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8.223204 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 4
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Hopser-Polka, Op. 28
Johann Strauss-Sohn wusste genau. was er "seinem Publikum" schuldig war und welche Taenze es von ihm hoeren wollte: mochte sich das Buergertum und mit ihm einegrosse Mehrheit der Wiener und der Bewohner der Vorstaedte rings um die damals noch mauerumguertete Kaiserstadt in den Jahren 1845/46 bei den Konzerten und Baellen seines Vaters einfinden; – er betreute seine Anhaenger mit flotten. spritzigen Walzern und vor allem mit den gerade aktuellen Modetaenzen. Fuer den "Grazienball" am 6. September 1846, der in den Straeussl-Saelen beim Theater in der Josefstadt abgehalten worden ist, brachte er also eine "Hopser- Polka" mit. In den Strauessl-Saelen, die es ja heute (vielfach umgebaut und entscheidend verkleinert) im Gebaeude des Theaters in der einstigen Vorstadt Josefstadt noch gibt, fand sich zur Zeit jenes Balles, dem Strauss der Theatersphaere zuliebe den Namen "Grazienball" gegeben hatte, vor allem ein Publikum aus Kreisen der Kuenstler – also der Schauspieler, der Musiker sowie ihrem Anhang – ein.

Die Widmungskomposition des jungen. etwa 21jaehrigen Johann Strauss huldigte allerdings nicht den Grazien, jenen drei mythologischen Schwestern, die als Inbegriff von Schoenheit, Anmut und Charme im Bewusstsein des Abendlandes zum festen Begriff geworden sind, sondern bot der Jugend Anlass zu einem ausgelassen froehlichen, uebermuetig lustigen Tanz. Aus heutiger Sicht kann man den "Hopser", bei dem der Spring-Schritt der Polka moeglichst drastisch uebertrieben worden ist, als eine Art "Rock'n Roll" aus der Endzeit des Biedermeiers charakterisieren. Ein "Hopser", getanzt (moeglichst in einem Frack aus Sackleinwand bzw, in einem Kostuem, das eigentlich nur aus einem Schal bestand!), dass die Haare flogen und das Parkett im Ballsaal erzitterte, das war etwas, das man bei den Baellen von Strauss-Vater nicht kannte. Das war ein Trumpf des jungen Strauss!

Serail-Taenze, Walzer, Op. 5
Wie die "Cytheren-Quadrille". Op. 6, hat Johann Strauss auch seine Walzerpartie "Serail-Taenze" bei seinem Benefiz-Konzert am 19. September 1844 in Dommayers Casino in Hietzing zum ersten Malevorgefuehrt. Der junge Strauss, der damals ja erst vor fuenf Wochen als Musikdirektor und Komponist vor das Publikum getreten war, gab dem ersten Fest, dessen Reingewinn er selbst kassieren konnte, den Titel: "Ein Abend der Heiterkeit". Um die Veranstaltung fuer die Jugend besonders interessant erscheinen zu lassen, wurde fuer eine Ausschmueckung des Saales gesorgt, die den Reiz des Exotischen fuer die Besucher hatte. Wer Phantasie besass, konnte sich als Gast des Sultans im Serail von Konstantinopel fuehlen, und von den angeblichen oder tatsaechlichen Geheimnissen in einem Palast im Orient (vor allem natuerlich im Harem) traeumen. In der Musik des Walzers regiert allerdings das "Wienerische": in diesem Serail tanzte man also nach der Tradition der Kaiserstadt an der Donau, zu Melodien, wie man sie in Wien von einem Strauss erwartete. Das flotte Motiv im Marschrhythmus, das die Introduktion des Walzers beherrscht, gehoerte zu den populaersten Melodien des jungen Strauss: es ist auch Kapellmeister Adolf Mueller jun. im Ohr geblieben; er hat es im Jahre 1899 bei der Introduktion zu der von ihm gestalteten Operette "Wiener Blut" verwendet.

