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8.223215 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 15
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhunderts, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine derart künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzertprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschen fasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Alexander-Quadrille, op. 33 (Zweite Serben-Quadrille)
Bis in die Vierzigerjahre des 19. Jahrhunderts hinein war man im Kaisertum Österreich sehr stolz darauf, daß unter der Herrschaft des Hauses Habsburg zahlreiche Völker friedlich zusammenlebten. In verschiedenen Regionen des riesigen Reiches war zwar ein ausgeprägtes Nationalgefühl der Bewohner festzustellen, aber der später so machtvolle Nationalismus, der einen unablässigen Kampf um politische Geltung nach sich ziehen sollte (und der das Habsburgerreich schließlich zersprengte), hatte vorerst noch wenig Anhänger. Es versteht sich von selbst, daß alle Völkerschaften der Monarchie durch repräsentative Gruppen auch in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien vertreten waren. In den späten Vierzigerjahren entfalteten diese nationalen Gruppen allmählich ein eigenständiges kulturelles und politisches Leben. Es ergab sich für den aufmerksamen Beobachter das seltsame Schau-spiel, daß die Rivalität zwischen Strauß-Vater und seinem aufstrebenden Sohn ab dem Jahre 1845 auch dazu führte, daß sich der Sohn – weil ja der übermächtige Vater die Kernschichten der Wiener Bevölkerung, das deutschsprachige Bürgertum und die Beamtenschaft, auf seiner Seite hatte – vor allem als Kapellmeister der "Randgruppen der Bevölkerung" zu etablieren und profilieren suchte. Strauß-Sohn wurde also nicht nur der bevorzugte Kapellmeister der Jugend, sondern zum Beispiel auch der in Wien lebenden Slawen. Zu den interessantesten Persönlichkeiten aus dem slawischen Bereich der Monarchie und ihrer Nachbarschaft gehörte der Serbenfürst Milos Obrenovic, der damals in der Donaumetropole im Exil lebte. Schon im Jahre 1846 schrieb der junge Strauß im Auftrag des Fürsten für den Slawenball im Alt-Wiener Tanzsaal "Zur goldenen Birn" eine Quadrille (sie ist unter dem Titel "Serben-Quadrille", op. 14, im Druck erschienen) .Am 16. Juni 184 7 veranstaltete Strauß mit seinem Orchester dem Fürsten zu Ehren vor dem Kaffeehaus Metzl im Vorort Landstraße ein Ständchen. Die Zeitungen, die darüber berichtet haben, erwähnten auch eine "Alexandrinen-Quadrille" [!], die Strauß dem Fürsten zu Ehren aufgespielt habe, und hoben hervor, daß in diesem Werk serbische Melodien verwendet worden seien. Als nun Johann Strauß, der Sohn, im Herbst 1847 zu einer Balkantournee aufbrach, nahm er zwei Ausgaben der "Alexander-Quadrille" mit auf die kühne Reise. Ein Exemplar überreichte er in Belgrad dem dort als Vasall des Osmanenreiches regierenden Fürsten Alexander aus der (mit der Familie Obrenovic verfeindeten!) Familie Kargageorgevich (1806-1885) anläßlich der Aufführung der Quadrille am 20. Oktober 1847. Bei dieser Ausgabe war das Titelblatt in kyrillischer Schrift ausgeführt. Als Johann Strauß dann am Ziel seiner Reise angelangt war, nämlich in Bukarest, widmete er die andere Ausgabe dem jungen Fürsten Bibescu. In Belgrad hatte Strauß das Werk als "Zweite Serben-Quadrille" aufgespielt, und das war gewiß berechtigt, denn auch die" Alexander-Quadrille" besteht ja aus serbischen Liedern und Tänzen . Wie er dem regierenden Fürsten Bibescu die Widmung an dessen Sohn erklärt hat, ist leider nicht bekannt geworden. Als die Zeitung "Der Wanderer" in Wien meinte, in Bukarest gebe es Slawen, mußte die Redaktion rasch eine Berichtigung bringen. Nun – Strauß hat seinen Irrtum (falls er ihm überhaupt unterlaufen ist) dadurch wettgemacht, daß er der Familie Bibescu weitere Kompositionen zueignete (z. B. der Fürstin die "Marien-Quadrille", op. 51 )! Er wußte sich eben in allen Lebenslagen stets zu helfen, der flotte Jean!

