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8.223239 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 39
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

"Ninetta-Marsch", op. 447

 

Durch das Versagen seiner komischen Oper "Ritter Pásmán" sah sich der 67jährige Johann Strauß genötigt, ins Lager der Operettenkomponisten zurückzukehren. Er akzeptierte den Vorschlag der erfolgreichen Librettisten Hugo Wittmann (1829-1923) und Julius Bauer (1853-1941) für ein Bühnenwerk mit dem Titel "Fürstin Ninetta". (Uraufführung am 10. Januar 1893 im Theater an der Wien.) Die beiden Autoren verrieten ihm allerdings den Gang der Handlung nicht, sondern lieferten ihrem Komponisten nur die Gesangsnummern und Ensembleszenen. Strauß komponierte frisch drauflos: er bewies vor allem in den Walzermelodien und Märschen, daß er den Schwung seiner Jugend noch nicht verloren hatte. Für das Auftrittslied des Kassim, der von Alexander Girardi verkörpert wurde, schrieb er zu dem Text "Dort, wo Blut und Wutki fließen" eine flotte Melodie, die er dann in den ersten Teil seines "Ninetta-Marsches" verwandelte. Für das Trio des Marsches verwendete Strauß das Auftrittslied der von Ilka Palmay gespielten Fürstin Ninetta, "Fremdenführer bin ich". Die beiden Hauptdarsteller wurden also gleichsam mit Schwung und Elan auf die Bühne katapultiert. Strauß hat bewiesen, daß er es gerade bei seinen Alters-Märschen mit jedem Militärkapellmeister dieser Zeit aufnehmen konnte. Die Militärkapellen waren es auch, die am 5. März 1893 den "Ninetta-Marsch" sofort nach seinem Erscheinen im Druck in ihr Repertoire aufgenommen und in den Wiener Etablissements vorgetragen haben.

 

"Irenen-Walzer", op. 32

 

Im Fasching 1846 nahm Johann Strauß-Sohn, der damals noch für jedes Engagement dankbar sein mußte, die Einladung an, beim Schützenball in Ungarisch-Altenburg (heute: Magyar-Ovár) mit seiner Kapelle zum Tanze aufzuspielen. Sein Auftreten war so erfolgreich, daß ihm mit einem Lobgedicht gehuldigt und er zur Wiederkehr im Fasching 1847 eingeladen wurde. Wahrscheinlich am 31. Januar 1847 machte sich der junge Strauß mit seinen Musikern in mehreren Wagen auf den Weg, der im Hochwinter sehr beschwerlich gewesen sein muß, in die Stadt an der Mündung der Leitha in die Donau. Der Festball des Faschings 1847 dürfte am 1. Februar stattgefunden haben. Der eifrige Musikdirektor brachte einen neuen Walzer mit, der in der "Wiener Theaterzeitung" am 1. Februar 1847 als "Magyaren-Walzer" angekündigt wurde. Im Stil der ungarischen Nationalmusik ist nur ein Teil der Introduktion gestaltet, alle anderen Motive des Werkes sind wienerisch-straußisch. Auf der Erstausgabe des endgültig "Irenen-Walzer" benannten Werkes fand sich die Zueignung: "Ihrer Hochgeboren, Frau Gräfin Irene Zichy, hochachtungsvoll gewidmet von Johann Strauß-Sohn."

 

Die Widmungsträgerin Gräfin Irene Zichy war seit dem Jahre 1843 die Gattin des k.k. Kämmerers Heinrich Graf Zichy-Vásonykeö, und mit der vielfach verzweigten Familie Zichy hat es Verbindungen zu Strauß-Vater und seinen Söhnen seit vielen Jahren gegeben. Ob die schöne Gräfin beim Ball anwesend war, konnte noch nicht geklärt werden. Die Komposition, die später in Wien bei mehreren Anlässen wiederholt worden ist, mußte ihr aber jedenfalls willkommen sein. Die erste Ausgabe der Klavierbearbeitung des "Irenen-Walzers" wurde am 24. April 1847 in allen Zeitungen angekündigt; die Orchesternoten wurden vom Verlag H.F. Müller nicht gedruckt. Die angekündigten korrekten Abschriften müssen als verschollen gelten. Das Werk wurde daher für diese Einspielung von Ludwig Babinski nach der Klavierausgabe instrumentiert.

