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8.223214 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 14
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß 1. (1 804–1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801–1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1 827–1870) und Eduard (1835–1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendungder übernommenen Form des “klassischen Walzers” erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II, nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkätanzen, Quadrillen und Marschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete “Walzer-König” Johann Strauß II. sein lnteresse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die “Operette der Operetten”, die “Fledermaus”. Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, “An der schonen blauen Donau” (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Maledievollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des “Wiener Walzer-Königs” sind trotz ihrer hohen Qualitat und ihrer kulturhistorischenf Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veroffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wiedies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierunggewesen ist, ausgedacht und seinenverlegern ubergeben hat. Jede Aufnahme ist “echter Johann Strauß”.

Geisselhiebe, Polka, op. 60

Johann Strauß hat die Ereignisse in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien nach dem Sieg der gegen das System des Staatskanzlers Furst Metternich revoltierenden Studenten, Arbeiter und Burger nicht recht ernst genommen. Nach seiner Rückkehr aus Bukarestwar er mit seinen Musikanten uberall zur Stelle, wo “etwas 10s war”, bei der Vertreibung der “Ligurianer” (vgl. “Ligurianer-Seufzer”, op. 57, Vol. 16) ebenso wie bei den zahlreichen Studentenbällen des Sommers 1848 (vgl. “Freiheitslieder”, Walzer, op. 52, Vol. 17) oder beim Besuch der Wiener Nationalgardisten in Brünn (heute Brno, CSSR; vgl. “Brünner Nationalgarde-Marsch” op. 58). Zumeist lobten ihn die Zeitungen für seinen Eifer und hoben sein Engagement für die Studenten hewor. Vereinzelt gab es auch Widerspruch, zum Beispiel, als er nach seiner Ruckkehr aus Brünn ein Spottlied der nationalgesinnten Czechen gegen die Wiener spielte. Zuletzt, als die Revolution bereits niedergeschlagen worden war. bekam Strauß noch Schwieriakeiten mit der Polizeibehörde. Er mußte sich verantworten, weil er bei eineh Konzert im Etablissement “Zum grünen Thor”, ganz in der Nähe seines Geburtshauses, die “Marseillaise” gespielt hatte. Mit frecher Unbekümmertheit wies Strauß alle gegen ihn erhobenen z Vorwürfe, eine politische Demonstration unterstützt zu haben, zurück. Er stellte die Sache sodar, als sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als die aus dem Publikum kommenden Wünsche zu erfüllen, und sagte schließlich: ”(lch) muß aber bitten, daß wenn diesfälliges Verbot streng gehandhabt werden sol1 (Anm.: etwa die “Marseillaise” vorzutragen), wir als Musikdirektoren vor lnsulten und Exzessen durch eine lnspektionswache geschützt werden, weil unsere Weigerung, dies oder jenes nicht zu spielen, nach Beschaffenheit des oft sehr gemischten Publikums nicht hinreicht.” Die Polizeibehörde gab sich mit dieser Stellungnahme des jungen Musikdirektors zufrieden; die damals noch sehr junge Zeitung “Die Geissel” aber nahm den Vorfall zum Anlaß, in ihrer Rubrik “Kleine Geisselhiebe” zweimal auf die Sache einzugehen und Strauß offen zu tadeln. Doch gerade diese Attacke parierte Strauß souverän: er schrieb die Polka “Geisselhiebe”, in der er alle jene Musikstücke zitierte, deren Vortrag man ihm vorgeworfen hatte: die “böhmische Melodie”, das bei den Studenten beliebte “Fuchslied und schließlich auch (ganz kurz) die “Marseillaise”. Dann ließ er den Spottchor aus Cat! Maria von Webers Oper “Der Freischütz” erklingen. Das hieß ungeniert: “Über solche Geisselhiebe kann ich nur lachen.” Die Polka konnte trotz des uber Wien verhängten Belagerungszustandes rasch irn Verlag Mechetti erscheinen (12.1.1849) und war offenkundig sehr beliebt. Später freilich meldete sie der Verlag als “vergriffen”. Strauß selbst wollte von den Vorgangen im Jahre 1848 nichts mehr wissen und komponierte bald darauf seinen “Kaiser Franz Joseph-Marsch” (op. 67, Vol. 17).

