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8.223230 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 30
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

"Fest-Marsch", op. 49

 

Vor seinem Aufbruch zu der gewagten Balkan-Tournee im Herbst 1847 spielte Johann Strauß-Sohn eine ganze Reihe von Novitäten auf: darunter befand sich der später als Opus 49 veröffentlichte "Fest-Marsch". Erklungen ist das Werk zum ersten Male anläßlich des Kirchweihfestes der damaligen Vorstadt Wieden (heute 4. Wiener Gemeindebezirk) im Kaffeehaus des Unternehmers J. Kwiatkofsky, das sich im Raum zwischen dem Schloß Belvedere und dem Gloggnitzer Bahnhof (heute: Südbahnhof) befand. (Gloggnitz in Niederösterreich war damals die Endstation der von Wien nach Süden führenden Bahnlinie. Die Trasse über den Semmering gab es noch nicht.) Es ging selbstverständlich hoch her bei diesem Fest, das am 29. August 1847 tausende Gäste anlockte. Für die Konzertmusik waren eine Regimentskapelle unter Kapellmeister Joseph Resnizek und die Zigeunerbanda Kovácz Jozsi aufgeboten, die Tanzmusik war Strauß-Sohn anvertraut worden. Primas Kovácz brachte als Festgabe eine Komposition mit dem Titel "Betsi Emlék" ("Erinnerung an Wien") mit, Johann Strauß erschien mit zwei neuen Kompositionen, der - verschollenen - "Marien-Polka" und eben dem "Fest-Marsch". Auf der Frontseite des Etablissements war eine sinnbildliche Darstellung einer Eisenbahnlinie von Triest über Wien nach Hamburg angebracht worden und nach Einbruch der Dunkelheit bewegte sich ein "beleuchteter Train" zwischen den Bahnhöfen der beiden Hafenstädte. Dazu erklang u.a. der "Fest-Marsch", vorgetragen von den vereinten Musikern der Regimentskapelle und des Strauß-Orchesters. Später gingen die Noten dieser spektakulären Uraufführung verloren. Erhalten blieb nur der im Juni 1848 erschienene Klavierauszug des Werkes: Ludwig Babinski hat ihn neu instrumentiert.

 

"Luisen-Sympathie-Klänge", Walzer, op. 81

 

Am 16. Juli 1850 veranstaltete Johann Strauß im Wiener Volksgarten zu seinem Benefiz ein Festkonzert unter dem Titel "Große Assemblee" (= Abendgesellschaft). Aus diesem Anlaß ließ er die Aufführung seiner "neuesten Kompositionen" ankündigen. Gespielt wurden der "Wiener Garnison-Marsch", op. 77, die "Heiligenstädter Rendezvous-Polka", op. 78 (Vol. 5) sowie die Walzerpartie "Maxing-Tänze", op. 79 (Vol. 22). Dazu kam die Uraufführung der eigens für dieses Fest komponierten "Luisen-Sympathie-Klänge", die später als Opus 81 im Druck erschienen sind. Die Strauß-Kapelle konzertierte an diesem Abend abwechselnd mit der Banda des 2. Feldartillerie-Regiments unter Kapellmeister Sebastian Reinisch. Die Veranstaltung wurde mit einem brillanten Feuerwerk abgeschlossen. Wie aus einem Bericht der "Theaterzeitung" (18. Juli 1850) hervorgeht, war das Fest "sehr zahlreich besucht und erfreute sich von Seite des Publikums der beifälligsten Aufnahme. - Die musikalische Leitung bewies, daß Strauß seinem vielbedauerten Vater würdig nachzustreben bemüht ist."

 

