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8.223209 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 9
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zelt hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Jouhann Strauß I. (1804–1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801–1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827–1870) und Eduard (1835–1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des “klassischen Walzers” erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Jouhann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete “Walzer-KÖnig” Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die “Operette der Operetten”, die “Fledermaus”. Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, “An der schönen blauen Donau” (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einen Leben voller Trimphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des “Wiener Walzer-Königs’ sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung biser noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Jouhann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht unde seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist “echter Johann Strauß”.

“Carnevalsbilder”, Walzer, op. 375

Bei der Niederschritt der Partitur für seine zweile Operette, an der Johann Strauß gemeinsam mit Kapellmeister Richard Genée vor allem in der Zeit von März 1871 bis Februar 1873 gearbeitet hat, legte der Komponist Wert darauf, nicht allzuviele Tanzweisen, vor allem Walzermotive, zu verwenden. Er wollte beweisen, daß er nicht nur Tanzkomponist, sondern auch Bühnenmusiker, also Verfasser musikdramatischer Ensembleszenen sei. Das Textbuch dieser Operette, die unter dem Titel “Carnevfal in Rom” am 1. März 1873 über die Bretter des Theaters an der Wien ging, war—nach einem Vorbild des französischen Bühnenautors Victorien Sardou–nach dem Schema eines musikalischen Lustspiels gestaltet worden. Strauß war sogar auf den Verzicht auf den Walzer so stolz, daß er “Carneval in Rom’ als “Meine Polkaoper” bezeichnet und gerade dieses Werk für eine eventuelle Aufführung in der Wiener Hofoper in Betracht gezogen hat. Trotzdem ließ sich aus der Partitur der Operette, die von der romantischen Geschichte der Liebe eines Schweizer Bauernmädchens zu einem berühmten Maler handelt und selbsweständlich in ein happy end mündet, ein vortrefflichter Walzer herausarbeiten. Das Werk erschien unter dem Titel “Carnevalsbilder” und wurde von Johann Strauß am 9. Juli 1873 bei einem großangelegten Fest mit Dekorationen und Illumination in den Blumensälen der Gartenbaugsellschaft zum ersten Male aufgeführt. Man hat die “Carnevalsbilder” eigentlicht niemals zu den berümten, publikumswirksamen Strauß-Walzern gerechnet; aber Oscar Straus (1870–1954), der noch vom Walzerkönig persönlich im Jahre 1898 aufgefordert worden ist, sich ebenfalls der heiteren Muse zuzuwenden, erkannte den Wert der “Carnevalsbilder” und hat den zweiten Teil der Walzkette, der Musik aus dem Quintett des zweiten Aktes und der Einleitung des ersten Aktes verwendet, in die Partitur seiner Operette “Drei Walzer” (Uraufführung im Jahre 1935) aufgenommen. Bei Oscar wurde eine Sopranarie mit dem Text: “Ich liebe das Leben» (Besser bekannt in der französischen Version, “Je t’aime”) aus dem Johann Strauß-Walzer und dadurch noch einmal (bzw, jetst erst recht) ein Schlager.

“Annen-Polka”, op. 117

Genau zehn Jahre nachder Uraufführung der “Beliebten Annen-Polka”, op. 137, seines Vaters (sie ist am 2. August 1842 im Wiener Volksgarten zum ersten Male erklungen), schrieb der etwa 26jährige Musikdirektor Johann Strauß ebenfalls eine “Annen-Polka”. Das war an sich nichts Ungewöhniches: das ”Annenfest” am 26. Juli war das beliebteste Sommerfest im volkstümlichen Wiener Leben, und es gibt kaum einen Komponisten der Donaumetropole, der für diesen Tag keine Widmung geschrieben hätte. Aber es war für den Sohn dennoch keine leichte Aufgabe, den Wettstreit mit seinem Vater gerade im Falle einer “Annen-Polka” aufzunehmen.

