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8.223210 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 10
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

"Morgenblätter", Walzer, op. 279
Im Fasching 1864 gab die Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" ihren zweiten Ball im Sofiensaal. Man hatte einen möglichst frühen Termin für dieses Fest gewählt, da mit dem Ausbruch des Krieges um Schleswig-Holstein zu rechnen war und man diesem, die Tanzfreude mit Sicherheit dämpfenden, Ereignis möglichst zuvorkommen wollte. Daher fiel die Wahl des Komitees auf den 12. Jänner 1864. Für das Tanzrepertoire hatte man sich etwas Besonderes ausgedacht. Natürlich sollte die Strauß- Kapelle beim Concordiaball aufspielen und ebenso selbstverständlich sollte der Herr Hofball-Musikdirektor Johann Strauß wieder einen großen Walzer als Ballwidmung beisteuern. Aber die Journalisten waren diesmal auch an Jacques Offenbach (1819-1880) herangetreten und hatten auch ihn um einen Widmungswalzer gebeten. Der Wahlpariser hatte den Vorschlag prompt akzeptiert. Er mußte im Jänner 1864 ohnedies nach Wien reisen, weil er nicht nur Geschäfte mit den Vorstadttheatern abzuwickeln hatte, die seine Operetten spielten bzw. spielen sollten, sondern auch der Einladung des k. k. Hofoperntheaters nächst dem Kärntnerthor gefolgt war und für diese Bühne eine Oper mit dem Titel "Die Rheinnixen" geschrieben hatte. Die Aufführung dieser Oper war für die erste Woche im Februar in Aussicht genommen. Offenbach lag viel am Erfolg dieses Werkes, und schon aus diesem Grund war er nur allzu gern bereit, die Journalisten so gut wie möglich zufrieden zu stellen: dazu sollte auch der Widmungswalzer für ihren Ball einen Beitrag leisten. Es zeigte sich allerdings, daß Offenbach über die Entwicklung des Walzers auf Wiener Boden nicht so recht informiert war. Sein Concordia-Walzer bestand daher in einem, von den Tänzen Strauß-Vaters abgeleiteten, im französischen Stil gehaltenen Werk, das gewiß nicht als sensationell zu bewerten war. Aber Offenbach verließ sich auch in diesem Fall auf den Zauber, den viele seiner Melodien damals auf das Publikum – in Paris wie in Wien – ausübten. Die Journalisten gaben Offenbachs Widmung den Titel "Abendblätter".

Natürlich erfuhr auch Strauß von dieser Einladung an Offenbach. Er ging daraufhin mit besonderer Sorgfalt an die Ausarbeitung seines zweiten Concordia-Walzers (vgl. "Leitartikel", Walzer, op. 273, aus dem Jahre 1863); er feilte an den einzelnen Abschnitten, war bestrebt, Harmonie und Kontrast innerhalb des Werkes noch sorgfältiger, als es bisher der Fall gewesen war, aufeinander folgen zu lassen. Und vielleicht war es gerade der Wille, sich Offenbach – der seine Cancan-Motive in der Regel von der Posaune vortragen ließ – gegenüber zu behaupten, der Strauß veranlaßte, in einem Teil des Walzers einmal nicht der Geige, sondern ebenfalls der Posaune die Melodienführung zu überlassen. Wenig Freude hatte Strauß damit, daß die Journalisten seiner Widmung den Titel "Morgenblätter" gaben. Er hätte die direkte Gegenüberstellung mit Offenbach gern vermieden. Er ging ihr aber auch nicht aus dem Wege, und weil er sich damals gerade mit seinem bisherigen Verleger, Carl Haslinger, überworfen hatte und daran dachte, selbst eine Musikalienhandlung und einen Verlag zu eröffnen, wandte sich Strauß sogar unter Vermittlung des Kritikers Eduard Hanslick an Offenbach und ließ ihn ersuchen, ihm den Walzer "Abendblätter" zur Veröffentlichung zu überlassen! In der Ballnacht des 12. Jänner 1864 war "ganz Wien" beim Fest der "Concordia" im Sofiensaal versammelt. Stolz referierte am nächsten Tag die "Presse" (in ihrem Abendblatt): "Seien wir aufrichtig – wie vermögen die anderen Ballgesellschaften mit uns zu concurriren – mit uns, denen die Reclame in souveränster Weise zu Gebote steht – mit uns, den Gewalthabern der (weltweit) 'sechsten Großmacht'? Aber schön war der 'Concordiaball' wirklich: ein prächtig mit Blumen decorirter Saal, darinnen zweihundert unermüdliche, von Jugend und Toilettenpracht strahlende Tänzerpaare und ringsherum Celebritäten, Autoritäten, Notabilitäten aller Art und beiderlei Geschlechts. Die Diplomatie und die Armee, die Regierung und der Reichsrath, die Kunst und die Literatur, der Handel und die Industrie waren durch die ausgezeichneten Repräsentanten und in einer Zahl vertreten, welche zeigt, daß sie alle das Bedürlnis fühlten, eine Einladung der sechsten Großmacht zu respektiren."

