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8.223203 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 3
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II, der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

"Berglieder", Walzer, op. 18
Der Tiroler Gastwirt Franz Lechner hat seine Landsleute für den 18. August 1845 zu einem "außerordentlichen Tyroler-Freudenfest" in die Meierei auf dem Tivoli eingeladen, deren Pacht er kurz zuvor übernommen hatte. Das Etablissement auf dem "Grünen Berg" in der Nähe des Schlosses Schönbrunn war ein wenig aus der Mode gekommen: die Zeit war längst vorüber, in der ein findiger Unternehmer über den Hang des Hügels eine Abfahrt für noble Kutschen arrangiert und damit das Publikum in Scharen in die sonst recht einsame Gegend gelockt hatte. (Johann Strauß-Vater komponierte damals u. a. den "Tivoli-Rutsch-Walzer", op. 39.) Nun veranstaltete Lechner also ein Freudenfest für die in Wien lebenden Tiroler und für alle ihre Freunde: die Erinnerung an den Nationalhelden des Freiheitskrieges im Jahre 1809, Andreas Hofer, wurde dabei beschworen und eine großartige Festkulisse war aufgebaut worden. Für die bei einem solchen Fest unerläßliche Musik war neben einer Militärkapelle der junge Musikdirektor Johann Strauß mit seinem Orchester aufgeboten worden.

Die Spekulation des Gastwirts auf einen Massenbesuch ist glänzend aufgegangen: am 21. August konnte die "Theaterzeitung" berichten, daß mehr als dreitausend Besucher zu dem Feste gekommen waren, das am Nachmittag begann und bis in die Nacht hinein dauerte. Es war die erste Großveranstaltung, bei der Strauß-Sohn mit seiner Kapelle mitwirken konnte – und er hat sich auch sorgfältig auf dieses Ereignis vorbereitet. Sein, für diesen Anlaß komponierter Walzer, "Berglieder", weckt gleich mit dem ersten Hornruf die Erinnerung an die Alpenregion Tirols, und die Hornmelodie des ersten Walzers in den "Bergliedern" verstärkt diese Impression entschieden. Strauß hat bald darauf für diesen Walzertypus einen eigenen Namen gewählt: Walzer im Ländlerstyl. Die Kette dieser Kompositionen, die eigentlich bis zu den "Geschichten aus dem Wienerwald" (komponiert 1868) reicht, beginnt mit den "Bergliedern", obwohl bei diesem Werk nur "Walzer" auf dem Titelblatt steht. In der Gliederung des Werkes zeigte der junge Strauß bereits seine künftige Meisterschaft: in raschem Wechsel ziehen die Motive im Dreivierteltakt vorüber. Etwas überschwenglich, wie es im Biedermeier in Wien üblich gewesen ist, urteilte die "Theaterzeitung" über die "Berglieder": "Höchst charakteristisch mahnen sie an die Hochlande mit ihren jubelnden Weisen, und wenn man die Frische und Originalität der Gedanken, das Lusterweckende in ihnen, die höchst treffliche Instrumentation und die exakte und präcise Aufführung von Seite des Orchesters zusammenrechnet, so gibt das Resultat einen Walzer, den das musikalische Walzergedächtnis seinen unvergesslichen anreihen und zu seinen gelungensten zählen wird." Am 18. August 1845 mußte er viermal wiederholt werden.

