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8.223232 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 32
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

"Wiener Jubel-Gruß-Marsch", op. 115

 

Im Herbst 1849 schlugen die Truppen des jungen Kaisers Franz Joseph mit Hilfe eines Expeditionskorps des Zaren den Aufstand der Magyaren blutig nieder. Am 6. Oktober 1849 wurden in Arad 13 Generäle der ungarischen Armee hingerichtet, am 25. Oktoberfolgten sechs Politiker, andere Führer des Aufstands wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Europa war empört über die "Rache von Arad" (die übrigens auch der Zar verurteilt hat). Die Ungarn schworen ihrerseits Rache.

 

Daher wagte sich Franz Joseph erst im Sommer 1852 zum ersten Male auf eine Inspektionsreise in "sein" Königreich östlich des Grenzflußes Leitha. Es versteht sich, daß alle nur erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden waren. Schließlich konnte der Monarch wohlbehalten in die Residenz zurückkehren. Zu seinem Empfang wurde ein "Jubel-Fest" befohlen, wie Wien es seit den Tagen des Völkerkongresses 1814/1815 nicht mehr gesehen hatte. Im Prater wurde eine Triumphpforte errichtet, es war dafür gesorgt, daß der Weg von dieser Pforte bis in die Hofburg durch ein Spalier von selbstverständlich "jubelnden" Wienern führte; in regelmäßigen Abständen waren Militär- und Zivilkapellen postiert, um die entsprechende Klangkulisse beizusteuern. Der Platz der Strauß-Kapelle war - wie die "Theaterzeitung" am 13. August ankündigte - besonders günstig gewählt: sie spielte am Stephansplatz auf, und zwar bei der Vorbeifahrt des Monarchen den "zur Feier der Ankunft Seiner Majestät des Kaisers" komponierten "Wiener Jubel-Gruß-Marsch" von Johann Strauß. Dieser Huldigung, die sich am 14. August 1852 ereignete, folgten weitere Aufführungen des Marsches am 16. August in der Bierhalle und schließlich am 17. August, dem Vorabend des 22. Geburtstages Franz Josephs, bei einem Festkonzert im Volksgarten. Den Reinertrag des Verkaufes der Noten versprachen der Komponist und der Verleger Haslinger einem Fonds des Wiener Bürgermeisters für soziale Zwecke.

 

"Fantasiebilder", Walzer, op. 64

 

Im Iustlosen Fasching 1849, in dem Wien noch unter dem Schock der Eroberung durch die polnischen und kroatischen Regimenter der k.k. Armee unter dem Oberbefehl des Fürsten Windischgraetz stand und während dessen kurzer Dauer die wenigen, erlaubten Bälle am Nachmittag zu beginnen hatten, kam auch bei den in der Donaumetropole verbliebenen Musikdirektoren nicht die rechte Stimmung für schwungvolle Tanzkompositionen auf. Johann Strauß-Sohn mußte allerdings für sein "Stammhaus", das Casino Dommayer in Hietzing, auch im Fasching 1849 den erwarteten Widmungswalzer schreiben. Der junge Komponist suchte Zuflucht bei "Fantasiebildern", die ihn die trostlose Gegenwart vergessen ließen und gestaltete sie - ein wenig zaghaft - im Dreivierteltakt nach. Die Uraufführung des Walzers könnte am 10. Februar 1849 bei Dommayer stattgefunden haben, denn an diesem Abend hatte der Besitzer des Casinos dem jungen Strauß sein Lokal für ein Benefiz zur Verfügung gestellt. Der Verleger hat die Herausgabe der Klavierausgabe des Walzers "Fantasiebilder" am 21. August 1849 angekündigt; zwei Tage später schrieb der "Humorist" sarkastisch: "Obwohl die Musikverleger jetzt verlegen sind, wie sie das, was sie verlegen, an den Mann bringen, hat die stets rührige Hof-Kunst- und Musikalienhandlung des Herrn Pietro Mechetti einige Novitäten zur Erscheinung kommen lassen, darunter die 'Fantasiebilder' von Strauß-Sohn. Für Tänzer bedürfen sie keiner Kritik."

