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8.223211 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 11
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II, der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

"Herrmann-Polka", op. 91
Der aus Hannovergebürtige Karl Compars Herrmann (1816-1887) galt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts als "König der Zauberer und Illusionisten". Wie Strauß die Geheimnisse der Walzerkomposition hatte er die Tricks und Zauberkunststücke von seinem Vater ererbt und ihre Anwendung so sehr verbessert, daß er mühelos die größten Säle und Theater der europäischen Zentren mit einem zunächst verblüfften und schließlich begeisterten Publikum zu füllen vermochte. Viele seiner Produktionen gehören noch heute zum Repertoire seiner Nachfolger. Bald wurde ihm, der sich übrigens den Titel Professor selbst zuerkannt hatte, Europa zu klein und er unternahm auch Kunstreisen nach Nordamerika und sogar nach Asien.

Im Jahre 1851 kam Professor Herrmann nach Wien und hatte in der Kaiserstadt an der Donau bei seinen Produktionen im Carltheater ebenfalls größten Zulauf. Er hatte aber auch ein Herz für die notleidende Bevölkerung und so arrangierte er gemeinsam mit Johan Strauß, mit dem er sehr rasch Freundschaft geschlossen hatte, ein Fest im "Sperl" zu wohltätigen Zwecken. Es versteht sich, daß er bei diesem Fest auch seine Zauberkunst einmal öfter unter Beweis stellte. Strauß hatte für diesen Abend eine Polka geschrieben. Es war ein Werk, mit dem er die Zuhörer ebenfalls ein bißchen verblüffte, denn auch er "zauberte" einige Instrumentaleffekte und rasante Geigen- bzw. Holzbläserfiguren ins Trio und in die Coda. Das Werk hieß selbstverständlich "Herrmann-Polka" und wurde von Strauß mit der Widmung: "meinem Freund Herrmann" versehen. Sehr intensiv kann diese Freundschaft in der Folge allerdings nicht gepflegt worden sein, denn obwohl Karl Compars Herrmann in Wien zeitweise seßhaft wurde, sich in der Kaiserstadt mit der Opernsängerin Rosa Czillag (allerdings nur für einige Jahre) verheiratete und schließlich (im Jahre 1865) sogar seine durch die Geburt erworbene hannoveranische Staatsbürgerschaft mit der österreichischen vertauschte, sind spätere Begegnungen des Zauberers mit dem Geigenbogen und des Königs der Illusionisten nicht nachzuweisen.

"Klänge aus der Walachei", Walzer, op. 50
Die zunehmende Not breiter Schichten der Wiener Bevölkerung in den Vierzigerjahren des 19. Jahrhunderts wirkte sich selbstverständlich auch auf das Musikleben der Kaiserstadt nachteilig aus. Konzerte, Nachmittags-Unterhaltungen und Bälle waren nicht mehr so gut besucht wie in der "goldenen Zeit" der Dreißigerjahre, in denen die Kapellen Strauß (Vater) und Lanner nebeneinander existieren konnten und daneben noch mehrere, kleinere Musikergesellschaften auf ihre bescheidene Rechnung kamen. Im Jahre 1847 wurde die Situation für die Bewohner Wiens und der umliegenden Vorstädte so schwierig, daß es zu Hungerkrawallen und Arbeiteraufständen kam. Nun war auch kein Platz mehr für den jungen Strauß neben der Kapelle seines berühmten Vaters, die das wienerische Musikleben – soweit es überhaupt noch existierte – souverän beherrschte. Da wagte Strauß das kühne Abenteuer einer Winterreise donauabwärts bis Belgrad und weiter durch Siebenbürgen und über die Karpaten nach Bukarest. Unterwegs gab der junge Wiener Musikdirektor eifrig Konzerte, die allerdings nicht überall gut besucht waren und die erhofften Einnahmen brachten. Strauß lernte die Länder und ihre Musik kennen und hat seine Eindrücke auch in einer Reihe von Kompositionen verarbeitet. In Bukarest ist Strauß mit seiner Kapelle Ende Dezember eingetroffen: er fand eine überaus freundliche Aufnahme bei der Gesellschaft der damals freilich noch bescheidenen Metropole der Walachei (die Region gehört heute zu Rumänien). Die Zeiten der Not waren vorerst einmal vorüber: Strauß spielte auf Bällen, gab Konzerte und besuchte auch andere Städte in der näheren und weiteren Umgebung Bukarests. Am 6. Jänner 1848 spielte Strauß in der weißen Uniform des zweiten Bürgerregiments, dessen Kapellmeister er als Nachfolger Lanners geworden war, den Besuchern seiner Konzerte eine neue Walzerpartie auf, die schließlich unter dem Titel "Klänge aus der Walachei" im Druck erschienen ist. Sie gehört zu den Meisterwerken des jungen Strauß.

