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8.223222 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 22
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Die Johann Strauß-Edition

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

Persischer Marsch, op. 289
Im Jahre 1864 schrieb Johann Strauß einige Werke, die er mit Widmungen an Regenten europäischer und asiatischer Länder versehen konnte. Die interessanteste dieser Kompositionen ist im Frühsommer in Pawlowsk bei St. Petersburg entstanden und wurde unter dem Titel "Persischer Armee-Marsch" mehrfach dem russischen Publikum als Novität vorgeführt: einmal bei etlichen Konzerten ab dem 11. Juli (d. i. 29. Juni nach dem russischen Kalender) – und dann bei einer Festveranstaltung am 17. Juli (= 5. Juli). In seiner Heimatstadt Wien hat Strauß das Werk unter dem Titel "Persischer Marsch" am 4. Dezember 1864 im Volksgarten bei einem Festkonzert vorgetragen, das – etwas verspätet – zur Erinnerung an die 20. Wiederkehr des nun schon legendären Debüts des Strauß-Sohnes als Musikdirektor im Casino Dommayer (15. Oktober 1844) veranstaltet wurde. Tags zuvor war die Klavierausgabe des Werkes ("Marche Persanne, Dedié à Sa Majesté Imperial Schah de Perse") im Verlag Spina veröffentlicht worden. Der Komponist war stolz auf sein Werk: er legte großen Wert auf die Feststellung, daß im Trio eine Originalmelodie aus Persien verwendet worden war, die er wohl jenem "Persischen Marsch" entnommen hatte, der in Form eines Harfensolos im Repertoire der Sommerkonzerte in Pawlowsk stand. In diesem Werk wurde diese Melodie als "persische Hymne" bezeichnet.

In Rußland wurde der Marsch von Johann Strauß populär und konnte während der Saison 65 Mal gespielt werden. In Teheran wurde die Komposition vom kunstsinnigen Schah Nasir ad Din (1831-1896) huldvoll angenommen und mit der Verleihung des "Persischen Sonnenordens" bedankt. In Wien wurde das Werk gewiß mit gebührender Achtung aufgenommen, verschwand aber bald im Archiv der Strauß-Kapelle.

Vergessen wurde der "Persische Marsch" allerdings nicht. Als Nasir ad Din im Jahr der Weltausstellung (1873) Wien einen Besuch abstattete, bereitete der als "eigenwillig" angekündigte Gast sowohl dem Kaiserpaar Elisabeth und Franz Joseph als auch dem protokollbewußten Hofstaat serienweise Verlegenheiten: dazu gehörte auch, daß niemand in Wien wußte, mit welcher Hymne der Schah zu empfangen sei. Rechtzeitig erinnerte man sich an den "Persischen Marsch" von Johann Strauß und verteilte die Noten an die Militärkapellen. Der Schah war abermals huldvoll und ließ sich diese Hymne gern gefallen.

Einige Jahre später brachte Johann Strauß bei einem Gespräch mit dem Librettisten seiner Operette "Der Zigeunerbaron" die Rede wieder auf den "Persischen Marsch" und meinte, er könne sehrwohl ein anspruchsvolles Werk wie diesen Marsch verfassen, aber wenn er eine Komposition für ein Massenpublikum brauche, dann müsse er eine andere Musik schreiben. Nun – heute sieht (und hört) man es anders: sowohl der "Persische Marsch" als auch der "Einzugsmarsch" für die Operette "Der Zigeunerbaron" werden als Meisterwerke erkannt und anerkannt.

Eine nicht unbedingt heitere Episode der Wiener Chronik gab es um den "Persischen Marsch" von Johann Strauß, als Schah Mohammed Reza Pahlavi während eines Staatsbesuches in Österreich eine Aufführung der Operette "Die Fledermaus" in der Wiener Volksoper besuchte. Dem Gast zu Ehren sollte als Zwischenspiel der "Persische Marsch" von Johann Strauß aufgeführt werden. Aus diesem Anlaß wollte man für den Schah ein Widmungsexemplar der Erstausgabe des Marsches bereitlegen. Im letzten Augenblick erkannte die Direktion, daß man damit einen peinlichen Zwischenfall heraufbeschwören könnte: die auf der Erstausgabe aufgedruckte Dedikation war ja an den Repräsentanten jener persischen Dynastie gerichtet, die von den Vorfahren des Gastes Reza Pahlavi gestürzt worden war. Dabei war Nasir ad Din ermordet worden.

Der Marsch wurde in der Volksoper zwar gespielt, aber das Widmungsexemplar der Erstausgabe konnte gerade noch rechtzeitig wieder aus der Loge entfernt werden ...