 

Eine Ausgabe für Orchester ist wahrscheinlich nie im Druck erschienen. Arthur Kulling hat das Werk daher nach dem Klavierauszug instrumentiert.

 

"Olga-Polka", op.196

 

Am 28. August 1857 wurde in St. Petersburg mit allem traditionellen Prunk die Vermählung des Großfürsten Michael, eines Bruders des Zaren, mit Caecilie Prinzessin von Baden gefeiert. Johann Strauß konnte und wollte dieses Ereignis am Zarenhof selbstverständlich für sich und seine Popularität ausnützen und komponierte rechtzeitig (die Stichvorlage ist mit dem Datum 9. August versehen), und zwar anläßlich der offiziellen Verlobung am 16. August 1857, eine Polka im "russischen Stil". Das Werk war der schönen Braut gewidmet und erhielt daher auch deren Name, "Caecilien-Polka". Mit diesem Titel schickte Johann Strauß das Werk gleich nach der Präsentation in Pawlowsk nach Wien. Sein Bruder Joseph, der sich mit der Wiener Erstaufführung der Polka im Volksgarten bis zum 18. Oktober 1857 Zeit ließ, und der Verleger Haslinger kündigten das Werk mit dem ursprünglichen Titel an, eben "Caecilien-Polka". Aber die deutsche Prinzessin nahm noch vor der Hochzeit, wie die Tradition es verlangte, den Namen Olga Feodorowna an. Selbstverständlich wurde nun auch die ihr gewidmete Polka umbenannt und auf dem Titelblatt der Erstausgabe, die am 8. Dezember 1857 in Wien erschienen ist, stand: "Olga-Polka, Ihrer kaiserl. Hoheit Großfürstin Olga, geborene Prinzessin von Baden gewidmet". Der Name Olga paßt ja auch ganz vortrefflich zu dieser russischen Polka. Die "Theaterzeitung" nannte das Werk am 3. November 1857 ein "allerliebstes, duftendes Tonbouquet voll feiner graziöser Rhythmen".

 

"Promotionen", Walzer, op. 221

 

Den Hörern der Rechte an der Universität Wien wurden die "Promotionen", also die Ehrenurkunden anläßlich der Verleihung des Doktortitels, im Jahre 1859 bereits im Ballsaal überreicht, und zwar in Walzerform. Johann Strauß gab nämlich seiner Widmung für den Juristenball am 8. Februar 1859 den Titel "Promotionen". Ob diese "Promotionen" im praktischen Leben anerkannt worden sind, muß bezweifelt werden. Aber auch im Ballsaal fanden die "Promotionen" keineswegs allgemeinen Anklang. Schon die schwermütige, beinahe düstere Einleitung entsprach nicht den Erwartungen der fröhlich gestimmten Ballbesucher. So schmeichelnd und einprägsam sich die erste Walzermelodie auch zu Heiterkeit und anmutiger Freundlichkeit aufschwang, die düstere Stimmung ließ sich offenbar nicht sofort vertreiben, denn im Bericht des "Fremden-Blattes" vom 10. Februar 1859 hieß es klipp und klar, daß "die neuen Walzer des Schwunges und der Melodie der älteren Strauß'schen Kompositionen entbehrten". Die Walzerpartie des 33jährigen Musikdirektors, der im darauffolgenden Sommer sein melancholisch-vergebliches Liebesabenteuer mit Olga Smirnitzkaja in Pawlowsk erleben sollte, war in der Folge niemals so recht populär und wurde auch nur selten wiederholt. Ahnte Strauß schon, daß er das Ziel seiner Bemühungen, die - wenn man so sagen darf - "Promotion" zum Gemahl der kapriziösen Olga nicht werde erreichen können? Ist vielleicht deshalb der Walzer so voll Poesie und fast elegischer Schönheit?

