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8.223228 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 28
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

"Freiwillige vor!", Marsch, ohne op.

 

Am Abend des 8. Dezember 1881 hat sich die größte Katastrophe der Wiener Theatergeschichte ereignet. Vor Beginn der zweiten Aufführung der Oper "Hofmanns Erzählungen" von Jacques Offenbach gerieten im Ringtheater zuerst die Bühnenausstattung, dann aber sehr rasch auch der Zuschauerraum in Flammen; das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. Es gab hunderte Tote und Schwerverletzte. Bei diesem traurigen Anlaß stellte sich heraus, daß weder die Feuerwehr noch das medizinische Personal der Kaiserstadt für eine solche Katastrophe ausgerüstet waren. Daraufhin gründete ein Personenkomitee, an der Spitze der tatkräftige Hans Graf Wilczek, der Beamte Eduard Graf Lamezan und der Arzt Jaromir Baron Mundi, die seither in Wien bestehende Freiwillige Rettungsgesellschaft. Da diese für das Leben der Millionenstadt ungemein wichtige Organisation aber auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen war, kam es immer wieder zu Engpässen in der Finanzgebarung. Als im Sommer 1886 Hans Graf Wilczek bei Strauß in Schönau zu Besuch war, kam dieser Umstand zur Sprache. Wilczek schlug vor, im Fasching 1887 einen Rettungsball abzuhalten; daraufhin erklärte sich Strauß bereit, aus diesem Anlaß eine feierliche Empfangsmusik zu schreiben, und zwar einen Marsch anstelle der üblichen Polonaise. Strauß hielt Wort und so konnte das Werk beim Ball der Freiwilligen Rettungsgesellschaft am 30. Januar 1887 im Sofiensaal dem Publikum präsentiert werden: gespielt wurde der Einzugsmarsch unter dem Titel "Freiwillige vor!" (also unter dem Motto der Freiwilligen Rettungsgesellschaft) von der Strauß-Kapelle unter Eduard Strauß und überdies gab es eine Sonderausgabe der Novität mit dem Aufdruck: "Gewidmet in Erinnerung an den ersten Wohltätigkeitsball der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft" für die Ballgäste. Well das Werk als Sonderausgabe erschien, wurde es auch mit keiner Opuszahl versehen. Der Verkaufserlös der folgenden Ausgabe im neuen Wiener Verlag Josef Weinberger wurde dann ebenfalls der Rettungsgesellschaft zur Verfügung gestellt. Da es sich bei der Komposition "Freiwillige vor!" um einen feierlichen Einzugsmarsch handelte, wählte Strauß eine ähnliche Form wie beim "Jubelfest-Marsch", op. 396 (Vol. 15). Es handelte sich in beiden Fällen eben um Fest-Märsche, also um Charakterstücke im feierlichen Marschrhythmus.

 

"Einheits-Klänge", Walzer, op. 62

 

Die Walzerpartie mit dem Titel "Einheits-Klänge" hat Johann Strauß mit großer Wahrscheinlichkeit in zwei Arbeitsgängen niedergeschrieben. In seinem Skizzenbuch ist ein Motiv enthalten, das mit dem Datum 13. Juli 1848 versehen worden ist. Das war jene Epoche in der dramatischen, politischen Entwicklung der Monarchie, und vor allem natürlich in Wien, in der sich das Interesse dem Reichstag zuwandte, der in Frankfurt am Main tagte und zu dessen Zielen die "Deutsche Einheit" gehörte. Am 26. Juli 1848 spielte Johann Strauß-Vater bei einem Sommerfest auf dem Wasserglacis seinen "Marsch des einigen Deutschland", op. 227, zum ersten Male auf. Im Herbst 1848 war der Traum von der "Deutschen Einheit" wieder vorüber; die Truppen des Kaiserhauses kämpften in Italien gegen die Auflösung der Monarchie in der Lombardei und in Venetien, sie schlugen die Revolution in Wien nieder und mußten schließlich - im Zusammenwirken mit den Truppen des Zaren - auch den Aufstand im Königreich Ungarn bekämpfen, der die Loslösung des Gebietes östlich des Grenzflußes Leitha zum Ziel hatte. Nur mit Mühe gelang es damals, wenigstens die Einheit der Monarchie zu bewahren. Im Dezember 1848 bestieg Franz Joseph in Olmütz den Thron; sein Kanzler, Felix Fürst Schwarzenberg, hatte den festen Willen, die Einheit der Monarchie mit allen Mitteln zu sichern. Als politische Grundlage für dieses Vorhaben diente die neue Verfassung, die im Februar 1849 formuliert und am 4. März verkündet (genauer gesagt: "oktroyiert", also aufgezwungen) wurde. Unmittelbar danach muß der junge Strauß seine Walzerpartie "Einheits-Klänge" zum ersten Male vorgetragen haben. Der Titel hatte nun einen anderen Sinn erhalten; er konnte als Bekenntnis des im Sommer 1848 durchaus auf Seiten der Revolutionäre agierenden Johann Strauß zur neuen Ordnung gelten. Am 10. Juni 1849 ist das Werk (und zwar in der Klavierausgabe) veröffentlicht worden. Aus diesem Anlaß konstatierte die "Theaterzeitung" lakonisch: "Man lese nur die Titel [der neuen Kompositionen von Strauß-Sohn] durch und man wird fühlen, daß sie Dinge enthalten, die so ziemlich für die gegenwärtigen Zeiten nottun. Wir halten es mit den 'Einheits-Klängen' ...".