Maxing-Tänze, Walzer, op. 79
Am 6. Juli 1850 feierte Erzherzog Ferdinand Maximilian, der jüngere Bruder des Kaisers Franz Joseph, seinen 18. Geburtstag. Zu diesem Anlaß hatte er sich selbst ein prächtiges Geschenk gemacht: ein nach seinen eigenen Plänen im Schweizer Stil errichtetes Landhaus auf der Höhe jener Hügelkette in der Nähe des Schlosses Schönbrunn, auf der sich auch die Gloriette befindet. Das Gebäude wurde "Villa Maxing" genannt, und noch heute erinnert die Maxingstraße in Hietzing, in deren Häuserzeile sich übrigens auch jene Villa befindet, in der Johann Strauß fast 25 Jahre später seine Operette "Die Fledermaus" komponiert hat, an diese Region.

Der Geburtstag des beliebten Erzherzogs bot den Bewohnern von Hietzing Anlaß zu einem groß aufgezogenen Fest; Initiator war der Besitzer des Hietzinger Casino, Ferdinand Dommayer, und Herr Dommayer war es auch, der seinem Hauskapellmeister Johann Strauß die Gelegenheit verschaffte, bei diesem Fest vor der Villa Maxing zu konzertieren. Der junge Musikdirektor war für dieses Engagement besonders dankbar, denn es bot ihm die willkommene Gelegenheit, sich – wenn schon nicht dem Kaiser – so doch seinem Bruder als Dirigent und Komponist vorzustellen. Die Musik am allerhöchsten Kaiserhof, die Strauß-Vater bis zu seinem Tod als erster Träger des Ehrentitels "Hofball-Musikdirektor" hatte ausführen dürfen, war ja im Fasching 1850 dem Sohn vorenthalten worden, sodaß Philipp Fahrbach zum Zug gekommen war. Nun ergab sich für Strauß-Sohn die Chance, der Hofgesellschaft sein Talent und sein Können zu beweisen. Ferdinand Maximilian (der erste Vorname wurde später weggelassen – und als Kaiser Maximilian von Mexiko wurde der 1832 in Schönbrunn geborene, glücklose Habsburger im Jahre 1867 hingerichtet) hatte freilich nicht allzuviel Einfluß am Wiener Hof. Aber mit anderen Mitgliedern der kaiserlichen Familie ebnete er in der Folge dem jungen Staruß doch den Weg in die Hofburg. Dazu hat gewiß die bei der Geburtstagsfeier am 6. Juli 1850 vor der Villa Maxing zum ersten Male aufgeführte Walzerpartie mit dem Titel "Maxing-Tänze" beigetragen. Das Werk fand allgemeinen Beifall – und zwar mit vollem Recht: es gehört zu den besten und interessanten Arbeiten des jungen Musikdirektors. Von der feierlichen Introduktion bis zum stimmungsvollen Ausklang ist ein weiter Melodienbogen gespannt, dessen Glieder in schönster Harmonie ineinandergreifen. Von besonderem Reiz ist der Schluß der Coda: von ferne her klingen die Abendglocken der benachbarten Kirchen herauf auf den Hügel von Maxing.

Auch bei den nächsten Konzerten der Strauß-Kapelle – im Volksgarten und in Dommayers Casino – wurden die "Maxing-Tänze" vom Publikum mit entschiedenem Beifall aufgenommen und von der Kritik mit anerkennenden Worten gewürdigt. Er ist auch heute noch den Meisterwerken des späteren Walzerkönigs zuzurechnen.

Das Landhaus Maxing ging im Jahre 1864, als Maximilian nach Mexiko reiste, in den Besitz der Gemeinde Hietzing über, die dem künftigen Kaiser – dessen tragisches Schicksal freilich niemand auch nur ahnen konnte – dafür ein Denkmal setzte. Das Monument steht noch auf dem Hietzinger Platz, das Landhaus Maxing ist im Jahre 1955 abgebrannt.