"Jux-Polka", op. 17
Der 24. Jänner 1846 war ein bedeutender Tag in der Geschichte der Walzer-Dynastie Strauß: andiesem Tage wurde Strauß-Vater vom allerhöchsten Kaiserhof der eigens für ihn geschaffene Ehrentitel, Hofball-Musikdirektor, verliehen. Er hat ihn bis zu seinem Tod im Jahre 1849 in Ehren getragen, ab dem Jahr 1863 ist er dann an seinen Sohn Johann, ab 1871 (bis 1901) auch noch an Eduard Strauß übergegangen. Am selben 24. Jänner 1846 hatte der junge Strauß die Musik bei einem Industrieball in den Sträußl-Sälen in der Josephstadt zu bestreiten: dort, im Gebäude des Theaters in der Josephstadt, in dem u. a. die Sängerin Jetty Treffz bei zahlreichen Festen zu finden war, verkehrten die Sänger und Schauspieler Wiens, aber das Lokal war neben Dommayers Casino in Hietzing auch ein Treffpunkt der ausgelassenen Jugend, die sich zu unterhalten wünschte, wenn auch die wirtschaftliche Lage in der Kaiserstadt immer schlechter wurde. Gerade von der Industrie erwartete man übrigens einen neuen Aufschwung.

Für diese optimistische Jugend hat Johann Strauß seine übermütige "Jux-Polka" geschrieben und diese beim Industrieball in den Sträußl-Sälen zum ersten Male vorgeführt. Vielleicht war ihm auch persönlich nach einem Jux zu Mute: die Zeitungen hatten nämlich soeben gemeldet, er werde sich mit der jungen Tänzerin Kathi Lanner, der Tochter des damals unvergessenen Musikdirektors Joseph Lanner, verheiraten. Das war eine Meldung, die völlig frei erfunden worden war: weder Kathi noch Jean fühlten sich damals reif für das "Joch der Ehe"! So blieb es eben vielleicht! – bei der "Jux-Polka".

"Wiener Punch-lieder", Walzer, op. 131
In die Kette seiner Walzer im Ländlerstil, wie Johann Strauß-Sohn sie ab dem Jahre 1851 vor allem für die gemütlichen "Strauß-Bälle" (Benefiz-Bälle) im Etablissement "Zum Sperl" in seinem Heimatbezirk Leopoldstadt komponiert hat, hat der Komponist im Jahre 1853 ein Werk mit dem Titel "Wiener Punch-Lieder" aufgenommen und es dem Redakteur des vielgelesenen Blattes "Humorist", Moritz Gottlieb Saphir, zugeeignet. Von Saphir stammt auch das Motto, das bei der Erstausgabe des Walzers auf dem Titelblatt zu lesen war: "Um des Lebens rohen Teig zu salzen, laßt uns lieben, singen, tanzen, walzen." Der Titel des Walzers steht ebenfalls in Verbindung mit der Widmung an den in Wien nicht allzu beliebten Redakteur Saphir, dem allerdings die Brüder Strauß für etliche Gefälligkeiten dankbar sein wollten. Die Zeitschrift "Humorist" ist nämlich vorübergehend mit einer Beilage "Wiener Punsch" erschienen. Der Verleger Carl Haslinger änderte bei der Herausgabe des Werkes den Titel dahingehend ab, daß sich der Walzer an dem Vorbild des kurzlebigen Witzblattes in der Donaumonarchie, nämlich an der englischen Zeitschrift "Punch" orientierte. So wurde aus dem "Wiener Punsch" eben der etwas seltsame "Wiener Punch"! Die Walzerpartie Johanns ist ein genialer Wurf, der in nurzwei Tagen aufgeschrieben worden ist. Darüber berichtete Eduard Strauß anno 1906 in seinen "Erinnerungen": "Johann war (...) der flinkste Instrumentator. So instrumentierte er für sein am Faschingmontag im Vergnügungsort 'Sperl’ bestimmtes Benefiz einen Walzer, "Punschlieder" (Anm.: Eduard verwendete also ganz selbstverständlich den ursprünglichen, wienerischen Titel!) betitelt, samt Introduction und Coda in zwei Tagen, jedoch bei einer Arbeitszeit von nur vier Stunden am ersten und fünf Stunden am zweiten Tag. Gewiß eine außerordentliche geistige wie physische Leistung." Nun ja, wie hat Strauß später selbst gesagt: "Es mußte einem eben etwas einfallen!" Der Walzer, der am 7. Februar 1853 im "Sperl" uraufgeführt worden ist, zeigt sehr schön, wie rasch und einfach ein Meisterwerk zu schaffen war. Wenn einem etwas einfiel...