In diesem erlesenen Rahmen mußte Strauß gegen Offenbach bestehen. In der Ruhestunde trug er an der Spitze der Strauß-Kapelle nacheinander die "Abendblätter" und die "Morgenblätter" vor. Welches Werk den Zuhörern besser gefiel, mochte er wohl im Moment nicht erkennen, denn die Versammlung applaudierte nach beiden Werken höflich und das erste Presseecho ließ beide Walzer einfach nebeneinander gelten. Auch der Verleger Spina, der indessen den Vertrieb der Strauß-Kompositionen übernommen hatte, lieferte beide Werke gleichzeitig an die Musikalienhandlungen aus. Doch je öfter die Walzer aufgespielt wurden, desto deutlicher fielen die "Abendblätter" ab. In der Folge gingen die Melodien des Strauß-Walzers in die Operette "Wiener Blut" (im Auftrittslied der Gräfin sind sie zusammen mit dem Walzer "Myrthenblüthen", op. 395, zu hören) über und hielten sich auch beständig im Repertoire der Strauß-Kapelle; und in unseren Tagen gehört der Walzer "Morgenblätter" zu den Standardwerken der Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker.

"Bauern-Polka" (française), op. 276
Im Sommer 1863 erholte sich Johann Strauß an der Seite seiner Gattin Jetty, die zum ersten Male mit ins Zarenreich gereist war, trotz seiner Tätigkeit im Vauxhall von Pawlowsk sehr rasch von der schweren Krankheit, die ihn zu einer schöpferischen Pause im Karneval gezwungen hatte. So groß schien den Ärzten die Gefahr einer Gehirnlähmung zu sein, daß sie Strauß zwar das Dirigieren, nicht aber die anstrengende Arbeit des Komponierens erlaubten. Nun war diese Gefahr zwar noch nicht ganz vorüber – aber Strauß hatte als Ehemann in den Flitterwochen seine gute Laune und seine Schaffensfreude wiedergewonnen.

Walzer durfte er zwar vorerst keinen komponieren, aber für einige kleinere Werke hatte er genügend Muße. Gegen Ende der Sommersaison wurde ihm vorgeschlagen, doch wieder einmal eine effektsichere Komposition nach dem Geschmack des russischen Publikums zu schreiben. Daraufhin skizzierte Strauß in übermütiger Laune seine "Bauern-Polka" und richtete es so sein, daß bei der Aufführung gesungen und allenfalls auch getrampelt werden sollte. Bei seinem Benefizkonzert am 29. August 1863 (d i der 17 August nach dem russischen Kalender) führje er das Werk zum ersten Male vor. Der Erfolg übertraf seine eigenen Erwartungen noch bei weitem: die "Bauern-Polka" avancierte sogleich zum Schlager der Saison.

In einem gemeinsamen Brief an den Verleger Haslinger in Wien schrieben Jetty und Jean abwechselnd:

(Jetty) "Die Bauernpolka hat ein reines Halloh hervorgerufen und mußte dreimal gespielt werden, das wird etwas für Wien werden!"