"Revolutions-Marsch", op. 84
Das Jahr 1848 war ein Jahr der Revolutionen in zahlreichen Hauptstädten Europas. In Wien erhoben sich am 13. März die Studenten und forderten vor allem das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Pressefreiheit. Die Repräsentanten des herrschenden Systems des Staatskanzlers Clemens Fürsten Metternich setzten Militär gegen die zunächst friedlichen Demonstranten ein. Es gab Schwerverletzte und Tote. Eine Welle der Gewalt erfaßte die Kaiserstadt an der Donau, die nahezu mühelos das seit dem Wiener Kongreß der Jahre 1814/1815 etablierte System hinwegschwemmte. Eine "neue Ordnung" wurde zwar proklamiert, aber zuletzt doch nicht erreicht. Im März 1848 konzertierte Johann Strauß in Bukarest; er hat sich dort, wie glaubhaft berichtet worden ist, zwar nicht als kühner Revolutionär gebärdet und auch keineswegs in seiner prächtigen Uniform als Kapellmeister des zweiten Bürgerregiments die Repräsentanten des Kaisertums Österreich ihrer Posten enthoben, aber er stand zweifellos auf der Seite der Jugend, die das Metternich-System beseitigt hatte. Wo Strauß sich in den Monaten April und Mai aufgehalten hat, konnte bisher noch nicht ermittelt werden. Erst im Juni trat er mit seiner Kapelle wieder in Wien auf, und nahm selbstverständlich auch in seiner Heimatstadt für die revolutionäre Jugend Partei. Das hat er mit einer ganzen Reihe von Kompositionen bekräftigt. Zunächst präsentierte er einen "Siegesmarsch der Revolution", der bereits im August als "Revolutions-Marsch" im Druck erschienen ist. Das Titelblatt der Erstausgabe wird von der blutroten Fahne der Revolution beherrscht, Repräsentanten der Akademischen Legion, der Bürgerwehr und der Nationalgarde zeigen sich auf den Barrikaden. Dieser Marsch wurde bei jeder Gelegenheit aufgeführt, nachgewiesen ist sein Erklingen bei einer Feier im Casino Zögernitz in Döbling Anfang Juni 1848.

Das alles steht fest. Offen bleibt allerdings die Frage, warum Strauß im Juni einen ungarisch klingenden Marsch als Siegesmarsch der Wiener Märzrevolution geschrieben hat. Stammte der Marsch vielleicht aus Rumänien, oder wurde er während der Rückreise von Bukarest nach Wien in Ungarn komponiert? Gewiß – die Revolutionäre in der Kaiserstadt hofften auf Unterstützung durch Hilfstruppen aus Ungarn. Aber – das änderte nichts an der Feststellung, daß der "Siegesmarsch" des jungen Strauß – im Gegensatz etwa zum "Radetzky-Marsch" seines Vaters – kein typisch wienerisches Werk ist. Immerhin – "revolutionär" ist er. Das steht außer Zweifel.