L'Inconnue, Polka française, op. 182
Als Johann Strauß, etwa 30 Jahre alt, am 18. Mai 1856 (d. i. der 6. Mai nach dem russischen Kalender) zum ersten Male im Vauxhall von Pawlowsk die Geige hob und den Musikern seines Orchesters das Zeichen zum Beginn des Debüt-Konzertes gab, wußte er ganz genau, was die Direktion der Eisenbahngesellschaft erwartete, die ihn für die Sommersaison als Kapellmeister engagiert hatte: er sollte, nein, er mußte das Publikum so sehr faszinieren, daß möglichst viele Besucher aus der damaligen Metropole des Zarenreiches, aus St. Petersburg, die etwa 30 Kilometer lange Reise nach Pawlowsk antraten, um seine Konzerte zu besuchen. Johann Strauß, damals zweifellos einer der begehrtesten Junggesellen Europas, wußte ebenso genau, wie er das ihm gesteckte Ziel am besten erreichen konnte: er mußte vor allem die Mädchen und Frauen der Region für sich gewinnen. Das fiel ihm auch gar nicht schwer: er war es ja von seiner Heimatstadt Wien her gewöhnt, von Mädchen und Frauen "umschwärmt" zu werden. Dreizehn Mal, so verriet später seine Gattin Jetty, war der fesche Jean verlobt gewesen, eher er sich entschloß, die Ehe einzugehen. Das geschah aber erst im Sommer 1862. Als Strauß in Pawlowsk debütierte, war er noch ledig – und dementsprechend das Ziel geheimer, aber auch recht freimütig eingestandener Wünsche einer großen Schar von Verehrerinnen. Strauß wußte das Feuer, das ihm entgegenloderte, geschickt zu schüren: von seinem ersten Auftreten an kokettierte er mit temperamentvollem Geigenspiel und betörenden Blicken mit dem (weiblichen) Publikum. In der ersten Polka, die der flotte Musikdirektor in Rußland geschrieben hat, ist seine Taktik gleichsam auskomponiert worden: die Polka, der er bezeichnenderweise den Titel "L'Inconnue" (= "Die Unbekannte") geben ließ, beginnt zögernd-tändelnd: nur allmählich setzt sich der Rhythmus durch. Man hört förmlich, wie kokett dergeigende Musikdirektor vor den Blicken seiner Verehrerinnen tänzelt. Beim zweiten Benefizkonzert des Komponisten, das am 14. (2.) August 1856 in Pawlowsk stattfand, wurde diese Polka zum ersten Male vorgetragen – aber da hatte Strauß bereits Gewißheit, daß er längst zum Publikumsliebling avanciert war. Seitdem wurde viel, sehr viel über die tatsächlichen und angeblichen Liebesabenteuer des flotten Jean in Rußland geredet und geschrieben; dabei sind die Grenzen zwischen Dichtung und Wirklichkeit so vage geblieben, daß man bis zum heutigen Tag nicht genau erkennt, was sich tatsächlich zugetragen hat. Einiges ist "aktenkundig" – aber gerade "L'Inconnue", die unbekannte Schöne im Publikum von Pawlowsk, war diskret – und ist es auch für alle Zukunft geblieben.

Möglicherweise war für das Werk ursprünglich der triviale Titel "Pawlowsk-Polka" vorgesehen. Aber diese Bezeichnung wurde bald aufgegeben. Nein – diese Polka muß sich auch im Titel zu ihrem Auftrag bekennen, zum koketten Liebeständeln mit der "unbekannten".

Controversen, Walzer, op. 191
In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat sich Johann Strauß in zahlreichen Kompositionen mit den Einflüssen auseinandergesetzt, die aus Deutschland (Franz Liszt, Richard Wagner) und Italien (Giuseppe Verdi), aber auch weiterhin aus Frankreich (Charles Gounod, Jacques Offenbach) nach Wien übermittelt worden sind. Zu diesen zwar nicht unbedingt publikumswirksamen, aber für den Musikfreund besonders interessanten Arbeiten, in denen diese Impulse der damals modernen Musik für die wienersichen Tanzkompositionen ausgewertet worden sind, gehört auch die Walzerpartie "Controversen", die Johann Strauß für den Juristenball des Jahres 1857 geschrieben hat. Der Titel des Werkes, der Auseinandersetzungen ankündigt, veranlaßte Strauß zu einer "symphonichen Dichtung" (en miniature!): er steigerte ein neckisches Motiv, das er von Oboe, Klarinette und Fagott anstimmen ließ, zu einem auftrumpfenden Streit mit einer mächtigen Entladung. Aber gleich darauf entspannte er beim "Tempo di Valse" die Situation und zeigte dann, indem er den Walzer mit demselben Motiv begann, daß man diese Noten auch für einen fröhlichen, beschwingten Tanz verwenden kann. Um ja nicht mißverstanden zu werden, läßt Strauß dann auch die Coda des Walzers in sanfter Harmonie betont "friedlich" ausklingen: im Ballsaal gibt es keine "Controversen", sondern nur Fröhlichkeit und allgemeine Freude. Die Uraufführung des Walzers "Controversen", die beim Juristenball am 27. Januar 1857 im Sofienbad-Saal stattgefunden hat – das Werk ist daher den "Studenten der Rechte an der Universität Wien" gewidmet – erhielt denn auch allgemeinen Beifall. Aber so ganz überzeugt hat dieser "experimentierende" Walzer das zeitgenössische Publikum nicht: als nämlich beim Benefizball des Jahres 1857 darüber abgestimmt wurde, welche neue Arbeit der Brüder Johann und Joseph Strauß am besten gefiel, da erhielt keine der Walzerpartien für den Karneval 1857, auch nicht die "Controversen", die meisten Stimmen, sondern die aparte Polka française "Demi fortune", op. 186 (vgl. Vol. 24). Mehr Beifall erhielten die "Controversen" bei den Sommerkonzerten des Wiener Walzerkönigs in Pawlowsk bei St. Petersburg: dort war das Werk von Beginn der Saison an im Einsatz und der Komponist konnte seinem Verleger Carl Haslinger stolz berichten:"... meine in dem ersten Concerte gespielten Piecen der Neuzeit machten mir abermals schöne Erfolge".