 

"Sylphen-Polka" française, op. 309

 

Johann Strauß hat der Künstlervereinigung "Hesperus" für ihren Ball am 4. Februar 1866 im Dianabad-Saal eine Polka unter dem Titel "Sylphen-Polka" française gewidmet und das Werk am Ballabend auch persönlich aufgespielt. Der Verlag Spina hat die Polka als Novität angekündigt und ab dem 23. März 1866 ausgeliefert. Das Werk war allerdings vorher in Rußland bekannt geworden. Johann Strauß hat wohl den Plan zur Komposition dieser Polka gefaßt, als die Verlobung der Prinzessin Maria Sophie Friederike Dagmar von Dänemark (1845-1928) mit dem Thronfolger Großfürsten Nikolai Alexandrowitsch am 20.9./2.10.1864 bekannt gegeben wurde. Er hat die "Dagmar-Polka" seinem St. Petersburger Verleger Büttner überlassen. Das Werk ist in Rußland unter diesem Titel veröffentlicht worden. Handschriftliche Stimmen des Werkes mit dieser Bezeichnung sind in der Bibliothek des Kirow-Theaters erhalten. Zur Hochzeit kam es allerdings nicht, da Nikolai Alexandrowitsch am 12./24. April 1865 verstarb. Die neuerliche Verlobung der dänischen Prinzessin, diesmal mit dem neuen Thronfolger, dem Großfürsten Alexander Alexandrowitsch (1845-1894) fand am 11./23. Juni 1866 statt. Am 28.10./9.11.1866 wurden Prinzessin Dagmar und Alexander Alexandrowitsch vermählt. Ab 1881 folgte Alexander Alexandrowitsch seinem Vater auf den Zarenthron, Dagmar war bis zu seinem Tod an seiner Seite.

 

NB.: Beim Hesperusball am 4. Februar 1866 im Dianabad-Saal wurden die Polka Mazur "Thalia", op. 195, von Joseph Strauß und der Walzer "Die Hesperiden", op. 18, von Eduard Strauß uraufgeführt.

 

"Slavenball-Quadrille", op. 88

 

Schon als junger Musikdirektor hatte Johann Strauß viel Verständnis, ja sogar eine gewisse Vorliebe für die slawische Musik. Aber auch die Umkehrung gilt: die in der Metropole der Donaumonarchie lebenden Vertreter der zahlreichen slawischen Völker im Habsburgerreich schätzten den talentierten Musiker und engagierten ihn für zahlreiche, ihrer nationalen Veranstaltungen. Als für den 17. Februar 1851 ein Slawenball im Sofiensaal vorbereitet wurde, war die Heranziehung der Strauß-Kapelle für die Tanzmusik fällig. Johann Strauß stellte seinerseits für den Ball aus dem Repertoire slawischer Lieder und Tänze, das damals in Wien bekannt war, eine flotte Quadrille zusammen. Es war nicht alles neu, was in dieser Quadrille verwendet wurde: für den dritten Teil (Poule) griff Strauß z.B. auf ein Motiv aus seinem "Slaven-Potpourri" zurück. Aber das schmälerte den Erfolg des Werkes keineswegs, und als Strauß bei seiner Reise im Herbst in Prag konzertierte, stand selbstverständlich die "Slavenball-Quadrille" auf seinem Programm. Von diesem Werk ist nur die Klavierausgabe erhalten geblieben, die im Herbst 1851 bei Pietro Mechetti erschienen ist. Die damals ebenfalls annoncierten Orchesternoten konnten bisher nicht wieder aufgefunden werden. Die Komposition wurde daher für diese Aufnahme von Kapellmeister Christian Pollack instrumentiert.