Die Jovialen, Walzer, op. 34
Im "Österreichischen Wörterbuch" findet man unter dem Stichwort "jovial" (Aussprache: schowial!) die Erklärung: wohlwollend – heiter. Der junge Johann Strauß hat also den Charakter seines Werkes selbst vortrefflich durch den Titel ausgedrückt. "Eine Partie gemütliche Walzer" hat er beim Katharinenball am 25. November des Jahres 1846 im Etablissement "Zum goldenen Strauß" in der Josephstadt zum ersten Male vorgetragen, der Herr Musikdirektor. In der Zeitung "Der Sammler" wurde er dafür gelobt: "Strauß-Sohn, der bei diesem Ball von Anfang bis Ende regelmäßig unter einem Beifallssturm alle Kompositionen wiederholen mußte, gab auch zum ersten Male einen Walzerstrauß, 'Die Jovialen' betitelt, zum Besten, der so pikant, lieblich und tanzeinladend ist, daß alle Anwesenden sich nicht satthören konnten." Es ist aber auch ein interessantes Werk, dieses Opus 34: vielleicht wollte der Komponist mit dem Walzer den Bürgern vom benachbarten "Billantengrund" eine Freude machen, denn er folgte mit den "Jovialen" noch dem Charakter der langsamen, gemütlichen Walzer, wie sie im damals bereits absterbenden Biedermeier üblich gewesen waren. Die Motive waren so gewählt, daß sie in unmittelbarer Verbindung zur volkstümlichen Musik der Epoche standen, wie sie von den "Linzer Geigern" an die späteren Volksmusikgruppen übermittelt worden waren. Nach dem Neubeginn des Jahres 1849 (also nach der Niederwerfung der Revolution in Wien) hat Johann Strauß diesen Walzer nicht mehr gespielt: vergessen hat er ihn allerdings nicht, denn eines seiner Themen tauchte im "Jubilee-Waltz" (Nr. 3B) des Jahres 1872 wieder auf. Es war schwierig, das gesamte Werk zu rekonstruieren: es hatten sich nur zwei, kaum mehr lesbare, Handschriften erhalten, aus denen dann allerdings die Originalgestalt des Walzers doch wieder hergestellt werden konnte. So üben sie nun also wieder ihren "wohlwollend-heiteren" Zauber, die "Jovialen" von Johann Strauß aus dem Jahre 1846.

Scherz-Polka, op. 72
Am 25. September 1849 ist Johann Strauß-Vater gestorben. Damit war der imaginäre Thron des Walzerkönigs verwaist, die Stellung des "Vorgeigers im Wiener Leben" – wie man damals gesagt hat – vacant. Nun mußte der Sohn aus dem Schatten seines bisher übermächtigen Vaters treten, wenn er sich behaupten wollte. Einen ersten Erfolg erzielte der 24jährige Musikdirektor, als das Orchester seines Vaters, die berühmte Strauß-Kapelle, nach einer hitzigen Debatte ihrer Mitglieder den Beschluß faßte, sich unter seine Leitung zu stellen. Am 7. Oktober war im Volksgarten das erste Konzert der Kapelle Strauß-Vater unter der Leitung des Sohnes. Bei dieser Gelegenheit wurden verständlicherweise nur Kompositionen des Verstorbenen aufgeführt. Im November kam der alljährliche Abschluß der Ballsaison, der sich mit einer Feier des Katharinentages verband. ("Kathrein stellt den Tanz ein" – so lautete ein alter Spruch in der Donaumonarchie.) Bei diesem Anlaß wurden in allen Etablissements Wiens Katharinenbälle veranstaltet, also auch im Sofiensall, in dem Strauß-Sohn als Nachfolger seines Vaters die Ausführung der Tanzmusik übernommen hatte. Beim Katharinenball war aber traditionsgemäß ein Widmungskomposition fällig: nun mußte der junge Strauß beweisen, daß er auch als Komponist als Erbe seines Vaters bestehen könne. In den interessierten Kreisen war man also recht neugierig, wie sich der junge Musikdirektor aus der Affäre ziehen werde. Nun – auch bei dieser Gelegenheit bewies Johann Strauß sein Geschick bei der Lösung heikler Probleme: er hob sich die Präsentation seines ersten Walzers unter den veränderten Bedingungen für den kommenden Karneval auf (vgl. "Frohsinns-Spenden", op. 73, Vol. 14) und spielte beim Katharinenball eine kleine, amüsante Polka auf, der er auch noch den Titel gab: "Scherz-Polka". Leicht und scheinbar verspielt-tändelnd löste sich also der junge Strauß aus dem lastenden Schatten seines Vaters. Nun – anmutig und leicht dahintändelnd ist das Werk gewiß, aber gerade bei der "Scherz-Polka" handelt es sich um eine sorgfältig und raffiniert arrangierte Komposition, die man – gar nicht ernst genug nehmen kann!

