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8.223244 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 44
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

[1] "Maskenfest-Quadrille", op. 92

 

Nach der Niederwerfung der Rebellion des Jahres 1848 in Wien wurde über die Reichshaupt- und Residenzstadt der Belagerungszustand verhängt. Zu den damals von der Militärbehörde verhängten Maßnahmen gehörte auch das Verbot von Maskenbällen. Es galt als staatsgefährdend, sich zu verkleiden. Aber im Fasching 1851 durchbrach der Vater des Kaisers, Erzherzog Franz Carl, den Bann. Für einen Wohltätigkeitsball zum Besten der erwachsenen Blinden Wiens und zur Unterstützung der Kinderbewahranstalt Leopoldstadt erwirkte er die Erlaubnis, in den k.k. Redoutensälen der Hofburg zum ersten Mal nach 1848 wieder einen Maskenball veranstalten zu dürfen. Triumphierend berichtete die "Ost-Deutsche Post" am 30. Januar 1851: "Der Maskenball ist erlaubt worden!" Das Blatt wußte auch zu berichten, daß Musikdirektor Johann Strauß das Orchester leiten und eigens für diesen Ball eine Quadrille komponieren werde.

 

Die Hoffnung der Veranstalter, daß der erste Maskenball in der Zeit des ja immer noch nicht aufgehobenen Belagerungszustandes zahlreiche Besucher finden werde, hat sich erfüllt. Am 6. Februar 1851 berichtete die Zeitung "Der Humorist":

 

"Endlich nach langem, bitterem Warten gab es am 4. Februar wieder eine Redoute. Sie ließ, was den Besuch anbelangt (es hatten sich mehr als 4,000 Personen eingefunden), nichts zu wünschen übrig. Masken gab es allerdings nicht sehr viele, die sonstigen Toiletten waren glänzend und geschmackvoll. - Das Orchester unter der Leitung des Kapellmeisters Strauß war sehr brav. Es sprach sich der Wunsch nach einer zweiten Redoute allgemein aus."

 

Dieser Wunsch wurde am Faschingsonntag, den 23. Februar 1851, erfüllt. Johann Strauß konnte zufrieden sein: obwohl ihm die "Ost-Deutsche Post" vorhielt, der "alte Strauß" sei bei der Ausführung der Tanzmusik bei weitem nicht so bequem gewesen wie er, hatte der Sohn es endlich erreicht, zum ersten Mal ebenso wie sein Vater im Redoutensaal der Hofburg aufspielen und eine eigene Widmungskomposition präsentieren zu dürfen.

 

[2] "Aschenbrödel-Walzer"

 

Das letzte Bühnenwerk, dessen Komposition Johann Strauß in Angriff genommen hat, war ein Ballett, das den Titel "Aschenbrödel" erhalten sollte. Das Sujet war durch ein Preisausschreiben der kulturellen Zeitschrift "Die Wage" ermittelt worden; in diesem Ausschreiben war zugesichert worden, das Werk werde von der k.k. Hofoper an der Wiener Ringstraße aufgeführt werden.

 

Johann Strauß konnte die Partitur dieses Werkes nicht vollenden; der Tod nahm ihm am 3. Juni 1899 gleichsam die Feder aus der Hand. Witwe Adèle Strauß und der Verleger Josef Weinberger bewogen daher den erfolgreichsten Ballettkomponisten der Epoche, Hofopernkapellmeister Josef Bayer, das Werk nach vorhandenen Fragments und Skizzen fertigzustellen. Bayer kam dieser Aufgabe auch mit großem Eifer nach und konnte im Jahre 1900 die von ihm arrangierte Partitur zur Verfügung stellen. Aber nun weigerte sich der Direktor der Wiener Hofoper, Gustav Mahler, das Ballett "Aschenbrödel" im Haus am Ring herauszubringen. Adèle Strauß wandte sich daher nach Berlin und erreichte sehr rasch, daß die Berliner Hofoper sich bereit erklärte, das Werk zu spielen: am 2. Mai 1901 konnte sich Adèle davon überzeugen, daß das von Josef Bayer ergänzte Ballett "Aschenbrödel" ihres verstorbenen Gatten vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen wurde.