(Jean) "Es wird dabei nicht nur getrommelt, sondern auch gesungen. Ich spielte selbe heute zum dritten Male, aber das Publikum singt sie schon ebenso genau mit als die Musikanten, so auffasslich ist diese Bauernmusik gehalten, so wunderbar der Charakter und die Poesie dieses Werkes, daß Hoch und Nieder im Publikum sich vors Orchester stellt, um dieses Wunderwerk mit Andacht zu genießen:"

Schließlich wurde der Erfolg des Werkes selbst dem Komponisten unheimlich. Zar Alexander erschien – und wollte die "Bauern-Polka" hören, der Verleger fragte an, ob Strauß nicht auch noch "Bauernwalzer" schreiben wolle. Da wurde Strauß so zornig, daß er die Polka geradezu verwünschte. Überdies war er der Meinung, das Werk würde in Wien nicht so gefallen wie in Pawlowsk. Und damit behielt er recht. In der hier vorliegenden Aufnahme wurde das Mitsingen der Musiker (das auch im Klavierauszug fehlt) unterlassen. Effektvoll ist die Polka trotzdem.

"Juristenball-Polka" (schnell), op. 280
Die "Juristenball-Polka" gehört ebenso wie der Walzer "Morgenblätter", op. 279, zu den Faschingskompositionen des Jahres 1864. Es war dies der erste Wiener Karneval, in dem die neugegründete Kapelle des jungen Musikdirektors Carl Michael Ziehrer der Strauß-Kapelle eine (bescheidene!) Konkurrenz machte Der junge Ziehrer spielte aber nur im Dianabad-Saal zum Tanze auf: bei allen repräsentativen Bällen war die Strauß-Kapelle beschäftigt, und die Brüder Strauß hatten dementsprechend für alle traditionellen Widmungskompositionen zu sorgen: nun hatte allerdings Joseph den Großteil dieser alljährlichen Verpflichtungen zu erfüllen, aber Johann half nach Kräften. Da sich im Jahre 1864 die Juristen nicht auf ein Ballkomitee einigen konnten, wurden zwei Feste arrangiert; für den ersten Ball der Jus-Studenten, der am 18. Jänner im Sofiensaal stattfand, stellte Strauß eine der beiden von ihm für diesen Karneval vorbereiteten Schnellpolkas zur Verfügung. Sie erhielt den Titel "Juristenball-Polka" und ergänzte das Tanzrepertoiredes Abends, zu dem Joseph seinen neuen Walzer "Petitionen", op. 153, beigesteuert hatte. Pepi Strauß dürfte diese Polka auch vorgeführt haben, denn Johann schonte sich für den am nächsten Abend stattfindenden Ball der Industriellen Gesellschaften, bei dem er seinen Schlager, die Polka schnell "Vergnügungszug", op. 281, selbst vorzutragen wünschte. In den Schatten dieses Reißers ist die "Juristenball-Polka" von Anfang an geraten – und das ist schade, denn sie ist ein hübsches, geistreich konzipiertes Werk.

"Myrthenblüthen", Walzer, op. 395
Als der Kaiserhof zu Wien im März 1880 ohne sonderliche Begeisterung bekanntgab, Kronprinz Rudolf (geb. 1858) habe sich in Brüssel mit der noch kindlichen Tochter Stephanie des belgischen Herrscherpaares verlobt, bestellte die Gemeindeverwaltung der Reichshaupt- und Residenzstadt an der Donau sofort bei Johann Strauß ein Festspiel. Dieser machte sich auch eifrig an die Arbeit. Aber als er bereits ein Dutzend Seiten in Partitur geschrieben hatte, änderten die Wiener Stadtväter ihre Plane, in denen sie auf ein allzugroßes Spektakel verzichteten. Sie überließen es nun ganz der Disposition der Brüder Johann und Eduard Strauß, welche Kompositionen sie anläßlich der Hochzeit im Kaiserhaus schreiben und bei welchen Gelegenheiten sie diese Werke aufführen wollten. Daraufhin nahm Johann Strauß die Einladung des Wiener Männergesangvereins an und konzipierte einen Walzer für Männerchor und Orchester mit dem Namen "Myrthenblüthen". Für den Text sorgte August Seuffert und dieser Gelegenheitsdichter behandelte in seinen Versen keineswegs das Thema der Hochzeit Stephanie – Rudolf, sondern bot Stimmungsbilder der Natur im Jahresablauf. Erst ganz zuletzt hieß es: "Dein neues Vaterland / begrüßt Dich heut' mit Herz und Hand / belgisches Königskind / nordisches Röselein / Dich grüßt der Süd', liebesdurchglüht". Das paßte auch sehr gut zu den gieichfalls stimmungsvoilen Weisen im Dreivierteltakt, die Strauß für diese Gelegenheitskomposition eingefallen waren. In der Introduktion sorgten Harfenklänge für einen feierlichen Auftakt.

