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8.223218 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 18
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II, der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Studenten-Marsch, op. 56
Am 5. juni 1848 veröffentlichte Leopold Häfner, der Redakteur und Herausgeber der nach dem 13. März, dem ersten Tag der Revolution, eiligst gegründeten Tageszeitung "Die Constitution", die sich als Organ der revolutionären Bewegung verstand, einen Brief, den ihm johann Strauß-Sohn zwei Tage vorher geschrieben hatte. Darin heißt es:

"Herr Redakteur!

Mit Vergnügen war ich dem Wunsche mehrerer Herren Studirenden erbötig, das 'Freiheitslied' von Dr. J. H. Hirschfeld als Studenten-Marsch in Musik zu setzen, und zwar umso mehr, als ich seit meiner Heimkehr in mein freies, nunmehr mir doppelt theures Vaterland mit der Idee umging, unseren Freiheitshelden einen Zoll meiner Bewunderung und Verehrung durch eine Serenade darzubringen, die ich heute Abends um 10 Uhr vor der Universität mit meinem Orchester mir abzuhalten erlaube. Zur Executirung dieses 'Freiheitsliedes' hat das Sängerpersonal des Nationaltheaters seine bereitwillige Mitwirkung zugesagt. Die Partitur steht als Eigenthum der akademischen Legion derselben zur Disposition."

Um einen Vergleich zwischen Text und Musik zu ermöglichen, sei eine Strophe dieses "Freiheitsliedes" ("den freiheitsmuthigen Studenten gewidmet") zitiert:

"Auf Brüder! Die Waffen für Freiheit und Recht!
Erwacht ist das seufzende Menschengeschlecht!
Im Süden und Norden und Osten und West
O Menschheit-Erlösung hochfei're Dein Fest!
Und gält'es das Leben im blut'gen Gefecht,
Es lebe die Freiheit, es lebe das Recht!"

In den meisten der vielen Journale, die damals in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien erschienen sind, wurde ausführlich über die vom Strauß-Orchester am 3. Juni 1848 abgehaltene Serenade vor der Universität (in der Innenstadt, heute Universitätsplatz) berichtet. Nicht erwähnt wird aber in diesen, nach politischen Gesichtspunkten gestalteten, Informationen der "Studenten-Marsch", wohl aber die Aufführung des "Freiheitsliedes" durch das Chorpersonal des Theaters an der Wien (das sich vorübergehend Nationaltheater an der Wien nannte). Die von Strauß der Akademischen Legion zugeeignete und überlassene Partitur ist verlorengegangen. Erhalten ist lediglich, in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, ein Arrangement für Militärmusik, das dieser Aufnahme zugrunde gelegt worden ist.

Wie aus dem Brief des jungen Musikdirektors hervorgeht, ist der "Studenten-Marsch" (also die Vertonung des "Freiheitsliedes") sein markantester Beitrag zur "Revolutionsmusik" des Jahres 1848, der in Wien entstanden ist. Als auffallend revolutionär scheint der Marsch allerdings nicht empfunden worden zu sein, denn der Verlag H.F. Müller konnte die Erstausgabe der Klavierfassung des Werkes unbehelligt am 22. März 1849 in der amtlichen "Wiener Zeitung" ankündigen, also zu einer Zeit, als Wien längst unter Kriegsrecht stand.

Aber auch der junge Musikkritiker Eduard Hanslick scheint diesen Marsch entweder nicht gekannt oder als nicht bedeutend angesehen zu haben, denn das Werk wird in seinem Bericht überdie "Revolutionsmusik" am 3. September 1848 in der "Wiener Zeitung" (siehe das Zitat im Begleitheft zu Vol. 17, Nr. 1: "Freiheits- Lieder", op. 52) überhaupt nicht erwähnt.

Lava-Ströme, Walzer, op. 74
Im Karneval 1850, also in der ersten Ballsaison, die der junge Musikdirektor Johann Strauß nach dem jähen Tod seines Vaters (im September 1849) an der Spitze der Strauß-Kapelle zu bestreiten hatte, war der Sohn natürlich bestrebt, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in besonderem Maße auf seine Veranstaltungen zu lenken. Dabei folgte er einmal mehr dem Vorbild seines Vaters: auch dieser hatte in den Jahren des Wettstreits mit Joseph Lanner und auf dem Weg zu seinem späteren, unbestrittenen Ruhm in Zusammenarbeit mit seinem Freund C. F. Hirsch eine Serie spektakulärer Feste arrangiert. Aus der kürzlich veröffentlichten Erinnerung des Theatermalers Michael Mayr geht hervor, daß die Dekorationen, die anläßlich solcher Veranstaltungen hergestellt wurden, durchaus den Charakter von Bühnenkulissen hatten, ja in ihren Dimensionen weit darüber hinausgegangen sind. Im Jahre 1850 ließ sich nun der junge Strauß ebenfalls die Szenerie für ein aufsehenerregendes Fest einfallen: er wählte für seinen ersten Benefizball in den Sofiensälen den Titel "Ball im Vesuv" und ließ den Saal entsprechend dekorieren. Das Thema war damals überaus aktuell, denn in den Wochen des Januar 1850 berichteten auch in der Donaumonarchie die Zeitungen, der am Rande des Golfs von Neapel gelegene Vulkan sei aktiv geworden, ein Ausbruch mit möglicherweise verheerenden Folgen sei zu befürchten. Für diesen "Ball im Vesuv" hat der junge Strauß dann seinen Walzer mit dem Titel "Lava-Ströme" geschrieben.

NatÜrlich gefiel diese Titelwahl nicht allen Zeitgenossen und in der "Geissei" wurde sie auch glossiert: "Wir wissen nicht, ob man für Walzer solche martialische Titel erfinden muß." Aber das Ziel, das Strauß anstrebte, hat er jedenfalls erreicht: ganz Wien sprach über den "Ball im Vesuv" und der Besuch des Sofiensaales am Ballabend, dem 19. Jänner 1850, war in diesem, sonst recht lustlosen, fast traurigen Fasching ausgezeichnet!