"Dämonen-Quadrille", op. 19
Der großzügige Gastwirt Ferdinand Dommayer bewilligte Johann Strauß am Jahrestag des ersten Auftretens in seinem, Dommayers, Casino in Hietzing einen außerordentlichen Benefiz-Abend. Diese Veranstaltung deren Ertrag die Kasse des jungen Musikdirektors auffüllen sollte, wurde am 15. Oktober 1845 abgehalten und brachte einen recht günstigen Erfolg. Das Fest veranlaßte die Zeitschrift "Der Sammler" zu einer Rückschau, in der es u. a. Hieß:

"Ein Jahr ist eine kurze Zeit, und es gehört viel dazu, um bei dem im Gebiete der Tanzmusik kompetenten und streng richtenden Publikum Wiens Fuß, und umso mehr festen Fuß zu fassen, besonders nach einer Zeit, wo man Lanner (gestorben 1843) nicht vergessen konnte und bei aufkommenden Talenten der Maßstab des schon Gewordenen und Vollendeten angelegt wurden. Hat Strauß Sohn alle diese Feuerproben durchgemacht, so muß er ein schützendes Amoulett gehabt haben, und diese ist seine Komposition, sein exaktes Orchester und sein Fleiß in Begleitung des schönsten Anklanges und Erfolges beim Publikum."

Johann Strauß, der Sohn, hat wohl nicht an einen Glückstern geglaubt, der ihn im ersten Jahr seines Wirkens in der Öffentlichkeit begleitet hätte. Jedenfalls sah er am Jahrestag seines Debüts keinen Anlaß für überschwenglichen Jubel. Er legte vielmehr eine frappierende "Dämonen-Quadrille" auf die Pulte seiner Musiker: ein schwieriges, anspruchsvolles Werk, das sich, so meint man, an Hektor Berlioz orientiert hat, von dem damals in Wien viel die Rede war. Vielleicht wollte Strauß gerade am Jahrestag seines Debüts beweisen, daß er mehr konnte, als eine Walzerpartie nach der anderen und immer neue Polkatänze zu komponieren und aufzuspielen; vielleicht schrieb er sich mit dieser Quadrille die bangen Gedanken über seine Zukunft von der Seele. Wir wissen es nicht; Strauß hat stets den Grundsatz befolgt: "Bilde, Künstler, rede nicht!" Die Zeitgenossen urteilten über die "Dämonen-Quadrille": "(...) sowohl die charakteristische Intrumentation als auch die Melodien, besonders das überaus vorzügliche Finale machten diese Quadrille zu einer der gelungensten und schönsten, welche das Publikum auch durch stürmischen Applaus anerkannte."– ("Der Sammler")

"Freuden-Gruß-Polka ", op. 127
Als Johann Strauß am 17. Jänner 1853 nach seiner schweren, lebensgefährlichen Erkrankung zum ersten Male im Sofienbad-Saal erschien, um bei seinem eigenen Ball (Benefiz-Ball) wenigstens eine Zeitlang die Musik zu leiten, brachte er zwei Widmungskompositionen mit: den Walzer "Phönix-Schwingen" (op. 125) und eine Polka, die er als "Freuden-Gruß-Polka" bezeichnete. Das elegante und heitere Werk war als tiefempfundener Gruß an das Publikum gedacht; dieser Gruß wurde aber auch von der Seite seiner Anhänger mit Begeisterung erwidert: Strauß war nun schon der liebling der tanzfreudigen und der musikverständigen Wiener geworden.