Ernte-Tänze, Walzer, op. 45

Das Kirchweihfest in der Brigittenau war von alters her ein vielbesuchter Wiener Jahrmarkt. Es wurde alljährlich im Juli im nordlichen Teil der Donauinsel abgehalten, die zwischen dem Hauptstrom und dem Donaukanal lag (und heute noch liegt: Brigittenau heißt jetzt der 20. Wiener Gemeindebezirk); es gehörte also damals zu den gar nicht so wenigen Festen vor den Toren der Stadtmauern der Reichshaupt- und Residenzstadt der Donaumonarchie. Im Jahre 1847 wurde der “Brigitta-Kirchtaga” m 25. und (mit dem sogenannten Nachkirchtag) am 26. Juli abgehalten; der junge Strauß war verpflichtet worden, an diesen Abenden rnit seiner Kapelle zum Tanz aufzuspielen. Am Sonntag, also am 25. Juli, war freilich der Rumrnel so groß, daß es der Herr Musikdirektor nicht fur richtig fand, sein Orchester selbst zu dirigieren und als Vorgeiger zu agieren. Erst beim ruhigeren Nachkirchtag erschien er in der Brigittenau und spielte auch den gemütlichen Walzer auf, den er für dieses Fest zu komponieren versprochen hatte. Es war ein Werk im Stil des verstorbenen Joseph Lanners, der ja in Wien damals noch viele Anhänger hatte, die ihrem einstigen Liebling noch über den jahen Tod im Jahre 1843 hinaus die Treue hielten. Da diese “Ernte-Tänze”—der Zeichner des Titelblattes wählte die seltsame Schreibweise “Erndte-Tänze”!—also nicht unbedingt “straußisch” waren, bezeichnete der von Adèle Strauß zur Niederschrift einer, seitdem vielzitierten, Biographie des Walzerkönigs ermunterte Schriftsteller Ernst Decsey sie als “Experiment”. Der Titel des Werkes erinnert daran, daß diese “Tänze” in einer besonders schweren Zeit aufgespielt wurden: schon im Jahre 1846 wares in Wien zu Demonstrationen hungernder Arbeiter und Kleinhäusler gekommen. Nun home man, daß im Sommer 1847 eine reiche Ernte wenigstens die Ernährungslage im Zentrum der Monarchie verbessern werde: als nun das Korn in den wichtigsten Provinzen reif geworden war und die Schnitter daran gingen, die Ernte einzubringen, lIießendie Behördenverkünden: “Die Ernte 1847 ist reichlich und von hoher Qualität.” Daher nannte Strauß seinen, am 26. Juli 1847 zum ersten Male aufgespielten, Walzer “Ernte-Tänze”. Das Werk hat sich allerdings nicht sehr lange im Repertoire gehalten; auf die Druckausgabe mußte man bis zum Fasching 1848 warten. Für die Orchesterausgabe gibt es überhaupt nur einen einzigen Beleg: eine kaum rnehr lesbare Stichvorlage für den Verleger “Herrn von Muller”! Sie ist fur diese Aufnahme des fast verschollenen Stückes restauriert worden.

Champagner-Polka, Musikalischer Scherz, op. 211

Die übermütige Polka, die Strauß im Sornmer 1858 zum ersten Male unter dem Titel “Ball-Champagner-Polka” aufgespielt hat und die er selbst als “musikalischer Scherz” verstanden wissen wollte, ist in der Wiener Chronik in den Schatten einer Tragödie geraten. So lustig der Ball auch gewesen sein mag, an den sich Strauß erinnerte, als er in der Polka die knallenden Gerausche nachahmen ließ, die beim Entkorken einer Charnpagnerflasche entstehen, und so ungeniert er in der Coda das Alt-Wiener Couplet (das von den Bühnen der Volkstheater und von den Pawlatschen der Volkssänger in den Gästhausern herab unzählige Male gesungen worden ist) zitierte: “Mir is’ alles ans (= einerlei), ob ia Geld haboderkans (= keines)”, durch den Umstand, daß sich Strauß—vielleicht gerade wegen dieses Zitats!—dazu verleiten ließ, bei der Drucklegung des Werkes auf das Titelblatt die Widmung an den damaligen Finanzminister der Donaumonarchie, Carl Ludwig Freiherrn von Bruck, drucken zu lassen, ergab sich in der Folge der schon erwähnte “tragische Schatten”. Zunächst war der Start des Werkes sowohl in Rußland als auch bei der Aufführung im Wiener Volksgarten am 21. November 1858 ein ungemein glücklicher und erfolgreicher: in Pawlowsk wie in Wien mußte der rnusikalische Scherz wiederholt werden und es mögen viele Korken “explodiert” sein, als Strauß -der ja zeitlebens ein Liebhaber des Champagner gewesen ist!—seinen Erfolg feierte. Spater hätte der flotte Jean seine Widmung wohl gern zurückgenommen: denn der ungemein erfolgreiche Finanzminister Frh. von Bruck wurde nach dem verlorenen Krieg der Donaumonarchie gegen das Königreich Sardinien und Frankreich im Frühjahr 1859 in Oberitalien beschuldigt, für rnangelhafte Heereslieferungen mitverantwortlich zu sein. Die Vorwürfe erwiesen sich zwar als völlig haltlos, aber als der junge, schlecht beratene Kaiser den Ehrenmann von Bruck nur widerwillig und halbherzig rehabilitierte, nahm sich der in seiner Ehre gekränkte Freiherr im April 1860 das Leben. Das mag dazu beigetragen haben, daß die Strauß-Kapelle ausgerechnet die erfolgreiche “Champagner-Polka” nur selten aufs Programrn setzte; eigentlich erst, als die “Affairevon Bruck” so halbwegs wieder in Vergessenheit geraten war.

