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6.110056 - SIBELIUS: Violin Concerto / SINDING: Violin Concerto No. 1
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Jean Sibelius (1865-1957)
Violinkonzert · Serenade g-Moll op. 69b

Der finnische Komponist Jean Sibelius wurde 1865 als Sohn eines Arztes in einer Kleinstadt im südlichen Finnland geboren. Wie damals in gehobenen Kreisen üblich, wurde auch in seiner Familie Schwedisch gesprochen; erst in der Schule lernte er Finnisch. Schon früh begann er sich für die Sagen seines Landes zu interessieren, das nach der Niederlage Karls II. von Schweden ein autonomes Großherzogtum Russlands geworden war. Während des gesamten späten neunzehnten Jahrhunderts kam es zu Spannungen zwischen der schwedischsprachigen Oberschicht und dem finnischsprachigen Volk, dessen von den Nationalisten vertretener Freiheitsdrang durch die repressive Politik von Zar Nikolaus II. vor der Revolution von 1905 noch verstärkt wurde. Sibelius’ nationale Gesinnung wurde entscheidend von seiner Verbindung mit der Familie des Generals Järnefelt beeinflusst, dessen Tochter Aino seine Frau wurde. Schwedisch sprach er jedoch zeitlebens fließender als Finnisch.

Schon bald erkannte man Sibelius’ musikalisches Talent; dennoch ließ er sich an der Universität zunächst als Jurastudent immatrikulieren. Seine ersten musikalischen Ambitionen gingen in die Richtung einer Karriere als Violinist, doch blieben seine geigerischen Fähigkeiten hinter seiner kompositorischen Begabung zurück. So entschied er sich frü ein Kompositionssstudium, das er bei Martin Wegelius begann, in Berlin bei Albert Becker fortsetzte und schließlich bei Karl Goldmark und Robert Fuchs in Wien beendete.

Nach Finnland zurückgekehrt, hatte er 1892 einen spontanen Erfolg mit seiner sinfonischen Dichtung Kullervo nach einer Episode aus dem finnischen Nationalepos Kalevala. Es folgten Kompositionen mit ausgesprochen nationaler Thematik, die seinen Namen in Helsinki weiter bekannt machten; dazu gehörten auch Werke wie die Bühnenmusik zu den patriotischen Stücken Karelia und En Saga sowie die Lemminkäinen- Suite. Während dieser Zeit verdiente Sibelius den Lebensunterhalt für sich und seine Frau durch Unterrichtsstunden und Einkünfte aus Aufführungen seiner Werke. Es fiel ihm jedoch nicht leicht, sich finanziell durchzuschlagen, denn bereits in seinen Studentenjahren war er durch Verschwendungssucht aufgefallen.1896 wurde seine bereits beschlossene Wahl zum Professor an der Universität Helsinki nachträglich rückgängig gemacht, als sich das Komitee für Robert Kajanus, den Gründer und Dirigenten des ersten finnischen Berufsorchesters, entschied. Als Entschädigung erhielt er 1897 ein Staatsstipendium für die Dauer von zehn Jahren, das später in eine Pension auf Lebenszeit umgewandelt wurde.

Seine aktive Laufbahn als international renommierter Komponist verfolgte Sibelius bis 1926. Seiner erfolgreichen Ersten Sinfonie von 1898 folgte die noch populärere sinfonische Dichtung Finlandia. Busoni setzte sich für die Veröffentlichung seiner Musik durch Belajew ein, dem Verleger der nationalrussischen Komponisten des späten neunzehnten Jahrhunderts, und zwar mit der Begründung, dass die Finnen in gewissem Sinne Russen seien oder zumindest Bürger eines russischen Großherzogtums. Dazu kam es jedoch nicht, und die spätere Zusammenarbeit mit dem Leipziger Verlag Breitkopf & Härtel sicherte Sibelius’ Oeuvre die erhoffte internationale Verbreitung. Die Uraufführung der Zweiten Sinfonie 1902 in Helsinki wurde zu einem beispiellosen Erfolg. Danach entstanden das Violinkonzert, die Dritte Sinfonie und – nach einer Krankheit – die Vierte Sinfonie. Reisen führten den Komponisten in die europäischen Musikzentren, wo er mit Ehrungen überhäuft wurde. Die Fünfte Sinfonie entstand während des Krieges; danach schrieb er nur noch vier Werke von größerer Substanz: die Sechste und Siebente Sinfonie, eine Bühnenmusik zu Shakespeares Sturm und die sinfonische Dichtung Tapiola. Eine achte Sinfonie wurde 1929 vollendet, aber wieder vernichtet. Während der letzten 25 Jahre seines Lebens schwieg der Komponist Jean Sibelius. Er starb 1957 im Alter von 91 Jahren.