Johann Strauß hat sich aber auch als Komponist eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt: er versuchte nämlich, in der ungewöhnlich ausführlichen Einleitung zum Walzer "Lava-Ströme" ( It. "Wanderer" sprach man auch von einem Untertitel "Lust und Schrecken"!) einen Vulkanausbruch mit den Mitteln der Musik zu schildern. Er ließ also der bestrickenden Melodie des ersten Walzers ein Tongemälde im Ausmaß von 105 Takten vorangehen, das eigentlich in der gesamten Literatur dieser Epoche kein Gegenstück hat. Vom ersten Grollen in den Tiefen des Kraters bis zur gewaltigen Eruption, begleitet vom Zucken heftiger Blitze und Steinschlag der aus dem Krater geschleuderten Felsen bis zum verheerender Ausfluß der Lava wird ein faszinierendes Bild jener Vorgänge geboten, die dann kurz nach dem Ball in Wien im Golf von Neapel vernichtende Wirklichkeit werden sollten: denn in der Zeit vom 5. bis 16. Februar kam es dann tatsächlich zum befürchteten Ausbruch des Vesuv, und der Zeichner des Titelblattes für den Walzer "Lava-Ströme" konnte seine Illustration nach der Realität herstellen.

Grandios ist vom Komponisten auch der Gegensatz zwischen dem bedrohlich gesteigerten Tongemälde, das nur ganz allmählich in einen ruhigen Ausklang abebbt, und der anmutigen, zum Frohsinn geradezu verführenden Melodie des ersten Walzers herausgearbeitet worden. Natürlich war Strauß stolz auf diese "Rattenfänger-Melodie", deren bezaubernder Wirkung man sich auch heute einfach nicht entziehen kann; er hat sie daher in seinem "Jubilee Waltz" aus dem Jahre 1872 noch einmal verwendet (oder verwenden lassen) und auch Eduard Strauß hat in seiner Huldigungskomposition, die er anläßlich des 50jährigen Komponistenjubiläums seines Bruders im Jahre 1894 verfaßte, nämlich in seinem "Blüthenkranz Johann Straußscher Walzer" (eine Sammlung der besten und beliebtesten Walzer von 1844 bis zur Gegenwart), dieses Walzerthema selbstverständlich zitiert. Auch das Publikum hat den Walzer aus dem Jahre 1850 nicht vergessen: etwa 14 Jahre später mußten die "Lava-Ströme" noch einmal fließen, und zwar in den Strauß-Konzerten im Volksgarten. Johann Strauß gab erfreut bekannt, dies geschehe aus Rücksicht auf "Wünsche aus dem Publikum". Es besteht kein Zweifel: dieser Walzer ist eines der frühen Meisterwerke des erst viel später als ebenbürtiger Nachfolger seines Vaters anerkannten Walzerkönigs.

Invitation à la Polka Mazur, op. 277
Den Sommer 1863 verbrachte Johann Strauß gemeinsam mit seiner Gattin Jetty in Pawlowsk bei St. Petersburg – es war das erste Mal, daß er als Ehemann nach Rußland kam. Die Zeitungen spotteten, nun werde er bei den Damen nicht mehr so viel Begeisterung erwecken können wie früher. Aber Strauß kümmerte sich um solche Anzüglichkeiten überhaupt nicht: er war fast die ganze Zeit über bester Laune und erholte sich zwischen den Konzerten bei langen Spaziergängen und -fahrten im herrlichen Park von Pawlowsk. Da ihm die Ärzte im Winter 1863 jede allzu große geistige Anstrengung (und damit das Komponieren von Walzern!) untersagt hatten, verfaßte er nur vergleichsweise kurze Stücke: eine Quadrille und mehrere Polkatänze. Darunter befand sich eine besonders aparte und witzige Polka Mazur. Strauß schrieb voll Übermut seinem Verleger Haslinger: er habe das neue Werk "zusammengeflickt", ganz so, als erwarte er eigentlich gar keinen Erfolg für die Novität. In Wahrheit wußte er wohl sehr gut, welche Kostbarkeit ihm gerade bei diesem Werk gelungen war.

Bei der Wahl des Titels kam das dann auch zum Ausdruck: "Aufforderung zur Polka Mazur" sollte das Stück heißen, und dabei hat Strauß möglicherweise an Carl Maria von Weber und dessen berühmtes Konzertstück "Aufforderung zum Tanz" gedacht, das natürlich im Repertoire der Strauß-Kapelle (in der Instrumentierung durch Hector Berlioz) zu finden war. Da man in St. Petersburg entweder russisch oder französisch parlierte, übersetzte er selbst (oder sein Verleger Büttner) den Titel und schrieb über die Noten: "Invitation à la Polka Mazur". Strauß selbst führte das Werk bei seinem Benefizkonzert am 18. August (d. i. der 6. August nach dem russischen Kalender) zum ersten Male dem Publikum vor und Jetty Strauß konnte sechs Tage später nach Wien berichten, die "Invitation à la Polka Mazur" habe Furore gemacht. Seinem Verleger Carl Haslinger scheint Strauß das Werk allerdings nicht sofort nach Wien geschickt zu haben, denn jene Stichvorlage, die für den Verlag Haslinger bestimmt war, ist erst am 16. Oktober 1863 abgeschlossen und datiert worden. Da war das Werk allerdings in Rußland bereits unter dem vereinfachten Titel "Invitation" veröffentlicht worden. Die Wiener lernten die aparte Polka Mazur beim Benefizkonzert der Brüder Joseph und Eduard Strauß am 29. November 1863 kennen: Johann wirkte bei diesem Konzert mit und hat bei dieser Gelegenheit auch die "Invitation à la Polka Mazur" aufgespielt.

