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8.223241 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 41
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

[1] "Wo uns're Fahne weht", Marsch, op. 473

 

Am 13. März 1897 ging die letzte Operette Vort Johann Strauß, "Die Göttin der Vernunft", zum ersten Male über die Bühne des Theaters an der Wien. Der Komponist schützte Krankheit vor und blieb der Premiere des von ihm nur widerwillig fertiggestellten Werkes fern. Die Vorstellung, die von einem tüchtigen Ensemble mit Bravour gestaltet wurde, endete mit einem "Durchfall mit Applaus". Die Hartdlung, die in Paris zur Zeit der französischen Revolution spielte, konnte die Aufmerksamkeit des Publikums ganz und gar nicht fesseln, nur die Musik von Johann Strauß wurde mit einigem Beifall ausgezeichnet. Die Herausgabe der aus den Motiven der Operette arrangierten Tanzkompositipnen hatte dereher bescheidene Verlag Emil Berté & Cie übernommen; es sind aber schließlich nur einige Piecen in Klavierausgaben im Druck erschienen, unter ihnen befand sich der aus zwei schwungvollen Motiven der Operette gestaltete Marsch "Wo uns're Fahne weht". (Strauß verwendete den Chor der Husaren, "Im Kriege ist das Leben voll Reiz und wunderschön" - "Der Schöpfung Meisterstück ist der Husar", aus Nr. 2 sowie "Wo uns're Fahne weht" aus Nr. 10; dieses Zitat gab dem Marsch auch den Titel.)

 

Die flotten Marschmelodien, die jedem Militärkapellmeister der Epoche zur Ehre gereicht hätten, gefielen dem Publikum und den Rezensenten schon während der Uraufführung der Operette und wurden auch in den Berichten über die Premiere hervorgehoben. Es waren dann auch die Militärmusikkapellen, die den Marsch "Wo uns're Fahne weht" in ihre Programme aufgenommen haben. Die Banda des zweiten Wiener Hausregiments, der "Vierundachtziger", spielte den Marsch zum ersten Male am 5. Mai 1897 im Restaurant "Zum wilden Mann", und zwar im Rahmen eines Richard Wagner-Konzerts!

 

Ob der Komponist je eine Aufführung des flotten, schneidigen Marsches gehört hat, ist zweifelhaft. Strauß fand sich ja auch nur bereit, eine der letzten Repertoireaufführungen der Operette "Die Göttin der Vernunft" zu besuchen. Er hatte nun einmal keine Freude mit seinem letzten Bühnenwerk. Aber gerade der Marsch "Wo uns're Fahne weht" beweist in überzeugender Art und Weise, welchen Schwung und Elan der 72jährige Komponist noch aufbringen konnte!

 

[2] "Burschen-Lieder", Walzer, op. 55

 

Die Studenten und die Arbeiter Wiens waren die wichtigsten Akteure bei den revolutionären Ereignissen gegen das Regime des Staatskanzlers Fürst Metternich im März des Jahres 1848. Nach seiner Rückkehr von der Balkanreise, die Johann Strauß-Sohn im Herbst 1847 angetreten hatte, wurde der junge Strauß ab Juni 1848 der bevorzugte Kapellmeister der Revolutionäre und spielte mit seiner Kapelle bei zahlreichen Festen und Bällen auf, die von der Studentenschaft Wiens den Sommer über veranstaltet wurden. Für eines dieser Feste, einen Ball der Studierenden an der technischen Hochschule, schrieb Johann Strauß im Juli 1848 eine Walzerpartie mit dem Titel "Burschen-Lieder". Das genaue Datum dieses Balles ist nicht zu ermitteln, aber er dürfte Ende Juli oder im August 1848 abgehalten worden sein. Johann Strauß schrieb eine schwungvolle Einleitung: sie zitiert notengetreu das Lied "Der Freiheit Schlachtruf" (Gedicht von E.M. Arndt, Melodie von Albert Methfessel), dessen Text mit den Worten begann: "Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte." In die Coda nahm der Komponist das seit März 1848 in Wien allgegenwärtige "Fuchslied" auf (beim Fuchsritt zu singen: "Was kommt dort von der Höh'"), das seit der Aufführung des Lustspiels "Das bemooste Haupt oder Der lange Isreal" am 1. April 1848 im Nationaltheater [!] an der Wien als revolutionäres Lied der Studentenschaft galt. (Franz von Suppé hat damals kostbare Studien über "Was kommt dort von der Höh'" geschrieben.)