Phänomene, Walzer, op. 193

Es ist nicht uberliefert, an welche “Phänomene” das Komitee des Technikerballes 1857 dachte, als es dem 32jährigen Musikdirektor bhann Strauß diesen Begriff als Titel des vereinbarten Widmungswalzers vorschlug. An welchen musikalischen Phänomenen sich Strauß bei der Niederschrift des Werkes orientierte, ist schon eher zu erkennen: es war die Welt der symphonischen Dichtungen von Franz Liszt, der kühnen Phantasien des Franzosen Hector Berlioz und der frühen Meisterwerke von Richard Wagner. (Es ist kein Zufall, daß auf dernselben Zeitungsblatt, auf dem das Erscheinen des Walzers irn August 1857 rnitgeteilt wurde, auch auf die Erstaufführung der Wagner-Oper “Tannhäuser” irn Wiener Thalia-Theater hingewiesen werden konnte.) Als dann das Werk in der Klavierausgabe bei Haslinger erschienen war, konnte man auch jene Phänomene bewundern, die dern Zeichner des Titelblattes als zu diesern Werk passend erschienen waren; der Graphiker W. Tatzelt wählte Naturphänomene fur seine Darstellung: Einen Korneten (über der Donaurnonarchie war zuletzt irn Jahre 1845 ein Hirnrnelskörper von außergewöhnlicher Helligkeit zu sehen gewesen), einen Vulkanausbruch (wie er sich im Jahre 1850 in ltalien ereignet hatte; damals hatte der Ausbruch des Vesuvs Strauß zu seinern Walzer “Lava-Strörne”, op. 74, angeregt), ein Gewitter mit Blitzen und Sturrngebraus sowie einen Seecyclon.

Als Strauß seinen Walzer “Phänornene” beirn Technikerball am 17. Februar 1857 zurn ersten Male aufspielte, rnußte er seine Widmung ohne Introduktion und Coda vorführen. Darnals genügte es: später freilich mußte eine Komposition für einen repräsentativen Ball in Wien kornplett sein, denn aus Respekt vor der Meisterschaft der Brüder Johann und Joseph Strauß ließen sich die Ballgaste die Novität zuerst konzertant vorführen und erst bei der Wiederholung des Werkes in der Tanzforrn (also ohne Einleitung und Coda) wurde es—wie man einmal so hijbsch gesagt hat—“mit den Füßen erprobt”. Da also Strauß den Techniker-Walzer des Faschings 1857 erst später, wahrscheinlich zu Beginn seines Wirkens in Pawlowsk bei St. Petersburg fertiggestellt hat, erklärt sich auch das späte Erscheinungsdatum irn Verlag Haslinger (Ankündigung in der “Theaterzeitung” am 22. August, Annonce in der “Wiener Zeitung” am 6. September). Strauß war stolz auf dieses Werk, und zwar mit Recht: der Walzer “Phanomene” gehört zu seinen interessantesten Kompositionen.

Romanze Nr. 1 in d-moll, op. 243

Natürlich war es das Ziel und die Aufgabe für den Wiener Walzerkönig Johann Strauß, auch das Publikum in Pawlowsk für die österreichische, speziell die wienerische, Musik zu begeistern. Der flotte Musikdirektor hat seine Programme mit Rücksicht darauf zusammengestellt, aber er ist dabei keineswegs einseitig vorgegangen. Schwerpunkte des Programms waren zwar stets seine eigenen Kompositionen, aber es wurde auch das gesamte Spektrum der damals aktuellen Musik berücksichtigt. Je länger Strauß konzertierte, desto größer wurde der Anteil russischer Musik in den Konzerten. Uberdies versuchte Strauß von allem Anfang an, die von Wien her bekannten Tanzformen mit slawischen Motiven anzureichern und kam dabei zu sehr interessanten Ergebnissen; die Kette solcher Arbeiten reicht von der Polka “L’lnconnue”, op. 182, des ersten russischen Sommers, 1856, bis zur Polka Mazur “An der Wolga” (die eigentlich “Mon salut” heißen müßte), op. 425, aus dem Jahre 1886. Mit besonderer Sorgfalt hat sich Johann Strauß aber auch einer Kunstgattung angenommen, die seit alters her für die russische Nationalmusik typisch war: die Gattung der elegischen, mitunter schwermütigen “Romanzen”. Diese ursprünglich südfranzösisch-spanische Musik kam über die wichtige Musikbrückedesvorderen Orients nach Rußland, behielt aber trotz mancher Anderung den Charakter des Liedes und der Ballade bei. In dieser Form wurde die Romanze sowohl in der volkstümlichen Musik als auch in symphonischen Kompositionen und in der Opernsphäre verwendet. Als Johann Strauß nach etwa vierjähriger Tätigkeit in Rußland damit begann, nicht nur die Romanzen russischer Komponisten in seine Programme aufzunehmen, sondern auch selbst Romanzen zu schreiben, orientierte er sich an der Form des Liedes nur ließ er als bevorzugtes Instrument das Cello “singen”. (Es traf sich gut, daß Großfürst Konstantin ein recht passabler Cellospieler war und bei den Konzerten “incognito” als Solist mitwirken konntel) Zur Stimmungsmalerei verwendete Strauß die rauschenden Akkorde der Harfen. Alle diese Elemente finden sich gleich in der ersten im Druck erschienen “Romanze in d-Mollu von Johann Strauß (”Une pens6e): sie ist im Sommer 1860 entstanden und wurde der Fürstin Katharina Dadiani, der Mutter des regierenden Fürsten Nikolaus von Mingrelien (im Süden der Kaukasusregion) gewidmet (vgl. “Niko-Polka”, op. 228). In Wien wurde das Werk zusammen mit der “Romanze Nr. 2 am 1. Dezember 1860 beim “Sperl” zum ersten Male aufgeführt. Im Druck ist es etwa sechs Wochen später im Verlag Carl Haslinger erschienen.