 

"Hell und voll", Walzer, op. 216

 

Die Titel der Walzer, die Johann Strauß für die Mediziner- und Technikerbälle in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts komponiert hat, geben den Nichtfachleuten einige Rätsel auf. Hätte nicht das "Fremden-Blatt" in seinem Bericht über den Medizinerball im Fasching 1859 den Satz veröffentlicht: "Die neuen, eigens für diesen Ball komponirten Walzer von Johann Strauß, nach der technischen Bezeichnung beim Perkutieren *) 'Hell und voll' genannt, wurden recht freundlich aufgenommen.", man wüßte wohl nicht, was der seltsame Titel dieses Werkes ausdrücken sollte. Mit dem Walzer - damals sagte man in Wien zumeist noch die Walzer - freilich kam man ohne Schwierigkeiten zurecht: er war so recht nach dem Herzen der Tanzlustigen, die seine Schwungkraft beim Medizinerball am 25. Januar 1859 im Sofiensaal zum ersten Male voll ausgekostet haben. Der Verleger Carl Haslinger bemühte sich, das erfolgreiche Werk möglichst rasch zu veröffentlichen: schon am 30. Januar annoncierte er in der "Wiener Zeitung" das Erscheinen der Medizinerball-Tänze mit dem seltsamen Titel "Hell und voll", und zwar in allen Ausgaben. (Die Originalstimmen des Verlages Haslinger liegen auch dieser Wiedergabe zu Grunde.) In der Überfülle der rasch aufeinanderfolgenden Novitäten der Brüder Johann und Joseph Strauß kam das Werk trotzdem nicht recht zur Geltung. Doch es steht fest, daß die Meinung des Ballreporters berechtigt war, die am 27. Januar 1859 im "Fremden-Blatt" veröffentlicht worden war: eine freundliche Aufnahme ist der schwungvollen, abwechslungsreichen Walzerpartie auch in unseren Tagen sicher.

 

"I-Tipferl-Polka" française, op. 377

 

Ein Couplet, das in der Operette "Prinz Methusalem" vom Darsteller des Sigismund vorgetragen worden ist (Nr. 12 des Klavierauszuges), hat der Polka den Titel gegeben. Sigismund sang einen Text, den wahrscheinlich Karl Treumann (1824-1877) gereimt hatte:

 

"Am End' fand man das Zipferl,

die Ursach' war halt die:

der Mann vergaß das Tipferl,

das Tipferl auf dem i."

 

Es ist eigentlich erstaunlich, daß auch in Regionen, in denen man stets ganz korrekt von einem I-Punkt spricht, dieses Couplet verstanden wird und spontan gefällt. Natürlich trägt die pointierte Musik des Komponisten viel zum Erfolg bei. Einstmals war es so populär, daß die Volkssänger mehr oder weniger amüsante Variationen dazu gedichtet haben. Dann wurde die Operette vergessen, nur das Couplet lebte weiter. Es klingt natürlich auch in der Polka an, der dieses Couplet, wie gesagt, den Titel gegeben hat, und zwar im Trio. Nur - eine Polka, die sich "von selbst tanzt" - ist aus dem Werk nicht geworden. Entstanden ist, im Polka-Rhythmus, abermals wieder nur ein Couplet: Einleitung - Vorstrophe - Refrain - Ausklang. Die Uraufführung der "I-Tipferl-Polka" hat wohl im Sommer 1877 stattgefunden, und zwar durch verschiedene Militärkapellen; da kannten die Musikfreunde die amüsante Trio-Melodie längst schon vom Theater her und natürlich auch von den Produktionen der Volkssänger. Eduard Strauß hat die "I-Tipferl-Polka" in Wien erst am 21. Oktober 1877 im Musikverein gespielt. Die Erstaufführung durch Johann Strauß erfolgte am 20. Februar 1879 in Paris.

 

"Klänge aus der Raimundzeit", Quodlibet aus Gesängen und Tänzen, op. 479

 