La Viennoise, Polka Mazurka, op. 144
Die Polka ist einer jener wenigen Tänze, deren Ursprung man recht genau kennt: ein Mädchen aus einem kleinen Ort in der Nähe von Prag sprang die Tanzschritte, die es sich ausgedacht hatte, einem Schullehrer vor und dieser machte die Musik dazu (die allerdings auf alte Motive der böhmischen Volksmusik zurückgegriffen hat). Im Jahre 1840 kam der Tanz zuerst in Prag in Mode (da hatte sich auch schon ein Name gefunden, Polka; und das hieß entweder: der "polnische Tanz" oder der "Tanz mit dem Halbschritt" [tschechisch: Pulka]). Der Wiener Tanzlehrer Johann Raab, zu dessen Zöglingen die Söhne der Erzherzogin Sophie gehörten, also auch der spätere Kaiser Franz Joseph, brachte die "böhmische Polka" nach Wien und fast gleichzeitig auch nach Paris: in beiden Städten avancierte sie sehr rasch zum Modetanz. In Paris galt die Polka allerdings von Anfang an als "polnischer Tanz" und wurde der französischen Tanzmode angepaßt. Der "böhmische Rhythmus", der sich in den Tänzen z. B. von Strauß-Vater, aber auch von Friedrich Smetana, erhalten hat, ging dabei verloren, die Form aber blieb unverändert. In Paris ist es dann auch zur Verbindung der polnisch-russischen Mazur mit der Polka gekommen: von der Mazur wurde nun der Rhythmus (im Dreivierteltakt) übernommen, von der ursprünglichen, böhmischen Polka die Gliederung: Polka – Trio – Polka – Finale. Als Polka Mazur oder Polka Mazurka kam der neue (alte) Tanz nach Wien zurück, und zwar exakt im Jahre 1854. In der Kaiserstadt an der Donau wollten konservative Kreise von der Polka Mazurka nichts wissen: in der populären Zeitschrift "Hans Jörgel" wurde sie als "plumper Bärentanz" bezeichnet; weiter hieß es: sie sei nur eingeführt worden, damit die Tanzlehrer etwas hätten, womit sie ihre Schüler traktieren könnten. Aber das Schimpfen nützte nichts: sowohl bei den Nobelbällen als auch bei den Tanzunterhaltungen in der Vorstadt setzte sich die Polka Mazur allmählich durch. Allerdings läßt sich die allererste Polka Mazur, die Johann Strauß komponiert hat, sowohl mit der Herkunft des Tanzes aus Paris als auch mit dessen Einführung durch die Tanzlehrer in Verbindung bringen: der französische Titel "La Viennoise" (für einen Wiener Tanz!) und die Uraufführung des Werkes am 23. Februar 1854 bei einem Privatball des Tanzlehrers Franz Rabensteiner (die Familie Strauß war mit der Familie Rabensteiner eng befreundet!) sind dafür unwiderlegliche Beweise.