 

"Hofball-Quadrille", op. 116

 

Als sein Vater im Herbst 1849 plötzlich und unerwartet verstorben war, versuchte Johann Strauß die Positionen im Wiener Leben, die sein Vater innegehabt hatte, so rasch wie möglich für sich und seine Kapelle zu sichern. Dazu gehörte auch - und vor allem! - das Ehrenamt eines Hofball-Musikdirektors, das eigens für Strauß-Vater geschaffen worden war. Aber am Kaiserhof wollte man vorerst von Strauß-Sohn nichts wissen; er war ja in die "revolutionären Ereignisse" des Jahres 1848 verstrickt gewesen und sein Lebenswandel galt - wie die allgegenwärtige Polizeibehörde konstatierte - auch nicht gerade als untadelig. Daher wurde im Fasching 1850 Kapellmeister Philipp Fahrbach zur musikalischen Betreuung der - übrigens von des Kaisers Mutter, Erzherzogin Sophie, arrangierten - Hoffeste herangezogen. Strauß hatte sich zwar beworben, war aber abgewiesen worden.

 

Im Jahre 1852 änderte sich die Situation. Offenbar auf Drängen der Jugend in der Kaiserfamilie wurde auch Johann Strauß mit der Ausführung der Musik bei den Tanzunterhaltungen bei Hof (es gab große "Hofbälle" und kleinere "Kammerbälle") betraut, und zwar vorerst neben Philipp Fahrbach. Stolz zog der junge Strauß mit seiner Kapelle in die Hofburg ein; er spielte am 14. Januar seinen ersten Kammerball und am 7. Februar 1852 die Tanzweisen für seinen ersten Hofball. Es ist anzunehmen, daß er bereits bei dieser Gelegenheit die sicherlich für diesen Anlaß komponierte "Hofball-Quadrille"vorgetragen hat. Veröffentlicht wurde das Werk im Oktober 1852; dann erschien es auch in den Konzertprogrammen der Kapelle. Daß es sich um eine kunstreiche, selbstbewußte Komposition handelte, war eigentlich selbstverständlich. Denn - wenn Strauß auch noch bis zum Jahre 1863 auf die Verleihung des Ehrentitels, Hofball-Muskdirektor, warten mußte, so hatte er doch bereits im Fasching 1852 sein wichtigstes Ziel erreicht: er spielte in der Hofburg, wie vor ihm sein Vater!

 

"Tritsch-Tratsch-Polka", op. 214

 

Die "Tritsch-Tratsch-Polka" von Johann Strauß stammt aus dem Herbst 1858 und ist eine der fröhlichsten Kompositionen des Walzerkönigs. Sie wurde gegen Ende der Sommersaison in Pawlowsk bei St. Petersburg zumindest skizziert; diese Saison sollte eigentlich die letzte sein, da der erste Vertrag zwischen Strauß und der Eisenbahngesellschaft in St. Petersburg mit Ende der Konzerte in Pawlowsk auslief. Aber die wehmütige Stimmung, die Strauß in seinem Abschiedswalzer ("Mes adieux a St. Petersbourgh", op. 210) hatte anklingen lassen, war längst verflogen und auch der Fehlschlag seines Versuchs, in Moskau Fuß zu fassen, konnte seine gute Laune nicht beeinträchtigen. Noch auf der Rückreise hatte Strauß erfahren, daß sein Vertrag verlängertwerde und daß seine "russischen Abenteuer" zu neuen Höhepunkten fortgeführt werden könnten. Da aber Strauß in diesem Jahr länger als sonst in Rußland blieb, war Wien voll von Gerüchten: Strauß habe sich in St. Petersburg verliebt, verlobt oder gar verheiratet. Aus "sicherster Quelle" konnte man alle erdenklichen Einzelheiten über die Affären des flotten Jean im Zarenreich erfahren. Dabei wurde zwischen Dichtung und eventueller Wahrheit selbstverständlich nicht unterschieden. Strauß revanchierte sich für alle diese lieben Dinge mit einer genialen Polka: sie erhielt den Titel eines seit März 1858 in Wien erscheinenden Witzblattes, "Tritsch-Tratsch". Der fidelen Redaktion dieses flott geschriebenen Blattes gehörten die erfolgreichen Schriftsteller Anton Varry, O.F. Berg und Josef Wimmer an, die alle drei mit Strauß befreundet oder wenigstens bekannt waren. (Natürlich ging der Titel der Zeitung und somit auch der Strauß-Polka auf Johann Nestroy zurück; aber das verstand sich in Wien damals von selbst.)