Am 1. Juni 1898 wurde am Rande des Weghuberparkes das Denkmal für den Volksdichter Ferdinand Raimund enthüllt. Am Vorabend fand im Deutschen Volkstheater, also in der unmittelbaren Nachbarschaft des Denkmals, eine Raimund-Feier statt. Aus diesem Anlaß hatte Johann Strauß ein Quodlibet komponiert, das er aus den Melodien seiner Jugend zusammengesetzt hatte: aus Tänzen von Joseph Lanner und von seinem Vater, sowie aus Motiven, die den Bühnenmusiken zu Ferdinand Raimunds berühmtesten Stücken entnommen worden waren. Johann Strauß wählte folgende Reihenfolge: Introduktion - "Brüderlein fein", Abschied der Jugend aus dem Zauberspiel "Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär", Musik von (seinem Lehrer) Joseph Drechsler, Premiere am 10. November 1826 im Theater in der Leopoldstadt - Joseph Lanner: "Steyerische Tänze", op. 165, Uraufführung am 11. Januar 1841 im k.k. Hofoperntheater nächst dem Kärntnerthor - "So leb' denn wohl, du stilles Haus", Auszug aus der Köhlerhütte aus "Alpenkönig und Menschenfeind", Musik von Wenzel Müller, Uraufführung am 17. Oktober 1828 im Theater in der Leopoldstadt - Johann Strauß-Vater: "Das Leben ein Tanz", Walzer, op. 49 (aus 1831) - Joseph Lanner: "Die Schönbrunner", Walzer, op. 200 (aus 1842) - "Hobellied" des Valentin aus "Der Verschwender", Musik von Konradin Kreutzer, Uraufführung am 20. Februar 1834 im Theater in der Josephstadt - Johann Strauß-Vater: "Donaulieder ohne Text", Walzer, op. 127 (aus 1841) - daran schließt sich zum Ausklang eine Verflechtung der beiden Abschiedsmotive "Brüderlein fein" und "So leb' denn wohl, du stilles Haus". Es ist tief berührend, daß Strauß mit dieser Komposition, die sein Werksverzeichnis abschließt, in die Zeit seiner Jugend zurückgekehrt ist und daß er vor allem die Abschiedsmotive so deutlich herausgearbeitet hat. Im Lied der Jugend, "Brüderlein fein", heißt es: "Scheint die Sonne noch so schön, einmal muß sie untergeh'n." Wußte der Komponist im Juni 1898 bereits - oder ahnte er es? - daß er ein Jahr später selbst Abschied werde nehmen müssen von der Welt? Es scheint so gewesen zu sein, denn anders ist dieses beharrliche Zitieren der beiden Melodien, "Brüderlein fein, einmal muß geschieden sein" und "So leb' denn wohl, du stilles Haus", nicht zu erklären. Zeitgenössischen Berichten zufolge hat Johann Strauß auch unmittelbar vor seinem Ableben, in der Fieberfantasie der Lungenentzündung, ebenfalls das Lied "Brüderlein fein" angestimmt.

 

Die Präsentation des Quodlibets "Klänge aus der Raimundzeit" am 31. Mai 1898 im Volkstheater wurde für den Komponisten überaus mühevoll. Im Halbdunkel des kleinen Orchesterraums fand er nur höchst unsicher den Weg zum Dirigentenpult. Dann aber dirigierte er - wie es im Bericht des "Fremden-Blattes" am 1. Juni 1898 hieß - "mit seiner altberühmten Verve. Wie lieblich und warm und wehmütig, und doch wieder lustig klangen diese alten Weisen von Kreutzer, Lanner, Vater Strauß und vom lieben, guten, einfachen Wenzel Müller, dem Couplet-Mozart des basteienumschlossenen Wien!" Es gab trotz spürbarer Rührung des Publikums stürmischen Applaus. Die Beifallsstürme waren noch lebhafter, als Johann Strauß sein Quodlibet unter dem Titel "Aus der Raimundzeit" beim Benefizkonzert seines Bruders Eduard am 27. November 1898 im Goldenen Saal des Musikvereins präsentierte. Diesmal berichtete das "Fremden-Blatt" von einer "anmutigen Darbietung, die Alt-Wien aufleben ließ mit all seinen gemütlichen Reizen und Vorzügen". Daß diese Aufführung eigentlich der Abschied des Komponisten von seiner eigenen Jugend, ja von seinem Leben war, wollte man natürlich nicht wahrhaben. Strauß dirigierte ja "mit seiner altberühmten Verve". Aber er wählte gewiß nicht zufällig die beiden Abschiedsmotive als Ausklang: "Brüderlein fein" - "So leb' denn wohl".

