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8.223205 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 5
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Heiligenstaedter Rendezvous-Polka, Op. 78
Nach dem Tod seines Vaters am 25. September 1849 hat Johann Strauss alle Kraefte aufgeboten, um die Position seines Vaters im Leben der Kaiserstadt in vollem Umfang einzunehmen, also "Vorgeiger aller Wiener" zu werden. Waehrend des Fruehlings und Sommers 1850 gelang es ihm auch, mit allen jenen Etablissements Vertraege abzuschliessen, in denen die Strauss-Kapelle zu Lebzeiten des "alten Strauss" konzertiert oder zum Tanz aufgespielt hatte, wie etwa im k. k. Volksgarten, im Sofiensaal, beim "Grossen Zeisig" am Burgglacis und natuerlich im "Sperl". Strauss-Sohn nahm aber auch Engagements an der Peripherie der Kaiserstadt an, also in den Vororten Brigittenau (dort gab er im "Universum" Konzerte und veranstaltete eigene Feste), in Doebling beim "Zoegernitz" oder im damals recht entlegenen Heiligenstadt, wo die geschaeftstuechtige Familie Kugler ein Sommerbad mit Restaurantbetrieb eroeffnet hatte. Im Park des Unternehmens wurde zeitweilig sogar Theater gespielt und es gab allerlei Belustigungen, vor allem fuer ein junges Publikum, das im Fiaker oder im Zeisserlwagen (= offener Gesellschaftswagen) anreiste. Fuer ein Sommerfest bei Kugler, das am 8. Juli 1850 abgehalten worden ist, schrieb der etwa 25jaehrige Johann Strauss seine kokette "Heiligenstaedter Rendezvous-Polka". Es muessen recht viele junge Leute gewesen sein, die sich damals draussen in Heiligenstadt ein Stelldichein gaben: denn in so machen Erinnerungen ist davon die Rede – und uebrigens auch von der "reizenden, geliebten" Polka des jungen Strauss. Die Anlagen des Kuglerschen Bades sind heute verschwunden; aber gar nicht weit davon steht heute noch jenes Haus, in dem Ludwig van Beethoven sein "Heiligenstaedter Testament' geschrieben hatte. Tragik und Frohsinn befanden sich also in engster Nachbarschaft.

Nachtfalter, Walzer, Op. 157
Auch ein junger Walzerkoenig, wie es Johann Strauss im Sommer 1854 in der allgemeinen Ansicht des Wiener Publikums geworden war, hatte mit den Schwierigkeiten zu rechnen, die sich aus der politischen Lage ergaben. Damals zeichnete sich bereits ab, dass Frankreich und England zu einem Waffengang mit Russland entschlossen waren, um das Osmanenreich vor einem Angriff der Armee des Zaren im Bereich des Bosporus und der Dardanellen zu schuetzen. Die Meinung darueber, welche Haltung die Donaumonarchie in diesem Konflikt einnehmen sollte. war in der Bevoelkerung auesserst umstritten. Oesterreich schloss schliesslich, und zwar entgegen dem Willen eines recht bedeutenden Teils der an der Weltpolitik interessierten Kreise. im August 1854 eine Allianz mit Grossbritannien und Frankreich gegen Russland ab, entschloss sich aber zugleich, nicht direkt in die Kaempfe einzugreifen, sondern nur Truppen zur "Sicherung" auf den Balkan zu entsenden. Dieses Vorgehen sollte sich bitter raechen: der Zar warf Kaiser Franz Joseph Undankbarkeit vor (schliesslich hatte der im Jahre 1849 durch das Eingreifen seiner Truppen gegen die ungarischen Revolutionaere dem jungen Monarchen seinen Thron erhalten) und den verbuendeten Maechten Frankreich und England ging Oesterreiche Unterstuetzung im "Krim-Krieg", der sich aus der geschilderten Konstellation entwickelte, nicht weit genug. Im Fruehjahr 1859 sollte Frankreich dafuer die Quittung praesentieren, indem es das Koenigreich Sardinien gegen Oesterreich unterstuetzte.