Austria-Marsch, Op. 20
Die erste Anerkennung, die dem jungen Kapellmeister Johann Strauss-Sohn nach seinem Debut im Oktober 1844 zuteil wurde, war die Ernennung zum Kapellmeister des zweiten Buergerregiments. In dieser Funktion, die allerdings mit keinerlei Einnahmen verbunden war, sondern nur als Ehrung empfunden werden konnte, war Strauss Nachfolger des im Jahre 1843 verstorbenen Joseph Lanner und – im gleichen Range wie sein Vater. Johann Strauss war naemlich der Kapellmeister des ersten Buergerregiments. Es ereignete sich also, dass die beiden Strauss, die im Berufsleben in schaerfester, spannungsgeladener Konkurrenz zueinander agierten. bei festlichen Anlaessen, bei denen die Buergerregimenter paradierten, an der Spitze ihrer Kapellen nebeneinander Aufstellung nehmen mussten. Ein solcher Fall ereignete sich am 19. April 1846 anlaesslich eines Kaiserjubilaeums in Wien. Die beiden Buergerregimenter traten dabei in ihren prachtvollen Uniformen vor die Oeffenlichkeit, und bei der anschliessenden Parade marschierte das zweite Buergerregiment, allen voran Strauss-Sohn mit Helm und Federbusch, zu den Klaengen eines Marsches, der zur Feier des Tages den patriotischen Titel "Austria-Marsch" erhalten hatte. Das Ereignis wurde als Sensation empfunden und in einer Zeichnung festgehalten, die spaeter in der Sammlung des Strauss-Schwagers Josef Simon aufbewahrt und im "Illustrirten Wiener Extrablatt" veroeffentlicht worden ist.

Veichen-Polka, Op. 132
Ein Gruss des jungen Strauss an den Fruehling 1853 war die "Veilchen-Polka", eine zierliche Miniatur im Tanzrhythmus, die am 1. Mai bei einem Fruehlingsfest im Etablissement "Sperl" zum ersten Male erklungen ist. Johann Strauss war von seiner schweren, lebensgefaehrlichen Krankheit an der Jahreswende 1852/1853 soweit hergestellt, dass er seinem Beruf als komponierender Musikdirektor wieder mit neuer Kraft und Lebensfreude nachgehen konnte. Vielleich hat er den Fruehling in diesem Jahr besonders herbeigesehnt und einem der ersten, bescheidenen Fruehlingsboten, eben dem Veilchen, diese kleine, aber kostbare Polka gewidmet. Eine zeitgenoessiche Rezension stellte fest: "Sie ist so duftig wie ihr Name."

Spaeter ist dieses Werke ein wenig in Vergessenheit geraten, auch die Strauss-Kapelle hat es nur noch selten aufgefuehrt. Aber die Wiederentdeckung der "Veilchen-Polka" ist wohl nur noch eine Frage der Zeit...

Knall-Kuegerln, Walzer, Op. 140
In den fruehen Fuenfzigerjahren spielte der junge Musikdirektor Strauss mit seiner Kapelle den Sommer ueber in der grossen Bierhalle vor der Mariahilfer Linie (im heutigen Bezirk Fuenfhaus) und in den noch groesseren Gaerten des populaeren Etablissements den Gaesten auf. Er setzte damit eine Tradition fort, die Joseph Lanner begruendet hatte; denn Lanner hatte als erster "prominenter" Musikdirektor der Kaiserstadt in der Bierhalle Konzerte gegeben. Im Jahre 1853 hat Johann Strauss das Publikum fuer den 7. Juli zu seinem Benefiz-Konzert eingeladen und fuer diesen Abend ein reiches Musikprogramm sowie ein "brillantes Feuerwerk" des beruehmten Lust-Feuerwerkers Anton Stuwer versprochen. Als Hoehepunkt wollte Strauss an der Spitze seines, durch die Soldaten zweier Militaermusikkapellen und die Mitglieder einer weiteren Zivilkapelle auf insgesamt 224 Musiker verstaerkten, Orchesters und mit Stuwers Unterstuetzung das Spektakel-Tongemaeide "Die Schlacht bei Leipzig" von Philipp Jakob Riotte (d. i. die sogenannte "Voelkerschlacht" der Alliierten gegen Napoleon im Jahre 1813) auffuehren. (Diese war eine Art Gegenstueck zu Ludwig van Beethovens "Schlacht bei Vittoria") Aber am 7. Juli regnete es in Stroemen und das Fest musste auf 18. Juli verschoben werden. Doch auch an diesem Tage mischte sich in die Feuerwerksgranaten des Herrn Stuwer der Donner eines aufziehenden Gewitters und schliesslich mussten die zahlreichen Gaeste des Sommerfestes fluchtartig die Bierhalle verlassen. Fuer sein Benefiz-Konzert hatte Strauss aber nicht nur die Auffuehrung der "Schlacht bei Leipzig", sondern auch die Premiere eines Widmungswalzers mit dem Titel "Knall-Kuegerln" vorgesehen. Das Werk kam auch programmgemaess zur Auffuehrung. Es enthaelt gleich im ersten Walzer das (sanfte) Explodieren solcher Kuegerln, wie sie damals in Wien gern verwendet wurden. Es handelte sich um kleine, etwa erbsengrosse, hohle Glaskugeln, in denen sich eine Fluessigkeit befand: wenn man diese Kugeln ins Feuer warf oder ueber gluehende Kohle hielt, verwandelte sich die Fluessigkeit in Dampf und bewirkte, dass die duenne Glashuelle mit lautem Knall zersprang. Und diese Explosionen ahmte Strauss in seinem Walzer nach.