Die Bedeutung des Walzers "Luisen-Sympathie-Klänge" ergibt sich aus der Stellung des Werkes im Rahmen der Novitäten, mit denen Johann Strauß-Sohn nach dem jähen Tod seines Vaters bestrebt war, die volle Breite des Wiener Musiklebens abzudecken. Strauß-Sohn verfaßte in rascher Aufeinanderfolge die Walzer "Die Gemüthlichen", op. 70 (Vol. 12), für die Stammgäste des Strauß-Etablissements "Zum Sperl" in der Leopoldstadt, die anfeuernden "Frohsinns-Spenden", op. 73 (Vol. 14), für einen Festball im tristen Fasching 1850 und für einen sensationellen Abend im Sofiensaal (Motto: "Ein Ball im Vesuv"!) die "Lava-Ströme", op. 74 (Vol. 18). Diesen Arbeiten folgte nun für das musikalisch anspruchsvolle Publikum des Volksgartens die sorgfältig gegliederte Walzerpartie "Luisen-Sympathie-Klänge". (Daß Johann Strauß bei dieser Titelwahl an die Preußenkönigin Luise [1776 -1810] gedacht hat, ist möglich, aber kaum wahrscheinlich.) Wichtig war der Aufbau des Werkes, der die Form des Tanzwalzers deutlich überbietet und den Weg zum Konzertwalzer erkennen läßt. Daß Strauß dabei - einmalig in seinem Schaffen! - sechs Trompeten aufbietet (die 4 Hornisten mußten die Instrumente tauschen), ist bezeichnend: er wünschte eben in einem Walzerteil den Rhythmus ganz scharf akzentuiert! Dafür ging er kühn von der herkömmlichen Norm ab. Daß dies von Kennern auch tatsächlich bemerkt worden ist, geht aus einem Bericht der "Theaterzeitung" vom 23. Juli 1850 hervor, in dem darauf verwiesen wurde, man habe den "Luisen-Sympathie-Klängen" viel musikalischen Wert nachgerühmt.

 

"Alexandrinen-Polka" française, op. 198

 

Eine kurze Notiz in der "Theaterzeitung" vom 22. August 1857 weckte die Neugierde der Wiener Musikfreunde:

 

"Herr Capellmeister Johann Strauß, welcher bei seinem diesjährigen Verweilen in St. Petersburg in jeder Beziehung noch großartigere Erfolge erzielt, als bei seinem ersten Dortsein, hat eine neue Polka-Française, unter dem Titel 'Alexandrine-Polka' componirt, welche dortigen Berichten zu Folge sich einer noch größeren Beliebtheit zu erfreuen hat, als seiner Zeit die 'Annen-Polka' [op. 117]."

 

Das Wiener Publikum mußte aber noch lange warten, ehe es dieses Werk kennen lernen konnte. In Pawlowsk scheint das Werk im Juni 1857 zum ersten Male erklungen zu sein, denn im Juli teilte Johann Strauß seinem Verleger Garl Haslinger mit: "Mein Orchester ist in diesem Sommer superb. Alles ist über dasselbe entzückt, nicht weniger glücklich war ich mit den hier componirten Piecen, als 1. 'Alexandrine-Polka', 2. 'Erinnerung an Nizza', Walzer [op. 200, Vol. 27], 3. 'Caecilien-Polka' [= 'Olga-Polka', op. 196, Vol. 32]." Diese Reihung läßt vermuten, daß Strauß die Polka française bereits in der ersten Hällte der Sommersaison 1857 verfaßt hat. Das Werk ist auch in St. Petersburg zuerst im Druck erschienen, und zwar bei dem mit Johann Strauß befreundeten Kleinverleger Leibrock.

 

In der Folge scheint Johann Strauß die Absicht gehabt zu haben, die "Alexandrinen-Polka" (dieser Titel steht auf der ersten Seite der Klavierausgabe, der Innentitel aber lautete "Alexandrine-Polka") durch seinen Bruder Joseph dem Wiener Publikum vorführen zu lassen, denn er wies den Verleger Haslinger an, seinem Bruder mitzuteilen, daß "diese Polka sehr elegant gespielt werden müsse". Aber Pepi Strauß hat das Werk nicht in sein Sommerrepertoire 1857 aufgenommen.

 

Als Johann Strauß im Oktober 1857 nach Wien zurückgekehrt war, erschien er an der Seite seines Bruders an der Spitze der Kapelle. Beim "Großen Zeisig" am 18. November und im Volksgarten am 22. November trug er zusammen mit anderen Novitäten die "Alexandrinen-Polka" vor. Daß das Werk dabei mit der gebotenen Eleganz aufgespielt worden ist, kann als sicher gelten.