 

" Jabuka-Quadrille", op. 460

 

Johann Strauß hat auf einen großen Erfolg gehofft, als er im Sommer 1894 an der Fertigstellung seiner Operette "Jabuka" arbeitete. Das Werk sollte anläßlich seines Jubiläums - am 15. Oktober 1894 war es 50 Jahre her, seit Johann Strauß als Musikdirektor und als Komponist im Casino Dommayer in Hietzing debütiert hatte - im Theater an der Wien in Szene gehen. Strauß selbst hatte sich eine Handlung gewünscht, die in einem Land mit slawischer Musik spielen sollte, und die beiden erprobten Librettisten Max Kalbeck und Gustav Davis waren bestrebt, diesem Wunsch gerecht zu werden. Aber dann hatte es mit der Zusammenarbeit der beiden Autoren ganz und gar nicht geklappt und so war dem Komponisten der Schwung abhanden gekommen, mit dem er sich an die Arbeit gemacht hatte. Als das Werk dann knapp vor dem Jubiläum, am 12. Oktober 1894, im Theater an der Wien zum ersten Male zu sehen und zu hören war, ergab sich ein gewiß höflich-anerkennender, aber keineswegs enthusiastischer Publikumserfolg. Nach einer kurzen Aufführungsserie mußte die Direktorin des Theaters an der Wien, Alexandrine von Schönerer, das Werk aus dem Spielplan nehmen. Der geringe Widerhall des Stückes hatte u.a. zur Folge, daß die aus den Motiven der Operette "Jabuka" arrangierten Tanzstücke mit Ausnahme des Walzers "Ich bin Dir gur, op. 455, nur in den Klavierausgaben veröffentlicht worden sind. Der Verleger Gustav Lewy wollte ein weiteres, finanzielles Risiko unbedingt vermeiden. Für diese Aufnahme hat Kapellmeister Christian Pollack daher die "Jabuka-Quadrille" (in Kenntnis der Operetten-Partitur) instrumentiert.

 

Johann Strauß hat für die "Jabuka-Quadrille" folgende Motive der Operette verwendet: in Nr. 1 (Pantalon) aus Nr. 1 der Operette (Introduktion) die Stelle "Jabuka, Jabuka, nehmt euch in acht", aus Nr. 13 (2. Finale) das Solo der Jelka, "Wer mich will gewinnen", und aus Nr. 9 das Zitat "So hört doch, was ich sage". In Nr. 2 (Été) hört man aus Nr. 2 "Herr Bruder, lustig angespannt" und aus Nr. 8 (1. Finale) "Nach Raviza will ich fahren". Nr. 3 (Poule) ist zusammengesetzt aus dem Solo der Jelka in Nr. 5, "Gern trag ich Gefahr und Beschwerde", dem Terzett (1. Finale) "Lebt wohl, lebt wohl" und aus der serbischen Nationalhymne, die sowohl im Vorspiel als auch im 2. Finale verwendet worden ist. In Nr. 4 erklingen die Zitate "Mag ich an der Scholle kleben" aus dem Terzett Nr. 2 und "Auch lacht mir bei Weibern immer noch das Glück", Solo des Joschkos aus dem 1. Finale; in Nr. 5 aus Nr. 9 der Operette die Chorstelle "Er ladet uns als Gäste" sowie Joschkos Entrée (Nr. 3), "Im ganzen Land bin ich bekannt". Für das Finale hat Johann Strauß das Couplet (Nr. 12) verwendet, "Wie die Chroniken vermelden". Insgesamt ist ein amüsantes und schwungvolles Werk entstanden, das keineswegs erkennen läßt, daß es aus Motiven einer nicht erfolgreichen Operette besteht.

 

"Abschieds-Walzer" (in F), ohne op.

 