"Haute-volée-Polka", op. 155
Man hat dereinst großen Wert darauf gelegt in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, zur "Haute volée" gezählt zu werden. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht konnte man sich nicht aussuchen: die Adelsfamilien achteten streng auf die Rangordnung und es war bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gar nicht so leicht, die zwar unsichtbaren, aber trotzdem sehr wirksamen Grenzen zwischen den einzelnen Kategorien der Adelsgesellschaft z. B. im Falle einer Hochzeit zu überwinden. Noch Erzherzog Franz Ferdinand, der Thronfolger der Donaumonarchie nach dem Selbstmord des Kronprinzen Rudolf, mußte es erleben, daß die von ihm auserwählte Gattin, eine Gräfin aus "niedrigem Adel", nicht als ebenbürtig anerkannt und ihre Kinder von der Thronfolge ausgeschlossen wurden. Ähnlich streng achtete das Bürgertum auf die Abgrenzung gegenüber den Arbeitern und dem Proletariat. Aber es gab außerdem eben auch die "Haute volée": zu ihr rechnete man jenen Teil der Bevölkerung, der auf sorgfältige, modische Kleidung achtete, auf gutes Benehmen Wert legte, Theater und Konzerte (und selbstverständlich auch Nobelbälle) besuchte und zumeist in "vornehmen Kreisen" verkehrte. Es war keine Frage der Herkunft oder des Geldes, ob man zur "Haute volée" gerechnet wurde oder nicht; wer sich im täglichen Leben nach den geschilderten Kriterien verhielt, gehörte zu ihr (oder konnte wenigstens behaupten, zu ihr zu gehören). Am ehesten entspricht der Begriff der "schönen Welt" dem eigentlich nur in Wien verwendeten Ausdruck "Haute volée", Schon Johann Strauß-Vater hat sein Publikum dadurch ausgezeichnet, daß er für die Besucher seiner Konzerte im Volksgarten im Jahre 1842 eine "Haute-volée-Quadrille" (op. 142) komponierte; zwölf Jahre später wiederholte der Sohn die Taktik seines Vaters und führte am 17. August 1854 für die Besucher der nun von ihm geleiteten Volksgartenkonzerte seine "Haute-volée-Polka" auf: Strauß-Sohn wollte nach seines Vaters Vorbild seinem Publikum ebenfalls versichern, daß es zur "schönen Welt" gehöre. Und das hatte ja wohl auch seine Richtigkeit. Die Presse reagierte auf diese artige Huldigung mit besonderer Liebenswürdigkeit. So schrieb der "Wanderer" am 19. August: "Die 'Haute-volée-Polka' ist eine sehr melodiöse, elegant instrumentierte, im französischen Polkatakte gehaltene Komposition, die – zum Tanze animirend – sich auch ins Herz schmeichelt."

"Glossen", Walzer, op. 163
Die Walzerpartie "Glossen" hat der 30jährige Musikdirektor Johann Strauß für den Juristenball des Jahres 1855 komponiert, für jenes Tanzfest der Rechtsgelehrten, das von mehr als tausend Gästen besucht und von den Ballreportern übereinstimmend als der schönste und animierteste Ball des für das Wiener Leben überaus wichtigen Karnevals bezeichnet wurde. Die Angst vor den Folgen der Choleraepidemie des Vorjahrs war von den Menschen genommen worden, der Krim-Krieg "weit hinten am Rande des Schwarzen Meeres" näherte sich der Entscheidung und bedrückte die Gemüter weniger als in den vergangenen Monaten. Die allgemeine Hinwendung zum Optimismus spiegelt sich auch in den Tanznovitäten wider, die Strauß damals präsentierte, und die gute Qualifikation, welche die Ballreporter dem Festabend der Juristen bescheinigt haben, fand auch für den Walzer "Glossen" Verwendung: eine "gefällige, melodiöse Komposition" nannte ihn der Berichterstatter des "Wanderer". Der Abend des 30. Jänner 1855 im Sofiensaal, an dem der Ball der Juristen abgehalten wurde, brachte allen Beteiligten ein schönes Erlebnis und einen vollen Erfolg.