Als die Novitäten des Faschings 1857 – darunter auch die "Controversen" – beim Schlußball im "Sperl" der Reihe nach vorgeführt wurden, schrieb die "Theaterzeitung" am 25. Februar 1857: "Die Musen scheinen Strauß begünstigt und ihm ein großes Füllhorn von Phantasie zur Verfügung gestellt zu haben, denn mit fabelhafter Leichtigkeit schafft er Melodie um Melodie."

Carnevals-Specktakel-Quadrille.., op. 152
Die Faschingsfeste in den Etablissements des aus Karlsruhe in die Kaiserstadt an der Donau eingewanderten und mit Beharrlichkeit, Unternehmungsgeist und Umsicht zu einem der erfolgreichsten Gastwirte aufgestiegenen Karl Schwenders (1806-1866) erwarben sich nach dem Revolutionsjahr 1848 einen legendären Ruf: in den sich ständig vergrößerenden Sälen und Hallen Schwenders versammelte sich bei den Bällen und Tanzfesten die Bevölkerung der Vorstadt zwischen Mariahilf und Schloß Schönbrunn in der reichen Vielfalt der Stände und der Nationalitäten der Donaumonarchie. "Beim Schwender" ist es niemals nach den Vorschriften der Etikette zugegangen; auch Noblesse war nicht gefragt – dafür triumphierte urwüchsiger Humor und kaum erschöpfbare Lust an Maskerade und Tanz. Später, viel später – gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als die Lichter in den einst dicht bevölkerten Etablissements längst erloschen waren – sind viele wehmütige Berichte über die Zeit geschrieben worden, in denen "pralles Volksleben" draußen "beim Schwender" zu bestaunen oder – noch besser! – mitzumachen gewesen war.

Viele Jahre lang hat die Strauß-Kapelle in Schwenders Lokalitäten Konzerte gegeben und zum Tanz aufgespielt. Aber vielleicht hat gerade die "Carnevals-Specktakel-Quadrille", die Johann Strauß im Fasching des Jahres 1854 bei seinem Benefizball am 21. Februar zum ersten Male vorgetragen hat, das Treiben "beim Schwender" am besten charakterisiert. In bunter Abwechslung folgen die Motive der Quadrille aufeinander, Gegensätze sind dabei nicht vermieden, sondern geradezu gesucht, und beim turbulenten Finale ließ Strauß dereinst – so steht es auch in der Partitur – alle Lärminstrumente loslegen. Man kann das für eine Aufnahme nicht so recht nachahmen: um das Werk auszukosten, hätte man schon dabei sein müssen, damals "beim Schwender". Aber wenn man es weiß und ein wenig Fantasie hat, kann man sich vielleicht doch vorstellen, wie es gewesen ist.

Der Referent des "Wiener Neuigkeitsblattes", der am 21. Februar 1854 die Uraufführung des Werkes miterlebt hat, schrieb jedenfalls begeistert für die Ausgabe vom 23. Februar: "Der beliebte Benefiziant dirigierte abwechselnd mit seinem Bruder (= Joseph) die Ballmusik und brachte nebst seinen letztkomponierten Walzern eine neue 'Carnevals-Specktakel-Quadrille' zur Aufführung, die, höchst originell komponiert, sich des größten Beifalls erfreute und sechsmal gespielt werden mußte." Auch der Referent des "Wanderer" hat darauf hingewiesen, daß draußen beim Benefizball vor der Mariahilfer Linie die neue von Strauß komponierte Quadrille "ob ihrer effektreichen Instrumentierung und ihrer pikanten Melodieführung sehr gefiel". Leider ist die Quadrille indessen fast schon verklungen, und auch das Titelblatt der Erstausgabe vermittelt nur eine recht unvollkommen Ahnung davon, wie es dereinst zugegangen ist im Karneval "beim Schwender", obwohl der Strauß-Schani darauf zu sehen ist, wie er seine Musiker leitet.

Nachtigall-Polka, op. 222
Johann und Joseph Strauß haben in die Reihe ihrer Kompositionen immer wieder einmal Werke eingegliedert, die nur für die Konzerte ihrer Kapelle und nicht für den Tanzsaal bestimmt waren. Das ist sehr gut zu verstehen, wenn man bedenkt, daß gerade die Strauß-Kapelle im Jahresablauf selbst dann weit mehr Konzerte gegeben als Ballmusiken beigesteuert hat, wenn in den wonnigen Wochen des Karnevals mehrere Ensembles im Einsatz waren oder in den Sommermonaten neben dem Konzertorchester, das etwa im Volksgarten spielte, auch eine Tanzkapelle (z. B. für das Etablissement Schwender oder für den "Sperl") aufgeboten wurde.