 

Aber bereits im Februar 1901 wurde ein nach Motiven des Balletts zusammengestellter "Aschenbrödel-Walzer" aufgeführt, und zwar beim Concordiaball am 11. Februar im Sofiensaal. Das Werk verwendete als erstes Thema jenen Walzer, den Johann Strauß für das Vorspiel zum dritten Akt des Balletts komponiert hatte und der wohl das letzte Walzermotiv seines reichen Lebens präsentierte. Josef Bayer ist - wie Adèle Strauß in einem Brief an Johann Batka indigniert feststellte - etwas derb mit diesem Motiv und überhaupt mit dem Material des "Aschenbrödel-Walzers" umgesprungen. Aber das hat die Wirkung der Erstaufführung nicht beeinträchtigt. Das "Illustrirte Wiener Extrablatt" berichtete am 13. Februar 1901:

 

"Ungefähr um ½12 Uhr ertönten von der Galerie drei langgezogene, kriegerische Hornsignale. Tanzleiter Professor Rabensteiner erschien 'mit Rednermiene und Sprechergewicht' an der Galeriebrüstung, die Ballgäste blickten gespannt zu Professor Rabensteiner empor; der Professor machte, als lautlose Stille eingetreten war, die Mittheilung, daß 'jetzt' zum ersten Male die neue Walzercomposition von Kapellmeister Strauß, der 'Aschenbrödelwalzer' [gespielt von der Kapelle Johann Strauß junior] zum Vortrag gelangen würde. Die Composition fand großen Beifall."

 

[3] "Von der Börse", Polka française, op. 337

 

Im Sommer 1869, in dem Johann und Joseph gemeinsam die Sommerkonzerte in Pawlowsk bei St. Petersburg leiteten, entstand eine ganze Reihe von Meisterwerken der beiden Brüder; ganz zuletzt fügte Johann Strauß dieser Serie noch eine Abschieds-Polka hinzu, die er beim Schlußkonzert der Saison dem Publikum vorführte. Das Werk hatte an diesem Tag den Titel "Nje sabud menja", das heißt etwa "Vergiß nicht auf mich". Das Stück tat seine Schuldigkeit und wurde gebührend mit Beifall aufgenommen.

 

Nach seiner Rückkehr nach Wien dachte der fesche Jean aber nicht daran, diesen Titel beizubehalten: in der Heimat konnte er ja sicher sein, nicht vergessen zu werden. Er benützte also die Gelegenheit, das Werk für den traditionellen Ball der Schriftsteller- und Journalistenvereinigung "Concordia" im Fasching 1870 zwar nicht umzubearbeiten, aber immerhin umzubenennen. Nun sprach man damals in der Donaumonarchie und vor allem natürlich in der Reichshaupt- und Residenzstadt viel über die gewagten Spekulationen mit Aktien und anderen Wertpapieren, zu denen sich immer breitere Kreise der Bevölkerung verleiten ließen. Jener Verfall der Kurse deutete sich bereits an, der im Mai 1873 zum "Krach", zum Zusammenbruch dieser Kurse bei den Spekulationspapieren, führen sollte. Johann Strauß, der sich übrigens an solchen Spekulationen nicht beteiligte, gab daher seiner russischen Abschiedskomposition für die Wiener Erstaufführung beim Concordiaball am 25. Januar 1870 im Sofiensaal den damals besonders aktuellen Titel "Von der Börse". Die Polka wurde im ausgelassenen Treiben des Ballabends mehrfach wiederholt. Man tanzte, ohne es zu wissen, fröhlich einem Ereignis entgegen, das die Wirtschaft der Monarchie schwer erschüttern sollte und zahlreiche Existenzen ruinierte. Nun - die Strauß-Musik hatte damit nichts zu tun: sie bewährte sich in Pawlowsk und sie gefiel auch in Wien.