Die Haltung der Donaumonarchie wurde also in den Sommermonaten 1854 leidenschaftlich diskutiert: das lenkte die Aufmerksamkeit weiter Kreise der Bevoelkerung vom Theater und auch von der Musik ab, sodass selbst die Strauss-Konzerte nicht mehr so gut besucht waren wie frueher. Beim traditionellen Hernalser Kirchtag, der in Ungers Casino am 28. August gefeiert wurde, gab es zwar genuegend Publikum, aber der aus diesem Anlass von Strauss vorgefuehrte Widmungswalzer "Nachtfalter" fand nicht jene Aufmerksamkeit und Anerkennung, die gerade dieses Werk verdient haette. Strauss kokettiert darin ein wenig mit dem Wort Nachtfalter – darunter verstand man selbstverstaendlich auch in Wien einen Schmetterling; es konnte aber gerade in Hernals auch ein Mann gemeint sein, der bereit war, sich bis in den fruehen Morgen hinein froehlich zu unterhalten. (Spaeter sprach man in einem solchen Fall von einem "Nachtschwaermer".) Fuer beide Lesearten des Wortes Nachtfalter kann der Strauss-Walzer als Beleg herangezogen werden: die Einleitung und der erste Walzerteil deuten die schwirrenden Fluegel und den kreisended Flug eines Falters an, dann aber geht es in einer uebermuetig-froehlichen Melodie weiter, die sehr geeignet ist, das ausgelassene Treiben einer lustigen Gesellschaft noch weiter anzufeuern.

Die Bedeutung des Walzers "Nachtfalter" im Schaffen des Walzerkoenigs, die im Jahre 1854 nicht sofort erkannt worden ist, hat sich spaeter bei mehreren Anlaessen umso deutlicher herausgestellt: so hat Franz Liszt, wie von den Zeitgenossen berichtet wird, bei mehreren festlichen Gelegenheiten seine Tochter Cosima dazu animiert, die "Nachtfalter" mit ihm zusammen auf dem Klavier nachzuspielen. Und der Liszt-Schwiegersohn und erste Ehemann Cosimas, Hans Guido von Buelow, hat noch im Alter dieser Walzer gemeinsam mit dem ihm gewidmeten Werk "Phoenix- Schwingen" bei seinen Symphoniekonzerten aufgefuehrt.

Quadrille sur des airs francais, Op. 290
Johann Strauss hat im Jahre 1864 seine Konzertsaison in Pawlowsk bei St. Petersburg am 23. April begonnen und hielt, mit Jetty an seiner Seite, trotz mancher Krankheit bis zum Schlusskonzert am 27. September tapfer durch. Unter den zwoelf Novitaeten, die er waehrend dieser Zeit dem Publikum im Vauxhall vorfuehrte, befand sich eine besonders auffaellige Komposition: sie wurde am 19. September (d. i. 7. September nach dem russischen Kalender) zum ersten Male auf das Konzertprogramm gesetzt, und zwar unter dem Titel "Blondin-Quadrille". Das Werk, das aus einer amuesanten und abwechslungsreichen Kette franzoesischer Melodien besteht, erhielt seinen Titel nach dem weltberuehmten, franzoesischen Seiltaenzer Charles Blondin (1824-1897), der sich ruehmte, den Niagarafall zwischen den USA und Kanada auf dem Drahtseil ueberquert zu haben. Nun war Monsieur Blondin zu einem Gastspiel in St. Petersburg eingetroffen und erregte auch in der Metropole des Zarenreiches Sensation. Strauss hat die Bekanntschaft des Artisten wohl schon zu Beginn dieser waghalsigen Produktionen gemacht, und meinte, er koenne ein tolles Geschaeft machen, wenn er auch ein Gastspiel Blondins in Moskau zustande braechte.

Strauss fand auch einen Impresario, der sich verpflichtete, das Unternehmen durchzufuehren. Aber die Angelegenheit endete mit einem Fiasko fuer Strauss: wie er selbst spaeter seinen Gaesten (darunter im Sommer 1893 dem Dichter Arthur Schnitzler) erzaehlte, bekam er es mit der Angst zu tun, Blondin koennte ausgerechnet waehrend dieser Produktionen abstuerzen und bestuermte Monsieur Blondin mit Bitten, die Angelegenheit rueckgaengig zu machen. Aber Blondin reiste trotzdem nach Moskau und hatte dort ebenfalls Erfolg und grossen Zulauf. Aber davon profitierte Strauss nicht: der Impresario ging naemlich mit der Kasse durch und Strauss hatte fuer die Spesen aufzukommen.

