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8.223220 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 20
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II, der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Aurora-Ball-Tänze, Walzer, op. 87
Aurora, die Göttin der Morgenröte, war in den Jahrzehnten der "Metternich-Despotien" im Kaisertum Österreich (also etwa in der Zeit nach dem Wiener Kongreß der Jahre 1814/1815 bis zum Ausbruch der Revolution im Jahre 1848) gleichsam die Patronin der Künstler: sie war ein Symbol der Hoffnung auf das "Morgenrot der Freiheit", auf das Ende der Zensurherrschaft und der Unterdrückung. So gab sich eine der vielen Vereinigungen der Schriftsteller, Komponisten, Maler und Schauspieler in der Residenz der Habsburgermonarchie den Namen "Aurora". Als sich nach der Revolution des Jahres 1848 eine reale Aussicht auf eine rasche Entwicklung zu einem freien (liberalen), geistigen Leben eröffnete, wagte sich die Künstlervereinigung "Aurora" an die Öffentlichkeit und organisierte neben den traditionellen Clubveranstaltungen auch Ballfeste im Karneval. Man blieb im bescheidenen Rahmen des Alt-Wiener Etablissements "Zum Sperl" in der Leopoldstadt, obwohl bereits der modernere Sofiensaal zur Verfügung stand. Selbstverständlich wurde der junge Musikdirektor Johann Strauß verpflichtet, für den Künstlerkreis, dem ja zahlreiche seiner Freunde angehörten, die Ballmusik zu leiten. Und Strauß folgte bereitwillig dem Ruf: solange die "Aurora" bestand, war er prompt zur Stelle und schrieb jeweils auch eine Widmungskomposition. Den Anfang dieser freilich nur kurzen, aus vier Werken bestehenden Serie (vgl. op. 165, 187 und 219) machte der Walzer "Aurora-Ball-Tänze" im Jahre 1851. Nach einer kurzen Introduktion beginnt Strauß sofort mit dem noch biedermeierlich gemütlichen Walzermotiv. "Nur nichts Revolutionäres" – so mögen es sich die Künstler und ihre Gäste gewünscht haben. Aber auch im traditionellen Walzer wußte Strauß neue Effekte anzubringen: sein eigener Stil begann sich für den Kenner bereits deutlich abzuzeichen.

Das Titelblatt der Erstausgabe, die allerdings erst im Herbst 1851 im Verlag Haslinger erschienen ist, entspricht auf sehr gefällige Art und Weise dem Charakter des Walzers, der am 18. Februar 1851 beim "Sperl" zum ersten Male aufgespielt worden war: es zeigt Aurora über dem Triumphwagen Apollos, der auf seiner täglichen Reise über den Himmel von vier feurigen Rössern gezogen und von den Dienerinnen des Sonnengottes begleitet wird. Das Bild war aber auch ein Gleichnis: es verkündete den unaufhaltsamen Flug in eine bessere, schönere Zukunft für die Künstler der Donaumonarchie und für alle ihre Freunde.

Herzel-Polka, op. 188
Die kleine, anmutige "Herzel-Polka" hat Johann Strauß im Fasching 1857 für den Leopoldstädter Armenball geschrieben, der am 3. Februar im Etablissement "Zum Sperl" abgehalten worden ist. Bei diesen Wohltätigkeitsbällen, aus denen sich später die Bürgerbälle der einzelnen Wiener Bezirke entwickelt haben, bildete das Publikum eine Familie – jeder kannte jeden, die Bewohner der Donauinsel waren unter sich. Auch Strauß gehörte zur Familie – er wohnte ja im Hirschenhaus in der Leopoldstadt; er spielte also für seine Bekannten und Freunde. Diese Intimität macht auch den Reiz der Polka aus ein hübscher Einfall erfreut die Zuhörer gleich zu Beginn, und dann entwickeln sich die weiteren Motive mit zwingender Selbstverständlichkeit. Die Titelzeichnung auf der Erstausgabe des Werkes zeigt Gott Amor inmitten einer Gruppe kleiner Herzen, die von seinen Liebespfeilen getroffen worden sind; er selbst führt à la Strauß den Bogen – wirkt gleichsam als Vorgeiger bei der Aufführung des Werkes.

Der Reinertrag der Armenbälle war für notleidende Mitbürger des Bezirkes bestimmt, und so war es selbstverständlich, daß Strauß die Polka im "Sperl" persönlich vorführte. Die Mitglieder der Strauß-Familie waren allesamt stets bereit, bei Wohltätigkeitsveranstaltungen mitzuwirken. Als Johann Strauß im Fasching 1863 wieder einmal (und diesmal mit Erfolg) beim Obersthofmeisteramt um die Verleihung des Ehrentitels "Hofball-Musikdirektor" ansuchte, konnte er von sich mit Recht behaupten: "Derselbe hat keine Gelegenheit versäumt, für verschiedene wohltätige Zwecke – mit möglichster Hintansetzung seines eigenen Interesses – sich mit seinem Orchester zu Musik-Produktionen verwenden zu lassen, oder solche selbst zu veranstalten." Die Armen seines Heimatbezirks Leopoldstadt hatten nach dem Ball am 3. Februar 1857 gewiß einen ansehnlichen Gewinn – aber auch die Nachwelt ist nicht leer ausgegangen: ihr blieb die reizende "Herzel-Polka"!