Bijouterie-Quadrille, op. 169
Im Frühjahr 1855 war die Entscheidung noch nicht gefallen, ob Johann Strauß seine Tätigkeit als Leiter der Strauß-Kapelle und das Wiener Walzergeschäft mit seinem Bruder Joseph tatsächlich teilen solle, wie seine Mutter Anna es angeordnet und durchgesetzt hatte. Joseph wollte nicht so recht und Johann hatte Zweifel, ob der schüchterne, "timide" Pepi das Zeug zu einem wienerischen Vorgeiger und Publikumsliebling habe. Im Karneval 1855 hatte er jedenfalls alle erwarteten Ballwidmungen allein komponiert; Joseph war nicht in Erscheinung getreten oder zumindest in den Zeitungen nicht erwähnt worden. Johann Strauß hatte es im Sommer 1855 auch gar nicht eilig, zu seiner Erholung die seit 1853 eingeführte, sommerliche Badereise anzutreten. Nach Beendigung des Karnevals spielte er persönlich bei allen Konzerten eifrig seine Kompositionen auf, brachte allerdings zunächst keine Novitäten. Erst als er in Ungers Casino in Hernals am 4. Juni 1855 einen Festball zu seinem Benefiz arrangierte, ließ er annoncieren, daß er an diesem Abend zum ersten Male eine neue Quadrille vorführen werde, die übrigens am nächsten Abend im Volksgarten wiederholt werden sollte. Der Name "Bijouterie-Quadrille" wurde wohl deshalb gewählt, weil es um diese Zeit in Wien eine Ausstellung der Schmuckwarenerzeuger geben sollte; aber die Quadrille wurde selbst – wie sich die Referenten der Zeitungen anläßlich der Aufführungen des Werkes bei Unger und im Volksgarten überzeugen konnten – zu einer Kostbarkeit. Als die Quadrille im Herbst 1855 im Verlag Haslinger in allen damals üblichen Arrangierungen erschien, urteilte die "Theaterzeitung": "... das Werk ist eine der graziösesten und lieblichsten Schöpfungen im Reiche der Contretanzmusik". Das war freilich nicht die ganze Wahrheit: die "Bijouterie-Quadrille" hat sich bei Konzerten ebenso bewährt wie bei den Aufführungen im Tanzsaal. Die Anmut ihrer Melodien sicherte ihr stets die Aufmerksamkeit und den Beifall des Publikums. Sie stand lange Zeit im Repertoire der Strauß-Kapelle.

Libellen, Walzer, op. 180
Als das Komitee den Technikerball des Faschings 1856 vorbereitete und selbstverständlich für die Tanzmusik die Strauß-Kapelle engagierte, schlug es dem Musikdirektor Johann Strauß als Titel für den ebenfalls zur Selbstverständlichkeit gewordenen Widmungswalzer die Bezeichnung "Libellen" vor. Was darunter zu verstehen sei, darüber gab es für die Techniker keinen Zweifel: für sie war (und ist auch heute noch) die Libelle ein Teil der Wasserwaage oder überhaupt eines Meßinstruments zur exakten Horizontalaufstellung der Geräte. Nur wenn die "Libelle" (also die kleine Luftblase in der Waage) genau den Mittelstrich umschließt, ist die Horizontale klar gegeben. Der Komponist akzeptierte den Titel, dachte freilich nicht nur an die Libelle in der Wasserwaage, sondern auch an das Insekt Libelle, das auch Wasserjungfer genannt wird, und im Volksmund – weil sein schwirrender, rascher (und dadurch unsichtbar werdender) Flügelschlag am Rand der Gewässer diese Bezeichnung nahelegt – auch Glaserer. [Siehe auch die Polka Mazur seines Bruders Joseph, "Die Libelle", op. 204, die allerdings erst zehn Jahre später komponiert wurde.] Um der Doppelbedeutung des Titels für seinen neuen Walzer gerecht zu werden, begann Strauß die Introduktion mit der genialen Vision einer flirrenden Bewegung in den Streicher- und Flöten-stimmen, die sich in ein betörendes Fortissimo steigert, dann aber langsam abklingt und in den leicht und anmutig beginnenden, ersten Walzer überleitet. Bei der Erstausgabe des Walzers folgte der Zeichner der Auslegung des Begriffs "Libelle" durch den Komponisten: auch er wollte – den Technikern zum Trotz – auf die Wasserjungfern nicht verzichten. Für ihn freilich waren sie nicht nur Insekten, sondern feenhafte, weibliche Wesen.

Nun – der Walzer, den Johann Strauß beim Technikerball am 29. Jänner 1856 aufgespielt hat, wurde schließlich allen Deutungen des Titels gerecht: in harmonischer Abstimmung der einzelnen Walzerteile aufeinander ließ er der schwirrend-libellenhaften Einleitung sowohl klar gegliederte als auch schmeichelnd-betörende Melodien folgen. Dabei hat er sein Skizzenbuch zu Hilfe genommen, in dem er während des Jahres vorsorglich seine Einfälle >notiert hatte. Im kurzen Fasching 1856 war für ihn so viel zu tun, daß es anders gar nicht möglich gewesen wäre, in der kurzen Zeit allen Anforderungen gerecht zu werden. Später meinte man, im Walzer "Wiener Bonbons" (op. 307) habe er eine dieser Notierungen noch einmal verwendet; aber das trifft eigentlich nicht zu: in den Partituren der beiden Werke ergibt sich ein doch recht verschiedenes Bild. Der Walzer "Libellen", den der Verleger Haslinger erst im Oktober 1856 veröffentlichte, erwies sich auch während der ersten Saison seines Komponisten in Rußland, in Pawlowsk bei St. Petersburg, als besonders erfolgreich. Die "Theaterzeitung" rühmte dem Werk "Melodienfülle und pikante Instrumentierung" nach. Und damit hatte sie recht.