Als Strauss das Werk fuer seinen Verleger Haslinger ausschreiben liess, erinnerte er sich aber wohl auch an den Wolkenbruch, der sein Benefiz-Konzert so abrupt beendet hatte: in den letzten Takten der Coda klingt eine typische "Gewittermusik" an.

N. B.: Ueber dieses Benefiz, das ein Fest so recht nach dem Herzen des wohlhabenden Wiener Buergertums gewesen ist, gibt es ein praechtiges Feuilleton, das in der "Ost-Deutschen Post", Nr. 170, erschienen ist. Es ist ebenso kennenswert wie der Strauss-Walzer "Knall-Kuegerln".

Motor-Quadrille. Op. 129
Im Fasching 1853 fielen als Folge des Ablebens des populaeren Erzherzogs Rainer am 16. Jaenner in Bozen (Suedtirol) alle Ballveranstaltungen am oesterreichischen Kaiserhof und in den Adelspalaesten aus. Musikdirektor Johann Strauss, der damals bereits als neuer Walzerkoenig anerkannt worden war und dem daher die Leitung der Ballmusik bei diesen Veranstaltungen uebertragen wurde (nur die Hof- und Kammerbaelle musste er noch mit Philipp Fahrbach teilen), hatte also mehr Zeit, sich den uebrigen Faschingsveranstaltungen zu widmen. Es traf sich also ausgezeichnet, dass die seit den Jahrzehnten des Biedermeiers in Wien ueblich gewordenen Baelle der Berufsgruppen der Aerzte, der Juristen und der Techniker, die nach der Revolution des Jahres 1848 und deren Niederschlagung einige Zeit hindurch nicht abgehalten worden waren, nun wieder im Faschingskalender erschienen. Veranstalter dieser "Baelle der Korporationen" waren jeweils die Studierenden der entsprechenden Fakultaet an der (nach 1848 unter strengster Kontrolle des Staates stehenden) Wiener Universitaet. Die Studenten der Technischen Hochschule haben also fuer den 31. Jaenner 1853 zu ihrem Ball in den Sofiensaal eingeladen und bei Johann Strauss eine Widmungskomposition bestellt. Der Musikdirektor erschien auch puenktlich an der Spitze der Kapalle, brachte aber keinen Widmungswalzer mit, sondern eine Quadrille, die er unter dem Titel "Motor-Quadrille" den Gaesten aufspielte. Es handelte sich um eine der zahlreichen Kompositonen, mit denen Johann Strauss dem Zeitalter der Technik, das sich rasch in allen seinen Phaenomenen entwickelte, seinen Tribut geleistet hat. Ein direkter Bezug auf diese Phaenomene der Technik, wie er etwa in der "Elektromagnetischen Polka" oder im Walzer "Accelerationen" zu erkennen ist, findet sich in der "Motor-Quadrille" allerdings nicht.

Fuer den Kenner waere noch anzumerken, dass Themen dieser Quadrille im Finale des Balletts "Die blaue Donau" (1924), arrangiert von Roger Desormière, erscheinen.

