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8.223162 - PFITZNER: Piano Concerto / Das Christelflein Overture
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Hans Pfitzner (1869-1949)
Klavierkonzert in Es-dur Op. 31

Hans Pfitzner gait im Deutschland der Zwischenkriegszeit als der bedeutendste Komponist seiner Generation neben Richard Strauss. Doch konnte sein Schaffen durch die eigentümliche Querständigkeit Pfitzners in Zeit und Umwelt, von einzelnen Ausnahmen wie dem "Palestrina" abgesehen, keinen dauerhaften Platz im Repertoire erringen. Es gehört ähnlich der Musik seiner Generationsgenossen Max Reger, Franz Schreker oder Alexander Zemlinsky zum reichen Fundus wertvoller "Spätromantik", deren Nue-und Wiederentdeckung gerade erst begonnen hat.

Die Ursachen des kaum über Pfitzners Tod hinausreichenden Echos seiner Musik sind ebenso im biographischen wie in der Sache selber zu finden. Pfitzner war ein galliger Idealist, der sich. höchst sensibel und verletzlich, ständig an der Welt rieb und in zahlreichen Kunststreitereien mit beißendem Sarkasmus Rundumschläge von bitterböser Schärfe austeilte. Auch machte er sich durch seine national grundierte Weltanschauung über den Tod hinaus mehr Feinde als Freunde. Vor allem aber wirft seine Musik selber, obwohl ihr Kunstwertnie in Frage stand, noch heute einige Rezeptionsprobleme auf; denn sie mutet auf weite Strecken merkwürdig knorrig und herb an. Zwar ist sie in der Harmonik konservativ tonal. Doch wegen ihrer oft "typisch deutschen" Innerlichkeit und vergrübelten Dichte erschließt sie sich kaum je auf Anhieb, sondern meist erst nach intensivem Einhören.

Das Klavierkonzert in Es-dur Op. 31, Pfitzners einziger Beitrag zur Gattung und sein erstes größeres Werk in einer der klassischen Formen der Orchestermusik, entstand im Jahre 1922. Fünf Jahre zuvor hatte Bruno Walter in München die Musikalische Legende "Palestrina" zur Uraufführung gebracht; zu Anfang des Jahres war bei einer "Pfitzner-Woche" in Berlin die Eichendorff-Kantate "Von deutscher Seele" zum erstenmal erklungen. Der 53jährige Pfitzner stand im Zenit seines Ansehens und Schaffens. Sein Konzert, dessen Partitur er im Laufe des Sommers neben zahlreichen Dirigierverpflichtungen niederschrieb, weist durch die Haupttonart Es-dur und die heroische Geste seines Anfangs deutlich auf Beethovens Opus 73 und durch die Viersätzigkeit auf Brahms' B-dur-Werk Opus 83 zurück; es knüpft damit beinahe demonstrativ an die Tradition des “sinfonischen” Konzerts und ihrer klassisch-romantischen Gipfelwerke an.

Dabei scheint Pfitzner als kompositorische Grundidee vorgeschwebt zu haben, dem konzertanten Musizieren durch möglichst kontrastreiche Anlage seiner Musik ein weites Ausdrucksspektrum zu öffnen. So folgt im ausgedehnten ersten Satz auf das “pomphaft, mit Kraft und Schwung” vorzutragende Hauptthema in Es-dur ein h-moll-Seitensatz in entgegengesetzter Stimmungslage und Satzweise – “bedeutend langsamer, sehr empfindungsvoll, schwer und ernst” schreibt Pfitzner vor. Die Durchführung des traditionell sonatenförmigen Satzes setzt ähnlich einen lyrisch-rhapsodischen Soloteil einem zeremoniös-strengen Marsch des Tutti entgegen, der in langer Steigerung zur (in E-dur beginnenden) Reprise führt. An diesen faustisch-sucherischen schießt sich in extremem Gegensatz ein “heiterer Satz" in “einheitlich atemlosen Zeitmaß” an, dessen fernes Vorbild das unbeschwerte Scherzo aus Saint-Saëns g-moll-Konzert gewesen zu sein scheint. Ein zweites Gegensatzpaar bildet der “versonnene, schwärmerische” langsame Satz an dritter Stelle und das derb-humorvolle, “ungeschlachte” Finale von locker-aufgeräumter Satzweise, in das Pfitzner durch die kurz vor Schluß einsetzende “Cadenz in Fugenform” als letzten Gegensatz die Kontrastspannung zwischen Homophonie und strenger Vielstimmigkeit einbrachte.

Die Uraufführung des Klavierkonzerts von Pfitzner fand am 16. März 1923 in Dresden statt, nur wenige Monate nach Beendigung der Komposition am 13. November 1922. Walter Gieseking war der Solist, Fritz Busch dirigierte. Gieseking spielte auch anderthalb Jahre später die Berliner Erstaufführung unter Wilhelm Furtwängler und setzte sich in den folgenden Jahren so energisch für das Werk ein, daß Pfitzner bedauerte, es ihm nicht gewidmet zu haben; 1941 gab er seiner Dankbarkeit durch die Zueignung seiner Fünf Klavierstücke Op. 47 Ausdruck.

Ingo Harden


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