 

Aber der Walzer "Burschen-Lieder" selbst war keineswegs revolutionär: fröhlich tändelten seine Melodien dahin; ein Werk an der Wende vom Biedermeier in eine neue Zeit war entstanden, das zweifellos das Lob verdient hat, das ihm die "Theaterzeitung" am 16. September 1848 mit dem Satz ausgedrückt hat: "Diese 'Burschenlieder', welche nicht nur sehr melodiös, sondern zugleich zum Tanze einladend sind, zeichnen sich noch durch das wohlbekannte 'Fuchslied' aus, welches Herr Strauß am Schluß sehr effektvoll eingewebt hat." Nun - dieses "Fuchslied" war wohl auch dafür verantwortlich, daß der tatsächlich sehr melodiöse Walzer nach der Niederschlagung der revolutionären Ereignisse durch die Armee im Spätherbst 1848 nicht mehr gespielt worden ist. Erhalten blieb nur die Klavierausgabe. Sie mußte für diese Aufnahme von Arthur Kulling instrumentiert werden.

 

[3] "Martha-Quadrille", op. 46 Am 25.

 

November 1847 wurde die eigens für Wien komponierte Oper "Martha oder Der Markt von Richmond", Text von W. Friedrich, Musik von Friedrich von Flotow, im Hofoperntheater nächst dein Kärntnerthor uraufgeführt. Kaiser Ferdinand wohnte in seiner Loge der vom Komponisten dirigierten Premiere bei und wurde Zeuge eines triumphalen Erfolges, des größten, den Flotow erleben sollte. In den darauffolgenden Tagen verbreiteten sich die populärsten Melodien der Oper sogleich in der Donaumetropole und Johann Strauß-Vater beeilte sich mit dem Arrangement einer Quadrille. Die Melodienfülle des Bühnenwerkes ermöglichte ihm die Herstellung einer wirksamen Komposition - in der Klavierausgabe der "Martha-Quadrille" von Strauß-Vater, die am 30. Dezember 1847 in der "Wiener Zeitung" annonciert worden ist, konnte der Verlag Haslinger (Firmenname damals: Tobias Haslingers Witwe und Sohn) drei Nummern "zum beliebigen Figurenwechsel" anbieten. (In den Orchesterstimmen des Haslinger Verlages findet sich nur eine Variante der Nummer 2, Eté.) Die Quadrille von Johann Strauß-Vater wurde so rasch bekannt und in der gesamten Monarchie populär, daß man Flotow gelegentlich den kuriosen Vorwurf machte, er habe Strauß-Melodien in seiner Oper verwendet!

 

Zur Zeit der Uraufführung und der ersten Triumphe der Oper "Martha" war Johann Strauß-Sohn bereits unterwegs auf seiner anstrengenden Winterreise nach Bukarest. Aus den Zeitungsberichten geht hervor, daß sein Verleger H.F. Müller ihm einen Klavierauszug oder sogar eine Partitur des Werkes nachgeschickt habe. Demnach hat Johann Strauß-Sohn seine "Martha-Quadrille" erst während seiner Reise arrangieren können, als das populäre Werk seines Vaters schon fertiggestellt war. (Die Uraufführung der "Martha-Quadrille" des Vaters, op. 215, fand am 18. Dezember 1847 im "Sperl" statt!) Strauß-Sohn hat, ob absichtlich oder zufällig mag dahingestellt bleiben, andere Motive der Oper für seine "Martha-Quadrille" gewählt als sein Vater. Nur Nr. 2 (Eté) ist identisch mit Nr. 5 (Pastourelle) der "Martha-Quadrille" von Strauß-Vater. Im Opus 46 von Strauß-Sohn wurden der Chor der Landleute ("Mädchen brav und treu, herbei") für Nr. 1, zwei Lieder der Nancy für Nr. 2 (Eté), der Chor der Jagdgesellschaft ("Ach wir Frau'n" und "Bald sie scheuchen") und der Chor der Dienerinnen für Nr. 3, das Duett Nr. 2 ("Das ist traurig") und die berühmte Arie des Lyonel ("Ach so fromm") für Nr. 4, das Quartett Nr. 7 (" Ah' zu lustig") für Nr. 5, und zwei Motive aus Nr. 17 ("O, ich wüßt' schon eine" und "Ei, ihr malet") für das Finale verwendet. Die Wiener Erstaufführung der Quadrille ist nicht nachzuweisen, angekündigt wurde sie für Januar 1848.