Die egentliche Uraufführung des Werkes fand am 6 Mai 1881 in der Generalprobe des Wiener Männergesangvereins statt: Strauß dirigierte den Chor mit Orchesterbegleitung und arbeitete dabei die ihm wichtig erscheinenden Vortragsnuancen sorgfältig heraus. In einem Bericht über diese Probe heißt es: "Die Sänger begrüßten den Maestro bei seinem Erscheinen mit lebhaftem Applaus, der sich nach Schluß der Nummer noch steigerte. In Johann Strauß neuester Komposition pulsiert echtes Wiener Biut".

In der Öffentlichkeit wurde der Walzer "Myrthenbiüthen" bei dem aus Aniaß der Hochzeit (sie wurde am 10 Mai 1881 in Wien vollzogen) im Prater veranstalteten Volksfest vom Wiener Männergesangverein am 8. Mai zum ersten Male vorgetragen. Das Werk erklang, eingebettet in ein reiches Programm der Sängerschar, unter der Leitung des Komponisten im Zusammenwirken mit einer Militärmusikkapelle (I.R. Hessen). Über den Walzer und seine Uraufführung berichtete das "Fremden-Blatt" in einem langen Artikel, in dem es u.a. hieß: "Piéce de restistance der Produktion vor etwa 20.000 Zuhörern bildete der neue Walzer von Johann Strauß 'Myrthenblüthen'. Minuntenlanger Beifall durchbrauste die Luft, als Strauß die Estrade betrat, um seine neueste, dem allerhöohsten Brautpaare gewidmete Produktion zu beginnen. Als nach der Introduktion die ersten Töne erklangen und sofort rasoh und flott zum Wiener Herzen sprachen, ging ein wahrer Jubel durch das Auditorium": (Anm.: Nehmen wir gleioh vorweg, daß dieser Walzerteil zusammen mit dem Beginn des Walzers "Morgenblätter" in der Operette "Wiener Blut" als Auftrittslied der Gräfin verwendet werden sollte.) "Als die letzten Töne verklungen waren, brach das Publikum in einen Beifallssturm aus, der seinesgleichen suohte". Stephanie und Rudolf, denen der Walzer zugeeignet worden war, konnten das Werk damals allerdings nicht hören – ihr Wagen blieb im Trubel des Volksfestes stecken und kam nicht bis zur Produktionsstätte des Männergesangvereins durch. Nun hätte Eduard mögliohst rasch die Aufführung der Orohesterfassung der "Mryrthenblüthen" folgen lassen müssen, aber er war so stolz auf seinen Hochzeitswalzer, "Sohleier und Krone", op. 200, den er als k. K. Hofball-Musikdirektor beim Festbankett in der Hofburg hatte vorführen können, daß er die Produktion der "Myrthenblüthen" den Militärmusikkapellen überließ. Der Wiener Bürgermeister aber dankte Johann Strauß für die Komposition des Walzers "Myrthenkränze" [!]. Aber darauf kam es nun auoh nioht mehr an.

"Blumenfest-Polka", op. 111
Auf dem Titelblatt der Erstausgabe der "Blumenfest-Polka" (erschienen im September 1852 im Verlag Carl Haslinger) ist vermerkt: "Zum ersten Male aufgeführt bei dem vom allerhöchsten Hofe varanstalleten Blumenfeste im k. k. Glashausgartan zu Wien am 18. Mai 1852." Joseph Strauß weiß es anders: in seiner Aufstellung, die wahrscheinlich im Frühjahr 1870 vor seiner Abreise nach Warschau niedergeschrieben worden ist und sich wohl auf eine Art Tagebuch der Kapelle stützt, heißt es: "aufgeführt am 22. Mai beim Blumenfest im Kaisergarten".