 

Der Wiener Verleger Carl Haslinger ließ sich mit der Veröffentlichung viel Zeit. Das Erscheinen des Werkes wurde erst am 12. Januar 1858 in der "Theaterzeitung" erwähnt. Nun erfuhren die Wiener auch, daß die Polka der Sängerin Alexandrine Schröder gewidmet war, deren Bekanntschalt Strauß in St. Petersburg gemacht hatte. Jean muß mit der Künstlerin befreundet gewesen sein, da er ihren Namen in einem Brief an Olga Smirnitzkaja erwähnt und seiner "romantischen Liebe" dabei mitteilt, Alexandrine habe ihm von Dresden aus geschrieben und habe auf seine Liebesbeziehung angespielt. Mehr erfuhren die Wiener nicht - und die Lebensumstände der, wenn man dem Charakter der kapriziösen Polka glauben kann, eleganten und graziösen Künstlerin müßten auch für die Nachwelt erst noch ermittelt werden.

 

"Paroxysmen", Walzer, op. 189

 

Den Titel für den Walzer, den Johann Strauß für ihren Ball am 20. Januar 1857 komponiert und im Sofiensaal auch persönlich vorgetragen hat, haben die "Herren Studenten der Medizin der Universität Wien" - denen das Werk auch gewidmet - wohl selbst ausgedacht: unter Paroxysmus versteht der Arzt die höchste Steigerung in einem Krankheitsverlauf, also jene Krise, die im günstigen Fall dem Beginn der Heilung vorangeht. Johann Strauß hat diesen Titel als Herausforderung empfunden: im Tongemälde der Introduktion, in dem Anklänge an Richard Wagner und Franz Liszt nicht zu überhören sind, wird die Spannung - nur kurz durch ein Erlösungsmotiv unterbrochen - konsequent gesteigert, sodaß sie im ersten Walzerteil noch nachwirken kann; erst dann siegt eine mitreißende, befreiende Walzermelodie. Diese Gegensätze bestimmen in der Folge den Charakter dieser, für ihre Entstehungszeit modernen (weil eben unter dem Einfluß der damals neuen Musik von Wagner, Berlioz und Liszt stehenden) Komposition, die sich weit über das herkömmliche Niveau der zeitgenössischen Tanzmusik erhob. Erst gegen Ende der Coda - vierzehn Takte vor dem Schlußakkord - symbolisieren drei mächtige Schläge des Tamtam den endgültigen Höhepunkt und damit die Uberwindung der "Paroxysmen".

Den besonderen Rang des Walzers haben die Ballbesucher offenbar erkannt und der Referent des "Fremden-Blattes" konstatierte in der Ausgabe vom 22. Januar 1857:

 

"Die Musik war von Strauß persönlich dirigiert und seine eigens für diesen Ball komponierten Walzer 'Paroxysmen' gehören zu seinen besten Kompositionen."

 

Populär ist das Werk, das im April 1857 im Druck erschienen ist, freilich nicht geworden. Doch die Kenner wußten den Wert dieses Walzers zu schätzen; er konnte sich daher viele Jahrzehnte lang im Wiener Konzertrepertoire behaupten.

 

"Kammerball-Polka", op. 230

 

Nach dem Tod seines Vaters im Herbst 1849 hat sich Johann Strauß sofort bemüht, auch die Nachfolge des ersten Hofball-Musikdirektors - diesen Ehrentitel hatte Strauß-Vater im Jahre 1846 erhalten - anzutreten und ebenfalls die Musik bei den Festen am allerhöchsten Kaiserhof leiten zu dürfen. Doch sein erstes Ansuchen im Fasching 1850 war abgelehnt worden: zu den Karnevalsvergnügungen in Wien, die von der Mutter des Kaisers Franz Joseph, der Frau Erzherzogin Sophie, arrangiert wurden, berief man Philipp Fahrbach, der seine Laufbahn als Flötist im Orchester Strauß-Vaters begonnen hatte. Falschmeldungen in einigen Zeitungen, Johann Strauß sei für die Tanzmusik bei Hof engagiert worden, ließ Fahrbach daher energisch dementieren. Das hat Strauß ihm zeitlebens übel genommen. Erst 1852 wurde Johann Strauß - zunächst noch mit Philipp Fahrbach - bei den Karnevalsvergnügungen in der Hofburg, den Hof- und Kammerbällen, als Musikdirektor verwendet. Diese Veranstaltungen, die abwechselnd in der Hofburg abgehalten wurden, unterschieden sich dadurch, daß an den Hofbällen ein weit größerer Kreis aus dem Bereich der Adelsgesellschaft der Donaumonarchie sowie aus dem politischen Leben und der Heeresleitung eingeladen wurde als bei den Kammerbällen, zu denen nur auserwählte Gäste aus der Aristokratie und Repräsentanten des diplomatischen Korps Zutritt erhielten. Da die Kammerbälle in einem kleineren Rahmen abgehalten wurden als die Hofbälle, erschien Strauß bei diesen Anlässen mit einem kleinen Orchester (etwa 14 Musiker). Die Uraufführung der für den Kammerball am 11. Januar 1860 geschriebenen, flotten Polka dürfte durch Johann Strauß wohl in einem Arrangement für dieses Ensemble erfolgt sein, denn die Tatsache dieser Uraufführung ist durch den Hornisten Franz Sabay verbürgt. Die erste öffentliche Wiedergabe der "Kammerball-Polka" durch die komplette Strauß-Kapelle erfolgte beim Benefizball am 13. Februar 1860 im Sofiensaal, weitere Aufführungen wurden für den 20. Februar (im "Sperl") und den 26. Februar 1860 (Karnevals-Revue im Volksgarten) angekündigt. Das hübsche Werk blieb nicht lange im Repertoire der Strauß-Kapelle, und es ist Antal Dorati