"Liebes-lieder", Walzer, op. 114
Der Frühling 1852 war für Johann Strauß eine glückliche Zeit. In den zweieinhalb Jahren, die seit dem Tod seines berühmten Vaters verstrichen waren, hatte er sich in der Gunst des Wiener Publikums in souveräner Art und Weise durchgesetzt. Während des Faschings 1852 war er zum ersten Male aufgefordert worden, bei mehreren Kammerbällen und beim zweiten Hofball die Musik zu leiten. Die kritische "Theaterzeitung" veröffentlichte am 27. Mai eine ausführliche Würdigung seines Wirkens als Musikdirektor und als Komponist und kam zu dem Urteil:

"Es stellt sich nun auf das Bestimmteste heraus, daß Strauß-Vater in Strauß-Sohn vollkommen ersetzt ist."

In dieser glücklichen Periode des Aufschwungs und der öffentlichen Anerkennung schrieb Strauß mehrere Kompositionen, die als "erste Meisterwerke von bleibendem Wert und unvergänglicher Schönheit" bezeichnet werden können. Dazu gehört der Walzer, der zuerst unter dem Titel "Liebesgedichte" angekündigt wurde; bei der Uraufführung am 18. Juni 1852 verwendete Strauß die Bezeichnung "Liebesständchen" und schließlich ist das Werk als "Liebes-Lieder-Walzer" im Druck erschienen. Anmutige Melodien werden darin im freien, kühnen Spiel der Harmonien dargeboten. Dieser Walzer gefiel sogar dem gestrengen Kritiker Eduard Hanslick so sehr, daß er in einem Bericht über das Musikleben der Kaiserstadt, der in der "Wiener Zeitung" erschienen ist, den Satz einfließen ließ:

"Jenen mißlaunigen Altertümlern, deren Einseitigkeit so weit geht, selbst die Tanzmusik unserer Zeit tiefgesunken zu sehen, sollte man mit beschämender Großmut des jüngeren Strauß 'Liebeslieder" zum Ständchen bringen."

"Vergnügungszug", Polka schnell, op. 281
Nach seiner Rückkehr aus Rußland, wo er den Sommer über wieder als Kapellmeister der russischen Eisenbahngesellschaft im Vauxhall von Pawlowsk konzertiert hatte, übernahm Johan Strauß im Fasching 1864 wieder die Musik bei einigen Nobelbällen in Wien. Für den Ball der Industriellen Gesellschaften, der am 19. Jänner 1864 im Redoutensaal der Hofburg abgehalten worden ist, hatte er eine Schnellpolka mit dem Titel "Vergnügungszug" vorbereitet, denn die damals noch gewinnbringenden Eisenbahnen gehörten neben den Banken und einigen Aktiengesellschaften im Bereich der Industrie zu jenen Industriellen Gesellschaften, die größten Wert darauf legten, alljährlich mit einem festlichen Ball in der Hofburg ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Rolle in der Monarchie zur Schau zu stellen.

Die erste Dampfeisenbahn auf dem Boden des Kaisertums Österreich war am 14. November 1837 in Betrieb genommen worden: seitdem war das Schienennetz planmäßig ausgebaut worden. Um das Jahr 1860 kam dann (wie wir heute sagen) der Tourismus allmählich in Gang: um die Reiselust zu wecken oder zu steigern, wurden sogenannte "Vergnügungszüge" mit attraktiven Zielbahnhöfen eingeführt, zum Beispiel ein "Train de pläsir" zwischen Wien und Paris. Darauf bezieht sich der Titel der Schnellpolka von Johann Strauß, in der auch das damals übliche Hornsignal zu hören ist, mit dem die Züge zur Abfahrt freigegeben worden sind. Allerdings, so muß man wohl konstatieren, war das Tempo der Züge damals bei weitem noch nicht so rasant wie jenes der Polka von Johann Strauß. Er war eben seiner Zeit weit voraus, der flotte Jean!