Johann Strauß wählte für die Uraufführung seiner “Annen-Polka”, op. 117, ein spektakuläres Fest im Wiener Prater. Das beliebte, an schönen Tagen von zehntausenden Wiener besuchte Arreal auf der Donauinsel anschließend an den damaligen Vorort Leopoldstadt war kaiserlicher Besitz, und so mußte Strauß erst beim Obersthofmeisteramt um Erlaubnis bitten, in dem mitten im Prater gelegenen Etablissement “Zum wilden Mann” (das heute noch besteht allderings wesentlich verkleinert) ein Fest veranstalten zu dürfen. Die Erlaubnis wurde erteilt und so lud der junge Musikdirektor mit einer ganzen Serie von inseraten und Vorankündigungen alle Annerin, Ninas oder Nannetterin (und natürlich auch deren Verehrer und Freundinnen) zum “Waldmusikfest” am 24. Juli ein. Es wurde ein grandioses Fest und ein voller Erfolg für den Komponisten. Seine “Annen-Polka” “gefiel”—so schrieb die “Theaterzeitung” am 28. Juli—“wegen ihrer reizenden und zum Tanze ermunternden Motive so sehr, daß sie oftmals zur Wiederholung verlangt wurde. Die Druckausgabe des Werkes fand derart reißenden Absatz, daß der Verleger Haslinger schon Anfang Juli 1853 die fünfte Auflage herausbringen mußte; ungezählte weitere Editionen foigten (bis auf den heutigen Tagl). Das Werk war aber schon im Jahre 1852 welt über die Grenzen der Donaumonarchie hinaus bekannt und berühmt: als Johann Strauß Herbst 1852 über Dresden nach Berlin und Hamburg reiste, wurde er überall nicht zuletztals “Komponist der Annen-Polka” willkommen geheißen. Dasselbe ereignete sich dann noch einmal, im Jahre 1856 in St Petersburg.

Die “Annen-Polka” ist aber auch eine zauberhafte Komposition. Wenn Johannes Brahms später einmal geurteilt hat, manche Eigenhelt der Orchesterbehandlung seines Freundes Johann Strauß erinnere ihn an Mozart, hat er dabei wohl auch an die “Annen-Polka” gedacht.

Welche köstliche Ironie, daß gerade diese zarte Polka im Garten des Etablissement “Zum wilden Mann” uraufgeführt worden ist…

“Indigo-Marsch”, op. 349

Der schwungvole “Indigo-Marsch” stammt aus dem reichen Melodienvorrat, den Johann Strauß in seinem ersten Bühnenwerk, der Operette “Indigo und die 40 Räber”, verwendet hat. (Uraufführung am 10. Februar 1871 im Theater an der Wien.) Vor allem sind Motive aus dem Finale des ersten Aktes und aus dem dritten Akt beim Arrangement dieses Marsches berücksichtigt worden.

Johann Strauß, der mit “Indigo” dem Drängen seiner Gattin Jetty nachgegeben hatte und aus dem strahlenden Lichtder Ballsäle ins Halbdunkel des Theaters übergewechselt war, blieb trotzdem in der Konzert- und Tanzmusik der Donaumonarchie welterhin präsent. Er hat von Anfang an darnach getrachtet, möglichst viele Melodien und Motive, die er in der Operettenpartitur verwended hatte, auch in Form der von ihm gewohnten und erwateten Tanzmusik dem Publikum zu präsentieren. An dieser Praxis hat Strauß zeitlebes fast gehalten. Aus seinem ersten Bühnenwerk, “Indigo”, hat er insgesamt neun Tanzkompositionen arrangiert, darunter eben auch den “Indigo-Marsch”. Die Präsentation dieses Werkes als Konzertmusik überließ Johann Strauß seinem Bruder Eduard; dieser fÜhrie es am 9. April bei seinem Sonntag-Nachmittagskonzert im goldenen Saal des Wiener Musikvereins den Zuhörern vor und mußte es sogleich wiederholen.

“Albion-Polka”, op. 102

Die zierliche “Albion-Polka”, die so anmutig am Ohr des Musikfreundes vorüber tändelt, repräsentiert zugleich ein Stück Wltgeschichte und ein interessantes Kapitel in den Beziehungen der Mitglieder der Walzerdynastie Strauß und der Familie des Herrschergeschlechts Sachsen-Coburg-Gotha. Das Werk hat seinen Namen vom keltischen Wort “albainn”—so nannte man ander heute französischen Atlantikküste die Bewohner der “britischen inseln”; die Römer verwendeten es in der Form “Albion” für das spätere Britannien.