Aber Strauß hatte mit dem Walzer "Glossen", der seinen Titel von jenen erläuternden Bemerkungen herleitet, mit denen die Juristen damals die Gesetzesvorlagen ausstatteten, noch andere Pläne, die er zwar nicht näher erläuterte, die aber doch sehr bald offenkundig wurden. Er schrieb eine Zweitfassung des Werkes mit einem Arrangement für zwei Pedalharfen und führte es in dieser Form bei seinem Benefizball am 11. Februar 1855, ebenfalls im Sofiensaal, noch einmal vor. Sein jüngster Bruder Eduard trat bei dieser Gelegenheit als Harfenspieler zum ersten Male vor die Öffentlichkeit. Im letzten Augenblick fügte Strauß dem Ballrepertoire noch die "Miß Ella-Polka" ein – aber dies gehört auf ein anderes Blatt (vgl. "Ella-Polka", op. 160). Auch in diesem Falle waren die Ballreporter gern bereit, dem Fest ein außerordentlich gutes Gelingen und dem jungen Eduard Strauß ein glänzendes Debüt zu bescheinigen. So schrieb die "Theaterzeitung" u. a.: "Eduard Strauß bewährte sich als ein ausgezeichneter Harfenvirtuose. Freude und Heiterkeit belebten dieses Fest bis zum Morgen." Der Verleger Carl Haslinger hat allerdings das Spezialarrangement des Walzers für zwei Pedalharfen nicht veröffentlicht: er blieb bei der Normausgabe des Werkes mit einer Harfenstimme.

"Handels-Elite-Quadrille", op. 166
Im Gegensatz zur Vereinigung der Industriellen haben die Korporationen der Wiener Kaufmannschaft nur ausnahmsweise repräsentative Bälle im Wiener Fasching veranstaltet. Die Handelsherren fühlten sich bei den verschiedenen Bürgerbällen in ihrer vertrauten Umgebung. also in den Bezirken der Kaiserstadt, wohler als bei einem eigenen Fest in einem großen Etablissement. Und die Handelsangestellten, die Ladenmädchen und die Verkäufer, in Wien respektlos "Budelhupfer" genannt, tanzten ebenfalls lieber anonym etwa in der Vorstadt beim Schwender als auf einem Nobelball. Im Jahre 1855 aber beschloß die Kaufmannschaft, zu wohltätigen Zwecken doch einmal einen Ball zu veranstalten, genauer gesagt, ein "Handeis-Elite-Wohltätigkeits-Ballfest" (denn es sollte ja nobel hergehen an diesem Abend) in den Sälen "Zum Sperl". Der große Abend für die Handelsangestellten der Kaiserstadt kam am 31. Jänner 1855. "Die Säle waren auf das prachtvollste decorirt", so berichtete am 2. Februar die "Theaterzeitung", "die Gesellschaft, größtenteils der jungen Handelswelt angehörend, war durch eine große Anzahl schöner Damen geziert." In der Ballmusik teilten sich der junge August Lanner (zu ebener Erde), der pünktlich erschienen war, obwohl er am selben Tage seine Mutter hatte begraben müssen, und Johann Strauß (im ersten Stock). Die erwartete Ballwidmung brachte Johann Strauß mit: es war eine Quadrille, die dann eben den Titel "Handels-Elite-Quadrille" erhalten hat. Auf dem Titelblatt der Erstausgabe erkennt man den Gott Hermes bzw. Merkur, den geflügelten Götterboten. Er hält eine Geldtasche parat, die er durch eifrigen Handel (zu Wasser und auf der Erde; Segelschiff und Eisenbahn sind ebenfalls abgebildet) gefüllt hat. Obwohl Merkur nicht nur als Gott des Handels, sondern auch der Diebe galt, hat Strauß die Motive zu dieser Quadrille nirgends "entlehnt", sondern selbst erfunden und beim Ball mit Schwung und Grazie aufgespielt.