Cagliostro-Quadrille, op. 369
Nach dem großen Erfolg seiner dritten Operette, "Die Fledermaus", erhielt Johann Strauß von vielen Freunden, aber auch von etlichen einflußreichen Journalisten den Rat, das nächste Mal ein Sujet auszuwählen, das in seiner Heimatstadt Wien spielen sollte. Die Wahl der Librettisten F. Zell (Pseudonym für Camillo Walzel) und Richard Genée fiel auf eine Episode, die sich angeblich im Wien des Jahres 1783 abgespielt hatte. Damals hatte, so wurde jedenfalls berichtet, der geniale italienische Alchimist – und Schwindler Alexander Graf Cagliostro die Habsburgerresidenz besucht, als gerade die 100. Wiederkehr des Sieges über das türkische Belagerungsheer mit großangelegten Festen gefeiert wurde. Im Spiel wurde nun gezeigt, wie dieser Graf Cagliostro leichtgläubige Leute mit Hilfe seiner Assistentin Lorenza Feliciani, vor allem aber mit raffinierten, psychologischen Tricks zu betrügen verstand. Es wäre ein faszinierender Stoff gewesen – wenn die beiden Librettisten es verstanden hätten, ihn effektsicher aufzubereiten. Ein Stück moderner Psychonalyse war darin vorweggenommen! Aber das ging weit über die Fähigkeiten vor allem Camillo Walzeis hinaus. So blieb der Premiere der Operette "Cagliostro in Wien" am 27. Februar 1875 im Theater an der Wien der durchschlagende Erfolg versagt. Langweile (vor allem im dritten Akt) verträgt das Publikum keines Operettentheaters, weder in Wien noch in anderen Städten. Natürlich enthielt "Cagliostro" immerhin einige Szenen, die es Strauß erlaubten, sein Können unter Beweis zu stellen, und der Kritiker Ludwig Speidel konnte daher in seinem Referat, das am 2. März 1875 im "Fremden-Blatt" erschienen ist, mit Berechtigung konstatieren: "Strauß wächst und sinkt mit dem Interesse der Situationen, wo ihm etwas Rechtes zugemutet wird, da spürt man auch seine geniale Ader."

Der von Speidel erwähnten genialen Ader des Komponisten ist es auch zuzuschreiben, daß alle sechs Tanzstücke, die Strauß aus der "Cagliostro"-Partitur entnommen hatte, die Operette souverän überlebt haben. Das gilt auch für die "Cagliostro-Quadrille", die einen Querschnitt durch das gesamte Werk bietet: die Nummern l, 4 und 5 der Quadrille sind dem ersten, die Nummern 2 und 3 dem zweiten, und die Nummer 6 sowie die erste Melodie von Nr. 2 dem dritten Akt entnommen. Krönung der Quadrille ist die Melodie zu dem Text: "Ja Cagliostro heißt der Mann" (Teil 1 von Nr. 2), die auch Johannes Brahms begeistert hat, als sie Strauß ihm in seinem Heim in Hietzing noch vor der Premiere vorspielte.

Großfürstin Alexandra-Walzer, op. 181
Im Frühjahr 1856 folgte Johann Strauß zum ersten Male der Einladung der russischen Eisenbahngesellschalt, den Sommer über die Konzerte im Vauxhall von Pawlowsk bei St. Petersburg (heute: Leningrad) zu leiten. Die Bahnlinie St. Petersburg – Zarskoe Selo – Pawlowsk war die erste Eisenbahnlinie auf dem Territorium des Zarenreiches und endete am Rande eines riesigen Parks, in dem sich das – heute noch existierende – Schloß des Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch (1827-1892) befand. In dem sehr großzügig ausgestatteten Vauxhall wurden Konzerte und Bälle, später auch Konzerte und artistische Attraktionen, veranstaltet, um möglichst viel Publikum aus St. Petersburg anzulocken und dadurch den Bahnbetrieb rentabel zu machen. Es war dies eine Aufgabe, für deren Erfüllung der Wiener Musikdirektor Johann Strauß alle Voraussetzungen mitbrachte: der flotte, elegante Jean hat sich denn auch gleich während seiner ersten, russischen Saison, die am 18. Mai (d. i. der 6. Mai nach dem russischen Kalender) 1856 begann und am 13. (1.) Oktober endete, als Publikumsmagnet bewährt. Auch Großfürst Konstantin Nikolajewitsch und seine Gattin Alexandra Josifowna freuten sich auf die Begegnung mit dem Wiener Walzerkönig. Sie waren beide begeisterte Musiker: Konstantin spielte Cello und seine Gattin, eine im Jahre 1830 geborene Prinzessin Alexandra Friederike Henriette von Sachsen-Altenburg, die bei der Salbung nach russisch-orthodoxem Ritus ihren Namen in Alexandra Josifowna russifiziert hatte, galt sogar als sehr begabte Komponistin. Es war also keineswegs ein Zufall, daß Strauß gerade der Großfürstin Alexandra seinen ersten, in Rußland komponierten Walzer gewidmet hat. (Strauß hat auch mehrere Kompositionen der Großfürstin, Polkatänze und einen Marsch, in seine Konzertprogramme in Pawlowsk eingegliedert.)