Kinderspiele, Polka franqaise, op. 304

Am 5. Dezember 1865 fand in den Räumen der Erzherzogin Sophie, der Mutter des Kaisers Franz Joseph, ein Hofkonzert statt, das von der Strauß-Kapelle unter der Leitung des Herrn Hofball-Musikdirektors Johann Strauß stand. Daß es sich um ein Kinderfest gehandelt haben muß, geht allein schon aus dem Datum der Veranstaltung hervor: am Vorabend des St. Nikolaus-Tages (d. i. der 6. Dezember) erschien in der Hofburg wie in sehr vielen Bürgerhäusern, aber auch bei den Arbeiter- und Bauernfamilien (in den deutschsprachigen Gebieten der Donaumonarchie), “Sanct Nikolaus” persönlich (heute als “Santa Claus” international bekannt), um die “braven” Kinder zu beschenken. Die Erzherzogin hatte also das Fest für ihro Enkelkinder und deren Spielgefährten mit einem Hofkonzert verbunden. Johann Strauß führte bei dieser Gelegenheit die Polka franqaise “Kinderspiele”, op. 304, zum ersten Male in Wien vor. Sein Orchester war für diese Aufführung eigens mit einer Kindertrompete ausgerüstet worden.

Neu war das Werk allerdings nurfür Wien: die Polka stammte aus Pawlowsk und ist dort bereits am 22. August (d. i. 10. August nach dem russischen Kalender) anläßlich eines Benefizkonzerts vorgetragen worden. Aufsehen erregte das Werk erst in der Hofburg und bei den anschließenden Strauß-Konzerten im Volksgarten. In späteren Jahren verschwand es völlig aus dem Repertoire. Frohsinns-Spenden, Walzer, op. 73

Im Karneval 1850 trat Johann Strauß-Sohn als Nachfolger seinesVaters vor die Öff entlichkeit. Viel war in diesem Fasching nicht zu holen: die Reichshauptund Residenzstadt Wien war durch die Verhängung des Belagerungszustandes schlechter gestellt als andere Metropolen Europas; aber nicht nur die Einschränkungen der Militärbehörden drückten auf die Stimmung der Bevölkerung, auch die immer noch drückende Notlage weiter b Kreise ließ es als wenig aussichtsreich erscheinen, glanzvolle Tanzfeste zu arrangieren. Ganz folgerichtig war denn auch der erste Gesellschaftsball, bei dem der junge Musikdirektor Straußdie Ballmusik leitete, ein Wohltätigkeitsball am 16. Jänner 1850 im Sofiensaal: sein Reinertrag solltedazu benütztwerden, Brennholz anzukaufen und an die Armsten der Armen zu verteilen. Die Zeitungen machten bereitwillig für diesen Ball Reklame: in der “Wiener Zeitung” wurde versprochen, Kapellmeister Strauß werde sein noch vom k. k. Hofball-Musikdirektor Strauß (also dem verstorbenen Vaterl) gut zusammengestelltes Orchester selbst dirigieren und mehrere neue Piecen sowie eine eigens für dieses Ballfest verfaßte neue Walzerpartie, betitelt “Frohsinns-Spenden”, zur Aufführung bringen.

In der “Theaterzeitung” hieß es sogar: “Die Kriegsstürme sind verrauscht, der goldene Friede, der Segensspender schwebt über den Fluren unseres teuren Vaterlandes, die brausenden Wogen der aufgeregten Leidenschaften ebnen sich allmählich. Die Etwerbstätigkeit belebt sich und in dem festen Fortschreiten der Neugestaltung entschleiert sich uns das Bild einer schöneren Zukunft. Somit können wir uns auch wieder mit erleichtertem, hoffnungsfrohem Herzen der geselligen Fröhlichkeit zuwenden und unserem alten Spruch: ‘Heiter auch in ernster Zeit’ (d. i. der Titel des Walzers, op. 48, von Strauß-Vaterl) sein Recht gönnen.”