 

Die Erstausgabe der Klavierfassung wurde am 13. Januar 1848 in der "Wiener Zeitung" annonciert. Die "Theaterzeitung" kündigte am seiben Tag das Erscheinen der Quadrille ebenfalls an und meinte: "Die Wahl des Themas zu den Figuren ist sehr glücklich getroffen und wird diese Quadrille zu einer der beliebtesten des heurigen Faschings machen." Aber diese optimistische Vorhersage ist nicht in Erfüllung gegangen: populär wurde nur die "Martha-Quadrille" des Vaters. (Auch weitere "Martha-Quadrillen", u.a. von Philipp Fahrbach, konnten sich nicht durchsetzen.) Von der "Martha-Quadrille" des Sohnes blieb nur die Klavierausgabe erhalten; sie mußte für diese Produktion von Ludwig Babinski instrumentiert werden.

 

[4] "Gedankenflug", Walzer, op. 215

 

Im Sommer 1858, in dem das Liebesabenteuer mit der kapriziösen Russin Olga Smirnitzkaja seinen Anfang nahm, komponierte Johann Strauß in Pawlowsk bei St. Petersburg seinen ersten Konzertwalzer. Er folgte damit dem Beispiel seines Bruders, der mit den Kompositionen "Perlen der Liebe", op. 39, "Ideale" (verschollen) und "Klänge aus der Ober- und Unterwelt" (ebenfalls verschollen) bereits die traditionelle Walzerform verlassen hatte und den Weg von der Tanzmusik zur symphonischen Musik beschritten hatte. Das Verhalten des Verlegers Carl Haslingers, der von den genannten Kompositionen Josephs nur die "Perlen der Liebe" hatte im Druck erscheinen lassen, schreckte Johann nicht ab: allerdings bestand er schließlich darauf, sein neues Werk korrekt als Konzertwalzer herauszugeben.

 

Johann Strauß hat sich offenkundig viel Mühe mit der Komposition dieses Werkes gegeben: er feilte bis zuletzt an der Partitur. Erwähnt wurde die Novität zuerst in der"St. Petersburger Zeitung" vom 10./22. September 1858 bei der Programmankündigung für das Orchesterbenefiz am 11. /23. September, und zwar unter dem Titel "Gedankenflüchtlinge". Unter diesem Titel ist es am 11./23. September 1858 in Pawlowsk auch zum ersten Male aufgeführt worden. Gewidmet wurden diese "Gedankenflüchtlinge" einem Mitglied der österreichischen Botschaft in St. Petersburg, Emmerich Grafen Szechényi, dem der allzu flotte Jean für mancherlei Hilfe bei amourösen und anderen Abenteuern in Rußland zu Dank verpflichtet war. Der Diplomat hat sich übrigens auch als Komponist versucht und Strauß hat gelegentlich eine Szechényi-Arbeit in seinen Konzerten aufgeführt.

 