Es ist bewundernswert, wie rasch sich Strauß in die Sphäre der russischen Musik eingelebt und diese mit der wienerischen Aura verbunden hat. Wie es nun einmal seine Art war, hat sich der übermütige Jean gerade dann, wenn er eine bedeutende Leistung erbracht hatte, über sich selbst und seine Arbeit lustig gemacht. So war es auch im Falle des Walzers op. 181: er vermerkte eigenhändig auf dem Titelblatt der Kopie, die er nach Wien schickte, die Worte: "geboren in Rußland und dem kalten Klima angemessen charakterisirt" und flocht in einem Brief an seinen Verleger Carl Haslinger die Bemerkung ein: "Beiliegend finden Sie Alexandra-Walzer in russischem Geschmack gehalten, daher unverdaulich. Nr. 5 dieses Walzers besteht aus zwei russischen Liedern." Daß Strauß diese Worte keinesfalls ernst gemeint hatte, geht aus einem anderen Umstand hervor: da Johann diese Walzerpartie in Wien durch seinen Bruder Joseph dem Publikum vorstellen wollte, hat er Anweisungen für die Präsentation des Werkes in der Vorlage vermerkt, und da heißt es beim Walzer Nr. 3b ausdrücklich: "wienerisch"! Richtig ist, daß im 5. Walzerteil und in der Schlußstrette des Werkes Motive russischer Lieder verwendet worden sind. Bei einer Diskussion über das Werk in Leningrad wurde vermutet, es könnte sich eventuell um Kompositionen der Großfürstin gehandelt haben. Aber das ist vorerst nicht erwiesen. Sicher ist hingegen, daß es sich bei diesem Walzer um ein Meisterwerk handelt, das denn auch bei seiner Uraufführung am 26. (14.) Juni in Pawlowsk stürmisch bejubelt wurde. In der Folge wurde es in den Konzertprogrammen dieses Sommers immer wieder berücksichtigt, auch bei jenen Konzerten, denen nicht nur Großfürstin Alexandra und ihr Gemahl Konstantin, sondern auch die Mitglieder der Zarenfamilie beiwohnten. Immer gab es Beifall, wurden Wiederholungen verlangt. In Wien wurde der Walzer dann tatsächlich von Joseph Strauß zum ersten Male vorgeführt, und zwar am 8. November 1856 im "Sperl". (Die Stichvorlage wurde vom Kopisten Kraus mit dem Datum: "Pawlowsk 20. 6." versehen.) Auch in Wien blieb dem Werk der Erfolg treu.

Entweder – oder, Polka schnell, op. 403
Die Schnellpolka "Entweder – oder" stammt aus dem Melodienschatz der Operette "Der lustige Krieg", die Johann Strauß im dritten Jahr seiner Ehe mit Angelika, geb. Dittrich, komponiert hat und die am 25. November 1881 im Theater an der Wien zum ersten Male aufgeführt wurde. Aus den Erinnerungen von Gabor Steiner, dem jüngeren Bruder des damaligen Direktors im Wiedner-Theater, Franz Steiner, wissen wir, daß sich Lili nicht erst bei der Operette "Eine Nacht in Venedig", sondern auch schon bei der Operette "Der lustige Krieg" in den Schaffensprozeß eingemengt hat und damals bereits auch dem nicht allzu tüchtigen Leiter des Theaters an der Wien, eben Franz Steiner, "an die Hand gegangen ist". Natürlich hat Strauß die für ihn letztlich fatale Bedeutung dieser Vorgänge (sie führten schließlich dazu, daß Lili ihren Gatten verlassen hat und zu Franz Steiner ins Theater an der Wien übersiedelt ist) nicht richtig erkannt, wenn er sie auch nicht übersehen haben kann. Es ist nun seltsam, daß beinahe sämtliche Titel der Musiknummern, die aus Motiven der Operette "Der lustige Krieg" arrangiert worden sind, mit den Vorgängen im Hause Strauß in Beziehung zu setzen sind. Das gilt etwa für die Polka Mazurka "Der Klügere gibt nach", op. 401, und natürlich auch für die Schnellpolka "Entweder – oder". Da Lili damals bereits zwischen ihrem Gatten und Franz Steiner stand, gibt der Titel natürlich den Sinn: "Er oder ich!" Mit dem Inhalt der Operette hat die Alternative "Entweder – oder" nichts zu tun, sie findet auch in keinem Lied, keiner Szene eine Deckung, die man anerkennen müßte; am ehesten könnte man noch an jene Szene denken, in der verschiedene Alternativen buchstäblich "ins Spiel" gebracht wurden (Wohl oder Leid, Kaffee: schwarz oder hell, Krieg oder Frieden). Aber die frappierende Paralle Parallele zwischen den Titeln der meisten Tänze aus "Der lustige Krieg" und der persönlichen Situation der Akteure im gar nicht lustigen Krieg in den Strauß-Quartieren "Igelheim" in Wien und Schönau bei Leobersdorf ist damit nicht aus der Welt geschafft.

Johann Strauß hat die Polka "Entweder – oder" der Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" für ihren Ball am 14. Februar 1882 überlassen. Bei diesen Anlaß war auch die Uraufführung der Quadrille nach Motiven der Operette "Der lustige Krieg", op. 402 vorgesehen; aber vielleicht waren die Mitglieder der "Concordia", für deren Ballfeste ja nunmehr bereits so gut wie alle namhaften Komponisten (und auch solche, deren Name heute längst vergessen ist!) Widmungen beisteuerten, mit der Dedikation einer Quadrille nicht zufrieden und Strauß gab daher auch noch die Schnellpolka frei. Die Aufführung beider Stücke am 26. Februar 1882 im Musikverein hat Eduard dirigiert. Aufmerksame Besucher der Vorstellung im Theater an der Wien haben wohl sofort erkannt, daß sich die Schnellpolka "Entweder – oder" aus Violettas Marschlied "Es war ein lustig' Abenteuer" im 2. Akt, dem Finalchor "Statt der Orgel" und aus der Einleitung des 2. Aktes, dem schwungvollen Motiv zu dem Text "Den Feind, den möcht' ich seh'n", zusammensetzt.

Alliance-Marsch, op. 158
Als Johann Strauß seinen neuen "Alliance-Marsch" im Wiener Volksgarten zum ersten Male vortrug, bezeichnete die Tageszeitung "Morgenpost" ihn als "Strandläufer der Weltgeschichte", der sich stets mitten in der politischen Strömung befinde. Ganz Ähnliches schrieb die angesehene, politische Zeitung "Ost-Deutsche Post": "Der junge Strauß, der es von seinem Vater abgelernt hat, die Wiener mit seiner Geige stets in jubelseliger Laune zu erhalten, erfaßt auch jeden politischen Anlaß beim Zipfel, um seinen Kompositionen eine zeitgemäße Basis zu geben."