Ausdieser Ankündigung ist ersichtlich, welche Bedeutung der Titelwahl des ,iu naen Strauß für den ersten Walzer. den er als Nachfolger seines Vaters im Karneval 1850 aufspielte, zugekommen ist: aÜch er wollte als “Frohsinns-Spender” verstanden werden, der es als sein Ziel ansah, die ursprüngliche Lebensfreude der Wiener neu zu entfachen. Es dürfte Strauß auch gelungen sein, sein Motto den Gästen des Armenballes 1850 im Sofiensaal zu vermitteln: viel Publikum freilich hatte sich nicht eingefunden, denn in einem Ballbericht heißt es: “…im verkleinerten Saal fand die Tanzmusik des Herrn Strauß lebhaften Anklang”. Immerhin der Walzer scheint dem hohen Anspruch, den sein Komponist sich selbst vorgegeben hatte, gerecht geworden zu sein und Frohsinn in einer schweren Zeit “gespendet” zu haben.

St. Petersburg, Quadrille nach russischen Motiven, op. 255

Es spricht für den künstlerischen Rang der Strauß-Konzerte in Rußland, daß der Wiener Walzerkönig seine fünfte Saison in Pawlowsk bei St. Petersburg (1861) nicht mit einem Konzert im Vauxhall, sondern mit einer Soiree im Palast des Großfürsten Konstantin (der heute noch besteht und nach der Zerstörung durch die deutschen Truppen im zweiten Weltkrieg wieder hergestellt worden ist) eröffnete. Bei dieser Gelegenheit führte Strauß den Gästen, unter denen sich auch die Zarin und der Zar befanden, ein aus klassischen Werken und Tanzstücken gemischtes Programm vor. Die Saisoneröffnung fand dann am 26. Mai (also am 14. Mai nach dem russischen Kalender) statt, etwas spät im Jahr, aber das war eine Folge des stengen Winters. Wie üblich kam Strauß auch diesmal nicht mit leeren Händen, sondern führte neben Musik von Wagner, Schubert, Rossini und Michael Iwanowitsch Glinka als achte Programmnummer auch eine Quadrille mit dem Titel “Hommage Petersbourgh” vor, die er nach populären, russischen Melodien arrangiert I hatte. Im Juni schrieb er dann seinem Verleger Carl Haslinger: “Morgen sende ich…‘Quadrille nach russischen Themen’, die Sie mit einem beliebigen Titel taufen wollen, wenn Sie nicht einverstanden sind, den Titel ‘Hommage St. Petersbourgh’ beizubehalten.” Nun—der Verleger hat diesmal nicht allzuviel I an dem Titel geändert und das Werk (übrigens irrtümlich mit der Opuszahl255, die er auch einer Romanze zugeteilt hattel) mit der Bezeichnung “St. Petersburg, Quadrille nach russischen Motiven” (die russische Ausgabe blieb bei: “Hommage St. Petersbourgh, Quadrille sur des airs russes favoris”) veröffentlicht. In Pawlowsk war das Werk recht erfolgreich und mußte immer wieder ins Programm der Konzerte aufgenommen werden: in Wien fand es nur wenig Gegenliebe, und so wurde ein Konzert im Dianasaal am 5. Jänner 1862 dazu benützt, das Werk dem Publikum vorzuführen. Die Druckausgabe der Klavierfassung lag bereits seit Mitte November vor und wurde in der Theaterzeitung “Zwischenakt” mit den Worten angekündigt: “…nach russischen Motiven arrangiert und sehr effektvoll behandelt”.