Im Jahre 1859 endete der Karneval für den "flotten Jean", der eifrig zum Tanz aufgespielt hatte, mit einem Nervenzusammenbruch. Gewiß – er hätte genügend Zeit gehabt, sich von dem Schwächeanfall zu erholen und pünktlich, wie er es geplant hatte, am 25. April zu seinem Engagement in Pawlowsk bei St. Petersburg (und zu seiner romantischen Geliebten, Olga Smirnitzkaja!) abzureisen. Aber bereits im März und erst recht in den ersten April-Wochen war abzusehen, daß es in Oberitalien zu einem Feldzug der kaiserlichen Truppen gegen das Königreich Sardinien und Frankreich kommen werde. Johann Strauß dachte zwar nicht daran, wegen dieser für das Kaisertum Österreich extrem nachteiligen Entwicklung seine Rußlandreise aufzugeben, aber er schob immerhin die Abreise nach St. Petersburg etwas hinaus und ließ erst am 1. Mai annoncieren, daß er an diesem Tage draußen in Ungers Casino in Hernals sein Abschiedskonzert geben werde. Das Publikum hatte sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, daß sich der elegante Musikdirektor jeweils mit einer Novität verabschiedete; und Strauß hatte tatsächlich ein Werk vorbereitet, das nun einmal kein Tanz, sondern ein Charakterstück war. Er legte die "Nachtigall-Polka" auf die Pulte seiner Musiker und hatte seine Freude daran, wie geschickt die Bläservirtuosen seines Orchesters mit ihren Trillern den Gesang der Nachtigall nachahmten und die Geiger die Illusion eines heftigen Flügelschlages erweckten. Vogelgezwitscher und das Schwirren der Flügel begeisterten das Publikum in Ungers Casino, und bezauberten wenig später auch die Musikfreunde in Pawlowsk und St. Petersburg, die sich in den folgenden Monaten dieses Charakterstück im Rhythmus einer Polka immer wieder vorspielen ließen.

Immer heiterer, Walzer im Ländlerstil, op. 235
In den Jahren der sogenannten "Gründerzeit", in denen sich die Kaiserstadt an der Donau weit über den engen Rahmen der mittelalterlichen Metropole hinaus ausdehnte und durch die Errichtung großartiger Wohnanlagen und Fabriken moderner wurde, zog sich die ursprüngliche Volksmusik immer weiter aus dem Stadtzentrum zurück. Man mußte nun schon hinausfahren zu den Buschenschenken am Stadtrand und in den noch nicht ins Stadtgebiet einbezogenen Vororten, um bei den Volksmusikanten die alten Ländler und Tänze zu hören, aus denen sich u. a. der wienerische Tanz, der Walzer, entwickelt hatte. Auch die Brüder Johann und Joseph Strauß wandten sich von jenen Kompositionen ab, in denen eine Verbindung von Ländler und Walzer hergestellt worden war, von den Walzern im Ländlerstil. Nur noch beim Kirtag in der Vorstadt Hernals und bei den Benefizbällen der Strauß-Kapelle im "Sperl" waren neue Tänze dieser Gattung aus den Federn der Strauß-Brüder zu hören. Im Jahre 1860 ging diese Tradition dann zu Ende: die Widmung für den Benefizball im "Sperl", die am 20. Februar zum ersten Male aufgeführt wurde, trug neben ihrem Titel "Immer heiterer" noch den Untertitel "Walzer im Ländlerstil". Auf dem Titelblatt der Klavierausgaben waren dann – ebenfalls zum letzten Male – Tanzpaare zu sehen, die sich im gemütlichen Ländlerstil eher unbeholfen als elegant dem Vergnügen hingaben. Die Zeit war reif – auch für den Wechsel in der Tanzmode; vielleicht war das der Grund, daß jene Heiterkeit, die zu den Alt-Wiener Festen stets dazugehört hatte und die auch vom Titel der Widmungskomposition beschworen wurde, in der Walzerpartie selbst nicht mehr so richtig zum Ausdruck kam. Da half es auch nicht viel, wenn in der Coda die Musiker ein kurzes Gelächter anstimmten: die wahre, unverfälschte, sorglose Heiterkeit aus vergangenen Jahren wurde mit dieser Komposition nicht mehr erreicht.