Vielleicht war das der Grund, dass die Quadrille, die in St. Petersburg selbstverstaendlich als "Blondin-Quadrille" im Druck erschienen ist und reissenden Absatz fand, in Wien dann den etwas umstaendlichen Titel "Quadrille sur des airs francais" erhielt. Das Werk beginnt mit einem alten franzoesischen Kinderlied, "Bon voyage, Monsieur du Mollet" und endet mit dem populaeren Lied "Monsieur le Cure", das die Englisch sprechende Jugend als "Tom, Tom, the Piper's Son" kennt.

Musen-Polka,Op. 147
Die kleine, zierliche "Musen-Polka" – nicht mehr boehmisch, aber auch noch nicht voellig wienerisch – hat Johann Strauss fuer den Kuenstlerball des Jahres 1854 geschrieben, der am Valentinstag (d. i. 14. Februar) im Sofiensaal abgehalten worden ist. Am selben Abend fand im noblen Redoutensaal der Hofburg auch der Buergerball statt (vgl. "Buergerball-Polka", Op. 145), bei dem ebenfalls die – geteilte – Strauss-Kapelle zum Tanz aufspielte. Doch Johann Strauss liess es sich nicht nehmen, auch im buergerlichen Tanzsaal auf der Landstrasse persoenlich zu erscheinen und seine neue Polka selbst vorzufuehren. Strauss hatte Respekt vor den Kuenstlern seiner Heimatstadt, den Malern und Bildhauern, den Schauspielern und Musikern und vor allem vor den Schriftstellern, die waehrend des Unterdrueckungssystems des Kaisers Franz und des Fuersten Metternich Zuflucht in den Kuenstlervereinigungen gesucht und auch gefunden hatten.

Im Jahre 1854 stand es allerdings um die Organisation der Kuenstler in Wien nicht gerade zum Besten: die alten Vereine (z. B. die "Aurora") hatten zu bestehen aufgehoert, man suchte nach neuen Verbindungen. Bald sollte die Kuenstlervereinigung "Hesperus", der dann alle drei Strauss-Brueder angehoerten, ihre bis zum Jahre 1870 bestimmende Rolle in der Kaiserstadt uebernehmen.

Bei "Hesperus" waren dann die Kuenstler wieder vereinigt, die einst der "Aurora" angehoert hatten: und so waren also auch alle Musen beisammen, denen Strauss diese Polka gewidmet hatte; die neun Toechter des Zeus in der griechischen Mythologie: Clio, Muse der Geschichte, Euterpe, die Herrin des Gesangs, Thalia, Muse der Komoedie, Melpomene, Muse der Tragoedie, Terpsichore, Muse des Tanzes, Erato, Muse der lyrischen Poesie, Polyhymnia, Muse der Rhetorik, Calliope, Muse der epischen Poesie, und Urania, Muse der Astronomie.

Wiener Chronik, Walzer Op. 268
Im Fasching 1862 verlegten die Brueder Johann und Joseph Strauss den traditionellen, gemuetlichen Strauss-Ball am Faschingsmontag aus dem alten, absterbenden Etablissement "Zum Sperl" in die Raeume des neuen Dianabades. Sie blieben zwar mit diesem Wechsel in ihrem Heimatbezirk Leopoldstadt, fanden jedoch im prunkvollen Dianabadsaal eine voellig veraenderte Atmosphaere vor: in diesem Rahmen war nicht buergerliche Gemuetlichkeit gefragt, sondern turbulentes Faschingstreiben. Die Brueder Strauss versuchten sich dieser Veraenderung anzupassen, indem sie diesmal ihrem Ball die Devise gaben: "Je toller, desto besser".

Johann Strauss aber blieb bei der Widmung fuer diesen Ball noch einmal bei den Walzern im Laendlerstyl, wie er sie im "Sperl" bei den Strauss-Baellen vorgetragen hatte. Er nannte die Novitaet "Wiener Chronik" und widmete das Werk dem besten aller Wiener Chronisten dieser Jahre, dem aus Boehmen nach Wien eingewanderten Juournalisten Friedrich Uhl. Die Beitraege, die Uhl damals in verschiedenen Zeitungen ("Die Prese, "Botschafter") ueber Tagesaktualitaeten veroeffentlichte, gehoeren zu den interessantesten "Wiener Feuilletons". Die Erstausgabe illustriert die Beziehung zu "Alt-Wien", die der Komponist in der Introduktion herstellt, indem er Motive von Joseph Lanner (dessen Walzer "Die Schoenbrunner", Op. 200), von seinem Vater und von Volksmusikanten zitiert: das Titelbild zeigt dementsprechend Portraets von Lanner und Strauss-Vater, nennt aber auch die Namen anderer Musikdirektoren, die mit der Vorgeschichte des Wiener Tanzes, also des Walzers, verbunden sind: Joseph Wilde (1778-1831), Johann Nepomuk Hummel (der die beruehmten "Taenze fuer den Apollosaal" geschrieben hat (1778-1837), Michael Pamer (1782-1831) und Franz Gruber (Klarinettist und Komponist (1805-1870).