zu danken, daß er die Motive der "Kammerball-Polka" im Ballett "Graduation Ball" (1940) zitiert hat. Es ist aber zu erwarten, daß diese Polka auch in den Strauß-Konzerten unserer Tage wieder ihren Platz erhalten wird.

 

"Attaque-Quadrille", op. 76

 

Das Wort Attaque entstammt dem Vokabular der Soldaten. Es bezeichnet den Angriff im allgemeinen und den Angriff eines Reiterverbandes im besonderem. In der Armee der Donaumonarchie hat es ein eigenes Trompetensignal gegeben, das als Zeichen für den Beginn einer Attaque, also eines Sturmangriffs (einer Reitereinheit) vorgeschrieben war und auch tatsächlich verwendet worden ist. Doch diese Tonfolge scheint Strauß nicht gekannt zu haben - so ein Militär-Fachmann war er ja doch nicht: er verwendete daher den "General-Marsch". Dieses Signal erscheint in der Klavierausgabe der "Attaque-Quadrille", und zwar vor dem Finale. In den handgeschriebenen Orchesterstimmen, die sich im Quadrillen-Buch der Strauß-Kapelle gefunden haben, fehlt jedoch dieses Signal. Man kann vermuten, das es nicht notiert worden ist, weil es dem Trompeter ohnedies geläufig und den übrigen Musikern wohlbekannt war. Es kann aber auch sein, daß man bei einer Aufführung der Quadrille im Ballsaal darauf verzichtet hat. Auch die vorliegende Aufnahme, die nicht die später entdeckten Orchesterstimmen, sondern ein sachkundiges Arrangement von Ludwig Babinski verwendet hat, verzichtet auf das Attaque-Signal. Wie kommt nun ein Musiker wie Johann Strauß, der keine Minute seines Lebens Soldat gewesen ist, ja - der dem Militärstande extrem ablehnend gegenüberstand und zeitlebens nur den Geigenbogen für seine Attaquen auf die Zuhörer verwendet hat, zu einer Militär-Quadrille? Die Antwort ist einfach: nach der Niederwerfung der Revolution in Wien wurde über die Kaiserstadt an der Donau der Belagerungszustand verhängt, der erst im Jahre 1853 wieder aufgehoben worden ist. Im Fasching 1850, also zur Zeit der Uraufführung der "Attaque-Quadrille" von Johann Strauß, bestimmte die Rücksicht auf die Truppen des Kaisers und auf ihre Befehlshaber das Leben in der Donaumetropole; das führte u.a. zu der seltsamen Veranstaltung von "Mars-Bällen" im Sofiensaal. Sie wurden ab dem 23. Januar bis Faschingsschluß an jedem Mittwoch abgehalten; die Ballmusik besorgte die Strauß-Kapelle. Allzuviel Teilnahme scheinen diese Unterhaltungen im Zeichen des Kriegsgottes Mars nicht gefunden zu haben. Daher gibt es auch kaum Berichte über ihren Verlauf und das Tanzrepertoire. Der Gedanke liegt nahe, daß Johann Strauß seine "Attaque-Quadrille" für diese Bälle geschrieben und wahrscheinlich schon bei der ersten Veranstaltung am 23. Januar 1850 vorgetragen hat. In den veröffentlichten Programmen dieser Zeit wird die "Attaque-Quadrille" erst später erwähnt, z.B. bei einer Festsoiree im "Sperl" am 16. März oder anläßlich einer Frühlingsunterhaltung im Casino Dommayer am 21. April. In der Folge wurde diese Quadrille ebenso vergessen wie der "Wiener Garnison-Marsch", op. 77, von Johann Strauß, der seine Entstehung ebenfalls der Rücksicht auf die besonderen Umstände im Leben der Kaiserstadt in den Jahren 1849-1853 verdankt.