 

Die Orchesterstimmen des Walzers - übrigens des einzigen Walzers von Johann Strauß, der ohne Introduktion publiziert worden ist - wurden niemals gedruckt; die vom Verlag angekündigten "correcten Abschriften" sind verloren gegangen, konnten jedenfalls bisher nicht aufgefunden werden. Arthur Kulling hat daher diese Komposition, die in späteren Jahren nie mehr in den Programmen enthalten war, für die Gesamtaufnahme instrumentiert.

 

"Spleen", Polka Mazur, op. 197

 

Am 1. November 1857 erschien Johann Strauß im Volksgarten zum ersten Male nach der Sommersaison, die er wieder in Rußland verbracht hatte, vor dem Publikum seiner Heimatstadt und führte der Reihe nach seine in Pawlowsk und St. Petersburg entstandenen Kompositionen vor. Darunter befand sich eine Polka Mazur, also ein typisch russisches Tonstück, mit dem damals nicht allgemein gebräuchlichen englischen Titel "Spleen". Aber vielleicht hat man schon zu dieser Zeit in der Kaiserstadt an der Donau zu einem Zeitgenossen, der Eigenheiten in seinem Verhalten und in seinen Liebhabereien erkennen ließ, die sich deutlich von den als vernünftig und dem rationellen Verstand erklärbaren Tun und Lassen abwichen, gesagt: "Er hat eben einen Spleen." Vor allem die Engländer galten als anfällig für solche Eigenheiten (daher sich auch das englische Wort "spleen" in der Bedeutung Hypochondrie, aber nicht Übellaunigkeit, in Wien einbürgerte). Aber man hielt auch die Russen - vor allem die wohlhabenden Mitglieder der Adelsfamilien im Zarenreich - als durchaus anfällig für den einen oder anderen Spleen.

 

So ist es wohl auch zu verstehen, daß Johann Strauß im Sommer 1857 diese Komposition einem seiner Freunde aus dem Kreis dieser Adelsfamilien und reichen Musikfreunde zugedacht hat. Freilich hat er diskret eine namentliche Widmung des Werkes unterlassen. Die Polka Mazur "Spleen", die zwar in Rußland komponiert, aber erst in Wien reingeschrieben und dem Verleger zugeleitet worden ist (die Original-Stichvorlage befindet sich in Wien im Rundfunkarchiv), gehört zu den kostbarsten Arbeiten des flotten Jean. Das erkannte auch der Rezensent der "Theaterzeitung", der beim Konzert im Volksgarten am 1. November 1857 anwesend war. Er schrieb nämlich in der Ausgabe vom 3. November u.a.: "Jede der am Strande der Newa entstandenen Kompositionen steigerte den Jubel; namentlich die wundervolle, ganz im Chopin'schen Style gehaltene 'Spleen-Polka Mazurka' mit ihren brillanten, zarten und pikanten Figuren, ihrer schwungvollen Instrumentation verfehlte nicht, die animierteste Stimmung hervorzurufen."

 

Ein ferner Nachklang dieses Werkes ("Imitation" in der Flötenstimme, erstes Motiv) findet sich in der im Jahre 1886 in St. Petersburg von Strauß präsentierten Polka Mazur "Mon salut", die unter dem Titel "An der Wolga", op. 425 (Vol. 32), im Druck erschienen ist. War das Zufall oder Absicht? Strauß hat auch dieses Geheimnis für sich behalten. Er war eben - wie gesagt - diskret.