Bijoux-Polka française, op. 242
Während der Sommersaison 1860 in Pawlowsk bei St. Petersburg nahm es Johann Strauß mit seinen Pflichten nicht immer sehr genau. Vielleicht wirkte sich die Enttäuschung über das abrupte Ende seiner Affäre mit der kapriziösen Olga Smirnitzkaja nachteilig aus, vielleicht war nach vier Jahren eine gewisse Gleichgültigkeit beim Publikum, vor allem aber bei Strauß selbst eingetreten. Er hat in diesem Sommer nicht allzuviel komponiert, der wohl allzu flotte Jean, und es war zunächst auch keine Novität in den Programmen zu finden, die dazu beigetragen hätte, die Zuhörer wieder so zu begeistern, wie dies in den vorhergehenden Jahren der Fall gewesen war. Zu allem Überfluß kam es auch noch zu einem Skandal, als Musikdirektor Strauß noch vor dem Ende eines Balles, bei dem er bereits mit Mißfallensrufen gestört worden war, einfach vom Podium verschwand und seine Musiker allein weiterspielen ließ. Es entwickelte sich ein Tumult, bei dem Fenster eingeworfen und Mobilar zertrümmert wurde, auch der Vauxhall wurde recht nachdrücklich verwüstet. Die Kunde von diesem Skandal kam auch nach Wien; mehrere Zeitungen brachten eingehende Berichte über die Vorgänge in Pawlowsk. Vergebens ließ Strauß ein Dementi veröffentlichen; man glaubte ihm nicht, und zwar mit Recht. Viele Jahre später gab Johann Strauß in einem Gespräch mit Eduard Hanslick zu, daß er damals nur durch die Intervention einiger Mitglieder des Zarenhofes und anderer einflußreicher Freunde die bereits beschlossene Ausweisung aus Rußland habe abwenden können. Zu den Kompositionen, die noch vor diesem Skandal geschrieben worden sind, gehörte auch die Poika française "Bijoux" (Französische Titel waren in Pawlowsk üblich – denn die "schöne Welt" sprach damals auch in der russischen Metropole mit Vorliebe französisch.) In Wien wurde die Polka nicht sofort nach der Rückkehr des Komponisten vorgeführt, sondern erst am 2 Dezember 1860 bei einem Konzert im Voiksgarten. Über eine besonders begeisterte Aufnahme des Werkes wurde nicht berichtet – und auch der Verleger Carl Haslinger glaubte nicht so recht daran, daß diese "Juwelen" (= bijoux) viele Interessenten finden würden: er bot sie dem Publikum zusammen mit zwei anderen Novitäten als "Damen-Carnevals-Geschenk" für Fasching 1861 an.

Wahlstimmen, Walzer, op. 250
Auch im Jahre 1861 engagierte das Ballkomitee der Juristen die Strauß-Kapelle und erbat von Johann Strauß einen Widmungswalzer. Das entsprach der nun schon seit etwa 10 Jahren üblichen Routine. Strauß sagte die Widmung auch zu. Aber dann einigte man sich, dem neuen Werk den Titel "Wahlstimmen" zu geben: und allein schon diese "Taufe" hob den Walzer aus der Reihe der Routinekompositionen heraus und brachte ihn mit aktuellen, österreichischen, ja sogar mit der europäischen Geschichte in Verbindung. Nach dem Sieg der kaiserlichen Truppen über die Revolutionäre in Wien (1848) und in Ungarn (1849) herrschte der junge Monarch Franz Joseph mit absoluter Regierungsgewalt. Doch dann kam es zu politischen Rückschlägen: während des Krim-Krieges der Jahre 1853-1856 isolierte sich die Monarchie durch ungeschicktes Taktieren in Europa und verärgerte überdies auch den russischen Zaren, und im Jahre 1859 endete der Feldzug der österreichischen Truppen in Oberitalien gegen das mit Frankreich verbündete Königreich Sardinien mit einer Niederlage. Das schwächte die Stellung des Monarchen und erzwang den Übergang von Absolutismus zu einem konstitutionellen Verfassungsstaat. Im Zuge der politischen Neuordnung wurden auf Grund einer kaiserlichen Entschließung vom 25 November 1860 Regionalwahlen in der Monarchie möglich: in Wien wurden sofort Wahllisten erstellt – allerdings wurden darin nur etwa 18.000 der mehr als 550.000 Einwohner der Donaumetropole erfaßt! – und Wahlen für den Wiener Gemeinderat ausgeschrieben. Sie fanden im Frühjahr 1861 statt.