Mit der Präsentation dieses Werkes in Wien hat Johann Strauß sich Zeit gelassen. Zunächst wurde es unter dem neuen Titel "Gedankenflug" für den Strauß-Ball am 28. Februar 1859 im Sofiensaal angekündigt. Aber das schien nicht der rechte Rahmen für einen Konzertwalzer zu sein. Die Wiener Erstaufführung wurde also verschoben. Dann erkrankte Johann Strauß. Nach seiner Genesung kündigte er die Veranstaltung einer Soiree im "Sperl" an und bei dieser Gelegenheit sollten die Melodien des "Gedankenfluges" zum ersten Male in Wien zu hören sein. Doch erst Ende März 1859 fand sich eine geeignete Lösung für das offenbar nicht leicht zu bewältigende Problem der Präsentation des Konzertwalzers: am 3. April 1859 veranstaltete Carl Haslinger im Theater in der Josephstadt eine Akademie zu Gunsten der Errichtung einer Kinderbewahranstalt (= Kindergarten) Alservorstadt. Erst bei dieser Gelegenheit "producirte sich Johann Strauß an der Spitze seiner tüchtigen Kapelle mit der Exekution u.a. seines neuen Concertwalzers 'Gedankenflug' von wirklich liebenswürdiger, sinniger Instrumentation"! ("Theaterzeitung", 5. April 1859) Strauß erhielt die "betäubendsten Ehrenbezeugungen". Populär wurde der Walzer "Gedankenflug" trotzdem nicht. Aber es ehrt den Komponisten, ebenso wie seinen Bruder Joseph, den Versuch gemacht zu haben, den Weg vom Tanz- zum Konzertwalzer zu beschreiten.

 

[5] "Newa-Polka" francaise, op. 288

 

Im frühjahr 1864 verzögerte sich die Abreise des Ehepaares Jetty und Johann Strauß nach Rußland durch den Verlauf des Feldzuges der preussischen und der österreichischen Truppen in Schleswig-Holstein. Schließlich machte Johann Strauß in Berlin Station, um bei einem Festkonzert im kgl. Schauspielhaus seinen - dem Preußenkönig Wilhelm gewidmeten - "Verbrüderungs-Marsch", op. 287, vorzutragen. (Dafür erhielt er später einen Orden!)

 

Als Strauß endlich in der russischen Metropole St. Petersburg angekommen war, taufte er eine neue Polka, die er möglicherweise bereits im Reisegepäck mitgebracht hatte, nach dem Fluß, der mit seinen Kanälen und Seitenarmen der Zarenresidenz den Beinamen eines 'nordischen Venedig" eingetragen hat, also nach der Newa. Russische Einflüsse waren in diesem Werk nicht festzustellen, und so konnte Strauß die Polka mit dem Namen des russischen Stromes als Titel getrost - der Königin Isabella von Spanien (1830-1904, sie regierte in den Jahren 1843-1868) widmen! (Auch für dieses Werk erhielt Strauß den angestrebten Orden!) Der Verlag C.A. Spina hat die Klavieraus-gabe der Polka bereits am 27. Juli 1864 ausgeliefert, wahrscheinlich zunächst nach Spanien. (In Wien wurde sie erst im Dezember annonciert.) Die erste Aufführung der "Newa-Polka" erfolgte am 10./22. September 1864 als Zugabe in Pawlowsk bei St. Petersburg, die offizielle Präsentation fand aber erst beim Festkonzert am 15./27. September 1864 in Pawlowsk bei St. Petersburg statt.

 

In Wien spielte Strauß die Polka (wie aus den Aufzeichnungen des Hornisten Franz Sabay hervorgeht) am 4. Dezember 1864 beim Benefiz-konzert der Strauß-Kapelle (möglicherweise abermals als Zugabe!) zum ersten Male auf. Angekündigt wurde das Werk erst eine Woche später, beim nächsten Konzert im Volksgarten. Doch dann hielt sich die "Newa-Polka" dauerhaft im Repertoire der Strauß-Kapelle.

 

[6] Vorspiel zum 3. Akt des Balletts "Aschenbrödel"

 

Am 5. März 1898 veröffentlichte die Wiener Wochenschrift "Die Waage" ein aufsehenerregendes Preisausschreiben: "Seit vielen Jahren bemühen sich die Freunde des Meisters Johann Strauß, ihn zur Komposition eines Balletts zu bewegen. Er hat sich nunmehr entschlossen, dies Verlangen zu erfüllen und hofft, auf dem Wege einer Preiskonkurrenz ein geeignetes Textbuch zu erlangen."