Gewiß – die Brüder Strauß beherrschten im Jahre 1860 noch souverän das Treiben in den wichtigsten Tanzsälen und Etablissements der Kaiserstadt. Der 34jährige Strauß-Schani hatte sich in der Gunst der Wiener als "neuer Walzerkönig" in der Nachfolge seines Vaters und Joseph Lanners endgültig durchgesetzt. Von ihm ging nun dieselbe Faszination aus, wie einst von seinem Vater. Das wurde auch in einem Artikel ausgedrückt, der am 21. Februar 1860 im letzten Jahrgang der "Wiener Theaterzeitung" erschienen ist und in dem zu lesen war:

"Wie fliegen in stürmischer Hast und feuriger Lust die Paare dahin, wenn Strauß, die Geige ans tänzelnde Knie gestemmt, am Dirigentenpulte steht und gar, wenn er selber zu spielen beginnt, die Geige hoch, weit über die wagrechte Linie erhoben, den Körper in ewig wogenden Biegungen windend, den Bogen in raschen Strichen über die Saiten führend – das zündet die Herzen, elektrisiert die Beine."

Gewiß – die Brüder Strauß waren die Ballregenten auch noch der Gründerzeit – aber in ihren Walzern spiegelte sich nicht mehr das alte Wien mit seiner heiteren Gemütlichkeit, sondern die moderne, nervöse, aber doch beschwingte und temperamentvolle Großstadt der Zukunft.

"Immer heiterer" war also ein Abschied, und zwar ein Abschied von den Strauß-Bällen im "Sperl" (der nächste Benefizball der Strauß-Brüder am Faschingmontag 1861 fand bereits im neuen Dianabadsaal statt) und zugleich ein Abschied von der alten Zeit. Es war wohl nicht zuletzt die Abschiedsstimmung, die in diesem schönen und interessanten Werk eine wahre Heiterkeit nicht aufkommen ließ.

Quadrille "Der Iustige Krieg", op. 402
Aus der Partitur seiner Operette "Der Iustige Krieg", die am 25. November 1881 im Theater an der Wien zum ersten Male aufgeführt worden ist, hat Johann Strauß mehr Tanzweisen arrangiert als aus seinen anderen Bühnenwerken. Das ist allerdings nicht verwunderlich: denn gerade in diesem amüsanten Spiel, das nichts Anderes ist als eine verwirrende Liebesgeschichte, haben sich für den Komponisten Gelegenheiten für viele, mit leichter Hand ausgestreute, Melodien gegeben, und Strauß hat diese Chancen souverän ausgenützt. Zuletzt faßte der Komponist noch einmal etliche Motive der Operette in einer Quadrille zusammen, ohne sich viel darum zu kümmern, ob er diese nicht bereits in anderen Stücken verwendet hatte.

Leider ist die Operette "Der Iustige Krieg", die übrigens der komischen Oper "Les Dames Capitaines" (1857) von Anne Honoré Joseph Mélesville und Napoléon-Henri Reber, "nachempfunden" worden ist, heute von den Bühnen verschwunden und nur in Operettenkonzerten kann man gelegentlich noch die Melodien hören, die Strauß in seiner Quadrille, op. 402, zusammengefaßt hat. Doch sind alle diese Melodien interessant genug, um auch ohne Bezug auf das Bühnengeschehen zu gefallen. Die Uraufführung der Quadrille erfolgte beim Concordiaball des Jahres 1882 im Sofienbad-Saal (er wurde am 14. Februar abgehalten), und zwar zusammen mit der Schnellpolka "Entweder – oder!", die ebenfalls aus Motiven der Operette "Der Iustige Krieg" besteht. Diese Polka, op. 403, findet sich auf Volume 18. Die erste Konzertaufführung der beiden Werke durch die Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung fand am 26. Februar 1882 im Musikverein statt.

Aus der Heimath, Polka Mazur, op. 347
Nach dem Premierenabend seiner ersten Operette "Indigo und die 40 Räuber", die am 10. Februar 1871 unter der Leitung des Komponiten über die Bühne des Theaters an der Wien gegangen ist, hat man Johann Strauß in etlichen Rezensionen mehr oder weniger unverblümt vorgeworfen, er habe für das Stück keine "dramatische" Musik geschrieben, sondern die Partitur einfach mit Tanzweisen gefüllt. Diese Ansicht war als Tadel gedacht – doch dabei übersahen die Kritiker die Qualität der von Strauß für seine erste Operette erfundenen Melodien. Die Kraft dieser Musik war so groß, daß sie nicht nur einen Triumph des in seinem Libretto abgeänderten Stückes in Frankreich ("La reine Indigo", Uraufführung am 27. April 1875 im Pariser Renaissance-Theater) ermöglichte, sondern auch einen nachhaltigen Erfolg in der Neufassung unter dem Titel "Tausend und eine Nacht", die am 15. Juni 1906 im Wiener Prater zum ersten Male gespielt wurde. Dementsprechend waren auch alle Tanzstücke, die Strauß aus der Partitur für Ballsäle und Konzertlokale herauslöste, erfolgreich, und zwar nicht nur kurz nach der Uraufführung der Operette im Jahre 1871, sondern auch in den folgenden Jahren und bis auf den heutigen Tag. Die Polka Mazur "Aus der Heimath", die von Eduard Strauß dem Publikum seiner Volksgarten-Konzerte am 2. Juni 1871 zum ersten Male präsentiert worden ist, bezieht ihren Titel aus dem Text eines Liedes, das von Janio gesungen worden ist, und von der Sehnsucht berichtet, die jeden Menschen so leicht befällt, wenn er sich lange Zeit in der Fremde aufhalten muß. Für Strauß war das Lied eine willkommene Gelegenheit, den Rythmus der Polka Mazur und Motive im Charakter der österreichischen Volksmusik miteinander zu verbinden.