Auf diese, für die Entwicklung der Donaumonarchie zum liberalen Verfassungsstaat, unendlich wichtigen Vorgänge bezieht sich der Walzertitel "Wahlstimmen". In der Introduktion läßt Strauß erkennen, wie sehr ihn diese Ereignisse begeistert haben: die Einleitung beginnt mit einer Fanfare und bietet eine feierliche und trotzdem beinahe jubeinde Festmusik. Dann erst leiten ein paar Takte mit einem verhaltenen Motiv zum Beginn des anmutigen Walzers über. Gleich bei der Uraufführung des Werkes beim Juristenball am 28. Jänner des Jahres 1861 wurde das Programm verstanden, das Strauß in diesen Walzer hineinkomponiert hatte: es kam zu einer besonderns begeisterten Aufnahme gerade durch die Studenten der Rechtswissenschaft, denen ja an einem liberalen Österreich besonders viel gelegen war. Aber auch die rein musikalische Qualität des Walzers wurde anerkannt, nicht zuletzt durch den damals in Wien weilenden deutschen Komponisten Peter Cornelius; ebenso erwies sich das Werk in Rußland, wo man ja von den politischen Zusammenhängen nicht viel wußte, als besonders erfolgreich. Der mit Cornelius befreundete Pianist Carl Tausig nahm die "Wahlstimmen" in die Reihe jener Strauß-Kompositionen auf, die er unter dem Titel "Soirees de Vienne" zusammenfaßte und mit virtuoser Bravour bei seinen Konzerten vorführte.

Lob der Frauen, Polka Mazurka, op. 315
Johann Strauß war fest entschlossen, im Sommer 1867 bei der "Internationalen Ausstellung" in Paris zu konzertieren. Vorgespräche hatte es mehrfach mit Musikdirektor Benjamin Bilse (1806-1902) gegeben mit dem Ziel, ein gemeinsames Unternehmen zu wagen, um während dieses sensationellen Ereignisses präsent zu sein. "Die Augen der Welt sind auf Paris gerichtet", war einer der Werbesprüche, mit denen für die Ausstellung geworben wurde; und da meinte Strauß, es könne nicht schaden, ebenfalls in den Blickpunkt des weltweiten Interesses zu kommen. Die Donaumonarchie Österreich hatte im Jahre 1867 ein besonders reges Interesse daran, sich in Paris so vorteilhaft wie möglich zu präsentieren. Im Sommer 1866 hatte das Reich des Kaisers Franz Joseph durch die Niederlage im Krieg gegen das Königreich Preußen in der Schlacht bei Königgrätz (Sadowa) seine Vormachtstellung in Zentraleuropa verloren: nun wollte man beweisen, daß Österreich in der Lage sei, die politisch-militärische Niederlage durch großartige Leistungen auf dem Gebiet der Wirtschaft und der Kultur, vor allem aber der Musik, wettzumachen. Strauß war daher sicher, daß er bei seinem Auftreten in Paris mit der Unterstützung des österreichischen Botschafters in Frankreich, dem Fürsten Metternich, und seiner am Hof des Kaisers Napoleon sehr hoch eingeschätzten Gattin Pauline rechnen könne. Überdies war der Herr Hofball-Musikdirektor aus Wien überzeugt, gerade mit seinen neuesten Kompositionen – zum Beispiel mit den Walzern "An der schönen blauen Donau" und "Künstlerleben" – auch das internationale Publikum der Weltausstellung begeistern zu können. Allerdings meinte er – vielleicht auf den Rat seiner klugen Gattin Jetty – im Programm könnte eine Komposition nicht schaden, die sich speziell an die weiblichen Zuhörer wandte. Daher ergänzte er seine Karnevalskompositionen des Jahres 1867 mit der anmutigen Polka Mazurka "Lob der Frauen". Das Werk wurde bei einem Konzert im Wiener Volksgarten am 17. Februar 1867 zum ersten Male, und zwar von Johann Strauß selbst, vorgeführt. Der Erfolg dieser Aufführung ermutigte Strauß, sein "Lob der Frauen" auch in Paris erklingen zu lassen: aber die elegische Melodie dieses Frauenlobes, die allerdings dem Charakter einer Polka Mazurka ideal entsprach, sagte den Pariserinnen doch nicht in dem Maße zu, wie Strauß es erhofft hatte. Mehr Anerkennung fand der Komponist gerade für dieses Werk bei den anschließenden Konzerten in London – und schließlich wurde das "Lob der Frauen" unter jene Arbeiten des Wiener Musikdirektors eingereiht, die schon zu seinen Lebzeiten als Meisterwerke galten. An dieser Wertschätzung hat sich bis zum heutigen Tage nich geändert. Der Wiener Verleger hat sich redlich bemüht, dem kostbaren Werk auch eine entsprechende Ausstattung mit auf den Weg zu geben: das Titelblatt der Erstausgabe zitien den bekannten Vers des deutschen Dichters Friedrich von Schiller:

"Ehret die Frauen! Sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben!".

Jubelfest-Marsch, op. 396
Die Nachricht von der unerwartet raschen Verlobung des österreichischen Thronfolgers, dem Kronprinzen Rudolf (1858-1889), mit Stephanie Prinzessin von Belgien (1864-1945) im Märzdes Jahres 1880 hat in der Donaumonarchie eher Verwunderung als Begeisterung ausgelöst. Kaiserin Elisabeth, die Mutter des Brautwerbers, war, als sie von der auch sie völlig überraschenden Nachricht erreicht wurde, geradezu entsetzt über das Ereignis und konnte dem Gedanken, daß dieses noch gar nicht ehereife, etwas plumpe Mädchen ihre Schwiegertochter werden sollte, nichts Positives oder gar Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft ihres Sohnes abgewinnen. Offiziell aber hatte man begeisten zu sein über das freudige Ereignis im Herrscherhaus. Der Wiener Männergesangverein nahm die Gelegenheit wahr und unternahm sogar ein Reise nach Laeken (Belgien) und brachte dem jungen Paar und der königlichen Familie (die Brautmutter war ja ebenfalls eine Habsburgerin) ein Ständchen.

Der Magistrat der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien hatte nach dem Eintreffen der Berichte über die Verlobung im Kaiserhaus Vorkehrungen für die bevorstehende Hochzeit zu treffen. Er bestellte u. a. bei Johann Strauß eine Festmusik (vgl. den Walzer "Myrthenblüthen", op. 395, Vol. 10). Als nun – nicht zuletzt auf Wunsch der Kaiserin – die Trauungsfeierlichkeiten in der Wiener Augustinerkirche erst für den 10. Mai 1881 festgesetzt wurden, hatten die Repräsentanten der Kaiserstadt an der Donaugenügend Zeit, um die Pläne für die unerläßlichen Feiern in der Residenz neu zu überdenken und – abzuändern. Die Festmusik von Johann Strauß blieb unvollendet – fertiggestellt wurden nur der Walzer "Myrthenblüthen" und ein "Jubelfest-Marsch" (für ein Fest, das keinerlei echten, sondern den von der Obrigkeit befohlenen Jubel ausgelöst hat). Die Uraufführung des Walzers wurde dem Wiener Männergesangverein überlassen; der "Jubelfest-Marsch" wurde schließlich – nach mehrfachen Überlegungen, einen festlichen Anlaß für die Uraufführung ausfindig zu machen – als Einleitung der Festvorstellung am 10. Mai im Theater an der Wien plaziert. Die Direktion der Bühne dachte allerdings nicht daran, an diesem Abend auch ein Festspiel aufzuführen, sondern setzte einfach die Repertoirevorstellungen der Feerie (= märchenhaftes Ausstattungsstück) "Der Weihnachtsbaum" von Vanloo, Leterrier und Mortier fort. So erklang also der "Jubelfest-Marsch", von Johann Strauß selbst dirigiert, unter genau denselben deprimierenden Aspekten, unter denen ja die ganze Heirat (die am 30. Jänner 1889 mit dem Selbstmord des Thronfolgers tragisch enden sollte!) damals stand. Die Strauß-Kapelle, die beim Festkonzert in der Hofburg am 10. Mai unter Eduards Leitung dessen Widmungswalzer "Schleier und Krone" (op. 200) vorgetragen hatte, spielte den "Jubelfest-Marsch" am 13. Mai 1881 im Volksgarten auf (und hat ihn später nur ganz selten wiederholt). In der Druckausgabe, die übrigens noch vor der Uraufführung des Werkes erschienen ist, findet sich die Widmung: "In tiefster Ehrfurcht Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit, dem Erzherzog Kronprinz Rudolf".