Welcher war nun der politische Anlaß zur Komposition eines "Alliance-Marsches" im Dezember 1854? Wie aus einem Bericht hervorgeht, der ebenfalls in der "Ost-Deutschen Post" veröffentlicht worden ist, wurde am 16. Dezember von den bevollmächtigten Botschaftern Frankreichs einerseits und des Königreichs Großbritannien und Irland andererseits – also dem Baron Franz Adolphe Bourqueney und John Fane Earl of Westmoreland – ein formeller "Alliance-Vertrag" unterzeichnet, der das Zusammenwirken der beiden Mächte im Krim-Krieg gegen Rußland bekräftigte. (Diesem Vertrag schloß sich später, zum Nachteil der Donaumonarchie, auch das Königreich Sardinien-Piemont an. Österreich blieb in dem Konflikt, wieder zu seinem Nachteil, neutral.) Die Sympathie eines Großteils der Öffentlichkeit in Wien gehörte unstreitbar nicht den Russen, sondern eben den Alliierten, die gemeinsam mit den Truppen des Osmanenreiches auf der Krim gegen die Armeen des Zaren kämpften. Strauß wußte sich also der Unterstützung durch die öffentliche Meinung sicher als er seinen "Alliance-Marsch" komponierte. Die erste Aufführung des neuen Werkes erfolgte am 26. Dezember 1854 im damals neuen Volksgarten-Pavillon, dessen Errichtung durch den Bau der Ringstraße notwendig geworden war. Es handelte sich um einen recht luxuriösen Glassalon mit Wintergarten, bei dessen Planung der später berühmte Architekt, August von Siccardsburg (er baute später zusammen mit van der Nüll das neue Opernhaus an der Wiener Ringstraße), mitgewirkt hatte. Auch das Eröffnungsfest wurde sehr aufwendig gestaltet: man veranstaltete es als "Nachfeier für den Geburtstag der Kaiserin" (d. i. 24. Dezember) und stellte im Salon Büsten des Kaisers Franz Joseph und seiner Gemahlin Sisi auf. Natürlich durfte die Installation einer Gaslicht-Beleuchtung nicht fehlen. Wien hatte also den von der Öffentlichkeit wiederholt geforderten, modernen und geräumigen Volksgarten-Pavillon, aber die Kosten für den Neubau waren so hoch, daß die Familie Corti, die Betreiber des mit dem Pavillon verbundenen Restaurants, die Eintrittspreise so sehr anzuheben versuchte, daß – die Besucher ausblieben! Die "Theaterzeitung" berichtete allerdings am 29. Dezember, in gewohnter Art und Weise beschönigend, unter anderem: "Das ziemlich zahlreich versammelte Publikum nahm Strauß' neuen Marsch, 'Alliance- Marsch' betitelt, sehr günstig auf und mußte derselbe dreimal da capo gespielt werden." In der Folge gingen die Orchesterstimmen des Marsches verloren, und erst in jüngster Zeit konnte eine Unterlage ("Stichvorlage") im Archiv des österreichischen Rundfunks durch den Archivar, Herrn Karl Hans Benes, aufgefunden werden. Sie war die Grundlage dieser Einspielung.

Patronessen, Walzer, op. 264
Die Ereignisse des Jahres 1848 haben im politischen und im gesellschaftlichen Leben der Donaumonarchie, vor allem aber der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, tiefe Spuren hinterlassen und es hat Jahrzehnte gebraucht, bis diese Spuren gleichsam vom Wind der stetigen Veränderung, dem alles Leben und Wirken auf Erden ausgesetzt ist, so einigermaßen verweht wurden. Vor allem machten die Repräsentanten der Staatsmacht, die Minister des Kaisers Franz Joseph und die Polizeibehörden, die Studenten für die revolutionären Ereignisse nach dem 13. März 1848 und damit auch dafür verantwortlich, daß die Monarchie damals für kurze Zeit an den Rand einer tödlichen Krise gebracht worden war. Und es waren ja wirklich die Studenten gewesen, die den Ruf nach Freiheit erhoben, die für das Ende der Zensur und des Überwachungssystems des Staatskanzlers Fürsten Metternich demonstrierten. Der Schriftsteller L. A. Frankl hat das in seinem berühmten Gedicht "Die Universität" ganz vorzüglich herausgearbeitet. Nach der Niederschlagung der Revolution aber wurden den Studenten alle nur erdenklichen Hindernisse in den Weg gelegt: sie durften ihr Gebäude in der Innenstadt nicht mehr betreten, wurden noch strenger als zuvor überwacht und von jeder politischen (und sogar gesellschaftlichen) Betätigung strikt ferngehalten. Es gelang nur allmählich, diesen Bann zu brechen. Erst die Schwächung der Regierungsmacht durch das ungeschickte Lavieren im Krim-Krieg (1853-1855) und die Niederlage im Feldzug gegen Frankreich und Sardinien in Oberitalien (1859) machte eine Neuordnung des Studienwesens und damit der studentischen Organisationen überhaupt möglich.

Als nun die Studenten im Jahre 1862 daran gingen, zum ersten Male einen eigenen Ball zu veranstalten, sahen sie sich daher um eine möglichst nachhaltige Unterstützung um. Es kam ihnen dabei zugute, daß sich die Ideen der Märzrevolution 1848 in den Kreisen des liberalen Bürgertums und des Adels (wenn auch nicht in der Hofgesellschaft!) allmählich durchsetzten und es gelang ihnen, eine Gruppe von Damen aus den Kreisen des Adels, der hohen Verwaltungsbeamten und der Universitätslehrer als Protektorinnen zu gewinnen. Allen diesen Patronessen widmete Johann Strauß dann seinen Walzer für den Studentenball, der am 24. Februar 1862 in der Wiener Hofburg abgehalten worden ist. (Aus diesem Anlaß schrieb Strauß auch die "Studenten-Polka", op. 263, vgl. Vol. 16.) Es war eine Komposition voll graziöser und anmutiger Melodien, sie appellierte nicht nur an die Tanzbegeisterung der Jugend, sondern wendete sich auch an Herz und Gemüt: im Walzer Nr. 4 erklingt ein Motiv, das beim Hörer unwillkürlich den Gedanken weckt, Franz Schubert habe Strauß bei der Niederschrift über die Schulter aufs Notenblatt geschaut. Das Theaterblatt "Der Zwischenakt" schrieb am 7. März 1862: "Unstreitig die melodienreichsten und gelungensten Walzer dieser Saison sind Johann Strauß 'Patronessen'. Obwohl erst vierzehn Tage alt, sind diese Walzer schon so populär, daß man sie überall zu hören bekommt." Der Verleger Carl Haslinger sorgte dann dafür, daß bei der Erstausgabe der Klavierfassung des Werkes die Namen aller Patronessen auf dem Titelblatt vermerkt wurden: es waren nicht weniger als zwölf, sämtlich aus repräsentativen Familien.