 

"Reiseabenteuer", Walzer, op. 227

 

Johann Strauß hat den Walzer "Reiseabenteuer" während der Konzertsaison im Sommer 1859 in Pawlowsk bei St. Petersburg komponiert oder aus bereits seit längerer Zeit vorbereiteten Skizzen fertiggestellt. Im Verzeichnis des Hornisten Franz Sabay findet sich daher mit Recht der Vermerk: "Im Sommer 1859 in St. Petersburg komponiert." Die Stichvorlage für seinen Verleger Carl Haslinger ließ Strauß von seinem Kopisten Georg Kraus erst nach der Rückkehr nach Wien ausschreiben, sie ist daher - wie die Datierung am Schluß beweist - am 25. November 1859 fertiggestellt worden. Aber schon am 20. November 1859 fand die erste Aufführung des Werkes im Wiener Volksgarten durch den Komponisten statt. Johann Strauß berichtete darüber in einem Brief an Olga Smirnitzkaja: "Gestern spielte ich zum erstenmale öffentlich und zwar im Volksgarten, allwo sich zweitausend Personen versammelt hatten; ich wurde als Wienerkind überaus herzlich, mit einem minutenlangen Applause empfangen; am besten gefiel der 'Reise-Abenteuer-Walzer', welcher dreimal repetiert werden mußte." Ob und wann der Walzer in Pawlowsk aufgeführt worden ist, steht noch nicht fest. Daß es sich um ein Werk handelt, dessen Skizzen bereits vorhanden gewesen sein könnten, geht aus folgendem Umstand hervor: In der Coda des Walzers schildert Johann Strauß mit knappen, aber sehr prägnanten Strichen einen Seesturm und wies damit auf ein Abenteuer hin, das er zwei Jahre früher selbst erlebt hatte. Er war auf der Anreise von Stettin nach Kronstadt in ein heftiges Unwetter geraten. Das hatte er seinem Verleger Carl Haslinger humorvoll mitgeteilt: "Was meine Gesundheit betrifft, ich bin sehr zufrieden, denn selbst auf dem Schiffe wurde ich auch nicht eine Minute krank."

 

Den Kommentar dazu lieferte die "Theaterzeitung" am 5. Juni 1857 mit dem Bericht: "Bei der Überfahrt hatte er [= Strauß] einen furchtbaren Sturm zu bestehen."

 

Die Druckausgabe des Walzers - bei der Klavierausgabe weist das Titelblatt ebenfalls auf das Seeabenteuer hin - erschien am 2. Januar 1860.

 

"Par force!", Polka schnell, op. 308

 

Die Karnevals-Revue des Strauß-Orchesters brachte im Jahre 1866 einen Rekord an neuen Tanzkompositionen, die von den Strauß-Brüdern für die Bälle und Redouten im Fasching geschrieben worden waren. In dieser Hochflut an Novitäten (7 Kompositionen von Johann, 10 von Joseph und 5 von Eduard Strauß), unter denen sich zahlreiche Meisterwerke befanden, ging die Schnellpolka "Par force" beinahe unter. Das Werk war für den "Blindenball" komponiert worden, der traditionell am letzten Donnerstag im Fasching abgehalten wurde, und zwar in den Redoutensälen der kaiserlichen Hofburg. Protektor dieses Balles war in der Regel ein Mitglied des Hauses Habsburg und der Reinertrag kam jeweils der "Gesellschaft zur Betreuung blinder Mitbürger" zugute. Es verstand sich von selbst, daß bei einem derart repräsentativen Ball Johann Strauß die Tanzmusik persönlich leitete. Daß es auch beim "Blindenball" am 8. Februar 1866 so gewesen ist, bestätigte die Theaterzeitung "Der Zwischenakt" am 9. Februar:

 