 

[4] "Monstre-Quadrille" (Johann und Joseph Strauß)

 

Wie im Jahre 1859 stand auch im Karneval 1860 der Benefizball der Brüder Johann und Joseph Strauß unter der Devise: "Karnevals-Perpetuum mobile, Tanz ohne Ende". Abermals waren zwei Orchester aufgeboten, eines unter der Leitung von Johann, das andere unter der Leitung von Joseph Strauß. Wie im Karneval 1859 trugen die Brüder mit den vereinten Kapellen eine gemeinsam komponierte Quadrille vor: sie hieß "Monstre-Quadrille" und wurde beim Strauß-Ball am 13. Februar 1860 vor der Ruhestunde zum ersten Male vorgetragen.

 

In den Ballberichten wurde der triumphale Erfolg des Strauß-Balles anerkannt. Die "Theaterzeitung" schrieb am 15. Februar u.a.: "Strauß hieß die Parole, und sie wird noch lange so heißen." In einer Rückschau auf den Höhepunkt des Karnevals 1860 schrieb der Reporter der "Wiener Zeitung" am 19. Februar:

 

"Einstimmig wird der Strauß'sche Benefizball im Sofiensaal als die wiedererfolgte Bloßlegung des Ur- und Grundstammes Wiener Faschings-fanatismus bezeichnet, als ein Ball, der in seiner leidenschaftlichen Hingebung an den Tanz, schweigend, rasend, weltvergessen, in seiner übermenschlichen Unermüdlichkeit, in seiner Verbannung aller Interessen, die nicht Faschings sind, ein ursprüngliches Wiener Gewächs ist und in der Welt nicht mehr seinesgleichen hat. Vor dem Forum der Strauß'schen Orchesterestrade gab es keinen Unterschied des Standes, Interessen und Beziehungen wurden unwesentlich. Gleicher Tanz für alle und - im Tanze sind alle gleich!" Ein höheres Lob konnte es für den Strauß-Ball nicht geben. Diese Grundstimmung prägte auch den Charakter der grandios gesteigerten "Monstre-Quadrille".

 

[5] "Strauss' Autograph Waltzes", ohne op.

 

Anläßlich seiner Teilnahme am Welt-Friedens-Fest 1872 in Boston, vor allem nach seinem Musizieren mit dem Jubiläums-Orchester am 25. Juni 1872 im "Coliseum", wurde Johann Strauß stets von begeisterten Musikfreunden umringt und war gezwungen, tausende Autogramme zu geben. Das bestätigte Strauß am 13. Juli 1872 einem Reporter der "New York Sun".

 

Zu den neun Werken, die anläßlich des Aufenthaltes des Wiener Walzerkönigs in Amerika veröffentlicht worden sind, gehört auch eine Walzerpartie, die noch im Jahre 1872 im Verlag White & Goullaud in Boston herausgegeben wurde und die vom Verleger den Titel "Strauss' Autograph Waltzes" erhalten hat. Erschienen sind damals der Klavierauszug und die Orchesterausgabe des Werkes. (Ein Jahr später verband der Verleger die Klavierausgaben des "Autograph Waltzes" und des "Engagement Waltzes".) Die erste Klavierfassung des "Autograph Waltzes" ist den Damen des Jubiläums-Chores gewidmet worden und zeigt ein exzellentes Faksimile des Strauß-Autographs und die erste Notenseite. Es läßt sich nicht feststellen, ob der "Autograph Waltzes" im Verlauf des Festivals oder bei den nachfolgenden Konzerten in den Vereinigten Staaten aufgeführt worden ist. Möglicherweise hat Strauß das Werk dem Verleger erst von Europa aus übermittelt. Fraglich ist die genaue Form, in welcher der Komponist den "Autograph Waltzes" White & Goullaud hat zukommen lassen. Die Möglichkeit besteht durchaus, daß ein Arrangeur des Verlages mehr oder weniger ausführliche Skizzen von Originalthemen von Johann Strauß zum "Autograph Waltzes" zusammengefaßt und die endgültige Form hergestellt hat. Auffällig ist, daß Johann Strauß dieses Werk in Wien niemals hat aufführen lassen und daß es auch nicht ins Repertoire der Strauß-Kapelle gehörte. Nur in England wurden später zwei Ausgaben des Walzers veröffentlicht; sie haben wohl auch den Anlaß dafür geboten, daß der "Autograph Waltzes" am 26. Mai 1897 anläßlich des 78. Geburtstages von Königin Victoria von der königlichen Garde-Musik im St. James Palast in London gespielt worden ist. Die vorliegende Aufnahme folgt der Original-Orchesterausgabe des Verlages White & Goullaud aus dem Jahre 1872.