Folgt man den zeitgenössischen Berichten über die Feste des Jahres 1852 (zum Beispiel in Adolf Bäuerles "Theaterzeitung"), so kommt man zu einem wieder anderen Ergebnis; am 16. Mai heißt es dort: "Zur Feier des allerhöchsten Namensfestes Ihrer k. k. Hoheit, der Frau Erzherzogin Sophie, veranstaltete der Cafetiér Corti im k. k. Volksgarten ein großartiges Frühlingsfest. Strauß und die Regimentskapelle I. R. Constantin ließen ihre heiteren Weisen erschallen, unter welchen besonders Strauß' neueste 'Blumenfest-Polka' rauschenden Beifall erntete und mehrmals wiederholt werden mußte." Demnach wäre die Polka am 14. Mai im Volksgarten zum ersten Male erklungen.

Nun – komponiert wurde das Werk jedenfalls für ein Blumenfest, das nach einer auf Kaiser Franz I. zurückreichenden Tradition im Mai im Glashausgarten nächst der Burg (heute Burggarten) gefeiert werden sollte. Das Fest 1852 war für den 11. Mai geplant und der in Wien weilende Zar sollte als Ehrengast daran teilnehmen. Am 11. Mai aber regnete es in Strömen und so wurde das Blumenfest auf den 18. Mai verschoben. Der Zar war indessen abgereist. Am 19. Mai berichteten mehrere Journale, diesmal sei das noch typisch biedermeierlich "gemüthliche" Fest tatsächlich – wenn auch recht lustlos – "arrangirt" worden. Und dann kam wieder ein Bericht (und zwar in der "Wiener Musikzeitung"), in dem von der Uraufführung der "Blumenfest-Polka" im k. k. Volksgarten berichtete wurde.

Die Polka von Johann Strauß versucht jedenfalls mit ausgezeichnetem Gelingen, die Anmut eines biedermeierlichen Festes in die gar nicht mehr gemütliche Zeit des "neuen Absolutismus" seit dem Regierungsantritt des jungen Kaisers Franz Joseph zu übertragen. Noch herrschte ja über der Reichshaupt- und Residenzstadt der Belagerungszustand, der das Wiener Leben empfindlich einschränkte. Aber die leichte, liebenswürdige Polka schlägt gleichsam eine Brücke zwischen Biedermeier und Gründerzeit; in ihrer Stimmung, in der Eleganz ihrer Melodien wird die Vergangenheit – Zukunft!

"Panacea-Klänge", Walzer, op. 161
Im Fasching 1855 hatten es die Wiener Musikdirektoren wieder einmal schwer, das Publikum der, zunächst nur in Ausnahmefällen gut besuchten, Bälle in Stimmung und vor allem in Schwung zu bringen. Der Krim-Krieg zwischen Rußland einerseits und den mit dem Osmanenreich verbündeten West-Mächten machte breiten Schichten der Bevölkerung erhebliche Sorgen. Johann Strauß war zwar wieder der souveräne Karnevalsregent, denn sein einstiger Rivale, Philipp Fahrbach, dem der allerhöchste Kaiserhof seine Gunst entzogen hatte, konnte sich nur bei einem Teil des Vorstadtpublikums eine gewisse Anerkennung verschaffen. Auch Joseph Strauß hielt sich in dieser Saison auffällig zurück und steuerte keine Widmungskomposition für die traditionellen Ballfeste der Wiener Gesellschaft und ihre Korporationen bei. Dazu kam, daß jene Sätze beiden Musikfreunden noch nicht vergessen waren, die Eduard Hanslick in seinem Aufsatz über die Musikverlage am 6. November 1854 in der "Wiener Zeitung" publiziert hatte. Darin hat es z. B. geheißen: "Wir sehen Johann Strauß, diesen talentvollen, geschickten Komponisten auf bedenklichem Wege. In seinen neueren Walzern findet sich ein Pathos eingeschmuggelt, das, in der Tanzmusik gänzlich ungehörig, beinahe verstimmend auf den Hörer wirkt." Im Zusammenhang damit nannte Hanslick die Walzer "Schallwellen" und "Novellen" sogar "Walzer-Requiem". (Vgl. diese beiden Walzer, op. 148 und op. 146.)