"Der Ball vereinigte wie gewöhnlich das elegante Publikum in den Räumen der Redoutensäle. Die von Hofkapellmeister [!] Johann Strauß dirigierte Musik ließ nichts zu wünschen übrig." Auf die Novität dieser Ballnacht ging die Zeitung nicht ein: aber sowohl in den Aufzeichnungen des Hornisten Franz Sabay als auch im Register Joseph Strauß' ist festgehalten: "'Par force', 8. Februar 1866, kk Redoutensaal, Maskenball." - Ein Motiv dieser Schnellpolka aus dem Jahre 1866 kehrte im Couplet "Kriegsabenteuer" wieder, das Koloman Zsupan im letzten Akt der Operette "Der Zigeunerbaron" (1885) anstimmte: doch das war wohl kaum Absicht des Komponisten, sondern eher ein Zufall. Die Schnellpolka "Par force!" war damals längst aus dem Repertoire der Strauß-Kapelle verschwunden.

 

"Erinnerung an Covent-Garden", Walzer, op. 329

 

Johann Strauß hat während seiner Konzertsaison bei den Promenadekonzerten im Covent-Garden Theatre Royal einen Walzer nach populären englischen Melodien komponiert und das Werk am 27. September 1867 zum ersten Male unter der Bezeichnung "Festival valse comique on popular melodies" vorgeführt. Das geht aus dem Tagebuch hervor, daß Strauß während dieser Saison, die vom 15. August bis 26. Oktober gedauert hat, eigenhändig führte. Neben der Notiz "Festival Valse" notierte Strauß: "Hervorruf, als encore: Repetition". Das Werk mußte also spontan wiederholt werden. Unmittelbar vorher hatte seine Gattin Jetty, die seit vielen Jahren umjubelter Gast in London gewesen war, ein englisches Lied ("Pratten in the valley") und ihren Schlager "Trab, Trab" vorgetragen.

 

Lieder aus dem Repertoire Jettys wurden auch in die Melodienfolge aufgenommen, aus der Strauß seinen "Festival Valse Comique" gestaltet hatte. Vor allem aber bestand das Werk aus neueren, vom Verlag Sheard & Co eifrig und aufwendig propagierten Liedern:

 

Walzer Nr. 1 :

"Champagne Charlie"

(1866, komponiert von George Leybourne und Alfred Lee)

 

Walzer Nr. 2 :

"The Flying Trapeze" (1866, Leybourne & Lee)

 

Walzer Nr. 3 :

"The Mousetrap Man!"

(1865, H.J. Whymark & Hughes, zusammengestellt aus "The Mouse-Trap Man Waltz" von W.H. Montgomery)

 

Walzer Nr. 4 :

"Beautiful Nell" (1867, Stacey Lee & R. Coote)

"Sweet Isabella" (1867, Leybourne & Lee)

 

 

Für die Introduktion und die Coda des "Festival Valse Comique" verwendete Strauß Zitate des "Champagne Charlie" und Henry R. Bishops zum Volkslied gewordene Ballade "Home, Sweet Home" aus dessen Oper "Clari oder Das Mädchen aus Mailand" (1823), und dieses Lied gehörte eben auch zum Repertoire seiner Gattin. Bishops Oper war übrigens im Covent-Garden uraufgeführt worden. Der neue Walzer von Johann Strauß wurde während der Konzertsaison in London noch siebenmal ins Programm aufgenommen und mußte jedesmal wiederholt werden. Strauß konnte also mit dem Widerhall seiner Komposition zufrieden sein.

 

Mit der Aufführung des Walzers in Wien aber ließ Johann Strauß sich Zeit. Erst anläßlich eines großen Festes mit Feuerwerk am 29. September 1868 im Volksgarten, während dessen Verlauf Johann Strauß neben seinen Brüdern Joseph und Eduard gleichsam als Gast an der Spitze der Strauß-Kapelle erschien, vermerkte das Programm: Neu, zum ersten Male "Londoner Lieder", Walzer nach englischen Volksmelodien von Johann Strauß. Als das Werk dann im November 1868 im Druck erschien, hatte es - möglicherweise auf Wunsch des Verlegers C.A. Spina - den neuen, endgültigen Titel erhalten, "Erinnerung an Covent-Garden", Es hat allerdings den Anschein, als sei die Erinnerung an die Konzertserie in England beim Komponisten länger lebendig geblieben als der musikalische Widerhall beim Wiener Publikum. Denn Strauß schrieb am Schluß in sein Tagebuch: "Vivat die Engländer mit vollkommenster Herzen's Empfindung", während der Walzer rasch von neuen Werken aus dem Repertoire der Kapelle verdrängt wurde. Am Ostermontag des Jahres 1869, dem 29. März, stand das Werk mit dem Titel "Erinnerung an Covent-Garden" noch einmal - als Novität! - auf dem Programm eines Wohltätigkeitskonzerts in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft, dann geriet es rasch in Vergessenheit.