Dinorah-Quadrille nach Motiven der Oper "Die Wallfahrt nach Ploermer' von G. Meyerbeer, op. 224
Allein schon durch das Geflecht vieflältiger Beziehungen zwischen dem aus Berlin (unter dem Namen Jacob Liebmann Meyer Beer) gebürtigen, nach Wanderjahren mit den Stationen Wien und mehreren Städten Italiens in Paris seßhaft gewordenen Komponisten, der sich nun Giaccomo Meyerbeer nannte und dennoch preussischer Generalmusikdirektor wurde, und den Mitgliedern der Familie Strauß ist diese aus dem Sommer 1859 stammende Quadrille interessant: zunächst war es Strauß, der Vater, der Motive aus den frühen Opern Meyerbeers in seinen eigenen Kompositionen verarbeitete. Dann führte die gleichzeitige Verwendung der Musik in Meyerbeers Oper "Vielka" (= "Das Feldlager von Schlesien", später "Der Nordstern") zu einem schweren Konflikt zwischen Strauß-Vater und seinem Sohn Johann. In der Familie Strauß achtete man stets mit größter Sorgfalt darauf, Informationen über Meyerbeers Kompositionen zu erhalten und die neuen Arbeiten des berühmten Meisters so rasch wie möglich in Wien aufzuführen beziehungsweise für das eigene Schaffen auszuwerten. Nun war Giaccomo Meyerbeer neben und nach Gioacchino Rossini der erfolgreichste Opernkomponist seiner Zeit – es war daher schon aus diesem Grund verständlich, daß sich sowohl Strauß-Vater als auch seine Söhne Johann und Joseph für sein Schaffen interessierten; aber es kam eben jene besondere Beziehung zu Meyerbeer hinzu, die sich allein schon im Streit zwischen Vater und Sohn um das Recht, Meyerbeers Musik in Wien aufzuführen, mit aller Deutlichkeit erkennen läßt.

Als nun aus Paris die Nachricht kam, am 4. April 1859 sei die neueste (und letzte, vollendete) Oper Giaccomo Meyerbeers unter dem Titel "Le Pardon de Ploërmel" (nach der Trägerin der weiblichen Hauptrolle auch "Dinorah" genannt) aufgeführt worden, besorgte sich Johann Strauß sofort die Noten diese Werkes. Über die Premiere notierte Meyerbeer in seinem Tagebuch "Erste Vorstellung meiner neuen opera comique in 3 Akten 'le Pardon de Ploërmel' ('Dinorah'). Es war, dem Allmächtigen sei Dank, ein sehr glänzender Erfolg. Kaiser Napoleon (III.) ließ mich nach dem 2. Akt in seine Loge rufen u. machte mir viel Komplimente, wie auch die Kaiserin."

Noch im Jahr 1859 trat das Werk seinen Siegeszug durch Europa an: es wurde in Coburg, Haag, Brüssel und Stuttgart gespielt, dann folgten u. a. Dresden, Hamburg und Gent. Die Wiener Hofoper zögerte. Erst am 11. März 1865 wurde das Werk unter dem Titel "Dinorah oder Die Wallfahrt nach Ploërmel" im Kärntnerthortheater gespielt. (Bald darauf erschien die erste Parodie, zu der immerhin Franz von suppe die Musik schrieb. Wilhelm Busch zeichnete eine Karikatur.)

So lange hat Johann Strauß nicht gewartet. Wahrscheinlich über die Hofbühne in St. Petersburg beschaffte er sich die Partitur (oder den Klavierauszug) und stellte aus den effektvollen Motiven des Werkes seine Quadrille zusammen. "Le Pardon" steht über seiner Skizze, der Verlag gab dem Namen "Dinorah" den Vorzug. Die Uraufführung seiner Quadrille dirigierte Johann Strauß bei einem Festkonzert am 13. August (d. i. der 1. August nach dem russischen Kalender) im Vauxhall von Pawlowsk. Das Publikum seiner Heimatstadt Wien hörte die Quadrille, op. 224, erst am 20. November 1859, und zwar beim ersten Auftreten des aus dem Zarenreich zurückgekehrten Johann Strauß im Wiener Volksgarten.

Erhöhte Pulse, Walzer, op. 175
Im Fasching 1856 standen die Brüder Johann und Joseph Strauß vor der Aufgabe, innerhalb von knapp sechs Wochen alle Ballverpfichtungen – wie sie ihre im Wiener Leben nunmehr souverän führende Kapelle auszuführen hatte – unter dem Aufgebot der letzten Kräfte zu erfüllen. Zum ersten Male hatte Johann Strauß in diesem kurzen, aber lebhaften Fasching auch bei sämtlichen Hoffesten die Musik zu leiten – er war also ständig im Fiaker von einem Ballsaal zum nächsten unterwegs und pendelte zwischen Hofburg und den Etablissements in den Vorstädten bis in die Morgenstunden hin und her. Selbstverständlich wurde bei jedem repräsentativen Ball auch eine eigene Widmungskomposition erwartet – und so hatte sich Strauß denn auch – vielleicht zum ersten Male gemeinsam mit seinem hilfsbereiten Bruder – einen Melodienvorrat geschaffen, den er nun in rascher Folge verwerten konnte.