In der Wintersaison 1900/1901 konzertierte die Strauß-Kapelle unter der Leitung des "schönen Edi" in den Vereinigten Staaten von Amerika. In den Musikverein zog damals der Wiener Konzertverein, der von den Kapellmeistern Karl Stix und Karl Komzák geleitet wurde, ein und übernahm die Sonntag-Nachmittagskonzerte. Im Rahmen dieser Veranstaltungen ließ Adèle Strauß zwei Kompositionen aus dem Nachlaß des Meisters aufführen: am 18. November den Walzer in A-Dur unter dem Titel "Ischler Walzer" und am 9. Dezember 1900 den Walzer in F-Dur, der als "Abschieds-Walzer" angekündigt worden war. Die eigenhändigen, aber unvollständigen Partituren der beiden Werke befinden sich in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Wer die Herstellung eines kompletten Aufführungsmaterials übernommen hatte, wurde nicht angegeben. Für die Druckausgabe sorgte der Verlag Hermann Seemanns Nachfolger in Leipzig. Auch bei dieser Ausgabe ist kein Herausgeber genannt worden. Die Uraufführung des "Abschieds-Walzer" (nachgelassene Werke, Nr. 1) am 9. Dezember 1900 durch den Konzertverein im Goldenen Saal des Musikvereins wurde wohl von Karl Komzák dirigiert, der am 18. November auch die erste Wiedergabe des "Ischler Walzers" geleitet hatte. Welches Publikumecho das Werk ausgelöst hat, konnte noch nicht ermittelt werden. Eine interessante Klavierausgabe des Werkes erschien übrigens im Jahre 1905. Wie aus einer Notiz des "Illustrirten Wiener Extrablattes" vom 21. Mai 1905 hervorgeht, bot "die soeben ausgegebene Nr. 10 des VI. Jahrganges der 'Musikblätter' ein Johann Strauß-Album, welches die beiden letzten Werke des Walzerkönigs; 'Abschieds-Walzer' und 'Ischler Walzer', enthält." In der Ankündigung wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß dieses Album nicht nur in den Musikalienhandlungen, sondern auch in "allen Tabak-Trafiken Wiens um 30 kr." erhältlich sei. Für eine moderne Vermarktung war also gesorgt.

 

"Unparteiische Kritiken", Polka Mazur, op. 442

 

Am 1. Januar 1892 ging die komische Oper "Ritter Pásmán" von Johann Strauß zum ersten Male über die Bretter des k.k. Hofoperntheaters an der Wiener Ringstraße. Am 2. Januar erschienen in den Zeitungen der Donaumonarchie zumeist ablehnende Kritiken; in einigen Rezensionen war zwischen den Zeilen mehr oder weniger deutlich erkennbar die Ansicht der Journalisten versteckt, der Walzerkönig Johann Strauß hätte sich nicht in die Hofoper vorwagen sollen. Oder, drastisch mit dem Sprichwort ausgedrückt: "Schuster bleib' bei Deinem Leisten!".

 

Der Komponist war tief gekränkt. Am meisten bedrückte ihn das Referat des Kritikers Eduard Hanslick in der "Neuen Freien Presse". Am 22. Februar 1892 fand im Sofiensaal der traditionelle Ball der Journalisten und Schriftsteller statt. Unter den zahlreichen Komponisten, die für diesen Concordiaball Widmungskompositionen zur Verfügung gestellt haben (es waren zwölf an der Zahl!), befand sich auch Johann Strauß. Er nannte seine Novität "Unparteiische Kritiken". Damit wollte er ausdrücken, daß man ihn nicht als Walzerkönig hätte beurteilen sollen, sondern daß man an sein Werk jene Maßstäbe hätte anlegen müssen, die für andere zeitgenössische Opern gegolten hatten. Das Ballkomitee der "Concordia" ignorierte die Spitze, die in der Wahl des Titels "Unparteiische Kritiken" ihren Ausdruck fand, und reihte die Widmung ganz schematisch unter die anderen Widmungen ein. Auch Eduard Hanslick reagierte zunächst nicht.

 

Als aber das Werk im Verlag Simrock, Berlin, im Druck erschienen war und auf dem Titelblatt die Zeichnung der Justitia (mit verbundenen Augen) zu sehen war, da zeigte sich ausgerechnet Hanslick schwer beleidigt. Er wagte es aber nicht, Strauß seinen Unmut mitzuteilen, sondern protestierte beim Verleger Fritz Simrock. Der hatte seinen Spaß an dieser Geschichte. Wie übrigens auch die Tänzer beim Concordiaball am 22. Februar 1892 im Sofiensaal, denen Eduard Strauß das Werk zum ersten Male aufspielte; sie fanden die Polka Mazur überaus reizvoll und spendeten dem Komponisten lebhaften Beifall.

 

© 1994 Professor Franz Mailer

 


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