Buergerball-Polka, Op. 145
In der Notzeit der Feldzuege gegen die Truppen Napoleons hatte Kaiser Franz I. zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Gruendung einer Buerger-Miliz und anderer (politischer) Organisationen des Buergertums in der Monarchie zugestimmt.

Fuer das Selbstbewusstsein des Mittelstandes in der Reichshaupt- und Residenzstadt an der Donau legten auch die waehrend der Aera des Biedermeiers eingefuehrten "Buergerbaelle" Zeugnis ab, sie waren alljaehrlich ein wichtiges, gesellschaftliches Ereignis. Im Revolutionsjahr 1848 verloren zwar die Wiener Buerger das Recht, eigene Miliz-Regimenter aufzustellen, aber der junge Kaiser Franz Joseph suchte das Buergertum dadurch fuer sich zu gewinnen, dass er fuer den wieder auflebenden, alljaehrlichen "Buergerball" den Festsaal seiner Residenz, den Redoutensaal der Hofburg, zur Verfuegung stellte. Aber die ersten dieser Veranstaltungen nach dem Jahre 1848 fielen noch vergleichsweise bescheiden aus: das Buergertum musste sich erst wieder etablieren. Daher widmete Johann Strauss, dem die Leitung des "Buergerballes" am 14. Februar 1854 uebertragen worden war, den Veranstaltern diesmal noch keinen Walzer (wie dies spaeter die Regel wurde), sondern "nur" eine Polka. Doch diese "Buergerball-Polka" aus dem Fasching 1854 erwies sich als besonders kostbar.

Dividenden, Walzer Op. 252
Im Laufe des Jahres 1860 wurde das alte Dianabad am Ufer jenes Donauarmes, der unmittelbar an den Stadtmauern Wiens vorbeigeflossen ist (und der heute Donaukanal heisst), modernisiert und nach dem Vorbild des Sofienbades fuer die Wintersaison in einen Ballsaal umgewandelt. Die Eroeffnung des erneuerten Bades (das nun unter anderem mit einem Wintergarten und einem Hotel verbunden war), erfolgte am 12. November 1860 durch Joseph Strauss, der bei diesem Anlass seine "Diana-Polka" dem Publikum vorfuehrte. Im Fasching 1861 besorgte die Strauss- Kapelle im neuen Dianabad- Saal die Tanzmusik. Den traditionsreichen Vereinen Wiens gefiel das Haus am Ufer der Donau nicht; sie hielten daher ihre Faschingsveranstaltungen auch weiterhin im Sofiensaal ab. Die damals neu gegruendete Vereinigung oesterreichischer Industrieller hingegen bestand geradezu darauf, ihren ersten Ball im neusten Etablissement der Kaiserstadt abzuhalten. Und dem Kommittee dieser Industriellen Gesellschaften (so lautete der Gruendungsname des Verbandes, der heute noch besteht und am Schwarzenberg-Platz in einem Prunkbau residiert) hat Johann Strauss auch den ersten Walzer gewidmet, den er an der Spitze der Kapelle im Dianabad-Saal vorgefuehrt hat. Da in den Industriellen Gesellschaften vor allem die Bankhaeuser der Monarchie und die – damals auf Aktienbasis betriebenen und gewinnbringend gefuehrten – Eisenbahnen vertreten waren, die ihren Mitgliedern Anteilscheine am Ertrag nicht nur in Aussicht stellten, sondern auch bezahlten, nannte Strauss seinen Widmungswalzer "Dividenden".

Auf dem Umschlag der Erstausgabe dieses Walzers wird der Gedanke an Dividenden in amuesanter Weise auf Strauss selbst bezogen: die Illustration zeigte einen Anteilschein (Zertifikat) an der Firma J. Strauss, der von den Symbolen fuer die in den Gesellschaften vereinten Betriebe (Handel, Gewerbe, Industrie, Transportunternehmen) umrahmt ist. Ein Fuellhorn schuettet die Dividenden der Firma J. Strauss an das Publikum aus, und zwar Divindenden in Form von Notenbuendeln. Nun – diese Noten repraesentierten jedenfalls eine wertgesicherte Waehrung, denn die "Strauss-Dividenden" haben noch einen beachtlichen Marktwert.