Die Musikfreunde waren gespannt, wie Strauß auf diesen Angriff reagieren werde. Würde er – wie Hanslick es angeregt hatte – zu den Walzern im Stile Joseph Lanners zurückkehren? Gleich die erste neue Walzerpartie, die Johann Strauß im Fasching 1855 aufspielte, mußte eigentlich die Antwort auf diese Frage geben. Nun – der erste repräsentative Gesellschaftsball dieses Faschings fand am 23. Jänner im Sofiensaal statt: es war der traditionelle Ball der Medizin-Studenten an der Universität Wien, also der Medizinerball. Als Widmungswalzer trug Strauß an der Spitze seiner Kapelle ein Werk vor, das den Titel "Panacea-Klänge" erhalten hat, und gleichsam die Utopie der Mediziner beschwor, es könne als "Allheilmittel" zur Bekämofuna sämtlicher Krankheiten und Leiden gelten. Schon am Ballabend stand jedoch fest, daß dieser Walzer für Eduard Hanslick kein "Heilmittel" gewesen sein konnte: das Werk lag haarscharf in der Linie der, für damalige Begriffe modernen, die Anregungen der "Zukunftsmusik" auswertenden, und trotzdem schwungvoll-melodiösen Kompositionen von Johann Strauß. Dem Komponisten machte es offenbar auch nichts aus, daß sein Verleger Haslinger diesem Werk keine verkaufswirksame Popularität zutraute: Haslinger ließ nämlich annoncieren, daß er für Interessenten nur geschriebene Partituren des Werkes bereitstellen werde.

In einer gewissen Weise sollte der vorsichtige Verleger Haslinger Recht behalten: zum Verkaufsschlager sind die "Panacea-Klänge" nicht geworden. Für den Kenner gehört diese souverän gegliederte Walzerpartie aber zu den interessantesten Strauß- Kompositionen der Fünfzigerjahre.

"Diabolin-Polka", op. 244
Im Sommer 1860, als Johann Strauß bei seinen Konzerten in Pawlowsk bei St. Petersburg mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen hatte – einmal zerschlug ein unzufriedenes Publikum das Mobilar des Vauxhall und warf sogar die Fensterscheiben seiner Wohnung ein! – schrieb er eine Polka, die als "Nouvelle Satanella-Polka" in den Programmen aufschien und unter diesem Titel in St. Petersburg auch im Druck erschienen ist. Damit knüpfte Strauß an jene Widmungen für die schöne, rassige Tänzerin Marie Taglioni an, die nach dem Berliner und Wiener Publikum in ihrer Glanzrolle als Satanella in dem gleichnamigen Ballett ihres Vaters mit Musik von Haertel indessen auch das Publikum der russischen Metropole begeistert hatte. (Vgl. "Satanella-Polka', op. 124, und "Satanella-Quadrille", op. 123, sowie "Marie Taglioni-Polka", op. 173.) Das Titelblatt der Erstausgabe zeigt denn auch eine Satanella, die auf dem Rücken des Satans tanzt und der ein Höllen-Orchester dazu aufspielt. In Wien hatte man aber wohl schon genug von Satanella und so wurde das Werk an der blauen Donau unter dem neuen Titel "Diabolin-Polka" vorgestellt. Damit war ein vergleichsweise amüsanter Titel gefunden, denn seit dem Triumph der Oper "Fra Diavolo" von D. F. E. Auber auf allen Bühnen der Welt nahm man das Diabolische nicht mehr ganz ernst. Und dieser Titel paßt auch ganz ausgezeichnet zu der Polka, in der Strauß es trotz einiger "teuflischer" Akzente nicht recht gelingt, sich satanisch zu gebärden.

Über die Umstände der Erstaufführung in Pawlowsk sind noch keine verläßlichen Angaben aufgefunden worden; in Wien hat Strauß das Werk nach seiner Rückkehr offiziell bei seinem Benefizkonzert am 25. November 1860 im Volksgarten vorgestellt. Der Hornist Sabay hat in seinen Aufzeichnungen allerdings verraten, daß es eine Voraufführung dieser heiklen, nicht leicht richtig zu interpretierenden Polka schon am 12. November gegeben hat, und zwar bei der Saisoneröffnung im neuen Dianabad-Saal. An diesem Abend dirigierte allerdings Joseph Strauß.