Leopoldstädter Polka, op. 168
Als sich im Jänner 1855 in der Leopoldstadt ein Komitee bildete, um in den Sälen "Zum Sperl" einen Wohltätigkeitsball "zum Besten des Grundarmenhauses" (in dem die notleidende Bevölkerung vom "Grund", also der genau abgezirkelten Region Leopoldstadt, Zuflucht fand) zu veranstalten, wendete man sich selbstverständlich an Johann Strauß und bat ihn um eine Widmungskompositon. Das war deshalb selbstverständlich, weil ja die Familie Strauß seit dem Jahre 1834 in der Leopoldstadt zu Hause war (und zwar in dem weitläufigen Gebäude zum "Goldenen Hirschen", Leopoldstadt, Nr. 214 – heute steht an dieser Stelle, 2. Bezirk, Taborstraße 17, allerdings ein Neubau). Bis zum Jahre 1856 sind so gut wie alle Kompositionen des jungen Musikdirektors in diesem Hause entstanden und Strauß war auch stolz darauf , zu den tüchtigen Leopoldstädtern zu gehören. Sie hatten ihren Lebensbereich sehr gefällig zu gestalten gewußt, die Leute aus der alten Vorstadt auf der Donauinsel, die durch jene Schlagbrücke über den Donauarm (heute: Donaukanal) mit der Innenstadt verbunden war, die auf dem Titelblatt der Erstausgabe der "Leopoldstädter Polka" zu sehen ist. Sie führte zum "Rothenturm-Thor" der immer noch mauerumgürteten Kaiserstadt an der Donau. Am 29. Jänner 1855 fand sich Johann Strauß auch tatsächlich im Etablissement "Zum Sperl" ein und spielte seine neue, eigens für den Anlaß geschriebene Polka auf. Es war ein beinahe ausgelassen fröhliches Werk, man spürt förmlich, wie sehr sich Strauß bei der Niederschrift dieser Polka "zu Hause" gefühlt hat. Mit der Veröffentlichung gerade dieser Komposition hat sich Strauß, der im Fasching 1855 die Last des Aufspielens bei den zahlreichen Bällen nahezu allein zu tragen hatte, erstaunlich viel Zeit gelassen. Und er sorgte dann auch für eine zweite Premiere des Stückes: im April ließ er die "Leopoldstädter Polka" anläßlich eines Benefizkonzerts im Volksgarten noch einmal als Novität annoncieren. So kam es zur ersten öffentlichen Aufführung der Polka am 22. April 1855 im Volksgarten. Im Juli erschien die Komposition auch im Druck – und hielt sich in der Folge lange Zeit im Repertoire der Strauß-Kapelle. Das Werk war eben (und ist immer noch) eine "musikalische Visitkarte" des Leopoldstädters Johann Strauß!

Die Publicisten, Walzer, op. 321
Von den Mitgliedern der Dynastie Strauß waren die beiden Walzerkönige, Johann Strauß-Vater und Sohn, am sorgfältigsten auf gute Beziehungen zu den Journalisten ihrer Zeit bedacht. Joseph wahrte auch im Umgang mit der Presse immerhin seine Interessen, nur der jüngste der Strauß-Brüder, der "schöne Edi", hatte bis in sein hohes Alter immer wieder einmal Probleme mit den Redakteuren, vor allem den Mitarbeitern der Witzblätter. Als sich die Journalisten und Schriftsteller im Jahre 1859 zur Gründung einer Standesvertretung "Concordia" entschlossen, suchten die Vorstandsmitglieder sehr bald Kontakt zur Strauß-Kapelle, und als die "Concordia" daran ging, für den Fasching 1863 ihren ersten Ball zu arrangieren, war selbstverständlich Johann Strauß "ihr Kapellmeister". Damals hat Strauß auch seine erste Widmung für die "Concordia" geschrieben, den Walzer "Leitartikel", op. 273. Im Fasching 1864 kam es dann zum Wettstreit mit Jacques Offenbach und zur Uraufführung des Strauß-Walzers "Morgenblätter" (op. 279, vgl. Vol. 10), im Jahre 1865 folgte der "Feuilleton"-Walzer (op. 293, vgl. Vol. 10)' 1866 hieß der "Concordia"-Walzer "Flugschriften" (op. 300), 1867 präsentierte Strauß seine "Telegramme" (op. 318) und im Karneval 1868 hieß die Widmung, die Johann Strauß selbst beim Concordiaball am 4. Februar im Sofiensaal aufspielte "Die Publicisten". Die Mitgliederder Journalisten- und Schriftstellervereinigung wußten sehr gut, daß ihnen Johann Strauß jeweils einen vortrefflichen Walzer zueignen werde: man hatte sich daher daran gewöhnt, die Widmungskomposition zuerst einmal konzertant vortragen zu lassen und erst die Wiederholung auch "mit den Füßen zu erproben". Im Karneval 1868 aber wurden die Erwartungen der Journalisten und ihrer Gäste mit Sicherheit übertroffen: Strauß spielte einen derart schwungvollen Walzer mit einer hinreißend virtuosen und rasanten Einleitung, daß einem – wie der witzige Journalist Julius Bauer später einmal sagte – "die Ohren übergingen". Strauß war eben auf der vollen Höhe seiner Meisterschaft angelangt. In unmittelbarer Nachbarschaft mit dem Walzer "Die Publicisten" finden sich die Meisterwerke: "Stadt und Land", op. 322 (vgl. Nr. 9 auf diesem Vol.), "Ein Herz, ein Sinn", op. 323 (Vol. 20), "Unter Donner und Blitz", op. 324 sowie "Geschichten aus dem Wienerwald", op. 325. Natürlich wurde dieser Walzer nicht vergessen: so hat z. B. Anton Dorati nach dem Vorbild der Einleitung die Introduktion für den Tanz "Perpetuum mobile" (Nr. 10) des Balletts "Graduation Ball" (1940) gestaltet.