"Patrioten-Polka", op. 274
Am 25. Februar 1863 konnte Johann Strauß das ersehnte Dekret seiner Ernennung zum Hofball-Musikdirektor in Empfang nehmen. Offensichtlich im Einvernehmen mit den Beamten des Obersthofmeisteramtes hatte er am 20. Februar abermals ein Gesuch um Verleihung dieses im Jahre 1846 für seinen Vater geschaffenen Ehrenamtes eingebracht; während seine früheren Angaben abgewiesen bzw. gar nicht in Betracht gezogen worden waren, klappte es diesmal innerhalb weniger Tage. Strauß war ja nun Ehemann – die Zeiten des "unsittlichen und verschwenderischen Lebenswandels" – so hatte es noch im Polizeibericht des Jahres 1856 geheißen! – waren vorüber, und seine ohnedies nicht sehr gravierenden Sünden wider die Statatsgewalt im Jahre 1848 waren durch seine seitherigen Huldigungen für den jungen Kaiser Franz Joseph und andere Repräsentanten des Hauses Habsburg längst wettgemacht. Wie es damals Sitte war im Kaisertum Österreich, hatte Strauß für diese Auszeichnung durch eine humanitäre Aktion zu danken. Im Verein mit seinem Verleger Carl Haslinger ließ er also ein "Patriotisches Fest" arrangieren, und zwar "zum Besten des Unterstützungsfonds des lokalen Militärspitals"; um einen angemessenen Reingewinn erzielen zu können, setzte Strauß das populäre Tongemälde "Die Schlacht bei Leipzig" von Riotte aufs Programm und vereinigte seine Kapelle mit der Banda eines Infanterie-Regiments, um das Spektakelstück wirkungsvoll vorführen zu können. Nun hatte Strauß zwar in seinem vorhin erwähnten Gesuch um die Verleihung des Titels Hofball-Musikdirektor versprochen, nicht mehr in den Vorstadtetablissements zu dirigieren, aber die Hoffnung auf eine möglichst große Einnahme ging eben vor. Und noch ein Hindernis hatte der Komponist zu beseitigen: zu Beginn des Jahres 1863 hatten ihm die Ärzte das Komponieren verboten, weil sie durch allzu intensive und angestrengte Arbeit die Gefahr einer Gehirnlähmung befürchteten. Da aber das Publikum bei einer Strauß-Veranstaltung auch ein neues Werk erwartete, schrieb er – wenn schon keinen Walzer oder einen schwungvollen Marsch – wenigstens eine Polka. Und weil das Werk für das "Patriotische Fest" am 19. März 1863 bestimmt war, ergab sich der Titel gleichsam von selbst: "Patrioten-Polka". Den Berichten zufolge erhielt die Polka den obligaten Beifall; das Interesse des Publikums und der Journalisten galt aber vor allem der "Schlacht bei Leipzig", dem Berichterstatter der "Wiener Zeitung" dröhnte der dabei erzeugte Lärm noch Tage später in den Ohren. Er war aber Patriot genug, das Fest dennoch als ein "sehr gelungenes" zu bezeichnen.