Natürlich setzte Johann Strauß die effektvollsten Motive aus diesem Vorrat gleich zu Beginn des Karnevals ein: das beweist die Walzerpartie "Erhöhte Pulse", die für den Medizinerball am 8. Jänner 1856 im Sofiensaal bestimmt war. Eine energische, schwungvolle Einleitung sorgte gleich bei der Introduktion für einen raschen Pulsschlag (= "Erhöhte Pulse") bei den zum Tanz bereiten Paaren: dann wurden sie mit einer unwiderstehlichen Melodie – die sich von einem leisen Beginn stetig steigerte – in den Walzerrhythmus geradezu hineingezwungen. In den weiteren Teilen der Komposition wurden Kostbarkeiten im Dreivierteltakt präsentiert, die wohl damals im Karnevalstrubel nicht so recht zur Geltung kamen, denn sie wurden in den Ballberichten völlig zu Unrecht kaum erwähnt. Die vierte Walzerpartie gehört zum Schönsten in der gesamten Literatur der wienerischen Musik: nie ist Johann Strauß seinem Bruder Joseph so nahe gekommen, wie in dieser anmutig dahingleitenden, zugleich fröhlichen und – schwermütigen Melodie!

Nach dem Karneval 1856 bereitete Johann Strauß seine erste Saison in Rußland vor: er wandte sich aber auch an das Obersthofmeisteramt mit der Bitte, ihm den Ehrentitel "Hofball-Musikdirektor", der für seinen Vater geschaffen worden war, endlich zu verleihen. Sein Gesuch wurde abgelehnt. Aber allein um des Walzers "Erhöhte Pulse" willen hätte er ihn damals schon verdient.

Ein Herz, ein Sinn, Polka Mazurka, op. 323
Der Karneval 1868 brachte, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, das Ende einer stolzen Tradition im Kaisertum Österreich mit sich: am 11. Februar wurde in den prachtvollen Redoutensälen der Wiener Hofburg der letzte Bürgerball abgehalten. Seit dem Ausgleich des Kaiserstaates mit dem Königreich Ungarn im Jahre 1867 – er verwandelte die kaiserlich-königliche Monarchie in eine kaiserliche und königliche, und das war ein gewaltiger Unterschied in der praktischen Politik! – hatte sich Vieles verändert, und die Neugestaltung der Gesellschaft in den Ländern der Monarchie, vor allem aber in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, sorgte ihrerseits für eine weitere Umgruppierung: das Bürgertum der Monarchie konnte seine Stellung als wichtigster Repräsentant dieses Staates nicht mehr behaupten. Seit dem Bestehen der Bürgerbälle – bei denen bereits Johann Strauß-Vater aufgespielt hatte – war es für die Monarchen eine Selbstverständlichkeit gewesen, bei diesen Festen zu erscheinen. Nach dem Revolutionsjahr 1848 war diese Tradition nach einigem Zögern wieder aufgenommen worden – und so erschien auch am 11. Februar 1868 Kaiser Franz Joseph im Kreise seiner Bürger in den Redoutensälen. Aber er kam gleichsam zum Abschied – wenig später löste sich das Komitee der Bürgerbälle einfach auf: eine Ära in der Geschichte der Donaumonarchie war zu Ende. In der Gesellschaft (und damit für den Kaiserhof) wurden andere Gruppen wichtig – und so kann man sagen, daß nun die Bälle der Industriellen Gesellschaften an die Stelle der Bürgerbälle traten.

Für Johann Strauß war es stets eine Herzensangelegenheit gewesen, bei den Bürgerbällen die Tanzmusik zu leiten und Widmungskompositionen aufzuspielen. Nun mußte also auch er Abschied nehmen: er tat dies mit der empfindungsreichen, noblen (und auch etwas wehmütigen) Polka Mazurka "Ein Herz, ein Sinn". Der Titel war ein Bekenntnis – zum Wiener Bürgertum, das also nun nicht mehr in der Wiener Hofburg zu Gast sein sollte. Gewiß – es bildete sich etliche Jahre später eine neue Tradition heraus (und auch da war Johann Strauß dann mit der Widmung seiner "Rathhausball-Tänze", op. 438, zur Stelle, vgl. Vol. 18), aber zunächst einmal gab es eben den Abschied mit dieser Polka Mazurka; das Werk "Ein Herz, ein Sinn" ist kein ursprünglich polnischer Tanz, sondern nähert sich in seinen Melodien den Motiven der Alt-Wiener Reigentänze. Sie ist mit wienerischem Herzblut geschrieben, diese Polka Mazurka, und so ist es auch kein Zufall, daß ihre Melodien in jener Operette erklingen, die nach Tanzweisen des Meisters arrangiert worden ist und erst nach seinem Tod uraufgeführt wurde: in der Operette "Wiener Blut"!

Slovianka-Quadrille, op. 338
Die Sommersaison des Jahres 1869 verbrachten Johann und Joseph gemeinsam in Pawlowsk bei St. Petersburg. Johann hatte sich noch einmal zu einer Reise nach Rußland bereit gefunden, weil der Plan bestand, Joseph möge sich beim Publikum in Pawlowsk so viel Ansehen erwerben, daß er in den künftigen Jahren das einträgliche Engagement als Kapellmeister der russischen Eisenbahngesellschaft übernehmen könne. Die Journalisten der Metropole an der Newa waren zwar in die Überlegungen der Brüder Strauß nicht eingeweiht, aber die "St. Petersburger Zeitung" schrieb in ihrer Ausgabe vom 14. August 1869 (d. i der 2. August nach dem russischen Kalender) immerhin: "Mit der gegenwärtigen Saison beabsichtigt Johann Strauß seine Karriere als Dirigent zu beenden, ohne einen Grund [anzugeben], der dieses auslöste." In Wien wußte man damals bereits, daß der Walzerkönig die Absicht hatte, ins Lager der Operettenkomponisten überzugehen und aus diesem Grund auch kein Engagement den Sommer über nach Pawlowsk mehr anzunehmen. Für ihn war es die unwiderruflich letzte Saison in Rußland.