Stadt und Land, Polka Mazur, op. 322
Im August und September 1867 machte Johann Strauß, begleitet von seiner Gattin Jetty, seinen einzigen Besuch in Großbritannien. Er war engagiert worden, bei den Promenaden-Konzerten des königlich italienischen Opernhauses, Covent Garden, seine Tanzkompositionen vorzuführen. Dieses Gastspiel wurde zu einem grandiosen, persönlichen Erfolg für Johann und seine Musik: nach dem Schlußkonzert trug er begeistert in sein Tagebuch ein: "Das schönste Concert meines Wirkens!". Auch für Jetty waren die Tage in London ein sowohl aktuelles als auch nostalgisches Erlebnis: als sie an der Seite ihres Gatten auf dem Podium erschien und ihre Lieder vortrug, erinnerte sich das Publikum noch mit größter Anhänglichkeit und Zuneigung an das äußerst erfolgreiche Debüt der Konzertsängerin Jetty Treffz im Jahre 1849 in London. Damals war sie auch zusammen mit Johann Strauß-Vater – selbstverständlich ohne auch nur zu ahnen, daß sie einmal dessen Sohn Johann heiraten werde! – unter großem Beifall aufgetreten. Wahrscheinlich durch Vermittlung treuer Freunde aus den Tagen ihres Wirkens in London konnte das Ehepaar Strauß im Jahre 1867 ein Landhaus in den Außenbezirken der Metropole Großbritanniens beziehen. Johann war von dem Lebensstil in diesem Gebäude und seiner Umgebung derart entzückt, daß er sofort nach seiner Rückkehr nach Wien, also in seine Wohnung in der Praterstraße in der Leopoldstadt, eine Villa in Hietzing erwarb, und zwar genau gegenüber dem botanischen Garten des Schlosses Schönbrunn, etwa 200 Meter vom Casino Dommayer entfernt. Hietzing war damals noch eine selbständige Siedlung, ein Vorort Wiens. Die Villa, die Jetty und Johann Strauß damals bezogen haben, gibt es noch heute, sie ist unter dem Namen "Fledermaus-Villa" bekannt, weil Strauß in diesem Gebäude etwa 6 Jahre später seine berühmteste Operette geschrieben hat, und hat die Adresse: Maxingstraße 18. Daß der Ankauf dieser Villa eine Folge des Lebens am Rande von London gewesen ist; hat Jetty Strauß in einem Brief an einen Freund bezeugt; sie schrieb nämlich wörtlich: "Johann hat ein kleines Haus gekauft, so wirklich nett und komfortabel, daß wir annehmen, wir leben im lieben Albion (= England)."

Der Kontrast zwischen Land- und Stadtleben bestimmt auch den Charakter der Polka Mazurka, op. 322, die wohl unmittelbar nach der Rückkehr des Ehepaares aus London entstanden ist. Ihre Uraufführung war für den 12. Jänner 1868 vorgesehen, und zwar für ein Konzert der Strauß-Kapelle in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft an der im Entstehen begriffenen Ringstraße. Die Konzerte in diesem Etablissement sollten nach dem Willen Johanns künftig im Stil der Veranstaltungen in Covent Garden abgehalten werden, also mit Sitzreihen vor dem Orchester und der Verteilung der Tische im Hintergrund des Saales. Damit war ein weiterer Schritt getan, um die Kompositionen der Brüder Strauß, und natürlich auch anderer tüchtiger Wiener Musikdirektoren, in den Bereich der Konzertmusik zu erheben. Infolge einer kurzfristigen Erkrankung Johanns kam dieses "Erste Promenaden-Konzert neuen Stils" erst am 19. Jänner zustande. Bei dieser Gelegenheit wurde neben der in Paris entstandenen "Figaro-Polka", op. 320, auch die neue Marzuka "Stadt und Land" zum ersten Male aufgespielt, und zwar präsentierte Johann Strauß selbst das Werk dem Publikum. Das Vorbild Englands hatte allerdings auf die Komposition keinen Einfluß mehr: das Trio "Landleben" bietet österreichische Nationalmusik, nähert sich also dem Ländler. Das Werk hatte einen brillanten Erfolg. Das "Neue Wiener Tagblatt" schrieb aber auch: "Diese Promenadenkonzerte haben Zukunft, vorausgesetzt, daß Herr Johann Strauß von der Mitwirkung bei denselben nicht etwas zurücktritt, das Arrangement war gut, die Zufriedenheit eine allgemeine." Die Polka Mazurka "Stadt und Land" gefiel im Sommer 1869 auch in Rußland (erste Aufführung in Pawlowsk am 15. Mai, also am 3. Mai nach russischem Kalender) und erschien in Petersburg/Moskau unter dem Titel "Vilanella" (Landmädchen).