 

Als Strauß im November 1858 aus St. Petersburg über Moskau und Berlin nach

Wien zurückgekehrt war, präsentierte er zunächst am 21. November im Volksgarten seine Sommerkompositionen. Am 24. November 1858 trumpfte er dann im intimen Rahmen des "Großen Zeisig" am Burgglacis (heute: Burggasse 2) mit der "Tritsch-Tratsch-Polka" auf. Der Verleger Carl Haslinger startete sofort die Klavierausgabe, die innerhalb weniger Stunden vergriffen war. Die "Theaterzeitung" urteilte am 27. November 1858: "Seit Jahren dürfte keine Tanzkomposition von solcher Frische, humoristischer Färbung und pikanter Instrumentierung erschienen sein." Frisch, pikant und humorvoll - das ist die Polka geblieben bis auf den heutigen Tag!

 

"Wiener Blut", Walzer, op. 354

 

Im April 1873 rüstete die Residenzstadt der Habsburgermonarchie zu einem gesellschaftlichen Großereignis: Gisela, die älteste Tochter des Kaiserpaares, vermählte sich mit Leopold von Bayern. Rings um den Hochzeitstag, den 20. April, wurde einen Reihe glanzvoller Feste gruppiert. Die Familien des Hochadels, die Wiener Bürgerschaft und selbstverständlich auch der Magistrat der Stadt Wien wetteiferten miteinander beim Arrangement zahlreicher Feiern und festlicher Veranstaltungen.

 

Das Personal des k.k. Hof-Operntheaters hatte sich eine besondere Attraktion ausgedacht: es nützte den Anlaß zur Veranstaltung eines Hof-Opernballes. Da aber das Haus am Ring damals noch nicht für Bälle zur Verfügung stand, wurde das Fest im Goldenen Saal der Gesellschaft der Musikfreunde abgehalten. Die Künstler des Operntheaters waren als Gastgeber daran interessiert, sich ihrem Publikum möglichst vorteilhaft zu präsentieren und boten daher ein musikalisches Programm. Die Mitglieder des Orchesters der Hofoper, also die Wiener Philharmoniker, spielten in der Ruhestunde zunächst unter der Stabführung ihres ständigen Konzertdirigenten, Otto Dessoff , Carl Maria von Webers "Aufforderung zum Tanz"; dann trat Johann Strauß, die Geige in der Hand, ans Pult und übernahm die Leitung bei der Uraufführung des für den Ball komponierten Walzers. Das Werk hatte - nach der Sammlung von Skizzen aus dem Leben der Kaiserstadt von Ludwig Schlögel - den Titel "Wiener Blut" erhalten. Es bot einen Strauß typisch wienerischer Melodien: alle Teile des Walzers paßten sich in genialer Weise der bodenständigen Volks- und Tanzmusik an und erhoben diese zugleich in die Sphäre eines großangelegten Walzers für einen glanzvollen, repräsentativen Opernball.

 

Die Vorzüge des Walzers wurden in den Berichten über den "Opernball im Musikverein", der am 22. April 1873 stattgefunden hatte, sogleich erkannt und gewürdigt. Im "Fremden-Blatt" war zu lesen: "Dieses Tanzstück ist eine Sammlung von echten Wiener Weisen, voll Melodie und zündendem Rhythmus." Im "Wiener Tagblatt" hieß es: "In diesen bald kecken, bald sentimentalen Dreivierteltakten rollt wirklich frisches, freies, echtes und rothes Wiener Blut."