Die Walzerpartie "Wiener Chronik", die am 3. Maerz 1862 im Dianabadsaal uraufgefuehrt worden ist, nimmt selbst in der Musikchronik der Kaiserstadt an der Donau eine interessante Stellung ein: sie ist gleichsam die letzte in der Reihe der gemuetlichen Walzer von Johann Strauss; diese waren zwar ideal fuer das Stammpublikum des "Sperl", eigneten sich aber nicht fuer die Besucher des Dianabades. Daher hat Strauss mit dem "Sperl" auch diesen Walzertypus aufgegeben. (In der Druckausgabe ist die Bezeichnung "im Laendlerstyl" bereits weggeblieben.)

Russische Marsch-Fantasie, Op. 353
Im Sommer 1870 hat Johann Strauss die Leitung der Strauss-Kapelle endgueltig aufgegeben und auch sein Ehrenamt als Hofball-Musikdirektor (unter Beibehaltung des Titels) zurueckgelegt. Es wollte kuenftig moeglichst nur noch Operettenkomponist sein. Aber die sehr gut bezahlten Engagements im Ausland lockten: daher entschloss er sich (nachdem sein Plan, im Sommer 1870 in Baden- Baden bei den dortigen Konzerten der Kurkapelle mitzuwirken, durch den Ausbruch des Krieges zwischen Deutschland und Frankreich vereitelt worden war), in der Sommersaison 1872 zuerst eine Verpflichtung mit der Eisenbahndirektion in St. Petersburg zu einem kurzen Gastspiel in Pawlowsk zu akeptieren und anschliessend nach Baden-Baden zu reisen. Die Eisenbahndirektion St. Petersburg, die Strauss ja in den Sommern 1856-1865 und dann noch einmal 1869 beschaeftigt hatte, war vorsichtig und verlangte einen Vertrag, der im Falle der Nichterfuellung ein hohes Poenale festlegte. Diesen Vertrag hat Strauss auch unterzeichnet; aber dann kam ein weiteres Angebot, das er unbedingt annehmen wollte, naemlich die Einladung, beim "Welt- Friedens-Jubilaeum und Internationalen Musikfest" in Boston (USA) mitzuwirken. Er hoffte wohl auf ein entsprechendes Entgegenkommen der Eisenbahndirektion in St. Petersburg. Fuer die Reise nach Pawlowsk hatte Strauss bereits einige Novitaeten vorbereitet, bei denen er die Skizzen aus der Zeit der insgesamt 11 Sommer, die er in Russland zugebracht hatte, zu verwerten gedachte. Unter diesen Werken – es handelte sich nicht um Tanzweisen, sondern um reine Konzertstuecke – befand sich eine "Russische Marsch-Fantasie".

Nun reiste Strauss aber im Fruehling 1872 mit seiner Gattin Jetty nicht nach Pawlowsk, sondern nach Boston. Das hatte zur Folge, dass er von der Eisenbahngesellschaft verklagt und nach laengerer Prozessdauer zur Zahlung des Poenales verurteilt wurde, und dass die fuer Russland bestimmten Novitaeten so zwischendurch dem Verleger uebergeben wurden. Die "Russische Marsch-Fantasie" wurde im August 1872 vom Verlag C. A. Spina publiziert; die erste Auffuehrung durch die von Eduard geleitete Strauss-Kapelle fand am 12. September in dem grossen Vergnuegungspark "Neue Welt" in Hietzing statt. Dieses kostbare Werk haette sich eine glaenzendere Premiere verdient.