 

"Telegraphische Depeschen", Walzer, op. 195

 

Johann Strauß hat seinen Walzer "Telegraphische Depeschen" im Sommer des Jahres 1857 in St. Petersburg komponiert und das Werk seinem Freund, dem Wiener Pianisten Johann (Jean) Promberger (1810-1890) gewidmet. Gleich in den ersten Takten der Introduktion ertönt das charakteristische Ticken des damals noch recht unbeholfenen Geräts, mit dem elektrische Impulse im Rhythmus der Morsezeichen über Drahtverbindungen zu den Poststationen anderer Städte und Länder gesendet werden konnten. Daß die von Johann Strauß ersonnenen Impulsfolgen zwischen den Metropolen Wien und St. Petersburg ausgetauscht worden sind, läßt das von Wilhelm Tatzelt ausgeführte Titelblatt der Erstausgabe für Klavier erkennen: es zeigt die bekanntesten Gebäude der Städte an der Newa und an der Donau. In der Musik freilich gibt nur das Wienerische buchstäblich den Ton an.

 

Eine Abschrift des Werkes mit dem Datum 30. August 1857 landete bei Joseph Strauß in Wien, aber ehe dieser die Depeschen aus Rußland dem heimischen Publikum vorspielen konnte, hatte Johann seinen Walzer selbst im Vauxhall von Pawlowsk uraufgeführt, und zwar bei seinem vierten Benefizkonzert am 6. September 1857 (d.i. der 25. August nach dem russischen Kalender). Joseph hat die Wiener Erstaufführung des Werkes bei seinem eigenen Benefizkonzert am 18. Oktober 1857 im Volksgarten nachgeholt. Schon im Vorbericht hatte die "Theaterzeitung" (16. Oktober) darauf hingewiesen, daß der Walzer "Telegraphische Depeschen" in Rußland sensationellen Erfolg erzielt habe. Nach dem Konzert im Volksgarten urteilte der Chronist der "Theaterzeitung" über den Walzer und die ebenfalls für Wien neue "Cäcilien- (= Olga-) Polka", op. 196, mit den Worten: "In diesen beiden Piecen macht sich die Unerschöpflichkeit der Melodien Johanns auf das Glänzendste geltend, denn diese Tänze bilden eine reizende Guirlande der originellsten und einschmeichelndsten Melodien, die aus Strauß' Feder geflossen."

 

Welcher von den beiden Städten, zwischen denen die Depeschen gewechselt wurden, Johann Strauß den Vorzug gab, hat er am Schluß der Coda unmißverständlich anklingen lassen: nach einem schroffen Akkord wird nämlich die berühmte Melodie zitiert, mit der Wenzel Müller im Jahre 1822 die Worte "Ja nur a Kaiserstadt, ja nur a Wien" vertont hatte. Diese Melodie, die nun ein Bekenntnis von Johann Strauß zu seiner Heimat war, kannte damals jedes Kind, vor allem natürlich in der Kaiserstadt an der Donau.

 

N.B. Der Walzer "Telegraphische Depeschen" ist im Manuskript erhalten. Alle vorhergehenden Werke sind nur aus Abschriften oder aus den Stimmen bzw. dem Klavierauszug der Erstausgabe bekannt.

 

"Concordia", Polka Mazur, op. 206

 