 

Titel und Hauptmelodie dieses Werkes wurden auch für die Operettenbühne ausgewertet: die nach Tanzweisen von Johann Strauß arrangierte Operette, die am 25. Oktober 1899 auf der Bühne des Carltheaters erschienen ist, hieß ebenfalls "Wiener Blut".

 

"Auf der Jagd", Schnellpolka, op. 373

 

Die Polka ist aus Motiven der Operette "Cagliostro in Wien" (Nr. 10, 4 und 14) zusammengesetzt; aber in diesem Bühnenwerk kommt weder eine Jagd vor noch wird irgendwo im Text auf eine Jagd angespielt. Strauß wares bei der Niederschrift der Polka nur um einen Jux zu tun, um einen seiner vielen Spässe für seine Soireen oder für den Tanzsaal. Daher schob er selbst die Beziehung auf die Operette einfach beseite. Der Übergang - wenn man so sagen will - von der Bühne in den Wald wird mit souveräner Leichtigkeit hergestellt: hier wird durch eine einfache Erweiterung ein Jagdsignal eingeflochten, dort ein Schuß. (Ein Pistolenschuß übrigens, wie es in der Klavierausgabe der Polka heißt.)

 

Lustig ist auch das Titelblatt der Erstausgabe. Da steht vor einem (durch einen Pistolenschuß?) erlegten Hirschen ein Waidmann mit gezogenem Säbel, davor sieht man sieben Hunde, dahinter eine begeisterte Jagdgesellschaft. "Nach Motiven der Operette" ... wie paßt das zusammen?, fragt man. Man braucht nur hinzuhören: ausgezeichnet! Strauß war eben auf der Jagd nach Erfolg und Beifall - und hat mit der Schnellpolka einen Volltreffer erzielt. So war es bei der Uraufführung im Spätherbst 1875 - und so ist es noch heute!

 

'Methusalem-Quadrille", op. 376

 

Nur zögernd hat Johann Strauß sich dazu verstanden, die Melodien seiner Operette "Prinz Methusalem" nach der Uraufführung des Werkes am 3. Januar 1877 in Tanzstücke umzuwandeln und in gewohnter Art und Weise bei seinem neuen Verleger Cranz herauszugeben. Das Werk, das die sonst so tüchtigen Pariser Autoren Wilder und Delacour verfaßt hatten, wäre eher für Jacques Offenbach und eine Pariser Bühne geeignet gewesen als für Johann Strauß und das Carltheater. Den Erfolg der Wiener Aufführungen erzwangen eher die Leistungen der Komiker Carl Matras, Wilhelm Knaack und Carl Blasel als die Strauß-Musik. Bald nach der Uraufführung wurde der Wunsch nach einer Umarbeitung des Librettos vorgebracht (zu der es allerdings vorerst nicht kam), und so hatte es eben auch Strauß nicht eilig, die Musik dieser Operette für die Tanzsäle zu arrangieren. Der Fasching 1877 war längst vorüber, als Strauß die erwarteten Kompositionen nach Motiven der Operette "Prinz Methusalem" präsentieren ließ. Wie kostbar die wieder einmal "verschwendeten" Melodien gewesen sind, zeigt sich u.a. in der "Methusalem-Quadrille", die einen amüsanten Querschnitt durch das Bühnenwerk bietet. Die Klavierausgabe ist im Mai 1877 erschienen, und im späten Frühling oder im Sommer wurde die Quadrille vom Strauß-Orchester unter Eduards Leitung und von den Militärkapellen vorgetragen. Im Fasching 1878 war sie dann auch im Ball-Repertoire zu finden.