"Satanella-Quadrille", op. 123
Am 11. Jänner 1853 übernahm das k. k. Hofoperntheater nächst dem Kärntnerthor in Wien die Inszenierung des fantastischen Balletts "Satanella oder Die Metamorphosen", Choreographie Paul Taglioni, Musik von Peter Ludwig Hertel und Cesare Pugni vom Berliner Hoftheater. Trägerin der Titelrolle war die Tochter des Ballettmeisters, die anmutige und temperamentvolle Marie Taglioni. Das Werk hatte sensationellen Erfolg, vor allem als Folge der idealen Darstellung der Satanella durch Marie Taglioni. Noch Jahrzehnte später schwärmten die Kenner von dieser Aufführung und meinten, die Leistung der Taglioni sei von keiner ihrer Nachfolgerinnen mehr erreicht worden.

Johann Strauß hatte diesen Erfolg vorausgesehen; er kannte ja Werk und Aufführung von Berlin her. Er arrangierte daher, wohl auch selbst begeistert von der Schönheit und Anmut der Marie Taglioni, sofort nach der Wiener Premiere des Balletts einen "Satanella-Ball" im Sofienbad-Saal, und zwar am 26. Jänner 1853. Für diesen Festball, bei dem das "persönliche" Erscheinen der Künstlerin in Aussicht gestellt wurde, schrieb Strauß eine Polka und arrangierte aus den Motiven der Ballettmusik auch eine "Satanella-Quadrille". Bei der Uraufführung der beiden Werke fehlte allerdings die Künstlerin, der sie gewidmet worden waren: Marie Taglioni ist – wohlbehütet von ihren Eltern – zur grenzenlosen Enttäuschung von Johann Strauß, aber auch ihrer rasch gewonnenen Wiener Verehrer, bei "ihrem" Ball nicht erschienen. Es blieb aber bei der Widmung auf dem Titelblatt der Erstausgabe der "Satanella-Quadrille": neben der Abbildung einer Ballettszene stehen die Worte: "Dergefeierten Künstlerin Maria [!] Taglioni".

"Die Österreicher", Walzer (im Ländlerstil), op. 22
Es war für Strauß-Sohn eine Genugtuung, daß er schon im ersten Jahr seines Wirkens als Musikdirektor in jenes Etablissement verpflichtet wurde, das sein Vater als die "Wiege seines Ruhmes" bezeichnete, in den "Sperl". Das Unternehmen hatte im Frühling 1845 einen neuen Pächter erhalten und dieser meinte, auf den "alten" Strauß verzichten und an seine Stelle den Sohn setzen zu können. Strauß-Vater hatte damals soviele andere Verpflichtungen, daß er – wenn auch gewiß schweren Herzens – auf das Engagement im "Sperl" verzichtete. Aber der junge Strauß konnte sich gerade in diesem Unternehmen vorerst nicht behaupten: "sein" Publikum, das er bei Dommayer in Hietzing und in den Sträußlsälen um sich versammelte, war ihm nicht in die Leopoldstadt gefolgt. Der "Sperl" blieb daher allzu oft leer – und dadurch konnte sich auch der Pächter nicht halten, der Strauß-Sohn engagiert hatte. So hieß es im Herbst 1845 wieder vom "Sperl" Abschied nehmen: beim traditionellen "Katharinenball" des Jahres 1845, der im "Sperl" am 23. November abgehalten worden ist, spielte der Sohn (vorläufig!) zum letzten Male in diesen Räumen. Als Festgabe hatte er noch einen neuen Walzer (im Ländlerstil) mitgebracht: "Die Österreicher" hieß das Werk und enthielt Motive; die an die Volksmusik im Kernbereich der Donaumonarchie erinnern, also an Niederösterreich, die Steiermark und an das Land an der Enns.