Johann und Joseph Strauß dirigierten die Kapelle im Vauxhall von Pawlowsk gemeinsam. Johann, der seine Gattin Jetty an der Seite hatte, verfügte also über viel Freizeit. Das kam seiner Arbeit als Komponist zugute. Eine ganze Serie von Meisterwerken ist damals entstanden (vgl. etwa "Egyptischer Marsch", op. 335, Vol. 13, "Im Pawlowsk-Walde", op. 336, Vol. 4, und die gemeinsam mit Joseph verfaßte, berühmte "Pizzicato-Polka"). In diesem Sommer wurden aber auch besonders zahlreich Kompositionen russischer Musiker und Volksweisen aus allen Regionen des Zarenreiches ins Programm der Pawlowsker-Konzerte aufgenommen: man wollte offenbar dem Publikum möglichst gefällig sein. Sogar ein "Kosatachok" findet sich im Repertoire! Johann Strauß hatte also genügend Melodien zur Verfügung, um so ganz nebenbei für das 2. Benefizkonzert des Orchesters am 5. Oktober (d. i. der 23. September nach dem russischen Kalender) eine neue Quadrille nach russischen Motiven zu schreiben. Bei diesem Konzert – kurz vor der Abreise – spielten Johann und Joseph gemeinsam einen Querschnitt durch ihre Werke auf dem Flügel und im Orchesterprogramm gab es zwei Novitäten: die Polka "En passant", op. 273, von Joseph Strauß und eben die "Slovianka-Ouadrille nach russischen Melodien", die schließlich mit einiger Verspätung (im Jänner 1871!) als Opus 338 auch im Verlag C. A. Spina im Druck erschienen ist.

Schwärmereien, Konzert-Walzer, op. 253
Da die Strauß-Kapelle praktisch von ihrer Gründung an weit öfter bei Konzerten als bei Ballveranstaltungen im Wiener Leben und auf ihren Kunstreisen zu hören war, lag der Gedanke nahe, nicht nur zum Tanzen anregende Walzer zu komponieren, sondern auch Werke zu schreiben, die sich an das Ohr (und an das Kunstverständnis) der Zuhörer wandten. Wenn man genau zuhört, dann findet man denn auch schon im Schaffen Johann Strauß, des Vaters, solche Kompositionen – aber der Herr Musikdirektor konnte sich nicht dazu entschließen, diesen Werken die Charakteristik Konzert-Walzer zu geben. Erst Joseph Strauß, der ja in seiner Jugend lieber Lieder und anspruchsvolle Klavierkompositionen geschrieben hatte, ehe er sich aus Familienrücksichten der Tanzmusik zuwandte, schrieb ganz bewußt: Konzert-Walzer. Das erste Werk dieser Kategorie war sein Hochzeitswalzer "Perlen der Liebe" aus dem Jahre 1857. Etwa ein Jahr später ging Pepi Strauß einen Schritt weiter: er schrieb eine Komposition mit dem Titel "Ideale". Nach der Uraufführung dieses Werkes konstatierte der Referent der "Theaterzeitung". "Dieser Concertwalzer weicht von der gewöhnlichen Walzerform dadurch ab, daß er sich in reinen Rhythmen bewegt, daß die Melodien sorgfältiger ausgearbeitet und mit reichem Instrumentalschmuck geziert sind. Daß Strauß die feinen Combinationen, Wendungen und Verschlingungen in ihrem ganzen Umfang zu benützen versteht, hat er in diesem Tonstück bewiesen; denn dasselbe ist ein kleines 'chef d'oeuvre'. Für diese Saison sind die 'Ideale' an der Tagesordnung." Leider kann sich die Nachwelt kein Urteil über diese "Ideale" bilden – Eduard hat die im Jahre 1907 noch vorhandene Partitur inmitten des gesamten Archivs der Strauß-Kapelle in Flammen aufgehen lassen.

Johann Strauß hat diese Arbeit seines Bruders sicher gut gekannt und genau studiert. Natürlich hat er sich wohl damals schon vorgenommen, das Beispiel seines Bruders nachzuahmen und ebenfalls Werke zu verfassen, die er ausdrücklich Konzert-Walzer nennen konnte. Einen ersten Versuch unternahm Johann im Sommer 1858 in Pawlowsk mit dem Opus 215, "Gedankenflug"; im Sommer 1860 folgte dann der Konzert-Walzer mit dem Titel "Schwärmereien". Beide Kompositionen sind musikverständigen Freunden zugeeignet: die "Schwärmereien" wurden dem berühmten Pianisten, Komponisten und maßgebenden Musiker des ersten, russischen Konservatoriums in St. Petersburg gewidmet, nämlich Anton Rubinstein (1829-1894). Strauß war um einen symphonischen Aufbau der Melodien, um ihre sorgfältigere Gliederung und thematische Entwicklung bemüht; das Werk sollte eben nicht den Zuhörern "in die Füße fahren", sondern wie jede Konzertmusik zum reinen Musikgenuß führen. Anton Rubinstein war über diese Widmung seines Freundes Strauß sehr erfreut – und obwohl er zweifellos erkannt hat, daß gerade dieser Walzer nicht auf das Verständnis breiter Hörerkreise werde rechnen können, nahm er die Widmung dankbar an. Bot der Walzer auch keinen "echten" Strauß, so war er ein frühes Zeugnis für den "interessanten" Strauß, den vielseitigen Künstler. Rubinstein hat gern und oft im privaten Kreis Strauß-Walzer gespielt, in seinen bejubelten, öffentlichen Konzerten freilich hat er den eigenen Arbeiten dann doch zumeist den Vorzug gegeben. Aber es ist bezeugt, daß Rubinstein "mit donnernden Oktaven" und mit der künstlerischen Freiheit eines romantischen Künstlers Walzerpartien vorgetragen hat. Über die Freundschaft zwischen den beiden Komponisten wissen wir noch viel zu wenig: sicher ist, daß diese Freundschaft sich nicht darin erschöpft hat, daß Rubinstein eine lustige Zeichnung des Walzerkönigs angefertigt hat und daß Strauß sich ebenfalls mit einer amüsanten Skizze revanchierte.