Von diesem Wort aus ist es nicht weit zu Albert- und auf dem Titelblatt der Polka steht denn auch als Widmung: “Seiner Königlichen Hoheit Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha”. Prinz Albert (1819–1861) aber war seit dem 10. Februar 1840 Gemahl der Königin Victoria von Großbritannien. Und dieser Victoria hatte Strauß-Vater zwei seiner wichtigsten Walzer “Myrthen”, der anläßlich der erwähnten Hochzeit komponiert worden ist. Johann Strauß setzte also die Serie der Huldigungen eines Strauß für ein Mitglied des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha fort. (Vgl. auch den Walzer “Windsor-Klänge”, op. 104, und zahlreiche weitere Werke.)

Aniß für die Komposition der “Albion-Polka” boten die Feste im Wiener Palais Coburg in den Jahren 1851/1852. Der stolze Bau am Rande der Stadtbefestigung, der später eine Säulenfront zur neuen Ringstraße erhielt (und daher von den Wienern respektlos “Spargel-Burg” genannt wurdel), war damals das Quartier des britischen Gesandten und bevollmächtigten Ministers John Fane 11ter Earl of Westmoreland (1784–1859).

Der Diplomat und Feldherr Graf Westmoreland war an den österreichischen Kaiserhof mit dem Auftrag entsandt worden, die guten Beziehungen Großbritanniens zur Donaumonarchie wieder herzustellen, die in den Jahren 1848/1849 arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. England hatte damals vor allem jenen Emigranten Zuflucht gewährt, die nach der Niederwerfung des ungarischen Freiheitskampfes (vom Wiener Kaiserhaus als Rebellion gewertet) um ihr Leben fürchteten und daher ihre Heimat verließen. Nun sollte Earl of Westmoreland gleichsam die Wogen der gegenseitigen Empörung wieder glätten.

Westmoreland war der richtige Mann für diese Aufgabe. Er spielte sehr rasch in Wien eine wichtige Rolle. Und da er obendrein ein vortrefflicher Musiker war, fand er in Künstlerkreisen ebenfalls zahlreiche Freunde. Sowohl seine Kompositionen als auch jene seiner Gattin Priscilla wurden bein vielen Gelegenheiten aufgeführt. Sein bevorzugter Kapellmeister aber wurde Johann Strauß. Der junge Musikdirektor, der damals noch um seine Anerkennung in der Heimatstadt ringen mußte (er galt in breiten Kreisen bestenfalls also begabter Sohn eines genialen Vaters), wußte die Ehre zu schätzen und nahm etliche Werke sowohl des Grafen Westmoreland also auch seiner Gattin in die Programme seiner Konzerte auf. Für ein Fest im Palais Coburg im Herst 1851 schrieb er die “Albion-Polka”, die sofort allgemeinen Beifall gefunden hat. Die erste Ausgabe des Werkes erschien im April 1852. Die Meisterschaft der wenig später komponierten “Annen-Polka”, op. 117, kündigte sich in der “Albion-Polka” bereits an.