 

Der Erfolg dieses Aufrufes übertraf zumindest quantitativ alle Erwartungen. Schon im Mai 1898 lagen siebenhundert Einreichungen vor, aus denen schließlich A. Kollmanns Entwurf einer modernen Aschenbrödel-Variante ausgewählt wurde. Johann Strauß machte sich pflichtgetreu an die Arbeit und begann die Komposition mit zahlreichen Skizzen und Entwürfen. Im Sommer 1898 konnte er seinem Bruder Eduard, der eine Konzerttournee durch fünfzig Städte Deutschlands absolvierte, in einem Brief mitteilen: "Ich bin auf der 40. Seite der Partitur und habe erst zwei Szenen erreicht." Im Frühjahr 1899 war noch kein Zeitpunkt der Fertigstellung des Balletts abzusehen. Am 3. Juni 1899 nahm der Tod dem Komponisten buchstäblich die Feder aus der Hand, mit der Strauß stetig an der "Aschenbrödel"-Partitur gearbeitet hatte. Zu den fertigen Teilen gehörte ein Vorspiel zum 3. Akt. Es enthielt eine der letzten Walzermelodien, die Johann Strauß in seinem reichen Leben geschrieben hat. Sie schmeichelt sich - von leiser Wehmut überschattet - ins Ohr des Hörers ein, ein letzter Beweis des strauß'schen Genies.

 

Die Uraufführung des Vorspiels aus "Aschenbrödel" erfolgte bei einem außerordentlichen Gesellschaftskonzert um die Mittagszeit des 21. Januar 1900 im Musikverein, gemeinsam mit dem "Traumbild 1". Im Bericht des "Illustrirten Wiener Extrablattes" vom 22. Januar 1900 heißt es: "Dieses mit den zartesten Pastellfarben gemalte 'Aschenbrödel'-Fragment ('Die Heimkehr nach dem Balle') klingt wie ein musikalisches Märchen. Wie das kaum vernehmbare Flüstern und Lispeln in der wie aus Silberfäden gesponnenen Einleitung allmählich stärker und lebendiger anschwillt, bis es sich endlich auf höchster Höhe zu einem echten Strauß-Walzer voll Anmuth und hinreißendem Schwung entfesselt - 'das hat kein Schubert g'schrieben, das hat kein Mozart dicht't und ist halt doch so voller Poesie'."

 

[7] "Vivat!", Quadrille, op. 103

 

Im Herbst des Jahres 1851 hatte Johann Strauß so ziemlich alle Positionen im wienerischen Musikleben erreicht, die sein im September 1849 plötzlich verstorbener Vater inne gehabt hatte. Aber ein Ziel war noch nicht erreicht: der allerhöchste Kaiserhof zog die Strauß-Kapelle zu seinen Festen vorerst nicht heran und es schien wenig Aussicht zu bestehen, daß der 26jährige Musikdirektor Strauß die seinem Vater zuerkannte Position eines Hofball-Musikdirektors ebenfalls erhalten werde. Aber der junge Mann ließ keine Gelegenheit vorbeigehen, um die Aufmerksamkeit der zuständigen Beamten des Obersthofmeisteramtes auf sich zu lenken.

 

Als am 3. Oktober 1851 im k.k. Volksgarten eine Vorfeier zum Namenstag des jungen Kaisers veranstaltet wurde, stellte sich Johann Strauß mit einer feierlichen Widmung ein: mit der "Vivat!"-Quadrille. Indem er seinen Monarchen "hoch leben" ließ, hoffte Strauß die Gunst der kaiserlichen Familie zu erhalten. Die Widmungskomposition konnte allgemeine Anerkennung erringen. Die "Theaterzeitung" brachte am 5. Oktober einen kurzen Bericht über das Fest am 3. Oktober im k.k. Volksgarten. Darin hieß es: "Strauß hatte für diesen Abend eine neue Quadrille: 'Vivat!' betitelt, componirt, welche reizendliebliche Original-Motive enthält und sehr originell instrumentirt ist, sodaß das sehr zahlreiche Publikum eine viermalige Wiederholung derselben verlangte."

 

Das beharrliche Bemühen um Anerkennung beim Obersthofmeisteramt und bei den jugendlichen Mitgliedern der kaiserlichen Familie sollte schon im Fasching 1852 erfolgreich sein: Johann Strauß wurde zur Leitung der Tanzmusik in der Hofburg herangezogen. Als die "Vivat!"-Quadrille im Druck erschien, hatte ihr Komponist die ersten Hofbälle bereits erfolgreich hinter sich gebracht.