Ninetta-Walzer, op. 445
Nach dem Scheitern seiner komischen Oper "Ritter Pasman" in der Wiener Hofoper (die Premiere war am 1. Januar 1892) kehrte Johann Strauß enttäuscht und verdrossen ins Lager der Operettenkomponisten zurück. Recht widerwillig akzeptierte er die Zusammenarbeit mit den erfolgreichen Librettisten Julius Bauer (1853-1941) und Hugo Wittmann (1839-1923) und vertonte der Reihe nach die Texte, die in einem Bühnenwerk, das den Titel "Fürstin Ninetta" erhielt, verwendet werden sollten. Da die beiden Librettisten ängstlich bemüht waren, das Sujet und den Gang der Handlung so lange wie möglich geheimzuhalten, wußte Strauß eigentlich bis zuletzt nicht, was in dem Stück vor sich ging, für das er seine Musik komponierte. Das war in diesem Fall sehr vorteilhaft, derin als Johann Strauß bemerkte, daß Bauer und Wittmann diesmal ein wirres Possenspiel, garniert mit mehr oder weniger guten Witzen und Wortspielen, geliefert hatten, das eigentlich auch ohne Musik hätte aufgeführt werden können, war er mit seiner wertvollen Arbeit längst fertig. "Ich habe Vieles zu edel aufgefaßt", schrieb Strauß einem Freund, und das eben macht den Reiz seiner Musik aus. Es ist gottlob keine musikalische Illustration für ein Possenpiel geworden, was Strauß in seiner Partitur präsentierte; es handelt sich um noble Musik eines durch seine Arbeit für die Hofoper zur letzten Reife seiner Kunst gelangten Meisters. Am Tag der Uraufführung der Operette "Fürstin Ninetta", dem 10. Januar 1893, erlebe Johann Strauß die seltsame Überraschung, daß Kaiser Franz Joseph der Vorstellung in der Hofloge beiwohnte. Bisher hatte der Monarch die Bühnenwerke seines Hofball-Musikdirektors, wenn überhaupt, dann im Sommertheater in Ischl kennengelernt; diesmal aber war er der dringenden Einladung der Direktrice des Wiedner Theaters, Alexandrine von Schönerer (1850-1919), gefolgt und zur Premiere erschienen. In der Pause empfing der Kaiser den "Walzerkönig" in der Loge und sprach ihm seine Anerkennung aus. Das versöhnte den Komponisten mit der Operette, von der er in einem Brief an den Dirigenten der Aufführung, Adolf Müller (1839-1901 ), geurteilt hatte: "Nach der Premiere der 'Ninetta' existirt diese, wie alle meine Produktionen nach ihrer Uraufführung, nicht mehr für mich." Nur wenn mehr als 20 Aufführungen zustandekommen sollten, würde er, so meinte Strauß weiter, sich die Aufführung ansehen und anhören, um wahrzunehmen, wie sie geht, wenn sie "eingewerkelt" sei. Nun – Strauß wurde dann durch die Tatsache überrascht, daß die Operette immerhin 76 Aufführungen erlebte. Auch beim Arrangieren des "Ninetta-Walzers" hat sich Johann Strauß sehr bemüht, den noblen Stil seiner Musik allein schon durch die sorgfältig ausgearbeitete Introduktion hervorzuheben. Dann hatte er nur noch die Hauptmelodien der Bühnenmusik zusammenzufassen: das Lied "Einst träumte mir" – das im Theater Alexander Girardi in der Rolle des ägyptischen Finanzministers Kassim Pascha [!] vorzutragen hatte – sowie das Lied der Ninetta (Nr. 10 der Operette), das zweite Walzerlied Kassim Paschas (Nr. 14) und schließlich zwei Motive aus dem Quintett (Nr. 8) und aus dem Finale des 1. Aktes (Nr. 6). Sogar die "Werkelmusik" im Dreivierteltakt klingt nicht trivial, obwohl sie eigentlich leierkastenmäßig sein sollte.