"Lieder-Quadrille", op. 275
Im Frühjahr 1863 reiste Johann Strauß zum ersten Male mit seiner Gattin Jetty ins Engagement nach Pawlowsk bei St. Petersburg. Er kümmerte sich keinen Augenblick um die hämischen Glossender Zeitungen, die da schrieben, als Ehemann werde der flotte Herr Musikdirektor nicht mehr jene magnetische Anziehungskraft auf die Schar seiner Verehrerinnen ausüben, die bisher seine Tätigkeit im Vauxhall von Pawlowsk unbestritten begleitet hatte. Strauß war geradezu übermütig und voll ausgelassener Fröhlichkeit. Die Folgen seiner bedrohlichen Erkrankung – zu Jahresbeginn hatten ihm die Ärzte das Komponieren völlig untersagt! – begannen zu weichen. Er war wieder der – "ewig Junge"! In bester Laune schrieb Johann Strauß etwa Anfang Juni 1863 seinem Verleger einen Brief, indem er unter anderem ankündigte:

"Morgen sende ich mit allerhöchst Deiner Erlaubnis und großmüthiger Einwilligung die nach deutschen Themen zusammengestellte Quadrille an höchst Deine Firma ab. Beneidenswerther Verleger dieses chef d'ouevre, laße selbe Quadrille an einem regnerischen Tage, oder wenn dieses gar nicht eintreffen soll, vom Ludwig Morelli (= von dem Freund und Kollegen, der nur über ein kleines Orchester verfügte) spielen, damit der Durchfall nicht mich treffe1 – Übrigens sage ich Dir, daß diese Quadrille nicht viel taugt – nur wenn ein solcher Mangel an Quadrillen vorhanden sein sollte, daß Du diese in Deine Schmachbude zu werfen nicht sehr großen Anstand nehmen dürftest, dann verlege sie, aber verlege sie gut, da sie ohnedies nicht viel verlangt werden wird."

Das mit so abfälligen Sätzen angekündigte Werk hatte damals seinen erfolgreichen Start in Pawlowsk bereits hinter sich. (Die Uraufführung fand am 11. Mai, d. i. der 29. April nach dem russischen Kalender, in Pawlowsk statt.) Unter dem Titel "Melange-Quadrille" hatte Strauß es wiederholt in seinen Konzerten gespielt, jedesmal mit Applaus. Sehr viel Mühe hatte sich Jean mit dem Werk allerdings nicht gemacht: die "deutschen Themen" waren jene Lieder aus dem Repertoire seiner Gattin Jetty, die nun in Rußland, wo Jetty sie bei gesellschaftlichen Veranstaltungen eifrig sang, ebenso gefielen wie früher bei den Kunstreisen der Jetty Treffz, z. B. in London. Trotzdem war das Werk ein genialer Wurf aus einem Guß. Die populären Themen der Lieder "Du, Du, liegst mir am Herzen", "Mädle ruck, ruck, ruck" oder "Wer will unter die Soldaten" gefielen in dieser flotten Zusammenstellung damals in Rußland (später auch in Wien, wo das Werk unter dem Titel "Lieder-Quadrille" bekannt wurde und im Druck erschien) und – gefallen noch heute!

"Pesther Csardas", op. 23
Selbstverständlich ist Johann Strauß mit der wienerischen Musik aufgewachsen, vor allem mit den Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen seines Vaters. Aber schon als Musikdirektor im ersten Jahr seines öffentlichen Wirkens verblüffte er die Gäste im noblen Casino Dommayer, wenn er auf Wunsch ungarischer Kavaliere zur Geige griff und nationale Weisen der Magyaren aufspielte. "Er spielt wie ein Ungar" – das war das höchste Lob, das er bei solchen Anlässen hören konnte. Als er daher im Jahre 1846 nach kurzen Gastspielen in Graz und in ungarisch Altenburg donauabwärts in die Doppelstadt Ofen (ungarisch: Buda) am rechten und Pest am linken Ufer des Stromes (die beiden Siedlungen wurden ab 1872 zu Budapest vereinigt) reiste, brachte er neben seinen ersten Walzerkompositionen auch einen Csardas mit. Seine Konzerte ab dem 12. Juni 1846 waren recht erfolgreich, Sensation erregte der junge Musikdirektor aber bei seiner "Abschieds-Reunion" am 16. Juni im Horvath-Garten zu Ofen, am Fuße der kaiserlichen Burg. (Von dieser Siedlung war einst sein Urgroßvater nach Wien übersiedelt, aber das wußte Johann Strauß damals nicht.) Da spielte er einen Csardas auf, den er "Pesther Csardas" nannte. Es ist möglich, daß er das exakt der Nationalmusik angepaßte Stück schon einen oder zwei Tage früher am anderen Donauufer erprobt hatte, aber die Berichte erzählen nur von der mit begeistertem Jubel aufgenommenen Aufführung im Horvath-Garten. Dabei soll Strauß auch versucht haben, mit ein paar ungarischen Worten seinen Dank auszudrücken. Das ist ihm zwar mißlungen – aber aufgegeigt hat der Strauß Schani beim Vortrag seines Csardas – na ja: "wie ein Ungar"!