Verbruederungs-Marsch, Op. 287
Aus den Titeln einer ganzen Reihe von Kompositionen der Strauss-Familie kann man eine Chronik der politischen, gesellschaftlichen, technischen und kulturellen Entwicklung des 19. Jahrhunderts ableiten: im Bestreben, jeden aktuellen Trend aufzugreifen und – auch im kommerziellen Sinn – auszuwerten, haben die "Straeusse" der Zeitgeschichte gleichsam eine Reihe musikalischer Skizzen hinzugefuegt. Ein Beispiel dafuer ist der "Verbruederungs-Marsch", den Johann Strauss im Jahre 1864 komponiert hat. Schon zu Beginn dieses Jahres hatte sich in der Oeffentlichkeit die Ansicht durchgesetzt, dass sich wegen des Problems der Erbfolge in Schleswig-Holstein ein Konflikt mit dem Koenigreich Daenemark ergeben werde, wobei vor allem das Koenigreich Preussen und die Donaumonarchie Oesterreich (zur Wahrung ihrer "Reichs-Interessen" im Deutschen Bund) die Gegenpartei stellten. Die beiden Maechte, also Preussen und Osterreich, schlossen daher am 16. Jaenner 1864 einen "Verbruederungs-Vertrag". Dieser Vertrag war die Grundlage fuer jenes Ultimatum an Daenemark, dessen Ablehnung dann jenen, in der Folge fuer Osterreich verhaengnisvollen, Feldzug um Schleswig- Holstein ausloeste. Aus Wien wurde damals ein Truppenkontingent unter der Fuehrung des Freiherrn von Gablenz nach Norden entsandt, dem u.a. auch Philipp Fahrbach, der Vater, als Kapellmeister im Infanterie Regiment Nr. 14 angehoert hat.

Johann Strauss nuetzte die Gelegenhiet und unterbrach im Fruehjahr 1864 seine Reise nach Russland in Berlin, um dem Koenig von Preußen, Wilhelm I., eine Sammlung seiner Kompositionen überreichen zu lassen. Gleichzeitig bat er um die Erlaubnis, dem Monarchen einen Marsch mit dem aktuellen Titel "Verbruederungs-Marsch" widmen zu duerfen. Als dieses Gesuch akzeptiert worden war, veranstaltete Strauss am 11. April im koeniglichen Schauspielhaus in Berlin ein Wohltaetigkeitskonzert und dirigierte bei dieser Gelegenheit die Urauffuehrung des preussisch-oesterreichischen "Verbruederungs-Marsches". Das Orchester bestand aus Mitgliedern der Orchesterschule des koeniglichen Theaters, der Reinertrag sollte den Kriegsinvaliden zu Gute kommen. Das Konzert verlief in jeder Hinsicht erfolgreich, und Strauss erhielt auch den angestrebten Orden der k. preussischen Krone (IV. Klasse).

Im Krapfenwaldl, Polka francaise, Op. 336
Den Sommer 1869 verbrachte Johann Strauss gemeinsam mit seiner Gattin Jetty und seinem Bruder Joseph in Pawlowsk bei St. Petersburg. Die Brueder wechselten einander bei der Leitung der Konzerte im Vauxhall von Pawlowsk ab. Johann Strauss nuetzte die Musse zu eifrigen Spaziergaengen in der prachtvollen Gartenanlage aus, die an das Gelaende des Vauxhall und an den Palast des Grossfuersten Konstantin angrenzte. Diese Spaziergaenge inspirierten ihn zu einer Polka, die er Anfang September auf die Pulte der Musiker seines russisschen Orchesters legte. Die Musiker waren sofort entzueckt von dieser Arbeit und Strauss beschloss, das Werk bei seinem Benefiz-Konzert am 6. September 1869 (d. i. der 25. August nach dem russischen Kalender) dem Publikum vorzufuehren.