Die Polka Mazur "Concordia", die Johann Strauß im Fasching 1858 unter dem Titel "Eintracht" zum ersten Mare in Wien aufgespielt hat, gehört zu den unauffälligsten Werken des Walzerkönigs. So verhalten gab sich der sonst so temperamentvolle, das Publikum im Ballsaal anfeuernde Musikdirektor nur selten. Strauß unternahm bei diesem Werk auch keinen Versuch, die ursprüngliche polnische Mazur der wienerischen Musik anzunähern, verzichtete aber auch auf den straffen Rhythmus, wie ihn sein Bruder Joseph etwa gleichzeitig in seiner Polka Mazur "Die Amazone", op. 49, effektvoll verwendete. Eher denkt man, wenn diese Mazur erklingt, an die Nähe der polnischen Musik zu den slawischen Weisen der Slowakei und in Rußland. Aber die Polka Mazur aus dem Fasching 1858 war für den einzigen repräsentativen Ball der protestantischen Gemeinde in der Kaiserstadt Wien bestimmt, bei dem Strauß im Redoutensaal zum Tanz aufgespielt hat. Die wenigen Berichte über diesen Ball lassen vermuten, daß es den Veranstaltern bei diesem Fest am 10. Februar 1858 in der kaiserlichen Hofburg eher um Repräsentation zu tun war als um ein fröhlich-ausgelassenes Tanzvergnügen. War das der Grund dafür, daß Strauß sein Temperament gezähmt und sich zu verhaltenem Musizieren bereit gefunden hat? Nun - man kann seinen Gedanken darüber nachhängen, zu erklären ist es eigentlich nicht; ebensowenig ist klar, warum der Verleger Haslinger, der diese Komposition mit einiger Verspätung im Mai 1858 im Druck hat erscheinen lassen, den ursprünglichen Titel "Eintracht" nicht beibehalten, sondern an seine Stelle das Wort "Concordia" gesetzt hat. Gewiß - "Concordia" bedeutet so viel wie Eintracht und der Name war noch nicht an die erst im Jahre 1859 gegründete Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" vergeben. Aber was sollte die lateinische Bezeichnung für eine Komposition, die auf dem Protestantenball uraufgeführt worden ist? Sie gibt Rätsel auf, diese kleine, wenig beachtete Komposition. Die Zeitgenossen haben sich freilich darüber kaum Gedanken gemacht, denn das Werk war zwar noch bei der Karnevalsrevue der Brüder Strauß am 28. Februar 1858 zu hören, verschwand aber dann sehr rasch aus dem Repertoire der Strauß-Kapelle.

 

"Tête-á-Tête-Quadrille", op. 109

 

Die fröhliche Quadrille, die Johann Strauß für den Karneval 1852 vorbereitet hat, war mehrfach verwendbar: der junge Musikdirektor nannte sie "Tête-á-Tête" und Gelegenheiten zu einem vertraulichen Zusammensein - denn das bedeutet "Tête-á-Tête" im Sprachgebrauch - ergaben sich sowohl beim Gastspiel der Strauß-Kapelle am 4. Februar 1852 in Preßburg (heute Bratislava in der Slowakei) als auch beim Strauß-Benefizball am 17. Februar im "Sperl" in der Leopoldstadt. Bei diesen Anlässen hat Strauß die neue Quadrille auch vorgeführt: in der kleinen Schwesternstadt Wiens an der Donau, die damals mit der Metropole des Habsburgerreiches weit enger verbunden war als dies heute zwischen Bratislava und Wien der Fall ist. Strauß hat - wie aus Zeitungsberichten hervorgeht - das Werk "Souvenir á Preßbourgh" genannt. Beim Strauß-Ball war dann lediglich von einer Novität die Rede und als Haslinger das Werk mit einiger Verspätung im Herbst 1852 im Druck erscheinen ließ, da stand dann der Titel "Tête-á-Tête" auf dem Titelblatt. Diese Bezeichung befindet sich jedoch bereits auf der Stichvorlage, die Strauß dem Verleger Haslinger hat zukommen lassen: sie dürfte also vom Komponisten selbst festgelegt worden sein. Für den Effekt des fröhlichen, mit viel Raffinement gestalteten Stückes war der Titel unwesentlich. Die Quadrille hatte Erfolg und gerade auf sie paßt der Satz, den die "Wiener Musikzeitung" am 19. Februar über die Strauß-Novitäten für den Karneval 1852 veröffentlicht hat: "Jede einzelne dieser Kompositionen überbietet die andere an Originalität und Melodienreichtum."

 

"Lebenswecker", Walzer, op. 232

 

Für den Medizinerball des Jahres 1860, der am 24. Januar im Sofiensaal stattgefunden hat, schrieb Johann Strauß einen besonders kostbaren Walzer und gab dem Werk im Einvernehmen mit den "Hörern der Medizin an der Hochschule zu Wien", denen der Walzer gewidmet worden ist, den Titel "Lebenswecker". Daß sich der Komponist bei der Niederschrift der Melodien etwas Besonderes vorgenommen hatte, ist gleich beim ersten Walzer festzustellen, der mit einer bravourösen Gegenstimme aufwartet. Das Werk ist nach der Rückkehr des flotten Jean im Spätherbst 1859 aus Pawlowsk entstanden und zwar etwa zu dem Zeitpunkt, an dem Strauß erkennen mußte, daß sein Liebesabenteuer mit Olga Smirnitzkaja nicht in ein "happy end" münden werde. Wollte sich Strauß mit diesem Werk selbst neuen Lebensmut geben? Wir wissen es nicht - aber die Aufschwungsmotive des Walzers legen solche Gedanken nahe.