Vöslauer Polka, op. 100

Der Kurort Vöslau mit seinen heilkräftigen und auch für gesunde Badegäste überaus angenehmen Thermalquellen stand im 19. Jahrhundert ein wenig im Schatten des Ruhmes seiner Nachbarstadt Baden. Schon die Römer wußten die Schwefelquellen (“Römerbad”) in der damaligen Garnisonstadt Aquae im Süden des Militärlagers Vindobona (dem heutigen Wien) zu schätzen: seitdem haben die Badener Thermen unzähligen Menschen durch die Linderung rheumatischer Beschwerden geholfen. Als dann Kaiser Franz I. seine Sommerresidenz nach Baden verlegte, war die Stadt am Flüßchen Schwechat in den Monaten Mai bis September auch ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Bad Vöslau aber wurde zum “Geheimtip”: wer “nur” Erholung suchte, fuhr ein paar Kilometer weiter, und war bei den bescheideneren Kureinrichtungen der kleinen, aber feinen Gemeinde am Ostabfall des Wienerwaldes (mit seinen Föhren-Hainen) am rechten Ort. Als Johann Strauß in den Jahren nach dem Tod seines Vaters alle seine Kräfte einsetzte, um die Stellung seines Vaters im Wiener Leben und im “Walzergeschäfl” für sich zu erobern und sich dabei gegen so bedeutende Konkurrenten wie Philipp Fahrbach durchzusetzen hatte, geriet der schmächtige, auch durch seinen ohnedies nicht gerade musterhaften Lebenswandel geschwächte, junge Mann wiederholt an den Rand der Erschöpfung. Am Aschermittwoch 1851 brach Johann Strauß zum ersten Male vollständig zusammen und mußte die Leitung der Kapelle dem erfahrenen Primgeiger Franz Amon überlassen, der schon Strauß-Vater zur Seite gestanden war. Trotzdem versuchte die Familie, jeden nur möglichen Konzerttermin wahrzunehmen: die Zeiten waren immer noch schlecht. Ob nun Strauß damals Bad Vöslau aufgesucht hat, um sich zu erholen, oder ob es der Kapelle möglich war, in der kleinen Stadt zu konzertieren (ein Beleg dafür war nicht zu finden): jedenfalls spielte der 25jährige Musikdirektor Johann Strauß beim Hernalser Kirchtag, und zwar beim Nachkirtag am 24. August 1851 in Ungers Casino als Novität seine flotte “Vöslauer Polka” auf. Es war sein hundertstes (im Druck erschienenes) Werk und ist (allerdings mit einiger Verspätung) im Jahre 1852 im Verlag seines Vaters, nämlich bei Carl Haslinger erschienen. Mit ihren anmutigen Motiven ist die zierliche und doch auch drastische Polka eine prächtige, musikalische Visitkarte des—wie gesagt—heute noch hochdeschätzten Kurortes Vöslau südlich von Wien.

Grillenbanner, Walzer (im Ländlerstil), op. 247

Johann Strauß hat den Walzer mit dem Titel “Grillenbanner” für seinen Benefizball im Fasching 1861 komponiert und das Werk am 7. Februar auch im Dianabad-Saal selbst zum ersten Male vorgetragen. Ob das Publikum den Hintersinn dieser Titelwahl sofort begriffen hat, mag dahingestellt bleiben. Mit dem Wort “Grille” versteht man ja nicht nur das Insekt, das sich an schönen Sommertagen vom Feldrand oder von den Wiesen her so lautstark bemerkbar macht;,als “Grille” bezeichnet man auch eine (üble) Laune, hervorgerufen durch Arger oder ernsthafte Sorgen. Und so wurde zumindest den Wienern im Frühjahr 1861 klar, welche Grillen Johann Strauß mit diesem Walzer zu bannen, also zu vertreiben, suchte: denn in der Klavierausgabe des Werkes stand auf dem Titelblatt die Widmung: “Seiner königlichen Hoheit dem Herzog Leopold von Sachsen-Coburg und Gothal”.

Der hohe Herr aus der Linie Kohary des in ganz Europa durch zahlreiche Repräsentanten vertretenen Fürstengeschlechts Sachsen-Coburg hatte damals tatsächlich beträchtliche Sorgen, oder zumindest einigen Arger. Er hatte nämlich gegen den Willen des Chefs im Hause, des in Coburg regierenden Herzogs Ernst II., ein Mädchen geheiratet, dessen Ruf nicht gerade untadelig gewesen ist, Constanze Geiger. Ganz Wien kannte die Geschichte dieses Mädchens: es war die Tochter des Musikers Josef Geiger, der im Kaiserhaus Musiklehrer gewesen war, und dessen Gattin Theresia, deren Energie und Talent zur Eigenwerbung sogar Jetty Strauß imponiert hatte. Madame Geiger war “nur” Hutmacherin; da sie aber über viel Phantasie 1 und große Kunsifertigkeit verfügte, konnte sie jahrelang die Hutmode in der Kaiserstadt diktieren und war dementsprechend geschätzt und gesucht. Nach dem Willen ihrer Mutterdebütierte Constanze bereits im Alter von acht Jahren als “musikalisches Wunderkind” (Strauß-Vater widmete ihr damals seine “Flora-Quadrille”, op. 177), wenig später spielten sowohl die Kapellen Strauß-Vater und Strauß-Sohn als auch die Militärmusikkapellen Walzer und Märsche von Constanze Geiger (die Kompositionen waren tatsächlich wert, aufgeführt zu werdenl). So nebenbei ließ die Familie Geiger auch Kirchenmusik ihrer Tochter im Druck erscheinen (auch Vater Geiger konnte damals seine Opern aufführen lassen!). Dann zeigte sich die heranwachsende Constanze als Schauspielerin, Malerin und Dichterin: das Multitalent wurde zwar von den Journalisten verspottet (Saphir nannte es “Walzer-Wuzerl”, was darauf schließen läßt, daß.klein Constanze etwas dicklich geraten war), aber die Aufmerksamkeit der Offentlichkeit war dem Mädchen jedenfalls sicher. Später gab es auch für den Kapellmeister Carl Millöcker eine “Affäre Geiger”: er wurde nämlich beschuldigt, dem Mädchen die Heirat versprochen und dieses Versprechen dann nicht eingehalten zu haben. Schließlich wurde Constanze die Geliebte des weit älteren Herzogs Leopold, der im Wiener Palais Coburg wohnte. Als aus diesem Verhältnis ein Sohn entsprang, kam es zur Heirat der beiden, und zwar gegen die zunächst ausdrückliche Mißbilligung durch den Hof zu Coburg. Herzog Ernst II., der ja selbst I keineswegs im Ruf eines treuen Ehemanns stand, lenkte schließlich ein und erhob Constanze Geiger in den Rang einer Freifrau von Ruttenstein. Constanze blieb übrigens bis zu ihrem Tod im Jahre 1890 mit der Familie Strauß befreundet. Die “Grillen”, die Johann Strauß im Fasching 1861 mit seinem Walzer hatte “bannen” wollen, waren damit durch Herzog Ernst II. so ziemlich aus der Welt geschafft. “Arger” gab es für Coburg allerdings auch weiterhin. Doch das gehört auf ein anderes Blattl