Rathausball-Tänze, Walzer, op. 438
An der Stelle der Wiener Ringstraße, an der sich heute das Rathaus erhebt, war lange Jahre und Jahrzehnte hindurch ein Exerzierplatz der k. k. Armee. Erst in zähen Verhandlungen ist es dem berühmten Bürgermeister der Kaiserstadt, Kajetan Felder (1814-1894) gelungen, den "Traum seines Lebens" zu verwirklichen und vom Kaiser die Erlaubnis zu erwirken, auf diesem Terrain das neue Rathaus der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien errichten zu dürfen. Der erste Spatenstich, der den Baubeginn ankündigte, wurde in feierlicher Art und Weise am 23. Mai 1872 vorgenommen. Für den Bau selbst wurde der (indessen als extrem unpraktisch erkannte) Plan des Baumeisters Friedrich von Schmidt angenommen, der – wie Schmidt selbst es formuliert hat – den Leitgedanken der mittelalterlichen Architektur folgte. "Der spezifische Typ der Gotik wurde zum Stil, der in ganz Zentraleuropa in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die beherrschende Stellung erringen konnte." Bürgermeister Felder war mit der "neuen Gotik" Friedrich von Schmidts auch im 19. Jahrhundert einverstanden, zumal es im Ringstraßenbereich ja bereits ein machtvolles gotisches Bauwerk gab, die Votivkirche. Die Grundsteinlegung des seit damals umstrittenen, wenn auch gewiß dekorativ wirkenden, Wiener Rathauses erfolgte am 14. Juni 1873 in Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph I., und auch am 7. Oktober 1882 gab es ein Fest: denn an diesem Tage wurde auf dem etwa 100 Meter hohen Turm des Gebäudes ein Ritter im mittelalterlichen Eisenpanzer, genannt Rathausmann, aufgestellt. Es ist seitdem eines der Wahrzeichen Wiens. Sein Abbild (samt der wuchtigen Standarte) ziert auch die erste Ausgabe jenes Walzers, den Johann Strauß für den ersten Ball im neuen Rathaus geschrieben und mit der Widmung: "Meiner Heimatstadt Wien" versehen hat.

Es dauerte aber recht lang, bis nach der Schlußsteinlegung am 12. September 1883 (es war zugleich der Tag der Saekularfeier des Sieges über die Türken im Jahre 1683) auch der Festsaal des Rathauses der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Erst am 12. Februar des Jahres 1890 wurde der erste Rathausball veranstaltet, mit dessen Organisation und Durchführung die Stadt Wien die Tradition der einstigen Bürgerbälle in der Habsburgerresidenz wieder aufnahm. Selbstverständlich versammelte sich an diesem Abend "ganz Wien", nein, die "gesamte Monarchie" im Festsaal des Rathauses: wer immer Rang und Namen hatte in Österreich, Ungarn und den im Reichsrat vertretenen Ländern (so bezeichnete sich die Donaumonarchie damals offiziell selbst!), wollte bei dem Ball dabei sein, sehen und gesehen werden. Für die Tanzlustigen, denen allerdings wegen Überfüllung des Saales und aller Nebenräume ohnedies kein Raum zum Tanzen gegönnt war, standen zwei Kapellen zur Verfügung: auf der einen Längsseite des Festsaals war die Strauß-Kapelle postiert, auf der anderen hatte die berühmte Bandades Wiener Hausregiments Nr. 4, Hoch und Deutschmeister, ihren Platz. Sie spielte unter der Leitung Carl Michael Ziehrers (1843-1922). Gegen Mitternacht trug die Strauß-Kapelle unter Eduard Strauß dem aufmerksam lauschenden Publikum die Widmung des Walzerkönigs vor: die Gäste des Rathausballes hörten das kunstvolle Werk eines Meisters, der sich allerdings aus den Tanzsälen längst zurückgezogen hatte und sich auf dem Wege in die Hofoper befand. Gleich die Einleitung erinnerte daran, daß Strauß 23 Jahre vorher ebenfalls für ein Wahrzeichen Wiens gesorgt hatte, durch die Komposition seines indessen weltberühmten Walzers "An der schönen blauen Donau". Erst im ersten Teil der neuen "Rathausball-Tänze" erklangen dann feierliche Melodien im Dreivierteltakt, die dem Charakter dieses Festabends überzeugend entsprachen. In der Coda aber kehrte Strauß wieder gleichsam an die "blaue Donau" zurück und verband seine heimliche Hymne Wiens mit der offiziellen, also der Kaiserhymne, dem "Gott erhalte". Die Zuhörer respektierten die künstlerische Leistung des Komponisten, sein Bestreben, seiner Heimatstadt eine Arbeit zur Verfügung zu stellen, die von seinem berühmtesten Walzer ausging und bis an die Grenzen zur symphonischen Musik und zur Opernkunst vordrang. Auch die Kritiker haben diese Absicht anerkannt und gewürdigt; populär wurden die "Rathausball- Tänze" jedoch nicht.

Carl Michael Ziehrer machte es sich bei seiner Widmung vergleichsweise viel einfacher: er legte mit einem urwienerischen Tanzwalzer los, wie er es von seinen Konzerten in den Vorstädten her gewohnt war. Seine Festgabe, der Walzer "Wiener Bürger", op. 419, war dann auch der Schlager des Abends, eine Komposition von überwältigender Vitalität, Tanz- und Lebensfreude! Das Werk wurde bald darauf in allen Etablissements der Kaiserstadt gespielt und getanzt, in die ganze Welt verbreitet. Und populär ist es noch heute. Respekt freilich verdient auch Johann Strauß. Denn das Kostbare ist nicht immer auch populär.

Ein amüsantes Postscripturn findet sich in einem Brief, den Johann Strauß am 25. Februar 1892 an seinen Verleger Fritz Simrock in Berlin adressiert hat. Strauß beschwerte sich darin über einen Fehler, den er in der vierhändigen Ausgabe des Walzers "Rathausball- Tänze" gefunden hatte: "(...) die ganze Melodie ist entstellt, dieser Fehler existiert weder in der Partitur, in den Stimmen noch im Klavierauszug. Dabei bin doch ich als Componist am meisten geschädigt und habe mehr Anspruch auf Gewissenhaftigkeit als Sie, mein streitsüchtiger Freund Fritz. Sie haben mich faktisch verstümmelt."

Nun ja – an diesem Fehler in der vierhändigen Ausgabe lag es jedenfalls nicht, daß den "Rathausball- Tänzen" zwar die Anerkennung der Fachleute, nicht aber die weltweite Verbreitung der "Wiener Bürger" zuteil geworden ist.


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