung für den jungen Komponisten, durch die er größere Anerkennung gewinnen konnte. Es war dieser von Leopold Mozart angestachelte Ehrgeiz, der seinen Sohn 1777 dazu veranlasste, seine Stellung in Salzburg aufzugeben und sein Glück anderswo zu suchen. Der Erzbischof war durchaus gewillt, beide Mozarts von ihrem Dienst zu suspendieren. Doch das konnte sich Leopold Mozart nicht leisten. Er blieb in seiner Stellung in Salzburg, während sein Sohn sich in Begleitung seiner Mutter auf eine Reise begab, die ihn nach München, Augsburg, Mannheim und schließlich Paris führen sollte.

Die Reise begann am 23. September 1777, und Mutter und Sohn reisten in ihrer eigenen Kutsche. Sie verbrachten 17 Tage in München, wo ihnen der Kurfürst jedoch nichts bieten konnte. Dann folgten zwei Wochen in Leopold Mozarts Geburtsort Augsburg. Am 30. Oktober erreichten sie Mannheim, den Sitz des Kurfürsten Karl Theodor, der ein Orchester unterhielt, das internationales Ansehen genoss. Mannheim übte jedoch auch in anderer Hinsicht einen besonderen Reiz auf Mozart aus. Hier begegnete er zum ersten Mal der Familie Weber, und er begann, der gerade 16-jährigen Aloysia Weber den Hof zu machen. Zum Entsetzen seines Vaters plante er, mit der jungen Sängerin eine Konzertreise nach Italien zu unternehmen. Die Verbindung zu den Webers festigte sich, als Frau Weber nach dem Tod ihres Mannes, dem Onkel des Komponisten Carl Maria von Weber und Kopist in Mannheim, mit ihren Töchtern nach Wien zog, um einen passenden Ehemann für die beiden zu finden. Aloysia gab Mozart schon bald den Laufpass, denn Frau Weber hatte eine unter finanziellen Gesichtspunkten bessere Partie für sie gefunden. Schließlich heiratete er jedoch zum ausdrücklichen Erstaunen des Kaisers und gegen den Willen des Vaters die Mitgiftlose jüngere Schwester Constanze. Allerdings lag das 1777 noch in weiter Zukunft. Mannheim konnte mit zahlreichen musikalischen Attraktionen aufwarten, jedoch mit keiner Anstellung für den jungen Mozart. Dennoch verbrachte er dort den Winter, und durch den Flötisten Wendling machte er die Bekanntschaft mit einem Holländer, dessen Name in Mozarts Briefen an seinen besorgten Vater in unterschiedlichen Versionen erscheint: als De Jean und „M. de champs“ . De Jean war in Münster Militärarzt gewesen und 1758, im Alter von 27 Jahren, nach Batavia gereist, um als Chirurg in der Ostindischen Kompanie zu arbeiten. Daher bezieht sich Mozart in seinen Briefen auf ihn als „unseren Inder“. De Jean hatte vielseitige Interessen und einen großen Freundeskreis, zu dem auch der Arzt gehörte, der Mozart 1791 auf dem Sterbebett begleitete. Darüber hinaus war er ein Amateur-Flötist und verfügte über die entsprechenden finanziellen Mittel, bei Mozart drei kleine einfache kurze Flötenkonzerte und ein paar Flötenquartette in Auftrag geben zu können, für die er ihm die Summe von 200 Florin versprach.