“Gedanken auf den Alpen”, Walzer, op. 172

Sechs Wochen im August und September 1855 Johann Strauß zu einem Erholungsurlaub in Bad Gastein in der Salzburger Tauernregion. Er bezog mit seinem Diener Quartier im neueubauten Hotel Straubinger und benützte die Zeit für den Gebrauch der Bäder und für Spaziergänge in der prachtvollen Umgebung der Stadt. Die Eindrücke, die er dabei in sich aufgenommen hat, ließ er in die Gestaltung einer weitausgreifenden Walzerpartie einfließen, die er dann im Herbst 1855, und zwar am 15. Oktober, im “Sperl” zum ersten Male dem Publikum vorführte. Hornruf und Schalmeienklänge, wie sie die Hirten damals zur Verständigung über die Almen hinweg verwendet haben, leiten das Vorspiel des Walzers ein, der "brigens ursprünglich “Die Schalmeien”, heißen sollte. [In der Orchester-fassung wurden die Schalmeien durch die Klarinette ersetzt.] Eine besondere, ebenfalls der Natur nachempfundene Pointe sollten der letzte der fünf Walzerteile und die Coda den Zuhörern bieten: Strauß ließ Teile der Melodie dieser Stellen von einer Echotrompete wiederholen. Der Verleger Haslinger war mit dem Titel “Die Schalmeien” allerdings nicht einverstanden: er nannte den Walzer “Gedanken auf den Alpen” und ließ auf das Titelblatt der Erstausgabe die charackteristische Silhouette der Stadt Gastein zeichnen, die in gewisser Weise heute noch der Wirklichkeit entspricht. Nach der Uraufführung des Werkes beim Benefizkonzert im “Sperl” gab es underschiedliche Urteile: einige Zeitungen begnügten sich etwa mit der immer wieder verwendeten und damals bereits abgebrauchten Formel: “ Das Werk gefiel wegen seiner reizenden Melodien so sehr, daß es oftmals wiederhold werden mußte.” (“Theaterzeitung”) Aber die “Blätter für Musik, Theater und Kunst”, in denen Strauß wiederholt scharf angegriffen worden war, bemühten sich diesmal um ein differenziertes Urteil. Eine ausführliche Beurteilung schloß mit der Feststellung, “die Walzerparthie zeichne sich durch treffendes Colorit, schwungvolle Rhythmen und öftere Freiheiten der Modulation wie Orchestrirung aus”. Und dann mußte auch diese kritische Zeitschrift zugeben: “Die Vorführung dieses frischblühenden Alpenkindes hat enthusiastischen Beifall gefunden.”

Schließlich gab es noch ein kompetentes Urteil. Es kam von Maximilian, Herzog in Bayern, dem Vater der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Sisi). Ihm hatte Johann Strauß nämlich den Walzer “Gedanken auf den Alpen” gewidment. Maximilian, der selbst komponierte und ein vortrefflicher Zitherspieler war, bedankte sich höflich und anerkennend für die Dedikation; er nannte das Werk eine “besonders schöne Parthie” und konstatierte, daß ihn “der zweite und der fünfte Walzer besonders angesprochen” hätten. Diesem Urteil des kunstverständigen Herzogs kann mach sich gewiß anschließben.

“Festival-Quadrille” nach englischen Motiven, op. 341

Dieses Werk wurde unter dem Titel “Promenade-Quadrille, on Popular Airs” am 7. Oktober 1867 bei den Promenade-Konzerten im Londoner Coven Garden unter der Leitung des Komponisten zum ersten Male aufgeführt, und zwar in der fünfteiligen Fassung (ohne “Trenis”). Und das ist die Entstehungsgeschichte dieser ebenso interessanten wie amüsanten Arbeit:

Der Wiener Walzerkönig Johann Strauß hat die Nachfolge seines Vaters im Falle der Tätigkeit in Großbritannien (der “alte Strauß” hatte als junger Mann im Jahre 1838 zum ersten und als gereifter Künstler im Jahre 1849 zum letzten Male dem inselreich Besuche abgestattet) erst vergleichsweise spät und auch nur ein einziges Mal angetreten. Er kam im Spätsommer 1867 im Anschluß an seine Konzerte am Rande der Pariser Weltausstellung an der Seite seiner Gattin Jetty, um im Rahmen der von Giovanni Bottesini geleiteten Coven Garden aufgetreten und hatte eine große Anzahl von Verehrern und Bewunderern in Großbritannien. Jetty war auch bereit, im Jahre 1867 nochmals auf dem Podium zu erscheinen, und zwar jeweils zusammen mit ihrem Gatten. Trotz dieser für ihn heiklen Lage setzte sich Strauß schließlich sowohl als Komponist als auch als Dirigent in London souverän durch. Die Engländer erkannten und anerkannten sein Genie, und er selbst war von diesem Publikum so begeistert, daß er am Schluß seines Gastspiels (er wirkte vom 15. August bis 26. Oktober bei 63 Konzerten mit) in sein Tagebuch schrieb: “Vivat die Engländerl”.