Elisen.Polka francaise, Op. 151
Ab dem Jahre 1854 wurde die aus Paris an die Donau importierte Polka francaise in Wien populaer: der urspruenglich boehmische Tanz mit seinem typischen Rhythmus hatte seinen "nationalen Charakter" eingebuesst und war dadurch eleganter und geschmeidiger geworden. In dieser Form kam die "neue Polka" der persoenlichen Eigenart des Wiener Musikdirektors Strauss besonders entgegen, Eleganz und aparte Melodiefuehrung waren ja seine Staerken. Im Werksverzeichnis von Johann Strauss finden sich daher auch rund 50 Taenze mit dem Charakter einer Polka francaise.

Die erste dieser Kompositionen hat Johann Strauss bei einem Konzert im Wiener Volksgarten am 7. Mai 1854 dem Publikum vorgefuehrt; sie hatte den Titel "Elisen-Polka". Das Werk war so erfolgreich, dass auch die anderen Musikdirektoren Wiens sofort damit begonnen haben, ebenfalls solche Taenze zu verfassen. Aber die Eleganz der besten Werke im Charakter der Polka francaise – die in der Folge geradezu zu einem Wiener Tanz geworden ist wie der Walzer – wie Strauss sie zu bieten hatte, wurde von den anderen Komponisten bis hin zu Carl Michael Ziehrer und Karl Komzak nur selten erreicht.

Der Titel "Elisen-Polka" hat das Publikum zunaechst zur Ansicht verleitet, es handle sich bei diesem Werk um eine weitere Huldigung an die junge Kaiserin Elisabeth (der Strauss ja auch den Hochzeitswalzer unter dem Titel "Elisabeth-Klaenge" zugedacht hatte, der spaeter freilich unter der Bezeichnung "Myrthen- Kraenze", Op. 154 im Druck erschienen ist). Aber das duerfte nicht zutreffen. Es gab naemlich eine "Dame der Gesellschaft" (so hat Strauss selbst es formuliert) mit Namen Elise, und Mutter Anna Strauss haette es gern gesehen, wenn ihr allzu flotter Jean sich mit dieser Dame vermaehlt haette. Aber Strauss war, wie er im Sommer 1859 seiner russischen Liebe Olga Smirnitzkaja geschrieben hat, anderer Ansicht.

"Wenn meine Mama die Ueberzeugung erlangt hat, dass Elise mich nicht gluecklich machen kann, wird sie auch trachten, diese Familie auf eine ganz feine und zarte Weise zu entfernen. Meine Mama tut alles fuer mich..."

Es blieb also bei der "Elisen-Polka", und das war immerhin eine sehr imposante Huldigung! Wenn man von der eleganten Polka auf den Charakter jener Elise schliessen will, koennte es sich um eine junge Dame von eleganter Grazie und bezwingendem Charme gehandelt haben.

Kennst du mich?, Walzer Op. 381
Am 18. Dezember 1878 hob sich der Vorhang zur Premiere der Operette "Blindekuh", die Johann Strauss im Vertrauen darauf vertont hatte, dass ihm der Direktor des Theaters an der Wien, Maximilian Steiner, (wie sein Vertrag es vorsah) ein gutes Libretto ausgewaehlt hatte. Der erfahrene Praktiker Steiner hatte sich aber diesmal getaeuscht, als er in dem harmlosen, ja toerichten Lustspiel des deutschen Buehnenautors Rudolf Kneisel ein geeignetes Sujet fuer eine "deutsche Operette" vermutete.

Kneisel wusste uebrigens gar nichts davon, dass seine Komoedie von Steiner erworben und zur Umarbeitung u. a. an Richard Genée weitergegeben worden war. Strauss hatte waehrend der Zeit, in der er an dieser Operette arbeitete, Probleme in der Familie und war auch durch sein mit groesstem Nachdruck verfolgtes Bestreben, sich in Paris als Buehnenkomponist durchzusetzen, von seiner Arbeit an "Blindekuh" abgelenkt. Schon am Abend der Urauffuehrung im Theater an der Wien hat sich dann herausgestellt, dass Stueck und Auffuehrung dem Publikum ganz und gar nicht gefielen. Der hoefliche Premierenbeifall konnte nicht darueber hinwegtaeuschen, dass dieser Abend den Autoren, allen voran dem Komponisten Johann Strauss, eine peinliche Niederlage brachte. Nach nur 16 Auffuehrungen musste "Blindekuh" aus dem Spielplan genommen werden und verschwand im Theaterarchiv. Waehrend der Zeit, in der Strauss mit immer neuen Unterbrechungen an dieser Partitur gearbeitet hatte, war seine Gattin Jetty ploetzlich gestorben und so wurde die zweite Frau des Walzerkoenigs, Lili, geborene Dittrich, in der Theaterloge bei der ersten Premiere, die sie als Frau Strauss miterlebte, Zeugin eines Fiaskos. Das mag nicht ohne Folgen fuer ihr weiteres Handeln gewesen sein.