"Aus den Bergen", Walzer, op. 292
Im vergleichsweise ereignisarmen Sommer 1864 hatte Johann Strauß während der Konzertsaison in Pawlowsk, zu der ihn seine Gattin Jetty wieder begleitete, genügend Muße, um wieder einen anspruchsvollen Konzertwalzer zu schreiben. Allerdings hat sich Strauß diesmal gehütet, das in einem langsamen Schaffensprozeß entstandene Werk dann auch als Konzertwalzer aufzuführen und mit dieser Bezeichnung zur Veröffentlichung freizugeben: der Verleger C. A. Spina hatte wohl keine Lust, ebenfalls die Erfahrungen zu machen, die Carl Haslinger mit den "Schwärmereien", op. 253, hatte hinnehmen müssen: Haslinger hatte gerade für dieses Werk nur wenige Interessenten gefunden. Aber dieser neue, weitausgreifende Walzer mit seiner klugen Tonmalerei war nun einmal nicht für den Tanzsaal gedacht, sondern für die Konzerttätigkeit seines Komponisten bzw. des Strauß- Orchesters. Er wurde denn auch – unter der Bezeichnung "In den Bergen" – beim Benefizkonzert des Walzerkönigs am 2. Oktober 1864 (d. i. der 20. September nach russischem Kalender) in Pawlowsk zum ersten Male aufgeführt. Auch die Wiener Erstaufführung, die nach der Rückkehr des Ehepaares Strauß aus Rußland erfolgte, fand im Rahmen eines Benefizkonzerts am 4. Dezember 1864 im Volksgarten statt. Überdies dirigierte Strauß den Walzer "Aus den Bergen" auch bei einer Matinee im Theater an der Wien.

Es löste einige Überraschung aus, daß Johann Strauß den Walzer, wie aus der zu Weihnachten 1864 erschienenen Druckausgabe ersichtlich wurde, dem Musikkritiker Eduard Hanslick (1825-1904) zugeeignet hatte. Strauß wußte nur allzugut, daß Hanslick, der selbst am Klavier seinen Gästen Walzerweisen aufzuspielen pflegte, am liebsten die einfachen Tänze im Dreivierteltakt von Lanner und Strauß-Vater vortrug; er hatte es wohl auch noch nicht vergessen, daß Hanslick seine, der damals modernen Musik angenäherten, Walzer wie "Schallwellen", op. 148, und "Novellen", op. 146, als "Walzer-Requiem" bezeichnet hatte. Nun wurde diesem konservativen Rezensenten also erst recht ein sehr anspruchsvolles Werk gewidmet; ob Hanslick die leise Bosheit des Komponisten durchschaut hat, ist nicht bekannt geworden: der Herr Rezensent hat jedenfalls die Widmung angenommen und das Werk z. B. nach der Aufführung im Theater an der Wien sogar gelobt ("... eine reizende Walzerpartie").

"L' Africaine" ("Die Afrikanerin"), Quadrille nach Motiven der Oper von G. Meyerbeer, op. 299
Auch die letzte Oper des in Berlin gebürtigen, in Paris seßhaft gewordenen Komponisten Giacomo Meyerbeer (eigentlich Jakob Liebmann Meyer Beer) hat Johann Strauß für eine Quadrille ausgewertet. Das bereits im Jahre 1860 enstandene Werk mit dem Titel "L' Africaine" konnte erst einige Jahre nach seiner Fertigstellung und nach dem, am 2. Mai 1864 eingetretenen, Tod des Komponisten, nämlich am 28. April 1865, in der Pariser Opera comique zum ersten Male aufgeführt werden. Die Strauß-Kapelle, die alle die Jahre ihres Bestehens hindurch stets Musik von Meyerbeer ihrem Publikum vorgetragen hatte, verschaffte sich sofort die Noten der Oper. Die Uraufführung der "Afrikanerin-Quadrille" von Johann Strauß erfolgte am 7. Juli 1865 bei einem "Musikalischen Novitätenfest" mit Feuerwerk, das von Joseph Strauß geleitet wurde und bei dem auch die Banda eines Infanterie-Regiments mitgewirkt hat. Die Strauß-Kapelle hat übrigens die gesamte Oper Meyerbeers (ohne die Rezitative) am 28. Oktober 1865 im Dianasaal konzertant aufgespielt, während das k. k. Hofoperntheater die deutschsprachige Erstaufführung des Werkes erst am 27. Februar 1866 zustandebrachte. Die Brüder Strauß waren eben auch bei der Wiedergabe der zeitgenössischen Musik führend!