Mit der Uraufführung des Walzers in den Strau ß-Konzerten ließ sich Eduard Strauß ungebührlich lang Zeit. Erst als Johann ihn mahnte, der Walzer sei bereits im Druck erschienen, setzte Eduard die Wiedergabe des Werkes bei seinen Konzerten im Musikverein (zusammen mit der "Neuen Pizzicato-Polka", op. 449, Vol. 2) für den 29. Januar 1893 fest. Als dann Johann Strauß an diesem Tage die genannten Kompositionen im Musikverein selbst dem Publikum vorstellte, waren die Militärkapellmeister dem Strauß-Orchester bereits zuvorgekommen. Carl Michael Ziehrer führte den "Ninetta-Walzer" bereits am 21. Januar in der Wiener Hofburg anläßlich eines Familien-Diners auf (Erzherzogin Sofie, die älteste Tochter des Erzherzogs Karl Ludwig, heiratete Herzog Albrecht von Württemberg), einen Tag später war das Werk im Wiener Volksgarten beim Konzert des Infanterie-Regiments Nr. 19 öffentlich zu hören. Das beeinträchtigte aber die Aufführung unter persönlicher Leitung des Komponisten am 29. Januar im Musikverein nicht: Strauß erhielt für sein Werk stürmischen Beifall und mußte es zweimal wiederholen. Da Strauß die "Neue Pizzicato-Polka", die er ebenfalls konzertant vorführte, sogar dreimal wiederholten mußte, war er mit dem Erfolg seines Auftretens durchaus zufrieden. Die "Neue Freie Presse" konstatierte damals: "Johann Strauß ward in seltener Weise bejubelt, und der Enthusiasmus des Publicums wollte sich kaum legen." Nun – sowohl die Polka als der "Ninetta-Walzer" hatten Jubel und Enthusiasmus gewiß verdient.

Klipp – Klapp, Galopp, op. 466
Als der Textdichter der Operette "Waldmeister", Gustav David (1856-1951), dem Komponisten Johann Strauß sein Libretto vorlegte, fand dieser gleich im ersten Akt eine Szene vor, die in einer Mühle spielt. Eine Jagdgesellschaft war in ein Gewitter geraten und hatte vor Regen und Sturm in der Mühle Zuflucht gefunden. Die Damen und Herren vertauschten ihre durchnäßte Kleidung mit dem Gewand der Mühlenangestellten; darüber vergaßen sie den Ärger über das Unwetter und stimmten fröhlich einen Gesang an, und zwar zu einem Text mit den Worten:

"Klipp, klapp, rasch dem Glücke nach,
klipp, klapp, eilt der junge Bach,
klipp, klapp, nimm' Dir eine Lehr',
klipp, klapp, mach es so wie er!"

Als Johann Strauß diese Worte las, fiel ihm eine Szene aus seiner Jugend ein. Was sich vor etwa 60 Jahren zugetragen hat, wissen wir aus einem Brief, den der Beamte der Wiener Polizei und eifrige Gelegenheitsdichter Josef Weyl (1821-1895) – von ihm stammt u. a. der erste Text des "Donauwalzers": "Wiener, seid froh!" – im Jahre 1884 an Strauß gerichtet hat. Darin heißt es:

"Erinnern Sie sich noch theuerster Freund des naiven Liedchens: 'Klipp, klapp, geht die Mühle im Thai, Müller Müller! War sehr radikal etc. 'Ich schrieb' es binnen fünf Minuten. Sie hatten es in kaum längerer Frist komponirt, der arme, unvergeßliche Bruder Pepi mußte es dann singen!"

Als sich Strauß an dieses Erlebnis erinnerte, fiel ihm auch die Melodie wieder ein, die er in seiner Jugend "binnen fünf Minuten" niedergeschrieben hatte. Sie wurde in die Partitur der Operette "Waldmeister" aufgenommen und war nun ein prächtiges Beispiel für die an sich schon sehr reichhaltige Verwendung des "Mühlenmotivs" – also des unermüdlich sich drehenden Rades am Ufer eines Baches – in der Musik. (Vgl. auch die Polka "Moulinet", op. 57, von Joseph Strauß.)

Nach der Premiere der Operette "Waldmeister", qie am 4. Dezember 1895 mitgroßem Erfolg im Theater an der Wien stattfand, arrangierte Johann Strauß – wie gewohnt! – aus den Motiven des Bühnenwerkes Tanzkompositionen. Dabei gab er selbstverständlich die erneuerte Melodie aus der Jugendzeit ebenfalls heraus, und zwar als Galopp mit dem Titel "Klipp – Klapp". Die erste Aufführung dieses Werkes erfolgte am 10. Februar 1896 beim Concordiaball im Sofienbad-Saal, und zwar durch die Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung. Am 23. Februar im Musikverein nahm Eduard den Galopp zum ersten Male ins Programm seiner Sonntagskonzerte auf. Das Werk ist bis auf den heutigen Tag populär.


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