Die “Promenade-Quadrille” ist ebenfalls als Huldigung für das englische Publikum zu betrachten. Strauß verwendete zu diesem Werk in Nr. 1 “Pull, pull together, boys”, “One a penny swells”, “Any ornaments for your firestoves”, in Nr. 2 “Jog along boys”, in Nr. 3 “I’ll go no more on the Ohio” (known as “Pretty Jemima”), “Costermonger Joe”, in Nr. 5 ”Come along boys, let’s make a noise”, “The dancing swell”, “Cool Burgundy Ben”, in Nr. 6 “Going to the Derby in Four-in-Hand”, “Just before the battle, mother”.

Einige dieser Melodien stammen aus dem Repertoire amerikanischer Negersänger, die in London durch das Auftreten der Christy Minstrels bekant geworden waren, die anderen sind den Musikhallen-Programmen von George Leybourne und “The Great Vance” entnommen worden.

Bei der Uraufführung hatte—wie erwähnt—die “Promenade-Quadrille”, entsprechend der englischen Tradition, nur fünf Teile. Es dauerte dann bis zum 3. Februar 1870, bis das Werk auch in Wien, und zwar im Cursalong des Stadtparks (der heute noch besteht), vorgeführt wurde. Für diese Aufführung hatte Strauß das Werk der Wiener Praxis (nach Pariser Vorbild) angepßt und eine Nummer 4 (“Trenis”) eingeführt, dabei aber ausdrücklich vermerkt: “Original”. Diese Aufnahme folgt der Wiener Fassung.

“Habsburg Hoch!”, Marsch, op. 408

Im Dezember 1882 wünschte der Kaiserhof, die “600jährige Vereinigung österreichischer Kronländer unter dem Szepter des allerhöchsten Kaiserhauses Habsburg” mit besonderem Prunk zu begehen. Da mußten sich selbstverständlich auch die beiden k. k. Hofball-Musikdirektoren aus dem Hause Strauß, Johann und Eduard, mit besonderen Festgaben einstellen. Eduard Strauß hatte es leicht: er veranstaltete einfach am 17. Dezember statt des normalen Sonntagskonzerts im Musikverein ein “Sonderkonzert”, lud eine Militärmusikkapelle dazu ein und spielte mit 100 Musikern einen Marsc, “Osterreichs Völkertreue”, op. 211.

Seinem Bruder Johann Strauß fiel es natürlich auch nicht schwer, eine Gelegenheitskomposition zustande zu bringen: er vermengte einfach ein schwungvolles Marschmotiv mit der “Kaiserhymne”, dem “Prinz Eugen-Marsch” und dem “Radetzky-Marsch” seines Vaters. Schwierig war es für Johann Strauß nur, eine passende Gelegenheit zur Aufführung dieses Marsches zu finden: mit Eduard war er gerade zerstritten und in sein Haustheater, das Theater an der Wien, konnte er damals auch nicht übersiedeln, denn dort hatte sich soeben seine untreue, zweite Frau Angelica, geb. Dittrich, als “Frau Direktor Steiner” etabliert. Schließlich veranstaltete Johann Strauß, zusammen mit dem abgewirtschafteten Direktor Stramper im, vor dem Bankrott stehenden, Carltheater eine eigene “Habsburgfeier” am 27. Dezember 1882. Dort konnte er endlich—im Verein mit einer auf der Bühne postierten Regimentskapelle—seinen “Habsburg”-Marsch dirigieren (und gleich auch noch zweimal wiederholen). Das Werk hielt sich allerdings nicht im Repertoire der Strauß-Kapelle.

Kurlos war übrigens auch der Ablauf der “Habsburgfeier” im Carltheater. Sie wurde mit einem Prolog von Josef Weyl eingeleitet, bot eine Nachbilding der historischen Szene vom 27. Dezember 1281: Rudolf von Habsburg belehnt auf dem Reichstag zu Regensburg seine Söhne mit Österreich, Steirmark und Krain, und die Aufführung von Ludwig Anzengrubers ländlichem Gemälde mit dem Titel “Die umkehrte Freit”. Ein seltsamer Rahmen also für den Marsch “Habsburg Hoch!”.