Seine Meinung über Strauß hat Anton Rubinstein dem Strauß-Biographen Ludwig Eisenberg gegenüber mit folgenden Sätzen ausgedrückt: "Ich verfolge seine Entwicklung seit seinen frühesten Anfängen und habe immer warme Verehrung und Begeisterung für seine Musik an den Tag gelegt. Ich habe das auch durch die Tat bewiesen, indem ich mich für seine Werke einsetzte. Ich habe seine Walzer mit Vorliebe gespielt, weil ich zu meiner größten Freude immer großen Erfolg damit erzielte. Ja, Strauß steht ohne Rivalen da, ein ganz Eigener, und ich verehre ihn, nicht allein als Künstler, auch als Mensch, weil mich seine außerordentliche Bescheidenheit ganz entzückt."

Strauß hat Rubinstein gewiß ebenso hoch geschätzt; das zeigt schon der Titel "Schwärmereien"! Sehr oft hat der Walzerkönig später freilich dieses Werk, das im Sommer 1860 in Pawlowsk entstanden und den Wienern durch den Komponisten am 1. April 1861 bei einem Konzert im Dianabadsaal zum ersten Male vorgeführt worden ist, nicht wiederholt. Und erst im Alter hat er wieder symphonische Walzer geschrieben – die er dann freilich nicht mehr als Konzert-Walzer bezeichnet hat...

Auf zum Tanze!, Schnell-Polka, op. 436
"Die sonst so stille Igelgasse bot gestern ein Bild ungewohnten Lebens. Wagen um Wagen rollte in dieselbe. Jeder hatte das gleiche Ziel: das Haus Nr. 4 der Igelgasse, das Palais Strauß. Eine glänzende Soirée, die der Meister und seine liebenswürdige Gemahlin gaben, vereinigte eine Schaar distinguirter Gäste, der Kunst, der Literatur, der Gesellschaft angehörig, in dem prächtigen Hause des berühmten Tondichters."

Mit diesen – erstaunlich unbeholfen ausgewählten – Worten beschrieb Victor Leon (eigentlich Viktor Hirschfeld, 1858-1940), der Textdichter der Operette "Simplicius" und durch diese Arbeit mit Johann Strauß in Verbindung gekommen, für die Leser der "Wiener Allgemeinen Zeitung" die Ankunft der mehr als 100 Gäste, die am "Hausball bei Strauß" am 3. März 1888 teilnahmen. Während des Empfangs vor dem Dinner spielte der Pianist Alfred Grünfeld (1852-1924) sein Menuett, op. 31; derberühmteste Liedsänger jener Tage, das Mitglied der k. k. Hofoper, Gustav Walter, trug – vom Komponisten begleitet – das Lied "Der Frühling lacht" aus "Simplicius" vor. (Das Werk wurde später mit dem neuen Text "Sei mir gegrüßt, Du holdes Venetia" in die Neufassung – durch Erich Wolfgang Korngold – der Operette "Eine Nacht in Venedig" aufgenommen.)

Das ausgezeichnete Dinner, das vom berühmten Delikatessenhändler und Hotelbesitzer Eduard Sacher geliefert worden war, versetzte die Gäste in fröhliche Stimmung. Anschließend erhielten die Gäste als charmantes Souvenir einen Karton, der auf der Außenseite das von Blumen eingefaßte Datum des Hausballes und auf der Innenseite das Faksimilie der ersten 16 Takte jener neuen Schnell-Polka von Johann Strauß enthielt, die als Widmung für diesen Abend entstanden war. Ihren Titel bezog die Komposition von einem ebenfalls abgedruckten Gedicht von Ludwig Ganghofer (1855-1920), "Auf zum Tanze!". Ganghofers Verse endeten mit der Aufforderung:

"Hört ihr ihn klingen, den lockenden Laut?
Wie sich die Takte sputen!
Wie sie sich drängen in wirbelnder Hast,
wie sie rauschen und fluthen,
Welle an Well'...
Polka schnell!"

"Das 'Andenken' in der Hand" – so berichtete Victor Leon weiter – "eilte Grünfeld hierauf in den Tanzsalon, ihm strömten die Tanzlustigen nach. Der prächtige Virtuose setzte sich an den Flügel und dahin flog man in der Polka schnell. Von nun ab war des Tanzes kein Ende!" Erst um etwa 8.30 Uhr am nächsten Morgen verließen die letzten Gäste – nach einem Frühstück, bestehend aus Frankfurter Würsteln und starkem Kaffee – das Strauß-Palais.