"Waldine", Polka Mazurka, op. 385
Die Polka Mazurka "Waldine" stammt aus den Melodien für die Operette "Blindekuh" und damit aus dem am wenigsten erfolgreichen Bühnenwerk von Johann Strauß. Der Komponist hatte unter schwierigsten, persönlichen Voraussetzungen an diesem Stück gearbeitet: die Reisen nach Paris hatten die Fertigstellung der Partitur zu einem Stück, das Direktor Maximilian Steiner für Strauß erworben und diesem zur Vertonung übergeben hatte, obwohl es für eine Operette denkbar ungeeignet war, immer aufs Neue verzögert und schließlich hatte der Tod seine; Gattin Jetty einen weiteren Aufschub der Fertigstellung des Werkes herbeigeführt. Als das witzlose "Blindekuh"-Spiel am 18. Dezember 1878 auf der Bühne des Theaters an der Wien zum ersten Male dem Publikum vorgeführt wurde, war der Beifall nur von kurzer Dauer. Daraufhin hielt sich das Stück ebenfalls nur für kurze Zeit im Repertoire des Theaters und wurde nur auf wenigen Bühnen (nach Umbearbeitungen) nachgespielt. Aber Strauß gab die Partitur nicht ganz verloren: er arrangierte nach und nach fünf Tänze aus dieser Musik, zuletzt (in langem Abstand) jene Polka Mazur, die nach einer Bühnenfigur aus "Blindekuh" seinen seltsamen Titel erhielt, "Waldine". Sie wurde erst ein Jahr nach der Operettenpremiere, nämlich am 7. Dezember 1879, von Eduard Strauß bei einem seiner Sonntagskonzerte im Musikverein aufgeführt und später nur selten wiederholt.

"Donauweibchen", Walzer, op. 427
Im Februar 1887 hat Johann Strauß mit der Komposition eines Bühnenwerkes begonnen, das nicht dem üblichen Operettenschema folgen, sondern – und zwar ausgerechnet unter Verwendung eines Stoffes aus dem Deutschland des Dreißigjährigen Krieges, der mit dem "Westfälischen Friedensschluß" zu Münster im Jahre 1648 zu Ende gegangen war – ein modernes Stück mit einer realistischen Handlung darstellen sollte. Der junge Librettist Victor Leon (recte: Victor Hirschfeld, 1858-1940) hatte ihm den Stoff (frei nach dem Roman "Der abenteuerliche Simplicius Simplicissimus" von Grimmeishausen) vorgeschlagen und arbeitete nun mühsam genug das Textbuch aus. Im Frühjahr übersiedelte Johann Strauß mit Adèle nach Coburg: er mußte sich einige Zeit in dem freundlichen Städtchen am Südrand des Thüringer Waldes aufhalten, weil er im Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha, dessen Hauptstadt Coburg damals war, endlich eine rechtsgültige Heirat mit Adèle erreichen wollte. Der regierende Herzog Ernst II. hatte ihm die Erfüllung dieses Anliegens zugesagt. In der Zeit, die Jean und Adèle widerwillig in dem hügeligen Städtchen (das nun zu Bayern gehört) verbrachten, wurden große Teile des Bühnenwerkes fertiggestellt, das indessen den Titel "Simplicius" erhalten hatte. Strauß hatte, wie aus seinen Briefen hervorgeht, in der selbstauferlegten Zurückgezogenheit seines Ausharrens in Coburg bis zum Hochzeitstag Heimweh nach Wien, und so schrieb er gerade in der Zeit, in der er Bürger des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha wurde, jene betont wienerischen Melodien nieder, die er indem Stück verwendete und schließlich – teilweise neu arrangiert – in dem Walzer "Donauweibchen" zusammenfaßte. Die Walzermotive flogen ihm zu wie in seiner Jugendzeit, und jene Melodie, die er für die Romanze des Einsiedlers im Stück und dann für den ersten Walzerteil verwendete, überraschte ihn des Nachts, sodaß er sie – um Adèle nicht zu stören – mit Buchstaben auf dem Leintuch notiert hat.