Johann Strauss trug die Niederlage mit Fassung: "Gluecklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu aendern ist." Dieser Text aus der "Fledermaus" war in diesem Fall seine Devise. Er hatte auch keine Muehe, aus seiner Musik fuer diese "Blinde Kuh" die von ihm erwarteten Tanzkompositionen herauszuholen; darunter war zunaechst einmal der grosse Walzer: er bekam den Titel "Kennst Du mich?" und wurde zum ersten Male am 12. Jaenner 1879 im Konzert seines Bruders Eduard im Goldenen Saal des Musikvereins dem Publikum vorgefuehrt, und zwar vom Komponisten selbst. Fuer jubelnden Beifall war also gesorgt, denn Strauss war in den Augen der Wiener immer noch der beste Interpret seiner Walzer und nach wie vor der Liebling des Publikums. Allzuoft ist das Werk allerdings auch von der Strauss-Kapelle in der Folge nicht aufgefuehrt worden. Das erste Walzermotiv dieser Komposition, das aus dem Finale des 2. Aktes der Operette stammte ("Blindekuh. Blindekuh, wir alle fuehren dich") wurde im 20. Jahrhundert aufgegriffen, als es Ralph Benatzky fuer den "Chor der Nonnen" in seiner Operette (nach Strauss) mit dem Titel "Casanova" verwendet hat. So erhielt es also im Jahre 1928, rund 50 Jahre nach dem ersten Erklingen, nochmals stuermischen Beifall.

Hesperus-Polka, Op. 249
Fuer den ersten Ball der neuen, im Jahre 1859 gegruendeten, Kuenstlervereinigung "Hesperus" hat Johann Strauss die erste der spaeter doch recht zahlreichen Kompositionen fuer diesen Verein geschrieben, dem alle drei Strauss-Bruder als Mitglieder beigetreten sind. Am Anfang ihrer Taetigkeit waren die Repraesentanten dieser Kuenstlergesellschaft huebsch bescheiden und begnuegten sich mit dem "Sperl" (der damals bereits aus der Mode kam) als Tanzlokal. Dementsprecheend bescheiden fiel auch die Widmung von Johann Strauss fuer den Ball am 6. Februar 1861 aus: es handelt sich um eine kleine, aber fein pointierte und amuesante Polka.

Mit dem Namen Hesperus bezeichnete die griechische Mythologie den Abendstern, dessen mildes Licht ja auch Richard Wagner in seiner Oper "Tannhaeuser" besingen liess. Zusammen mit seinem "Bruder" mit der Bezeichnung Phosphorus (d. i. der Morgenstern) stellt er den Doppelaspekt des Planeten Venus dar. Fuer die Sternkunde war das Erscheinen des Planeten Venus einmal am Abend- und einmal am Morgenhimmel kein besonderes Phaenomen: die Mythologie aber verwandelte den Abendstern Hesperus in den Vater der Hesperiden, also der drei Schwestern, welche die Hueter jenes Baumes waren, der goldene Fruechte trug. Schliesslich wurde auch noch die Herkules-Sage in die Legende von den Hesperiden eingebunden. Aber – das hat Johann Strauss nicht allzusehr interessiert. Fuer ihn war "Hesperus" ein nuetzlicher Verein, fuer den er gerne zunaechst einmal im Fasching 1861 diese Polka geschrieben hat.

Italienischer Walzer, Op. 407
In der ersten Zeit seiner Ehe mit Angelica Dittrich (Kosename: Lili) war Johann Strauss mit neuer Schaffensfreude erfuellt: die erste Operette, die er in dieser Zeit komponierte, war erfuellt von schwungvollen Melodien. Das Sujet des Werkes behandelte einen unblutigen Krieg zwischen zwei "Armeen" italienischer Stadtstaaten des 18. Jahrhunderts, eine dieser Armeen besteht aus einer Amazonentruppe. Nach einigem Geplaenkel wird der Friedensschluss mit einer Hochzeit besiegelt. Die Operette, die schliesslich den Titel "Der lustige Krieg" erhalten hat, sollte die Niederlage wettmachen, die Strauss mit seinem Buehnenwerk "Blindekuh" im Theater an der Wien erlitten hatte. Indessen war die Direktion dieser Buehne nach dem Tod Maximilian Steiners an dessen Sohn Franz uebergegangen, und die Lili, die sich sehr viel auf ihre Theaterkenntnisse einbildete, war nur allzu gern bereit, dem jungen Mann bei der Fuehrung des Theaters zu helfen.