Das Publikum der Strauß-Konzerte und mit ihm die musikinteressierte Öffentlichkeit mußten allerdings noch bis zum 21. Oktober 1888 warten: an diesem Tage war die Schnell-Polka "Auf zum Tanze!" im Großen Saal des Musikvereins zum ersten Male unter der Leitung von Eduard Strauß zu hören. Der "schöne Edi" bot den Zuhörern damals ein sehr interessantes und vielseitiges Programm, das u. a. die Ouvertüre zu Franz Schuberts "Fierabras", ein Ballettfragment von Leo Delibes, den Johann Strauß-Walzer "Sinnen und Minnen", op. 435, und Eduards Polka Mazur "Aus den schlesischen Bergen", op. 260, enthielt. Der Musikverlag Cranz veröffentlichte bald darauf die Schnell-Polka mit der Widmung. "meinem lieben Freund Ludwig Ganghofer" und druckte neben den Noten alle Strophen von Ganghofers Gedicht ab. Die Schnell-Polka wurde von Kapellmeister Adolf Müller auch in die Musik der Operette "Wiener Blut" eingegliedert und erklingt bei den Aufführungen des Werkes im dritten Akt.

Flugschriften, Walzer, op. 300
Für den Wiener Fasching des Jahres 1866 wurde eine, bis dahin nie auch nur erträumte, Anzahl von neuen Tanzkompositionen geschaffen: allein die drei Strauß-Brüder konnten bei ihrer Karnevalsrevue am 18. Februar im Volksgarten 22 Novitäten vorführen, und zwar sieben Werke von Johann, zehn von Joseph und immerhin schon fünf vom 21jährigen Eduard. (Im Fasching 1867 sollte die Zahl allerdings noch übertroffen werden: da stellten die drei "Sträuße" mit 25 neuen Werken einen absoluten Rekord auf!)

Den ersten Walzer der Saison hatte Johann Strauß selbstverständlich für den Concordia-Ball, also für die Karnevalsveranstaltung der einflußreichen Vereinigung der Journalisten und Schriftsteller geschrieben. Der "Concordia" wurde das Werk, das den Titel "Flugschriften" erhalten hatte, auch gewidmet. Aber dann wollte Strauß doch nicht bis zum Ballabend im Sofiensaal, dem 21. Jänner 1866, warten, sondern flocht den neuen Walzer bereits am 17. Jänner ins Tanzprogramm des repräsentativen Hofballes im Rittersaal der Hofburg ein. Da Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph an dieser Veranstaltung teilnahmen und die Repräsentanten des Hochadels der Monarchie um sich versammelten, wollte Strauß verständlicherweise das Neueste und Beste bieten, und nahm daher die Uraufführung des Walzers einfach vorweg. Die Mitglieder der "Concordia" haben es Strauß nicht übel genommen.

Aber es erscheint schon ein wenig seltsam, daß Strauß ausgerechnet einen Walzer mit dem Titel "Flugschriften" beim Hofball aufgespielt hat. Denn unter "Flugschriften" – so ist es auch auf dem Titelblatt des Erstdruckes der Klavierausgabe abgebildet – hat man damals eigentlich immer "Streitschriften" verstanden, Einblatt-Drucke mit polemischem Inhalt, ja sogar Pamphlete. Und die Zeit, in der sich der Inhalt überaus zahlreicher "Flugschriften" gegen das Kaiserhaus und die Regierung gerichtet hatte, lag noch gar nicht so weit zurück: das Jahr 1848, das Jahr des Aufbegehrens und der Revolution in Wien, war längst noch nicht vergessen. Aber Strauß war klug: er ließ sich gerade für den streitlustigen Titel "Flugschriften" eine betörend sanfte Hauptmelodie einfallen ("dolce" steht über den Noten!) und bannte allein schon durch diese "himmelstrebende Geigenmelodie" jeden Gedanken an Streit und Widerspruch. Die anmutigen Motive gerade dieses Walzers wurden nicht vergessen: sie finden sich zum Beispiel als Zitate in Antal Doratis "Graduation-Ball".

Fata Morgana, Polka Mazurka, op. 330
Unter dem Begriff "Fata Morgana" verstand man in Wien – und so steht es auch in den Lexika der Strauß-Zeit – ein Fantasiebild. In zahlreichen Geschichten wurde der Begriff immer dann verwendet, wenn es sich um eine scheinbar wundersame Luftspiegelung gehandelt hatte, wie sie in der Natur tatsächlich vorkommt, zum Beispiel in den ebenen, sandigen Gegenden und über dem Wasserspiegel der Meere. Voraussetzung für das Entstehen einer solchen Luftspiegelung ist eine Überlagerung verschieden temperierter Luftschichten: daher wird in einer ganzen Reihe von Erzählungen, deren Handlung im Orient spielt – vor allem in den Wüstenregionen Nordafrikas und Asiens – davon berichtet, wie gerade jenen Menschen, die von der Gefahr des Verschmachten bedroht sind, das Trugbild eines schattigen Palmenhains, einer Oase oder eben einer Meeresküste vorgegaukelt wird. Daß sich der Begriff "Fata Morgana" aus dem Bereich alter, keltischer Fabeln herleiten läßt (in denen es etwa eine verführerische Zauberin Morgan le Fay gibt), war nur wenigen Kennern bewußt.