Die verabredete Summe war ein immer wieder kehrendes Thema der Briefe, die in den nächsten Wochen zwischen Mozart und seinem Vater ausgetauscht wurden. Mozart hegte keine besondere Vorliebe für die Flöte und zeigte eine gewisse Trägheit, seiner Verpflichtung De Jean gegenüber nachzukommen. Und De Jean war klug und erfahren genug, nicht im Voraus für die Musik, die er bestellt hatte, zu bezahlen. Bis Februar hatte Mozart jedoch die beiden Flötenkonzerte geschrieben, die wir nun kennen, sowie drei der Quartette; und De Jean bezahlte ihm dafür die Hälfte des ausgemachten Geldes. In einem Brief, den er auf seiner Rückreise von Paris am 3. Oktober des folgenden Jahres schrieb, vernehmen wir erneut, dass ihn De Jean später bezahlen will. Dieses finanzielle Arrangement muss Leopold Mozart einmal mehr in seinen schlimmsten Befürchtungen über den Geschäftssinn seines Sohnes bestätigt haben.

Welche Vorbehalte der Flöte gegenüber Mozart auch geäußert haben mag, seine Kompositionen für das Instrument zeichnen sich durch den typischen melodischen Einfallsreichtum und eine ebenso typische Klarheit der Form und der Struktur aus. Zudem ermöglichen sie den Interpreten an der Unsterblichkeit des Komponisten zu partizipieren. Die beiden Konzerte sind für das konventionelle Orchester instrumentiert und mit paarweisen Oboen und Hörnern, Streichern und der optionalen Verdopplung der Bassstimme durch ein Fagott besetzt. Das zweite der beiden, das Konzert DDur KV 314, scheint die Transkription eines Oboenkonzerts in C-Dur zu sein, das für den Salzburger Oboisten Ferlendis im Frühjahr oder Sommer entstanden war, also noch bevor Mozart seine optimistische Reise angetreten hatte. Das Werk wurde in Mannheim von dem Oboisten Friedrich Ramm aufgeführt, dessen Spiel Mozart sehr bewunderte. In einem Brief an seinen Vater beschreibt er die Konzerte als Ramms cheval de bataille und erzählt, wie er sie zum fünften Male im Haus des Mannheimer Kapellmeisters Cannabich gespielt habe. Wahrscheinlich war es die unmittelbar bevorstehende Abreise De Jeans nach Paris, die Mozart dazu veranlasste, den Auftrag mit dem Arrangement eines bereits vorliegenden Werks zu erfüllen, von dem man zudem annehmen konnte, dass De Jean es in der Originalfassung gehört hatte.

Am 14. März 1778 setzten Mozart und seine Mutter ihre Reise nach Paris fort und erreichten die französische Hauptstadt neun Tage später. Als Kind hatte Mozart in Paris für eine Sensation gesorgt, als junger Mann und als „dummer Deutscher“ war er weitaus weniger interessant. Gegen Ende Juni wurde seine Mutter krank und am 3. Juli verstarb sie. Ihre früheren Briefe an ihren Mann in Salzburg waren von einem naiven Optimismus geprägt. Mozart habe von einem Herzog den Auftrag erhalten, zwei Konzerte zu schreiben, eines für Flöte und eines für Harfe, schrieb sie kurz nach ihrer Ankunft, und ihr Sohn sei zudem angestellt worden, um der Tochter des Herzogs Kompositionsunterricht zu erteilen. Das Konzert, das für den Comte de Guines geschrieben wurde, einen Amateur-Flötisten und seine harfespielende Tochter, war das reizvolle Konzert C-Dur für Flöte und Harfe KV 299, das für das konventionelle Orchester instrumentiert ist. War Mozart zu Anfang noch von den interpretatorischen Fähigkeiten des Herzogs und seiner Tochter begeistert, so zeigte er sich im Juli weniger zufrieden. Er schrieb an seinen Vater, dass der Herzog das Konzert nun schon seit vier Monaten habe, und noch immer nicht bezahlt habe, und darüber hinaus auch zwei Unterrichtsstunden als eine zählen würde. Als Ergebnis kam ein weiterer praktischer Ratschlag von Leopold Mozart über die Kunst, das Geld von säumigen Auftraggebern einzuforderm, ohne ihn zu beleidigen, eine Kunst, die Mozart zu langsam erlernte.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Peter Noelke


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