“Nachtveilchen”, Polka Mazur, op. 170

Die auf dem Umweg über Paris nach Wien eingeführte Tanzmode der Polka Mazur konnte sich nur langsam in der Kaisertadt an der Donau durchsetzen. Die Brüder Strauß aber erkannten die Möglichkeiten, die sich bei der künstlerischen Gestaltung des sowohl festlichen als auch schwermütigen, ursprünglich polnischen Tanzes boten. Johann Strauß schrieb im Sommer 1855, vor seiner Abreise nach Bad Gastein, eine Polka Mazur, die er “Nachveilchen” nannte. Es war ein überraschen schwermütiges Werk, ein Kontrast zu den fröhlichen Walzern und überraschend schwermütigen Polkatänzen des aufstrebenden Walzerkönigs. Strauß selbst stellte seine “Nachveilchen”-Mazur am 1. Juli 1855 beim Unger dem Publikum vor. Das Schicksal wollte es, daß im September 1855, als das Werk im Druck reschien, August Lanner, der Sohn Joseph Lanners, zu Grabe getragen wurde. Eine heimtückische Typhuserkrankung hatte seinem jungen Leben ein jähes Ende bereitet. Man könnte meinen, die Muse hätte die “Nachtveilchen” von Strauß für diese Anlaß erblühen lassen. Es gibt nun einmal Zuffälle, die schicksalhaft erscheinen…

“Lucifer-Polka”, op. 266

Eine rasante Teufelei hatte Johann Strauß im Sinn, als er für den Hesperusball des Jahres 1862—er wurde am 22. Februar im Dianabad-Saal abgehalten—eine Schnellpolka mit dem Titel “Lucifer” komponierte. Das Werk wurde—nach dem Widmungswalzer von Joseph Strauß, den “Hesperus-Ball-Tänzen”, op. 116—auch aufgeführt und begeistert getanzt. Das haben die Ballreporter tags darauf einstimmig bestätigt. Aber im Verzeichnis, das Joseph Strauß etliche Jahre später angelegt hat, wird erst der Ball in der Redoute am 27. Februar als Tag der Uraufführung angegeben. Das mag als Gedächtnisfehler zu entschuldigen sein. Daß sich aber der Zeichner des Titelblattes der Erstausgabe des Werkes, das ja erst am 1. Mai 1862 in die Musikalienhandlungen kam, von der Doppelbedeutung des Wortes Hesperus irreführen ließ und anstelle einer entsprechen “teuflischen” illustration das Bild einer stillen Praklandschaft strichelte, die vom milden Licht eines Lichtbringers (das ist die Übersetzung des lateinischen Wortes Lucifer) erhelt wird, nämlich vom Morgenstern, das ist schon ein satanischer Irrtum. Dem Komponisten Johann Strauß hat diese Verwechslung gewiß eine diabolische Freude bereitet. Freude bereitet aber jede Begegnung mit der “Lucifer-Polka”; sie gehört zu amüsantesten und effektvollsten Werken des Komponisten.

“Kaiser-Walzer”, op. 437

Am 19. Oktober 1889 wurde in Berlin ein neuer Konzertsaal unter dem Namen “Königsbau” eröffnet. Es handelte sich um die Umgestaltung der ehemaligen Produktenbörse im Stadtzentrum. Prominente Dirigenten und Komponisten wurden eigeladen, an den ersten Veranstaltungen in diesem großangelegten Etablissement teilzunehmen; darunter auch der Wiener Walzerkönig Johann Strauß, der sich damals bereits seit Jahren aus dem Konzertleben zurückgezogen hatte und an der Fertigstellung seiner Komischen Oper “Ritter Pasman” arbeitete. Weil Strauß die Ehre zuerkannt wurde, mit einem Gastspiel an fünf Abenden die Serie dieser Konzerte zu eröffnen und weil man ihm großzügige Arbeitsbedingungen sowie ein Orchester von etwa 100 Mann zugesagt hatte, nahm er das Angebot an und reiste am 10. Oktober 1889 nach Berlin ab. Schon am 5. Oktober hatten die Zeitungen in Wien und Berlin die Meldung veröffentlicht, Strau’ habe für diese Konzerte einen “reizenden Walzer componirt, welcher, ‘Hand in Hand’ betitelt, im ‘Königsbau’ zum ersten Male gespielt werden solle”.