 

"Kriegsabenteuer", Schnell-Polka, op. 419

 

Aus dem Melodienvorrat seiner Operette "Der Zigeunerbaron", die am 24. Oktober 1885 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde, hat Johann Strauß als drittes Tanzstück die Schnellpolka "Kriegsabenteuer" herausgegeben. Das rasante und daher auch als Galopp bezeichnete Stück stellt die Umarbeitung und Erweiterung des Couplets dar, das der Schweinezüchter Zsupan im dritten Akt der Operette vorträgt und in dem er ("Von des Tajos Strand") prahlend von seinen angeblichen - übrigens mehr als fragwürdigen, ja heutzutage geradezu peinlichen - Heldentaten berichtet, die er während des Krieges in Spanien vollbracht haben wollte. (Daher erklärt sich der Titel "Kriegsabenteuer".) Da sich Strauß um den Text nicht allzusehr gekümmert hat, war es ihm nicht schwer gefallen, zu dieser Szene eine flotte Schnellpolka für den Zsupan-Darsteller Alexander Girardi zu schreiben, die dieser am Premierenabend auch mit Bravour vorgetragen hat. In die Schnellpolka "Kriegsabenteuer" ist überdies (im 2. Teil des Trios) das "Husaren-Motiv" aufgenommen worden, das im Stück beim Werbelied des Grafen Homonay erklingt und das auf ein ungarisches Originallied aus dem Jahre 1849 zurückgeht.

 

Die Klavierausgabe der Schnellpolka "Kriegsabenteuer" erschien am 22. Dezember 1885 mit einer Widmung an den Bildhauer Victor Tilgner, einen der besten und vertrautesten Freunde des Komponisten. Tilgner, dessen Strauß-Büsten weltberühmt geworden sind, hat sich über diese Widmung sehr gefreut und schrieb am Weihnachtstag 1885 an Johann Strauß: "Wie soll ich Ihnen danken? Ihr ehrenvolles Geschenk hat mich zu Thränen gerührt und hätte mir niemand eine größere Freude machen können, als Sie mit dieser verschwenderischen Gabe."

 

Die Schnellpolka "Kriegsabenteuer" wurde dem Publikum am 13. Dezember 1885 im Goldenen Saal der Gesellschaft der Musikfreunde beim Strauß-Konzert unter Eduards Leitung vorgestellt und hielt sich lange Zeit hindurch im Repertoire.

 

"Perpetuum mobile", Musikalischer Scherz, op. 257

 

Im Fasching 1861 erreichte die Popularität der Strauß-Bälle im Sofiensaal ihren Höhepunkt. Diesmal waren für das tanzlustige Publikum drei Orchester aufgeboten: eines wurde von Johann, eines von Joseph Strauß geleitet, und an der Spitze der dritten Musikerschar debütierte der 25jährige Eduard Strauß als Kapellmeister und Balldirigent. Nicht weniger als 50 Tänze wurden in ununterbrochener Folge nacheinander vorgetragen. Das entsprach exakt dem Motto, das die Strauß-Brüder damals für ihre Benefizbälle verwendeten: "Carnevals-Perpetuum mobile oder Tanz ohne Ende". Diese Bezeichnung hat Johann Strauß zu einem musikalischen Scherz inspiriert, und noch ehe er in jenem Jahr wieder nach Rußland abreiste, spielte er bei seinem Abschiedskonzert am 4. April 1861 in Schwenders Etablissement in Rudolfsheim seine Version des "Perpetuum mobile" auf. Es war ein geniales Charakterstück, zusammengesetzt aus der Variationenkette eines nur acht Takte umfassenden Grundmotivs, das mit spielerischer Leichtigkeit das ganze Orchester in eine "klingende Maschine" verwandelt und das die wohl bezwingendste Lösung des technisch unlösbaren Problems der ewigen Bewegung aus sich selbst heraus darstellt.