Bal champetre, Quadrille, op. 303

Sommerfeste mit Tanz unter freiem Himmel waren auch in Pawlowsk bei St. Petersburg außerordentlich beliebt. Der kurze, erstaunlich heiße Sommer mit seinen “weißen Nächten” (der Polarkreis ist ja von St. Petersburg, dem heutigen Leningrad, nichtgar so weit entfernt), erlaubte auch alljährlich in jenen Jahren, in denen der Wiener Walzerkönig in Pawlowsk konzertiert hat, eine stolze Reihe solcher Feste. (“Bal champatre” wurden sie allerdings nur von der, übrigens gar nicht so kleinen, Oberschicht der Bevölkerung genannt, die sich im vertrauten Kreise und mit ihren ausländischen Freunden gern der französischen Sprache bedient hat.) Zum französischen Kulturexport, der sich in Rußland sehr erfolgreich durchzusetzen verstanden hat, gehörten auch die “Chansonetten”, alsodie mehr oder weniger frivolenTanzsängerinnen mitdem “Original Pariser Repertoire” (vgl. auch die “Chansonetten-Quadrille”, op. 259, von Johann Strauß, Vol. 6).

Wenn man alle diese Dinge zusammenfaßt, kommt man zu dem Anlaß für die Komposition und die erste Aufführung der “Bal champatre-Quadrille, sur des airs francaises” von Johann Strauß: für August 1865 wurde wieder ein Sommerfest mit Ball im Freien beim Vauxhall von Pawlowsk bestimmt, zu dem ein Massenbesuch aus St. Petersburg erwartet wurde. Dabei hätte die Ballkleidung “ländlich” sein können (auch das ist bei einem “Bal champatre” möglichl), und das war eine zusätzliche Attraktion. Aber das Jahr 1865 war nicht günstig für ein solches Unternehmen. Strauß war als Folge seiner damals häufigen “Unpäßlichkeit” gezwungen gewesen, einen Badeurlaub anzutreten und sein Eintreffen in Pawlowsk bis Ende Juli hinauszuschieben. Sein jüngster Bruder Eduard hatte ihn zwar wacker und mit großer Ambition vertreten; er war aber geradevom “großen Publikum”, also von der vornehmen Gesellschaft, nicht akzeptiert worden. Recht offenherzig schrieb Johann damals seinem Bruder Joseph: “Eduard wurde von den Pawlowsker Weibern und den jungen Buben getragen. Bei alledem blieb die Cassa der b Eisenbahndirection in dem traurigsten Stand, und waren die Directoren trotz allen Trubels (von Seite des Weibervolks) vollkommen theilnahmslos. Ihre Gunst kann man nur erringen, Wenns Geld regnet.”

Johann aber wurde “wie ein alter Liebling” empfangen -und da war natürlich ein “Bal champatre” (noch dazu mit einer Komposition nach französischen Liedernl) das Richtige, um die noble Gesellschaft aus St. Petersburg nach Pawlowsk zu locken. Doch im August 1865 regnete es leider nicht Geld, sondern an allzuvielen Tagen Wasser vom wolkenverhangenen Himmel. Daher nützte Johann Strauß die Gelegenheit seines Benefizkonzerts am 16. September 1865 (Voraufführung alsZugabe beim Konzert am 14. September, d. i. der 2. September nach dem russischen Kalender), um die neue Quadrille vorzuführen. Im übrigen forcierte Strauß damals die Aufführungen der zeitgenössischen, russischen Musik, darunter auch die “Charaktertänze” des jungen P. I. Tschaikowsky. In Wien wurde die “Bal champatre-Quadrille” beim Benefizkonzert seiner Brüder Joseph und Eduard Strauß am 12, November 1865 im Volksgarten vorgeführt, und zwar von Johann Strauß. Es gab’den üblichen Beifall nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und dann war das Werk rasch wieder aus dem Repertoire der Kapelle verschwunden. Wien war und ist eben “anders”!