 

Aber es gibt noch eine andere Überlegung: Der Titel "Lebenswecker" war schon einmal verwendet worden, und zwar von Joseph Lanner im Fasching 1836, ebenfalls bei einer Widmung für den Medizinerball am 19. Januar im Apollo-Saal. Lanners Opus 104 wurde in einer Epoche der politischen und wirtschaftlichen Stagnation geschrieben und bot vielleicht schon aus diesem Grunde tändelnde, eher anmutige als anregende Melodien - Strauß aber betraute gleich zu Beginn seines Walzers die Trompete mit der Stimmführung: ihm war es ernst mit der Anfeuerung, mit dem Erwecken und temperamentvollen Entfalten eines neuen Lebensgefühls. Das paßte genau in die Entstehungszeit, die ja in der Wiener Chronik unter der Bezeichnung "Gründerzeil" registriert wird.

 

Die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts brachten aber auch dem Strauß-Orchester den Höhepunkt seiner Bedeutung für das Wiener Musikleben: so gut wie alle einigermaßen wichtigen Bälle wurden damals von der vielfach verstärkten und in mehrere Kapellen aufgeteilten Musikerschar unter der Führung der Brüder Johann und Joseph, später auch Eduard Strauß, betreut. Strauß war damals allgegenwärtig!

 

"Unter Donner und Blitz", Polka schnell, op. 324

 

Hofball-Musikdirektor Johann Strauß hat seinen Freunden und Kollegen in der Künstlervereinigung "Hesperus" mit einigen Zeilen mitgeteilt:

 

"Ich beehre mich, dem geehrten Comité den Titel 'Sternschnuppe' für eine, für den Hesperusball bestimmte Composition, und zwar Schnellpolka, vorzulegen."

 

Dieses Briefchen mag zu Beginn des Jahres 1868 verfaßt worden sein. Es ist durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß Strauß zunächst das Aufleuchten eines verglühenden Meteorits (= Sternschnuppe) in einer Schnellpolka nachvollziehen wollte: aber seine Muse wollte es anders. Strauß überraschte daher beim Hesperusball, der am 16. Februar im Dianabad-Saal abgehalten wurde, seine Vereinskollegen im Zeichen des Abendsterns (= Hesperus) mit einer musikalischen Vision unter dem Titel "Donner und Blitz". Strauß hatte sich eine fröhliche, unbekümmerte Schnellpolka einfallen lassen, die an die Sommerzeit erinnert, wenn diese am heißesten ist und manchmal schwere, drohende Gewitterwolken den Himmel verdüstern. Daß Blitze mitunter höchst gefährlich sind - daran wollte Strauß freilich nicht einmal denken. Seine rasante, kräftig zupackende, ungemein effektvolle Polka treibt übermütig "mit Entsetzen Scherz" - und schlägt gerade als Jux auch heute noch unfehlbar ein.

 

Die Uraufführung der Schnellpolka "Unter Donner und Blitz" beim Hesperusball am 16. Februar 1868 ist durch Eintragungen ins Notizheft seines Bruders Joseph und ins Verzeichnis des Hornisten Franz Sabay bezeugt.

 

"Illustrationen", Walzer, op. 331

 

Mit dem steten Ausbau des Pressewesens in der Donaumonarchie Österreich-Ungarn gewann auch die Bereicherung der Zeitungen und Zeitschriften durch Illustrationen immer mehr an Bedeutung. Allwöchentlich erschienen nun in Wien Journale, die das Zeitgeschehen durch kunstfertige, flott hingestrichelte Zeichnungen kommentierten und sich natürlich auch über Zeitgenossen lustig machten. Für die Illustratoren, die sich bisher vor allem bei der Gestaltung derTitelblätter für die Klavierausgaben der Tanzkompositionen auf das Beste und Schönste bewährt hatten, fand sich ein neues Betätigungsfeld für die Ausübung ihrer Kunst. Es ist daher leicht zu erklären, daß Johann Strauß seine Widmung für den Concordiaball 1869 unter dem Titel "Illustrationen" herausgab. Das Werk erschien als Opus 331 am 2. Februar 1869 im Verlag C.A. Spina. Die Uraufführung des Walzers hatte am 26. Januar 1869 beim Concordiaball im Sofiensaal stattgefunden, bei dem alle drei Brüder Strauß abwechselnd das Orchester dirigierten und mit Widmungen aufwarteten. Joseph Strauß spielte in dieser Ballnacht seine Polka française "Concordia", op. 257, auf, Eduard die Polka Mazur "Vom Tage", op. 46. Der Bericht im "Fremden-Blatt" vom 28. Januar 1869, der übrigens den Concordiaball als das "glänzendste Tanzfest" dieses Karnevals bezeichnete, hob ausdrücklich hervor, daß Johann Strauß seinen Widmungswalzer "Illustrationen" nach der Uraufführung im Ballsaal sofort wiederholen mußte.