 

"Ich bin dir gut", Walzer, op. 455

 

Der 15. Oktober 1894 war ein wichtiger Tag im Leben des Walzerkönigs und Operettenkomponisten Johann Strauß. Vor exakt 50 Jahren, am 15. Oktober 1844, hatte er in Dommayers Casino in Hietzing als Musikdirektor und Komponist debütiert. Nun wurden anläßlich des Jubiläums zahlreiche Festveranstaltungen arrangiert; zu ihnen gehörte die Uraufführung der neuen Operette "Jabuka" im Theater an der Wien. Strauß selbst hatte den Stoff ausgewählt, sein Freund Max Kalbeck (1850-1921) hatte zusammen mit Gustav David (1856-1951) das Libretto verfaßt und Strauß hatte sich im Sommer 1894 viel Mühe gegeben (und auch viel Ärger in Kauf genommen), um das Werk zeitgerecht fertigzustellen. Als "Jabuka" dann am 12. Oktober 1894 zum ersten Male über die Bühneging, stellte sich heraus, daß der Stoff und seine Aufbereitung eigentlich für die künstlerische Eigenart des Komponisten nicht geeignet waren, daß ihm Aufgaben gestellt worden waren, die seinem Wesen nicht entsprachen und daher keine Impulse für eine Umsetzung in "Strauß-Musik" geben konnten.

 

Strauß hat daraus die Konsequenzen gezogen und - im Gegensatz zu seinem sonstigen Vorgehen - auch nur ein Tanzstück selbst instrumentiert, den "Jabuka-Walzer", dem der Verleger - nach der Melodie des 1. Walzers, in der Operette im Quartett (Nr. 17) verwendet - den Titel "Ich bin dir gut" gegeben hat. Strauß hat das Werk, das Eduard Strauß beim Jubiläumskonzert der Strauß-Kapelle am 14. Oktober 1894 im Musikverein dem Publikum vorgeführt hat, Julie Kalbeck gewidmet, der Gattin des Librettisten. Darin lag eine gewisse Resignation: "Ich bin und bleibe Dir (und Max) gut, das Mißlingen des Werkes ist nicht Eure Schuld." Auffällig ist, daß Johann Strauß in diesem Walzer des erste Motiv ganz ausnahmsweise in der Coda nicht wiederholt wissen will: die getragene - "con espressione" - Melodie schien ihm für den Tanzsaal nicht allzu geeignet zu sein. Schön ist sie aber doch!

 

"An der Wolga", Polka Mazurka, op. 425

 

Im März 1886 wurde Johann Strauß eingeladen, in St. Petersburg mehrere Konzerte zu dirigieren. Die Einladung ging von den Damen der Gesellschaft des roten Kreuzes in der russischen Metropole aus: die Gastgeber stellten das Orchester und ließen die riesige Manege des Garde-Reiter-Regiments zu einem Konzertsaal umgestalten. Strauß nahm die Einladung an, borgte sich von seinem Bruder Eduard die Noten bekannter Kompositionen aus und schrieb etliche Novitäten, darunter eine Polka Mazurka im russischen Stil, die zunächst einmal den Titel "Mon salut" erhielt. Das Werk wurde beim ersten St. Petersburger Konzert am 26. April (d.i. der 14. April nach dem russischen Kalender) auch aufgeführt: sie wurde gleich den anderen Kompositionen, die Strauß in diesem Rahmen dirigiert hat, mit Begeisterung aufgenommen. Schon anläßlich der Probe hatte die "St. Petersburger Zeitung" die Polka Mazurka als "ganz eigenartig interessant" bezeichnet. Daß die Komposition ein wenig an eine andere "russische" Polka Mazur von Johann Strauß erinnerte, nämlich an die aus dem Sommer 1857 stammende Arbeit mit dem Titel "Spleen" (op.197), ist wohl niemanden aufgefallen. In Wien wurde das Werk am 7. November 1886 im Musikverein aufgeführt, und zwar ebenfalls durch Johann Strauß. Da hatte es aber den Titel "An der Wolga", obwohl Strauß den Hauptfluß im europäischen Teil des Zarenreiches bestenfalls bei seiner Fahrt von St. Petersburg nach Moskau kurz gesehen hatte. Immerhin gehört die Polka Mazurka zu den stimmungsvollsten, russischen Kompositionen des Wiener Walzerkönigs.


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