 

[8] "Lagunen-Walzer", op. 411

 

Aus den schönsten Walzermotiven seiner Operette "Eine Nacht in Venedig" hat Johann Strauß wohl noch vor der Uraufführung des Bühnenwerkes am 3. Oktober 1883 in Berlin den "Lagunen-Walzer" gestaltet: der Titel leitete sich von jener Arie im Dreivierteltakt her, die in Berlin vom Sänger des Herzogs von Urbino irn dritten Akt angestimmt wurde, "Auf der Lagune bei Nacht". Da aber dieser Text mit den Versen weiterging:

 

"Nachts sind die Katzen ja grau,

nachts tönt es zärtlich miau",

 

kam es bei der Premiere irn Friedricn-Wilhelm-städtischen Theater der preußischen Metropole zu einem Skandal. Das Publikum f!ng ebenfalls zu miauen an, Strauß mußte abklopfen, und als er das Lied noch einmal anstimmen ließ und der ungeschickte Sänger den Text wiederholte, ging der Wirbel von Neuern los. Erst bei der folgenden Aufführung wurden die Verse geändert und bei der Premiere der Operette in Wien (diesmal sang Alexander Girardi als Caramello den Walzer) gab es dann jenen Text, der seither gesungen wird: "Ach, wie so herrlich zu schau'n, sind all die lieblichen Frau'n".

 

Johann Strauß ließ sich durch alle diese Turbulenzen nicht beirren; der "Lagunen-Walzer" wurde mit dem in Berlin mißhandelten Walzerlied eröffnet und auch den Titel, der ja nun durch den Text nicht mehr gedeckt war, behielt der Komponist bei.

 

Die Uraufführung des Walzers erfolgte beim Benefizkonzert Eduard Strauß am 4. November 1883 im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins: Johann Strauß erschien zum Vortrag des "Lagunen-Walzers" selbst auf dem Podium. Er konnte für stürmischen Beifall danken und mußte das Werk dreimal wiederholen. Eduard brillierte an diesem Nachmittag übrigens mit seiner hübschen Schnellpolka "Mit Chic", op. 221. Neben dem Walzerlied" Auf der Lagune" hatte Strauß in seinem Opus 411 u.a. Motive aus dem 2. Akt ("Im Saale tanzen meine Gäste") und aus dem 1. Akt ("Alle maskiert", Serenade) verwendel.

 

[9] "Shawl-Polka" francaise, op. 343

 

Im Februar 1871 warteten die Musikfreunde Wiens auf die Uraufführung der ersten Operette des Walzerkönigs Johann Strauß. Doch die Direktion des Theaters an der Wien zögerte die Premiere hinaus: das Lebensbild "Drei Paar Schuhe" von Görlitz mit Musik von Karl Millöcker erwies sich als Kassenschlager. Da wollte man die Serie der Aufführungen nicht vorzeitig beenden. Daher wurde der Start der Operette "Indigo und die 40 Räuber" weit über den Beginn des Monats Februar hinaus verschoben. Schließlich wurde der 10. Februar als Premierentermin festgesetzt.

 

Für Johann Strauß ergab sich aus dieser Regelung ein Dilemma: er hatte der

Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" eine Widmungskomposition versprochen, möglichst einen Walzer. Doch der Concordiaball im Sofiensaal fand bereits am 7. Februar 1871 statt, also noch vor der Uraufführung der Operette. Es verstand sich von selbst, daß Strauß am Ballabend eine Komposition präsentieren werde, die aus dem Melodienvorrat der Novität arrangiert worden war. Aber Strauß hatte Angst, die populärsten Melodien der Operette vor dem Premierenabend bekannt werden zu lassen: die Preisgabe des großen Walzers nach Motiven aus "Indigo" kam daher nicht in Frage. Enttäuschen wollte Strauß die Journalisten aber trotzdem nicht. Er ließ daher am 7. Februar in der "Presse" ankündigen, er werde beim Concordiaball eine aus Motiven der Operette arrangierte Polka persönlich dirigieren. So war es dann auch: am 8. Februar 1871 konnte z.B. das "Fremden-Blatt" in der Abendausgabe berichten, die Tanzmusik sei am Ballabend der "Concordia" in vorzüglichster Weise durch die Strauß-Kapelle besorgt worden und die beiden Widmungen der Brüder Johann und Eduard Strauß seien mit "rauschendem Beifall" aufgenommen worden. Es wurde aber nur der Titel der von Eduard Strauß komponierten Polka Mazur bekanntgegeben ("Mit der Feder", op. 69), die vom Komponisten persönlich vorgestellte Polka von Johann Strauß blieb gleichsam anonym. Erst beim Erscheinen der Druckausgabe wurde das Geheimnis gelüftet: die der "Concordia" gewidmete Polka francaise nach Motiven der Operette "Indigo" hieß "Shawl-Polka". Am 25. März 1871 spielte Eduard das Werk unter diesem Titel zum ersten Male im Musikverein. Die Popularität des der "Concordia" vorenthaltenen Walzers, "Tausendundeine Nacht", op. 346, hat die Polka nicht erreicht.