Du und Du, Walzer, op. 367

Der Walzer “Du und Du” besteht aus Motiven der Operette “Die Fledermaus” von Johann Strauß. Das Werk ist aber nicht sofort nach der Premiere der Operette, die am Ostersonntag, dem 5. April 1874, im Theater an der Wien stattgefunden hat, im Verlag Rudolf Schreiber (dem Nachfolger C. A. Spinas) veröffentlicht worden. Da sich die Direktion des Wiedner-Theaters lange Zeit hindurch nicht entscheiden konnte, ob die Operette noch in der Saison 187311874 oder erst im Herbst des Jahres 1874 gezeigt werden sollte, hatte Johann Strauß die Einladung angenommen, im Mai zu einer längeren Konzertreise durch ganz Italien aufzubrechen. Diese Unentschlossenheit der Direktion war eine indirekte Folge des Börsenzusammenbruchs während der Weltausstellung des Jahres 1873: nach dem “Krach machten alle Wiener f Theater schlechte Geschäfte und es war nicht ganz einfach, kostspielige Novitäten herauszubringen. Und den einzigartigen Rang der Operette “Die Fledermaus” hat damals in Wien niemand erkannt, wahrscheinlich nicht einmal der Komponist selbst, der ja seinen Werken gegenüber immer ein wenig skeptisch war. Als sich am Premierenabend dann doch ein entschiedener Erfolg für das Werk und die splendid ausgestattete Vorstellung ergab, konnte sich Strauß um das weitere Schicksal der “Fledermaus” nicht kümmern, da er ja die ltalientournee vorbereiten und schließlich ausführen mußte. Das war wohl auch der Grund, daß der große Walzer nach Motiven der Operette “Die Fledermaus”vorerst nicht im Verkauf bereitgestelltwerden konnte. Damit aber bot sich Eduard Strauß eine einzigartige Chance, und er hat sie auch -wie ein Bericht im “Fremden-Blatt” vom 5. August 1874 beweist entschlossen ausgenützt. In dem Referat hieß es U. a: “Die am vergangenen Sonntag (d. i. 2. August 1874) in Carl Schwenders ‘Neuer Welt’ von Hofball-Musikdirektor Eduard Strauß zur ersten Aufführung gebrachten Novitäten, und zwar die Polka frangaise ‘Augensprache’ (= op. 119) und ‘Fledermaus-Walzer’, beide komponiert von Eduard Strauß, erfreuten sich eines durchschlagenden Erfolges. Beide Novitäten mußten nicht weniger als sechsmal wiederholt werden.” (Ein gleichlautender Bericht erschien übrigens auch im “Neuen Wiener Tagblatt”, ebenfalls am 5. August).

Es ist freilich nicht anzunehmen, daß dieser “Fledermaus-Walzer” von Eduard Strauß mit dem am 6. September 1874 publizierten Walzer “Du und DuWvonJ ohann Strauß identisch ist. So gut war das Einvernehmen zwischen den Brüdern damals gerade nicht, daß Johann einfach eine Arbeit Eduards I übernommen hätte. Viel eher wäre es denkbar, daß, wie die Operette, auch der Walzer “Du und Du” in enger Zusammenarbeit Johann Strauß Richard Gen& seine endgültige Fassung erhalten hat. Nach einer besonders kunstvollen Introduktion werden die effektvollsten Melodien aus der Operette im Walzertakt aneinandergereiht.

Max Schönherr hat folgende Charakteristik des Werkes verfaßt: “Die Aufforderung Dr. Falkes ‘Brüderlein und Schwesterlein wollen Alle wir sein…laßt das traute ‘Du’ uns schenken…’, erstmals am 5. April 1874 von der Bühne des Theaters an der Wien erklärt, ist nicht nur ein Höhepunkt dieser Operette, oder vielleicht der Operettengeschichte überhaupt, sondern galt auch als demokratische Parole in einer Zeit, als der ‘Große (Finanz-) Krach’ am 9. Mai des Vorjahres bereits Reich und Arm nivelliert, erhofftes Glück und spekulativen Ubermut reichlich enttäuscht hatte. ‘Ha, welch’ ein Fest’, der Aufschrei der champagnerfrohen Gesellschaft beim Prinzen Orlofsky, der darauffolgende ‘Fledermaus-Walzer’, der ’vielfüßige’, durch die rasanten Achtel so gerühmte, und ‘Erst ein Kuß…Dann ein Kuß’, und wieder das wienerisch gejodelte ‘Duidu…duidu’ geben diesem Walzeropus die gleiche Unvergänglichkeit wie dem Strauß’schen Bühnenwerk.” Dieser Charakteristik ist nichts hinzuzufügen1


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