“Hand in Hand”—das konnte unter den damals aktuellen, politischen Bedinungen nur als Anspielung auf das Bündnis der Donaumonarchie mit dem deutschen Kaiserreich verstanden werden, das kurz vorher, bei der Anwesenheit Franz Josephs bei Kaiser Wilhelm in Berlin feierlich bekräftigt worden war. Es war wohl der Berliner Verleger des Wiener Komponisten, Fritz Simrock, der dafür war, den Titel zu ändern, und zwar in “Kaier-Walzer”. nun hatte Johann Strauß im Dezember 1888 für Franz Joseph—und zwar zu dessen 40jährigem Regierungsjubiläum—einen feierlichen Walzer komponiert, den “Kaier Jubiläums-Jubelwalzer”, der mit der Opuszahl 434 im Verlag Cranz erschienen war. Aber das störte Simrock wenig: der nicht völlig exakte Titel “Kaiser-Walzer” konnte unter Umständen auch als Mehrzahl verstanden werden, dann waren beide Kaiser, Franz Joseph und Wilhelm, gemeint. Aber in der Druckausgabe legte sich zumindest Simrock fest; er ließ die österreichische Kaiserkrone auf dem Titelblatt erscheinen.

Der “Kaiser-Walzer” wurde also im “Königsbau” unter der Leitung des Komponisten Johann Strauß von einem Orchester von etwa 100 Mann uraugeführt, allerdings nicht beim Eröffnungskonzert am 19. Oktober, sondern erst—da das schwierge Werk ja ordentlich geprobt werden mußteΚam 21. Oktober. Dann aber verbreitete sich die Meldung, dieses Opus sei ein Meisterwerk des Wiener Walzerkönigs, innerhalb weniger Tage in ganz Europa und erreichte selbstverständlich auch Wien. Daraufhin verschaffte sich Carl Michael Ziehrer, der damais Kapellsmeister im Wiener Hausregiment Nr. 4, Hoch- und Deutschmeister, wra, den indessen erschienenen Klavierauszug, instrumentierte ihn nach eigenen Vorstellungen, und prasentierte ihn dem Wiener Publikum am 11. November 1889 in seinen konzerten im Variete Ronacher. Das empörte Johann Strauß und er ließ verlautbaren, er werde seinen neuen Walzer im Benefizkonzert seines Bruders Eduard am 24. November im Wiener Musikverein selbst dirigieren, und zwar in der “originalen instrumentation”. So geschah es auch: drei Stunden nach einer Festaufführung der IX. Symphonie Ludwig van Beethovens in einem Konzert der Gesellschaft der Musikfreunde erklang im goldenen Saal des Hauses der “Kaiser-Walzer” in der Wiedergabe des Strau’-Orchesters unter der Leitung des Komponisten. Es gab frenetischen Jubel; Strauß mußte sein Werk wiederholen und etliche Zugaben leisten. In den Kritiken aber tauchte das Zusammelspiel Wien-Berlin “Hand in Hand”, neuerlich auf. So schrieb das “Fremden-Blatt”: “Der Kaiserwalzer beginnt preußisch-kriegerisch, man sieht und hört förmlich die Garden des alten Fritz [= Friedrich II.] vorbeimarschiren—aber dann geht der Wiener mit dem Komponisten durch und alles bekommt wieder den gewohnten ech-wienersich flotten Strich und Schwung. Sehr interessant ist die Coda gehalten. Der Walzer bekommt dadurch einen stimmungsvollen Abschluß.” Man muß diese Walzer von Strauß selbst gehört und sich dabei seine Meinung gebildet hat. (Auch andere Berichte bringen ähnliche Gedanken vor.) Aber letztlich ist das alles Geschichte. Heute gehört der “Kaiser-Walzer” längst der ganzen Welt.


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