Aus dem Melodienvorrat der Operette "Der lustige Krieg" hat Strauss nach der erfolgreichen Premiere des Werkes am 25. November 1881 eine ganze Reihe von Tanzstuecken geformt, darunter den "Italienischen Walzer". Der Titel leitet sich davon ab, dass der "Kriegsschauplatz' dieses Operttengeplaenkels eben in Italien lag; in den Wiener Journalen wurde auch von einer Auffuehrung des Werkes in der italienischen Botschaft in Wien berichtet. In der Oeffentlichkeit wurde der "Italienische Walzer" zum ersten Male bei einer Wohltaetigkeitsveranstaltung am 22. Maerz 1882 im Musikverein vorgestellt. Lili engagierte sich waehrend ihrer Ehe mit Johann Strauss vor allem bei der Betreuung von Arbeiterkindern, denen sie zu Ferienaufenthalten in Niederoesterreich verholfen hat. Sie organisierte bei diesem Fest auch selbst einen Bazar. Der Walzer verwertet vor allem jene Melodie, von der sich Strauss zunaechst die groesste Wirkung am Premierenabend versprochen hatte: sie wurde zu dem Text "Kommen und geh'n, ohne zu seh'n" gesungen. Gabor Steiner, der damals im Auftrag seines Bruders Franz das Ehepaar Strauss wiederholt in seinem Landhaus bei Leobersdorf besucht hat, erzaehlte spaeter in seinen Erinnerungen, wie sehr Strauss gerade von der Publikumswirksamkeit dieses Walzers ueberzeugt war. Aber dann schrieb er noch einen Walzer...(doch das ist unter dem Titel "Nur fuer Natur", Op. 400, nachzulesen).

Pariser Polka, Op. 382
Auch nach dem Tod seiner Gattin Jetty im April 1878 hat Johann Strauss sein Bestreben, in Paris Fuss zu fassen, nicht sofort aufgegeben. Er reiste daher im Jaenner 1879, ohne sich um das weitere Schicksal seiner ohnedies rettungslos verlorenen Operette "Blindekuh" zu kuemmern , an der Seite seiner zweiten Frau Angelica abermals in die franzoesische Hauptstadt. Die Plaene, die Strauss mit dieser Reise verfolgte, gingen allerdings nur teilweise in Erfuellung. Noch einmal erwies sich Strauss in Paris als der faszinierende Interpret seiner Tanzweisen (diesmal dirigierte Strauss allerdings nicht bei den beruehmten Opern-Maskenbaellen in der Grande Opera, sondern im "Trocadero"), aber es gelang ihm nicht, eine Buehne fuer weitere Operettenprojekte in Paris zu finden. Strauss wurde dafuer durch die Anerkennung entschaedigt, die er im gesellschaftlichen Leben der franzoesischen Metropole fand.

Unter den Kompositionen, die Johann Strauss fuer seine Konzerte in Paris mitgenommen hatte, befand sich auch eine Polka nach Motiven der Operette "Blindekuh". Man moechte glauben, dass Strauss sich bei der Auswahl dieser Melodien ein wenig ueber sich selbst lustig gemacht hatte. Zeitlebens hatte er ja (und zwar mit fortschreitendem Alter immer mehr) mit der Angst vor dem Blick in die Tiefe (und wenn es der Blick von der Hoehe eines harmlosen Huegels war!) und vor dem Bahnfahren zu kaempfen. Nun waehlte er aber fuer seine "Pariser Polka" das Couplet mit dem Text: "Die Eisenbahnen weit und breit, die bieten dort viel Sicherheit"! Die Urauffuehrung dieser Polka, die noch Motive weiterer Couplets enthaelt und daher eher ein Vortragstueck als einen flotten Tanz darstellt, erfolgte bei einer glanzvollen, gesellschaftlichen Veranstaltung in Paris, beim "Cercle Franz International" am 20. Februar 1879.


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