Sibelius vollendete die Erstfassung seines Violinkonzerts im Jahr 1903; uraufgeführt wurde das Werk im 1904 mit mäßigem Erfolg durch Victor Novacek. Die revidierte Fassung gelangte 1905 in Berlin zur erfolgreichen Aufführung; Karl Halir war der Solist, Richard Strauss dirigierte die Berliner Hofkapelle. Von Haus aus Geiger, hatte Sibelius den Violinpart der Frühfassung mit übermäßigen technischen Schwierigkeiten ausgestattet. In der revidierten Fassung nahm er die notwendigen Änderungen vor, und in dieser Gestalt gehört das Werk seither zum Standardrepertoire. Sibelius widmete das Konzert dem jungen ungarischen Virtuosen Ferenc Vecsey, der das Werk in einer späteren Aufführung in Berlin in Anwesenheit des Komponisten spielte.

Das Konzert beginnt mit dem Einsatz des Solisten über einem geheimnisvollen Schleier der sordinierten Orchesterstreicher. Obwohl der Satz traditionell in dreiteiliger Form angelegt ist, tritt eine kadenzähnliche Passage der Solovioline an die Stelle der zentralen Durchführung. Der lyrische langsame Satz wartet mit einer zutiefst romantischen Melodie auf, die der Solist in der Folge fantasieartig über dem Orchester fortspinnt. Es folgt das vom Komponisten einmal als ‚Danse macabre’ beschriebene Finale. Es bietet dem Solisten Gelegenheit zu virtuoser Brillanz. Wie fast im gesamten Konzert ist auch hier der Solopart in die Textur des Orchesters integriert.

Die zwei Serenaden für Violine und Orchester entstanden 1912 bzw. 1913. Uraufgeführt wurden sie 1915 in Helsinki bei einem Konzert anlässlich des fünfzigsten Geburtstages des Komponisten; ebenfalls auf dem Programm standen die neue Fünfte Sinfonie und die sinfonische Dichtung Die Okeaniden. Die zweite der beiden Serenaden, die Serenade g-Moll op. 69b beginnt mit einem sanften, sanglichen Thema für die Solovioline, begleitet von gehaltenen Akkorden der gedämpften Orchesterstreicher. Dieses Material bildet die Grundlage des ersten Teils des Werks, dessen anfänglich ruhig-gelassene Stimmung von einem gehauchten Cis in Kontrabässen und Pauken subtil bedroht wird. Aus dem 6/4-Takt des Beginns wird ein Zweiertakt mit einem lebhafteren, punktierten Thema des Solisten über triolischer Sechzehntelbegleitung in einem Abschnitt, in den wiederum das geflüsterte Cis eindringt, bevor das Anfangsthema kurz zurückkehrt. Noch einmal erklingt der punktierte Rhythmus; das tiefe Cis kündigt schließlich die Wiederkehr des (unbegleiteten) Hauptthemas an, bevor die Serenade in fröhlich-optimistischer Stimmung ausklingt.

Der norwegische Komponist Christian August Sinding, einer früheren Generation hauptsächlich durch sein Klavierstück Frühlingsrauschen in Erinnerung geblieben, wurde 1856 in Kongsberg in eine kulturbeflissene Familie geboren. Er ließ sich zunächst als Geiger ausbilden und studierte bei H. Schradieck am Leipziger Konservatorium, wo auch Carl Reinecke und Salomon Jadassohn zu seinen Lehrern zählten. Während seines vierjährigen Leipzig-Aufenthalts verlagerte sich sein Interesse von der Violine zur Komposition. Er wurde ein äußerst produktiver Komponist und schuf zahlreiche Werke, von denen die meisten der deutschen Spätromantik verpflichtet sind. Sein eigentliches Debüt als Komponist fand 1882 in Oslo mit der Aufführung eines Klavierquintetts statt. Ab 1880 bezog er ein Staatsstipendium, und 1924 überließ man ihm die Wergelandsgrotte im Osloer Schlosspark als Ehrenwohnung. Zuvor hatte er die Wintermonate seit 1874 gewöhnlich in Deutschland zugebracht, während er im Sommer nach Åsgårds-strand in Norwegen zurückkehrte.

Sinding hinterließ drei Violinkonzerte. Das erste, sein Violinkonzert a-Moll op. 45, entstand 1898. Fröhlich-ausgelassen beginnt der erste Satz, dessen ausdrucksvolles Hauptthema zu einem eher lyrischen, solistisch dankbaren Seitengedanken überleitet. Danach kehrt das thematische Material des Beginns zurück und beendet den Satz mit einem Schlussakkord, der bereits den dunkleren Charakter des langsamen Satzes ankündigt. Dieser Satz wird von einem schön gearbeiteten Hauptthema getragen, das vom Solisten in ruhig-gelassenem Gestus entwickelt wird. Ohne Pause folgt das lebhafte Finale mit variierten, romantischen Kontrast und thematische Reminiszenzen enthaltenen Episoden, bevor das Konzert energisch ausklingt.

Die Romanze D-Dur op. 100 vollendete Sinding 1910. Wie viele seiner anderen Werke zeichnet es sich durch die in Leipzig erworbene technische Meisterschaft, vollendete Instrumentierung und lyrischen Charme aus. Vom Skandinavien eines Sibelius trennen es allerdings Welten.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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