Ein wenig von dem Charakter einer Fata Morgana umgibt auch die Entstehungsgeschichte jenes Werkes, das Johann Strauß im Fasching 1869 komponiert und das er der Künstlervereinigung "Hesperus" zugeeignet hat. Schon im Jänner dieses Jahres finden sich Andeutungen, daß Strauß der Vereinigung, der ja alle drei Strauß-Brüder als Mitglieder angehört haben, einen musikalischen Beitrag für ihre Karnevalsveranstaltungen zur Verfügung stellen werde, Gelegenheit für eine Aufführung dieser Widmung bestand in diesem Fasching gleich zweimal: "Hesperus" lud am 23. Jänner zu einem Kostümfest unter dem Motto "Italienische Nacht" in die Blumensäle der Gartenbaugesellschaft ein und veranstaltete überdies auch noch den traditionellen Hesperus-Ball am 1. Februar 1869 im Dianasaal. (Bei dieser Gelegenheit spielte übrigens Joseph Strauß seinen berühmten Walzer "Aquarellen", op. 258, als Ballwidmung auf.) Man könnte also vermuten, daß Johann Strauß seine Polka Mazurka, die den Titel "Fata Morgana" erhalten hatte, vielleicht beim Kostümfest vorgetragen hätte: Luftspiegelungen sind an der italienischen, vor allem sizilianischen Küste keine Seltenheit (allerdings nicht bei Nacht!). Aber in den Ballberichten ist von einer derartigen Widmung keine Rede. Die erste Aufführung der Polka Mazurka "Fata Morgana" – das Werk versucht der Vision, die durch den Titel geweckt wird, dadurch zu entsprechen, daß es in den allerletzten Takten des Finales überraschend von der Moll-Tonart in Dur übergeht – wurde vielmehr erst für den 29. März 1869 annonciert: an diesem Tage gaben die Brüder Johann und Joseph Strauß vor ihrer gemeinsamen Abreise nach Pawlowsk bei St. Petersburg ein Abschiedskonzert in den Blumensälen. Bei dieser Gelegenheit hat Johann Strauß seine Polka Mazurka "Fata Morgana" selbst der Öffentlichkeit vorgeführt. Daß es sich diesmal um keine "optische" (bzw. akustische) Täuschung gehandelt hat, bezeugen mehrere Berichte über das Konzert, sowie die Eintragungen in den Aufzeichnungen des Musikers Sabay und im Tagebuch von Joseph Strauß. Seit diesem 29. März 1869 also erscheint "Fata Morgana" als verführerische Polka Mazurka in den Konzertprogrammen auf der ganzen Welt.

Märchen aus dem Orient, Walzer, op. 444
Die Brüder Johann und Eduard Strauß haben eine recht stattliche Zahl ihrer Kompositionen dazu verwendet, um durch die Widmung dieser Arbeiten an die Regenten und Staatsmänner ihrer Epoche nach Orden und Auszeichnungen zu streben. Daß diese Taktik sehr erfolgreich war, ist etwa aus den Eintragungen in Lehmanns "Allgemeinem Wohnungsanzeiger für die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien" aus dem Jahre 1891 zu entnehmen: da stehen nach den Wohnadressen der beiden Sträuße Eintragungen ihrer Orden und Auszeichnungen im Ausmaß von jeweils 10 Zeilen!

Aber das Streben nach Orden war damals bei keinem der Brüder bereits befriedigt: als sich z. B. im Jahre 1892 eine Gelegenheit bot, nach einem Orden aus dem Osmanenreich zu trachten, suchte und fand Johann Strauß Verbindungsmänner, die ihm eine derartige Auszeichnung verschaffen konnten. Einen Anlaß bot der 50. Geburtstag des Herrschers in Konstantinopel, Sultan Abdul Hamid-Khan (1842-1918). Der Sultan, der im Jahre 1876 die Regentschaft im Osmanenreich übernommen hatte, war dreizehn Jahre später in Wien zu Besuch gewesen: zu einem Zusammentreffen mit Johann Strauß ist es aber damals nicht gekommen. Nun entschloß sich der Walzerkönig eine Widmungskomposition für den Sultan zu schreiben. Das Werk sollte in der Reihe jener Arbeiten stehen, in denen Strauß bewußt die Walzerform zu erweitern trachtete und sich dabei der symphonischen Musik anzunähern suchte. Schließlich hatte Strauß ja mit viel Ambition die komische Oper "Ritter Pasman" komponiert, deren Partitur seine Entwicklung vom Vorstadt-Musiker zum Opernkomponisten beweisen sollte. Der neue Walzer setzte also die Serie dieser Werke – die man später als "Alterswalzer" bezeichnete und zu denen u. a. der "Kaiser-Walzer", op. 437, und die Widmung für Johannes Brahms, "Seid umschlungen, Millionen", op. 443, gehörten – ganz bewußt fort, aber die Rücksicht auf die Verwendung des Walzers als Widmung für Sultan Abdul Hamid erforderte ganz selbstverständlich eine besondere Gestaltung sowohl der Einleitung als auch der Hauptmelodie des Werkes (Walzer Nr. 1 ). Der Librettist der Operette "Der Zigeunerbaron", Ignaz Schnitzer, hat später behauptet, den Titel "Märchen aus dem Orient" hätte Johann Strauß einem Text entnommen, der eigentlich für das Bühnenwerk "Der Schelm von Bergen" bestimmt war, das Strauß zwar zunächst zur Komposition angenommen, dann aber – nach einigen Skizzen – wieder zurückgelegt hatte. Aber das ist ohne Bedeutung: Strauß war zwar in der Regel sehr froh, wenn man ihm für seine Walzer passende Titel vorschlug, aber diesmal rechtfertigte allein schon die von Anfang beabsichtigte Dedikation des Walzers an Sultan Abdul Hamid den Titel"Märchen aus dem Orient". Das Werk ist unter der Opuszahl 444 noch im Berliner Verlag Simrock erschienen, obwohl die Verbindung zwischen dem Komponisten und dem Verleger bereits brüchig geworden war und der Auflösung zugeführt wurde; über Details der Entstehung gibt es leider im bisher bekannt gewordenen Briefwechsel Strauß – Simrock keine Hinweise. Die Uraufführung leitete Johann Strauß selbst: er erschien beim Benefizkonzert seines Bruders Eduard, das am 27. November 1892 im Musikverein stattfand, als Gast an der Spitze der Kapelle und führte sein Werk "Märchen aus dem Orient" vor. Er mußte, den Berichten der anwesenden Journalisten zufolge, den Walzer dreimal dirigieren und wurde erst nach der Zugabe der "Pasman-Polka" vom Publikum "in Gnaden entlassen".