"Feuilleton", Walzer, op. 293
Der "Feuilleton"-Walzer, den Johann Strauß für den dritten Ball der Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" komponiert und den er selbst am 24. Jänner 1865 im Sofiensaal zum ersten Male vorgetragen hat, bezeichnet ziemlich exakt den Beginn der Blütezeit jenes "Österreichischen (speziell wienerischen) Feuilletonismus", der zu einem erlesenen Markenzeichen brillanter, schriftstellerischer Tätigkeit werden sollte und es zu anhaltendem Weltruhm gebracht hat. Im Feuilleton waren jene, grundsätzlich unpolitische Beiträge in den Journalen (gewöhnlich "unter dem Strich") zu finden, in denen kulturelle Anglegenheiten, gesellschaftliche Entwicklungen und modische Tendenzen auf zwar nicht immer ernsthafte, aber möglichst geistreiche und pointierte Art und Weise behandelt worden sind. Über den Ursprung des Feuilletons gibt es viele gelehrte Aufsätze (auch feuilletonistischer Art), die zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Sicher ist jedoch, daß die Einführung des Feuilletons in den Zeitungsinhalt in Frankreich erfolgt ist, und zwar in Paris, und daß sich der Feuilletonismus im Kaisertum Österreich erst nach dem Revolutionsjahr 1848 entwickeln und schließlich durchsetzen konnte. Die geistvollen. musikalischen Aufsätze eines Eduard Hanslick – mochten seine Gedanken richtig oder völlig unsinnig sein, interessant waren sie jedenfalls – oder Ludwig Speidels. ("Wiener Spaziergänge") haben ebenso Zeitungs- und Kulturgeschichte gemacht wie die feinsinnigen Aufsätze von Friedrich Uhl oder Theodor Herzl. Um die Jahrhundertwende haben dann Alfred Polgar und seine Zeitgenossen diese Tradition fortgesetzt.

Johann Strauß hat sich in seinem Journalisten-Walzer aus dem Jahre 1865 bemüht, ein besonders abwechslungsreich gestaltetes "Feuilleton in Tönen" zu gestalten. Ein geistreich tändelndes Motiv beherrscht die Einleitung; daraus entwickelt sich das Thema des ersten Walzers, das gemählich erzählend beginnt, aber sehr rasch den rechten Schwung und Schmiß gewinnt. Sorgfältig pointiert ist das nächste Walzermotiv und so geht es die fünf Abschnitte dieses Walzer-Feuilletons flott und trotzdem inhaltsreich dahin. Feuilletonistisch eben.

Beim Concordiaball 1865 wurde der neue Strauß-Walzer mit der nun schon üblichen Begeisterung aufgenommen, aber auch mit dem schuldigen Respekt vor dem Kunstwerk, zu dem der einstige wienerische Tanz im Dreivierteltakt indessen geworden war. Die Gäste ließen sich das Werk zuerst konzertant aufspielen, und erst die Wiederholung wurde getanzt. Diese die Komponisten und ihr Schaffen ehrende Gewohnheit wurde beibehalten, solange die Brüder Strauß ihre Novitäten in den Ballsälen aufspielten. Erst dann kam sie wieder aus der Mode.

Da Antal Dorati den "Feuilleton"-Walzer in sein Ballett-Pasticcio "Graduation Ball" (1940) aufgenommen hat, lebt das Werk auch in dieser Form zur Freude der Kenner weiter .


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