 

[10] "Traumbild 1", ohne op.

 

Unter den zahlreichen, musikalischen Skizzen, die Johann Strauß bei seinem Tod im Jahre 1899 hinterlassen hat, befanden sich auch zwei Charakterstücke, über denen als Titel "Traumbilder" stand. Der Komponist selbst hat seinem Bruder Eduard über diese Arbeiten geschrieben: "Wie ich mir jetzt die Zeit vertreibe, ist sehr komisch. Ich begann ein zwischen Ernst und Humor gehaltenes Orchesterstück, mich an keine Form bindend. Der Ernst zum Scherz bildet einen großen Sprung, demnach ich es der freien Phantasie überlassen muß, wie die Sprünge geschehen. Die erste dieser musikalischen Verirrungen ist mehr leidenschaftlich, die zweite ist ein Porträt Adèles."

 

Bei einer anderen Gelegenheit bat Johann Strauß seinen Bruder die Skizzen bei einer Probe durchspielen zu können, um den Orchesterklang zu kontrollieren und die Fehler zu verbessern. Er wollte die Arbeiten selbst herausgeben. Dazu ist es nicht gekommen. Doch am 8. Dezember 1899 ließ der Verlag Josef Weinberger in den Zeitungen annoncieren:

 

"! Novität! Sensationelles musikalisches Weihnachtsgeschenk. Soeben erschien das nachgelassene Werk von Johann Strauß, 'Traumbilder'. Zwei Phantasiestücke für Klavier zu zwei Händen." Diese Ausgabe ist erhalten, jedoch wurde dabei die Reihenfolge vertauscht: "mehr leidenschaftlich" war nun das "Traumbild 2". Eine Orchesterfassung aber hat der Verlag Weinberger offenbar lediglich vom "Traumbild 1" veröffentlicht, das - nach dem Hinweis des Komponisten - als "Porträt seiner Gattin Adèle" zu verstehen ist. Die "Traumbilder" erschienen zum ersten Male auf dem Programm eines außerordentlichen Gesellschaftskonzerts, das die Gesellschaft der Musikfreunde um die Mittagszeit des 21. Januar 1900 veranstaltete, und zwar als "Johann strauß-Gedächtniskonzert". Es gab allerlei Merkwürdigkeiten rings um diese Veranstaltung, und eine seltsame Angelegenheit betraf auch das Programm. Es wurden zwei Uraufführungen angekündigt: "Entr'act aus' 'Aschenbrödel'" und "Traumbilder". Es dürfte aber nur "Traumbild 1" vorgetragen worden sein. In der Rezension dieser Veranstaltung, die am 22, Januar 1900 im "Fremden-Blatt" erschienen ist, hieß es nämlich: "Das Orchester brachte zwei interessante Stücke aus dem Nachlaß des Meisters; ein 'Entre'act' aus dem Ballett 'Aschenbrödel', dessen anheimelnde Walzerweise ausnehmend gefiel und wiederholt werden mußte, und ein [!] elegisches Tonbild 'Traumbilder', das bei minder breiter Ausspinnung vermöge seines Klangreizes gleichfalls gewirkt hätte." Als "elegisches Tonbild" aber kann man wohl nur "Traumbild 1" bezeichnen, das gefühlvolle "Porträt Adèles".

 

© Franz Mailer

 


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