In den Berichten über die Uraufführung heißt es u. a.: "Der neue Walzer, ein wahres Cabinetstück Strauß'scher Erfindung, enthält eine Fülle origineller Melodien, welche den feinen Geschmack des gefeierten Musikers bekunden." ("Neue Freie Presse", 30. 11. 1892)

"Das neue Werk ist eine Schöpfung, welche den Charakter der Strauß'schen Musik scharf ausgeprägt zeigt. Dem Titel entsprechend beginnt der Walzer mit einer Introduktion, welche die charakteristische Buntheit des Orients zum Ausdruck bringt. Der mittlere Satz ist echter, unverfälschter Strauß, in der Erfindung und im Rhythmus" ("Wiener Tagblatt", 29. 11. 1892)

Man könnte nun noch eine lange Reihe weiterer Pressestimmen anführen: ihnen allen ist aber eines gemeinsam – daß nämlich die Bedeutung dieses Walzers als eines der wichtigsten Meisterwerke des Komponisten nicht sofort erkannt worden ist!

Übrigens hat Strauß auch seinen Orden nicht sofort nach der Dedikation des Walzers erhalten, sondern erst im jahre 1895! Zu diesem Zeitpunkt aber wußte wenigstens bereits jeder Musikfreund, daß Strauß dem Sultan ein so kostbares Präsent gemacht hatte, daß es den Wert jenes Ordens bei weitem übertraf!

Kaiser-jäger-Marsch, op. 93
In der Armee des Kaisertums Österreich zählte das Tiroler jäger-Regiment zu den populärsten Truppenverbänden. Das Regiment war während der Befreiungskriege gegen die Vorherrschaft des selbsternannten Kaisers Napoleon I. im jahre 1813 formiert worden (jäger-Truppen gab es im Tirolerland beiderseits der Alpenkette bereits schon seit Jahrzehnten). Für den tapferen Einsatz der Tiroler Soldaten erhielt des Regiment die Bezeichnung "Tiroler jäger-Regiment Kaiser Franz I." und der Titel "Kaiser-Jäger" wurde für die Bevölkerung der gesamten Donaumonarchie zu einem Begriff.

Natürlich wurden für den täglichen Dienst ebenso wie für die recht zahlreichen Paraden der "Kaiser-Jäger" zahlreiche Märsche komponiert. Warum aber der junge Musikdirektor Johann Strauß ausgerechnet im Sommer 1851 ebenfalls einen "Kaiser-Jäger-Marsch" komponiert hat, ist nicht zu ermitteln: eine Parade des Tiroler Regiments in der Kaiserstadt Wien war damals nicht zu erwarten, wie denn überhaupt die "Kaiser-Jäger" in Wien erst viel später ihren Dienst aufnahmen, nämlich im Jahre 1895. In diesem Jahre wurde eine Umgruppierung vorgenommen und fortan gab es vier "Kaiser-Jäger-Regimenter". Der Stab des 2. Regiments (samt Militärmusikkapelle) bezog in Wien Garnison.

Einer der berühmten Kapellmeister der "Kaiser-Jäger", Karl Mühlberger, hat dann auch jenen Marsch geschrieben, der weltweit populär geworden ist: "Mir san die Kaiserjäger". Eine solche Popularität hat der Marsch, op. 93, von Johann Strauß nicht erreicht. Bei der ersten Aufführung am 7. Juli 1851 in Johann Denglers "Bierhalle" in der Wiener Vorstadt Fünfhaus (vor der Mariahilfer Linie) wurde er zwar ebenso bejubelt wie der am seiben Abend ebenfalls zum ersten Male vorgetragene Walzer "Gambrinus-Tänze", op. 97 – aber in der Folge erschien das Werk immer seltener in den Programmen der Strauß-Kapelle und wurde schließlich fast völlig vergessen. Strauß galt eben nicht als Marsch-, sondern als Walzerkönig. Das ist gewiß ein Unrecht, denn auch die Märsche der Strauß-Familie gehören zum Besten der gesamten, wienerischen Musik, aber gerade dieses Unrecht gibt unserer Zeit eine gute Chance; nämlich nicht nur den "Radetzky-Marsch" von Strauß-Vater zu bewundern, sondern auch die Marschkompositionen seiner Söhne zu entdecken und zu würdigen!


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