Als dann am 17. Dezember 1887 "Simplicius" in der Gestalt des zum Waldmenschen verwandelten Alexander Girardi auf der Bühne des Theaters an der Wien erschien, war das Publikum von der sich nur mühsam und langatmig dargebotenen Handlung derart enttäuscht, daß es die Musik geradezu ignorierte. Noch dazu fing der Federbusch eines als Landknecht auftretenden Choristen beim Vorbeigehen an einer Gasbeleuchtung Feuer, sodaß sich Brandgeruch im Theater verbreitete und das Publikum aus Angst vor einer Wiederholung des damals unvergessenen Ringtheater-Brandes (1881) beinahe in Panik geraten wäre. Aber Johann Strauß, der sein Werk am Premierenabend selbst dirigierte, behielt die Nerven: er gab das Zeichen für eine Wiederholung jener Romanze des Einsiedlers, mit der auch – wie gesagt – der "Donauweibchen"-Walzer beginnt. Es trat tatsächlich wieder Ruhe im Theater ein: die prächtige Melodie übte nun ihren vollen Zauber.

Auch die weiteren Motive des Walzers, die verschiedenen Szenen des Bühnenwerkes entnommen worden sind, ergänzen einander vortrefflich und ergeben insgesamt eine sich immer weiter entwickelnde, immer leidenschaftlicher dahingleitende Walzerpartie. Den Titel des Walzers holte Strauß aus dem Quartett des dritten Aktes; er bezieht sich auf jene legendäre Nixe, die aus der Sagenwelt des Donauraumes stammt: sie wird als gutartig und hilfsbereit beschrieben, hat aber – wie alle Nixen! – auch die Macht, junge Männer in ihren Bann zu ziehen und auf den Grund des Stromes zu locken. Diesem legendären Donauweibchen wurden zwei Denkmäler zugedacht. Eines ist aus Stein und befindet sich im Wiener Stadtpark, und eines besteht aus verführerischen Walzermelodien – und dieses ist eben das Opus 427 von Johann Strauß, das zum ersten Male am 8. Jänner 1888 von Eduard Strauß bei seinem Sonntagskonzert im Musikverein dem Publikum vorgestellt wurde.

"Frisch heran", Polka schnell, op. 386
Während seiner Arbeit an der Operette "Das Spitzentuch der Königin" nahm sich Johann Strauß Zeit und schrieb für den Concordiaball 1880 so zwischendurch eine Widmungskomposition. Da die Journalisten- und Schriftstellervereinigung indessen dazu übergegangen war, bei allen in Wien lebenden oder für das wienerische Musikleben wichtigen Komponisten Widmungskompositionen geradezu abzusammeln, begnügte sich Johann Strauß mit einer recht kunstlosen, aber immerhin sehr fröhlichen und schwungvollen Schnellpolka. (Eduard widmete damals den Journalisten eine Polka française mit dem Titel "Originalbericht", op. 189.) Wer die Polka von Johann Strauß "getauft" hat, ist nicht zu ermitteln: es war damals bereits allgemein bekannt, daß es Strauß leichter fiel, ein neues Werk zu schreiben, als einen Titel dafür zu finden. Vielleicht hat Eduard ausgeholfen, er ließ ja einen Freund für sich "taufen". Eduard hat beim Concordiaball am 2. Februar 1880 die Polka seines Bruders auch vorgeführt und bei der Karnevalsrevue am 15. Februar 1880 im Musikverein leitete ebenfalls Eduard die erste öffentliche Aufführung des Werkes durch das Strauß-Orchester. In der Folge wurde diese Schnellpolka nur noch selten aufgeführt: sie gehört zu den am wenigsten bekannten Stücken aus dieser Schaffensperiode des Walzerkönigs und Meisters der Wiener Operette.


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