Und so geschah es: die neue Polka, der Strauss den Titel "Im Pawlowsk-Walde" gegeben hatte, erregte die Begeisterung der Zuhoerer und musste am Tage der Urauffuehrung mehrfach wiederholt werden. Das Werk erschien im St. Petersburger Verlag Buettner unter diesem Titel auch im Druck. Doch nach seiner Rueckkehr nach Wien hielt Johann Strauss die Polka in seiner Schreibtischlade verschlossen. Erst am 25. Juni 1870 konnte Eduard Straus das Werk in der Kaiserstadt an der Donau vorfuehren; allerdings stand es auf dem Programm seines Konzertss im WienerVolksgarten unter dem Titel "Im Krapfenwaldl". Die Polka war gleichsam aus dem Park bei Pawlowsk in den Wienerwald transferiert worden. Das Gasthaus "Krapfenwaldl" lag (und liegt, heute in ein Sommerbad umgestaltet) auf halbem Weg zwischen dem Weinort Grinzing und den Hoehen des Kobenzl und des Kahlenberges. Das damals kleine, heimelige Lokal hatte seinen Namen nach dem ersten Besitzer, Franz Josef Krapf; es galt bereits zu Lebzeiten Strauss-Vaters als lohnendes Ausflugsziel der Wiener und etwa zur Zeit, als Johann Strauss-Sohn etwa 3 Jahre alt war, hatte sein Vater eine Komposition unter dem Namen "Im Krapfen-Waldl-Walzer" als Opus 12 veroeffentlicht.

In Wien wurde die Polka von Johann Strauss unter dem Titel "Im Krapfenwaldl" ebenso begeistert aufgenommen wie in Pawlowsk. Im Wienerwald ist der Kuckuck ebenso zu hoeren wie in den kurzen, aber heissen Sommermonaten in der Region an der Newa, und auch beim Vogelgezwitscher gibt es kaum einen Unterschied. Der Erfolg ist dem Werk ueberall treu geblieben bis auf den heutigen Tag.

O schoener Mai!, Op. 375
Am 3. Jaenner 1877 hat sich der Vorhang des Carl-Theaters in Wien-Leopoldstadt zur Premiere der 5. Operette von Johann Strauss gehoben. Das Publikum sah eine, in Paris von den Autoren Wilder und Delacour fuer Strauss hergestellte, "Offenbachiade": eine wirre Handlung, die in einem. nur in der Phantasie der Autoren bestehenden, Fuerstentum Trocadero spielte. Die Wiener Kritik war der uebereinstimmenden Meinung, dass sich das Sujet fuer Strauss niemals geeignet habe und raetselten, wie es denn dazu gekommen sei, dass Strauss ein Libretto akzeptiert habe, das in jenen parodistischen Stil zurueckgefallen ist, den Offenbach in seiner Fruehzeit populaer gemacht, indessen aber laengst ueberwunden habe. Die Wiener waren sich ja nicht so recht im klaren darueber, dass Strauss sogar mit dem Gedanken einer Uebersiedlung nach Paris gespielt und sich aus diesem Grund besonders sorgfaeltig dem franzoesischen Operettenstil angepasst hatte. Die Musik, die Jean fuer diese Werk geschrieben hatte, war und ist wienerisch, allerdings mit franzoesischem Parfuem. Sie gefiel daher auch jenen Musikfreunden, die das Werk "Prinz Methusalem" energisch abgelehnt hatten.

Waehrend die Operette nach etwa 80 Auffuehrungen von der Buehne des Carl-Theaters verschwand, hielten sich die aus der Partitur von "Prinz Methusalem" ausgeschriebenen Konzert- und Tanzstuecke staendig im Repertoire sowohl der Strauss-Kapelle als auch der oesterreichischen Militaermusik. Den Walzer mit dem Titel "O schoener Mai" hat Eduard Strauss dem Wiener Publikum bei seinem Sonntagskonzert am 21. Jaenner 1877 zum ersten Male vorgestellt. Es gab reichen Applaus. Das Werk, das sich schon deutlich aus dem traditionellen Walzer-Schema loest, ist besonders huebsch arrangiert: das erste Thema zitiert das Duett Pulcinella- Mehtusalem aus dem 3. Akt der Operette; die weiteren Melodien stammen aus den ersten beiden Akten, so auch die Nummer fuer Chor und Ensemble mit dem Text: "O schoener Mai" aus dem 1. Akt. Dieses Zitat erklaert auch den Namen des Walzers; er bezieht sich also nur indirekt auf den Fruehling.


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