Kaiser-Jubiläum-Jubel-Walzer, op. 434
Im Dezember 1888 wurde in der gesamten Donaumonarchie das erste Kaiser-Jubiläum mit allem erdenklichen Prunk begangen. Es war nun 40 Jahre her, daß der junge Erzherzog Franz, Sohn der Erzherzogin Sophie von Bayern und des Erzherzogs Franz Carl, unter dem Namen Franz Joseph I. den Thron des Hauses Habsburg bestiegen hatte, und zwar in Olmütz, weil in seiner Reichshaupt- und Residenzstadt Wien nach der Niederwerfung der Revolution die Ruhe noch nicht völlig wiederhergestellt worden war. Indessen war der allmählich alternde Monarch wegen der strengen Korrektheit, mit der er sein Herrscheramt ausübte, ebenso allmählich populär geworden, ja seine bloße Existenz galt nun als Garantie für den Weiterbestand des Vielvölkerstaates im Südosten Europas. Als nun die vom Kaiserhof so großzügig wie möglich arrangierten Jubiläumsfeiern des Jahres 1888 heranrückten, gab der Kaiser bekannt, man möge doch die 40. Wiederkehr des Tages seiner Thronbesteigung zum Anlaß nehmen, im gesamten Bereich der Monarchie Stiftungen und Gedenkbauten zu errichten. (Dieselbe Bitte, die selbstverständlich ein Befehl war, sprach der Monarch zehn Jahre später noch einmal aus; die Folgen kann man heute noch in allen Regionen der Nachfolgestaaten sehen: sowohl im "Restland" Österreich, das nach dem Zerfall der Monarchie im Jahre 1918 mit der Hauptstadt Wien bestehen blieb, als auch in der Tschechoslowakei, in Ungarn, Rumänien (d. h. im einstigen Siebenbürgen und in Galizien), Italien, Jugoslawien, ja sogar in der UdSSR (z. B. in Lwow – Lemberg!).

Die Feiern in Wien freilich blieben in vergleichsweise bescheidenen Rahmen. Die Brüder Strauß veranstalteten am 40. Jahrestag der Thronbesteigung, dem 2. Dezember 1888, ein Festkonzert im Musikverein; dabei führte Johann Strauß den "Kaiser-Jubiläum-Jubel-Walzer" zum ersten Male auf. Der Komponist hatte damals beschlossen, seine Entwicklung vom Tanzkapellmeister über den "Meister der Operette" dadurch zu krönen, daß er seine Aufnahme in die Schar der Opernkomponisten anstrebte: er begann damals bereits mit der Arbeit an der Partitur der Oper "Ritter Pasman".

Dementsprechend suchte Strauß auch die Walzerform nach den Gesetzen der symphonischen Musik zu erweitern: aus diesem Bestreben heraus entstand die Serie der Alterswalzer, die etwa mit dem "Kaiser-Jubiläum-Jubel-Walzer" (in der Folge zumeist nur als "Jubel-Walzer" bezeichnet) begann und zu den Meisterwerken "Kaiser-Walzer", op. 437, "Seid umschlungen, Millionen", op. 443, und "Märchen aus dem Orient", op. 444, führte. Seine Widmung führte Johann Strauß am 2. Dezember 1888 selbst vor. Kaiser Franz Joseph war nicht anwesend. Aufmerksame Zuhörer glaubten im ersten Thema des "Jubel-Walzers" ein Notenzitat des berühmten Liedes von Ludwig van Beethoven zu hören: "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Ob dies beabisichtigt oder ein Zufall war, mag dahingestellt bleiben. Durch seinen Titel ist der "Kaiser-Jubiläum-Jubel-Walzer" in der Folge von schlampigen Chronisten immer wieder mit dem "Kaiser-Walzer", op. 437, verwechselt worden. Tatsache ist jedoch, daß der "Jubel-Walzer" und nicht der "Kaiser-Walzer" dem Monarchen Franz Joseph gewidmet worden ist.


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