 

Vom Publikum wurde die geniale Skizze zunächst nicht in ihrem Wert erkannt: das Stück erschien wohl gelegentlich in Wien und in Pawlowsk bei St. Petersburg in den Konzertprogrammen, aber nicht allzu oft und in späteren Jahren überhaupt nicht mehr. Es hatte immerhin das Interesse der Kenner gefunden. Im Jahre 1894 schrieb Richard Strauss, der soeben zum Dirigenten der philharmonischen Konzerte in Berlin ernannt worden war, aus München an den Wiener Walzerkönig: "Hochverehrter Herr! Würden Sie die außerordentliche Güte haben, mir mitzuteilen, ob und wo ein reizendes Perpetuum mobile für Orchester, das ich vor zwei Jahren in [Bad] Reichenhall hörte und das mir so sehr gefallen hat, daß ich es in einem meiner Berliner Concerte aufführen möchte, im Druck erschienen ist. - Würden Sie so liebenswürdig sein, für den Fall, daß eine Partitur des Stückes nicht im Druck erschienen ist, mir eine Abschrift desselben überlassen und mir gefälligst so bald wie möglich zukommen zu lassen, da ich das Perpetuum schon im Oktober bringen möchte."

 

Welche Antwort Johann Strauß auf diesen Brief gegeben hat, ist leider nicht bekannt. Aber das "Perpetuum mobile" gelangte auf das Dirigentenpult von Richard Strauss und wurde auch im Herbst 1894, parallel zu dem Wiener Strauß-Jubiläum, in Berlin bei einem philharmonischen Konzert aufgeführt. Das Werk fügte und fügt sich durchaus in den Rahmen symphonischer Musik: es paßte und paßt überall - es ist zum Symbol dafür geworden, daß die Strauß-Musik weiterklingt, weiter, weiterund immer weiter.

 

In den Noten steht: "Fine ad libltum" - daraus machte der Dirigent dieser Aufführung, Alfred Walter, nach bewährten Vorbildern den Ausklang: "Und so weiter.."!

 

"Klug Gretelein", Walzer, op. 462

 

Im April 1895 lud die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien mit einiger Verspätung zu einem Festabend ein, der zur Erinnerung an die vor 25 Jahren erfolgte Eröffnung des von Theophil Hansen (1813-1891) gestalteten Gesellschaftshauses am Ufer des Wienflusses veranstaltet wurde. Das Festkonzert am Abend des 18. April 1895 wurde von der Strauß-Kapelle unter Eduards Leitung bestritten, doch am Schluß dieses Programms stand jener Walzer, den Johann Strauß der Gesellschaft zu ihrem Jubiläum gewidmet hatte. Auf dem Programmzettel hieß es: "Klug Gretelein", Gesangswalzer mit Orchester, der Gesellschaft der Musikfreunde gewidmet, Text von A.M. Willner.

 

Im letzten Augenblick hatte die routinierte Konzertsängerin Olga Türk-Rohn von der Opernsängerin Paula Mark den Gesangspart übernommen, da diese an einer Halsentzündung erkrankt war. Etwa vier Wochen nach der Uraufführung erschienen im Verlag Emil Berté & Cie Ausgaben des Werkes "Klug Gretelein" für Klavier (Tanz-Arrangement), für Sopran und Klavier, für Streich-, Blas- und für Salonorchester. Diese Ausgaben wichen deutlich von jener Fassung ab, die Johann Strauß der Gesellschaft der Musikfreunde gewidmet hatte und die sich im Archiv der Gesellscahft befindet. Strauß hatte gleich über seine Partitur einen anderen (wienerischen) Titel geschrieben, "Klug Gretelchen", und ein Arrangement vorgegeben, das von der Orchesterausgabe abweicht.

 

Das Orchesterarrangement - von wem immer es stammen mag - wurde offenkundig von Eduard Strauß während seines Gastspiels in London am 11. Juli 1895 zum ersten Male aufgeführt (übrigens ebenfalls unter dem Titel "Klug Gretelchen"), denn im Musikverein wurde der Walzer unter Eduards Leitung erst am 20. Oktober 1895 vorgetragen. Für die Erstausgabe der Klavierfassung hat Wilhelm Franz Josef Marquis von Bayros das Titelblatt gezeichnet, das dem vom Librettisten A.M. Willner (der später für Strauß das Textbuch zur erfolglosen, letzten Operette "Die Göttin der Vernunft" verfassen sollte) in seinem Text hervorgehobenen Märchencharakter des Inhalts (Gretchen geht trotz der Warnung ihrer Mutter allein in den Wald, kehrt aber als Braut des Jägers heim.) entspricht.


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