 

"Pappacoda-Polka" française, op. 412

 

Der lustige Makkaroni-Koch Pappacoda ist eine der Hauptpersonen in der Operette "Eine Nacht in Venedig" von Johann Strauß. Es ist daher selbstverständlich, daß eines der sechs Tanzstücke, die der Komponist nach Motiven dieser Operette arrangiert hat, nach dem fröhlichen Gesellen benannt werden mußte. Umso mehr befremdet, daß Strauß das Auftrittslied des Kochkünstlers mit dem Refrain "Drum sei fröhlich, sei fröhlich Venetia, Pappacoda, Pappacoda, Pappacoda ist da" nicht für diese Komposition verwendet hat: aber wenn diese Melodie nun in der Schnellpolka "So ängstlich sind wir nicht", op. 413, erklingt, so wird sofort verständlich, warum sie dort ihren Platz gefunden hat: der Rhythmus dieser Melodie ist eben jener einer Schnellpolka. Aber für die "Pappacoda-Polka" blieb immerhin das Couplet, in dem sich Pappacoda seiner Kochkunst rühmt: "Take, take, tak, erst hack' ich fein" (Trio). Weitere Polkarhythmen fand Strauß in seiner Partitur z. B. im 3. Akt (Nr. 16, Spottlied) und im Part des Caramello (1. Akt, Nr. 4). Die Uraufführung der "Pappacoda-Polka" folgte den Operettenpremieren am 3. Oktober 1883 in Berlin und am 9. Oktober in Wien im Abstand von mehreren Wochen. Am 5. Dezember 1883 erschien die Druckausgabe im Verlag Cranz und anschließend erklang das Werk in den Strauß-Konzerten und bei den Vorträgen der Militärmusikkapellen in der gesamten Monarchie.

 

"Frisch in's Feld", Marsch, op. 398

 

Ebenso wie der "Lustige Krieg-Marsch", op. 397 (Vol. 29), wurde der Marsch "Frisch in's Feld" aus Motiven der achten Operette des Walzerkönigs Johann Strauß arrangiert, die am 25. November 1881 mit größtem Erfolg zum ersten Male über die Bretter des Theaters an der Wien gegangen ist. Der Komponist hat die reiche Partitur dieses Werkes geradezu ausgeplündert, um der Nachfrage nach neuen Tanzkompositionen nachzukommen. Das hat dazu geführt, daß einige Motive gleich mehrfach verwendet worden sind: für den Marsch "Frisch in's Feld" rekrutierte (wenn dieser militärische Ausdruck angesichts des nur scheinbar kriegerischen Titels der Operette gestattet ist) das Couplet der Artemisia (Nr. 8 aus dem 2. Akt), "Commandirt, instruirt hab' ich manche Compagnie", und "Den Feind, den möcht' ich seh'n" (diesen Teil hat Strauß zusätzlich in der Schnellpolka "Entweder-oder", op. 403, untergebracht). Im Trio erscheinen dann Motive aus dem 1. Akt.

 

Die Uraufführung des Marsches "Frisch in's Feld" erfolgte am 6. Januar 1882 im Goldenen Saal des Musikvereins durch Eduard Strauß. Auf dem Titelblatt des Klavierauszugs der Erstausgabe findet sich eine Widmung an das Graf Adolf von Nassau Infanterie-Regiment, Nr. 15. Man hat diese Widmung später mit der Begeisterung der Regimentsmusik für die Strauß- Kompositionen erklärt und als Anlaß einen Garnisonswechsel der Truppe angegeben; in der zeitgenössischen Berichterstattung wurde die Widmung weder erwähnt noch begründet.


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