"Aesculap-Polka", op. 130
Die "Aesculap-Polka" wardie erste Widmungskomposition des jungen Johann Strauß für die traditionsreichen Bälle der Hörer der Medizin an der Wiener Universität, also für die Faschingsfeste des Ärztestandes der Donaumonarchie: sie war für den Ball am 25. Jänner 1853 bestimmt und wurde an diesem Abend von Strauß selbst im Etablissement "Sperl" aufgespielt. Auch in diesem Falle übernahm der Sohn die Nachfolge des Vaters, der während seines Wirkens in der Kaiserstadt an der Donau eine ganze Reihe von Ballwidmungen für die Medizinerbälle komponiert hatte, zum Beispiel anno 1846 die "Epionen-Tänze" (op. 190). Wie seinem Vater schrieben die Veranstalter des Balles nun auch ihm den Titel für seine Widmungskomposition vor. Im Jahre 1853 wünschten sie den griechischen Gott Asklepios (lateinisch: Aesculapius) gleichsam als Schirmherrn ihres Balles: sie dachten dabei wohl an die ungewöhnlichen, ja übernatürlichen Heilkräfte, über die Aesculap verfügte. Daß Zeus ihn dafür durch einen Blitz hatte erschlagen lassen, blieb außer Betracht. Aesculap war nun einmal der Gott der Heilkunde.

"Lind-Gesänge", Walzer, op. 21
Die aus Schweden stammende, in Paris ausgebildete Sängerin Johanna (Jen ny) Lind (1820-1887) ist in Wien zum ersten Male am 22. April 1846 im Theater an der Wien aufgetreten, und zwar in der Titelrolle der Oper "Norma" von Vincenzo Bellini. Ihr seelenvoller Gesang, der ihr damals schon den Namen "Schwedische Nachtigall" eingetragen hatte, begeisterte auch in der Kaiserstadt an der Donau das Theaterpublikum – und die beiden Strauß, Vater und Sohn! In jeder Rolle, in der die Lind sich später in Wien hören ließ, aber auch als Liedsängerin (in einem Konzert mit Clara und Robert Schumann) feierte die 26jährige Künstlerin neue Triumphe.

Zu den zahlreichen Feiern, die zu Ehren Jenny Linds damals in Wien veranstaltet wurden, gehörte auch eine Festsoiree am 28. Mai 1846 in Dommayers elegantem Casino in Hietzing. Bei dieser Gelegenheit spielte der junge Musikdirektor Johann Strauß seinen Huldigunswalzer für die Künstlerin auf: wie alle Wiener war auch Strauß von dem sanften Wesen des schüchternen Mädchens Jenny ebenso beeindruckt wie von der künstlerischen Intensität, mit der sie auf der Bühne ihre Rollen gestaltete und im Konzertsaal ihren Liedvortrag beseelte. Das kommt auch in den sanften, wiegenden Motiven vor allem des ersten Walzers, der "Lind-Gesänge", sehr schön zum Ausdruck. Bei der Erstausgabe dieses Walzers "Lind-Gesänge" war ein Porträt der Künstlerin auf dem Titelblatt zu sehen.

"Amazonen-Polka", op. 9
Im Fasching 1845, also während der ersten Ballsaison des jungen Musikdirektors, blieb Johann Strauß tief im Schatten seines berühmten Vaters. Der "alte" (freilich erst 41jährige) Strauß spielte täglich mit einem stark vergrößerten, mehrfach geteilten Orchester bei allen repräsentativen Bällen in Wien auf; dem Sohn blieben nur Dommayers Casino in Hietzing und die kleinen Sträußel-Säle neben dem Theater in der Josephstadt. Umso mehr bemühte sich der junge Strauß, durch möglichst sensationelles Arrangement seiner Bälle Aufmerksamkeit zu erregen und vor allem ein junges Publikum anzulocken. Für einen solchen Anlaß schrieb Strauß seine fröhliche, spritzige "Amazonen-Polka" Das aus der griechischen Mythologie bekannte Volk der weiblichen Krieger hat auch damals die Phantasie vor allem der jungen Mädchen beschäftigt. Eine "Amazonen-Polka" war sofort "ihre Polka" und so haben sie gewiß mit großem Vergnügen zu diesem Werk getanzt. Die große Öffentlichkeit allerdings hat die "Amazonen-Polka" des jungen Strauß kaum zur Kenntnis genommen: so blieb auch der genaue Tag ihrer ersten Aufführung im Fasching 1845 unbekannt.


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