 

[6] " Auf freiem Fuße", Polka française, op. 345

 

Für die Ballfeste im Karneval 1871 wollte Johann Strauß Tanzstücke aus dem reichen Melodienvorrat seiner ersten Operette, "Indigo und die 40 Räuber", zur Verfügung stellen. Die Journalisten- und Schriftstellervereinigung "Concordia" sollte den Walzer "Tausend und eine Nacht" als Ballwidmung erhalten, für andere repräsentative Veranstaltungen waren Polkatänze vorgesehen. Doch dieser Plan drohte daran zu scheitern, daß die erste Aufführung der Operette im Theater an der Wien mehrfach verschoben werden mußte. Nun hatte Strauß begründete Bedenken, die Hauptmelodien seines Bühnenwerkes vor dem Premierenabend im Ballsaal vortragen zu lassen. Da der Concordiaball des Jahres 1871 vor der endlich am 10. Februar erfolgten Uraufführung der Operette "Indigo und die 40 Räuber" abgehalten wurde, zog Strauß seine Zusage der Walzerwidmung im letzten Augenblick zurück. Beim Juristenball gab es diese Probleme zuletzt doch nicht: diese Veranstaltung fand am 14. Februar 1871 im Sofiensaal statt, also ein paar Tage nach der Premiere im Theater an der Wien. Johann Strauß konnte also den Juristen eine Polka zueignen: das Werk erhielt den Titel "Auf freiem Fuße", der auf eine Szene der Operette, aber auch auf einen Freispruch in einem Strafprozeß anspielte. Die Aufführung der Polka - zusammen mit der Ballwidmung von Eduard Strauß, dem Walzer "Hypothesen", op. 72 - unter Eduards Leitung wurde durch mehrere Ballberichte bestätigt. So schrieb das "Fremden-Blatt" am 15. Februar 1871:

 

"Reich bedacht war auch das Novitäten-Tanzprogramm durch Eduards Walzer 'Hypothesen' und die neue Polka francaise 'Auf freiem Fuße', die Themata aus der Strauß'schen 'Indigo'-Operette in den Tanzsaal brachte."

 

In seinen Sonntagskonzerten im Musikverein präsentierte Eduard Strauß die Polka seines Bruders am 19. März 1871 zum ersten Male. Im Druck erschien das Werk sogar erst im April 1871 - es brauchte eben seine Zeit, bis die Melodienfülle der Operettenpartitur in Tanzstücke umgewandelt werden konnte.

 

[7] "Schützen-Quadrille" (Johann, Joseph und Eduard Strauss)

 

Im Sommer 1868 wurde im Wiener Prater das dritte, deutsche Bundesschießen abgehalten. Die Schützenvereine Europas gaben sich aus diesem Anlaß ein Stelldichein und setzten mit dieser Veranstaltung die Serie der Bundesschießen fort, die im Jahre 1863 in Frankfurt am Main begonnen hatte; das zweite Fest hatte 1865 in Bremen stattgefunden. Das Treffen in der Hauptstadt der Donaumonarchie hatte besonderes Gewicht: denn im Sommer 1866 hatten die Schützen in den Reihen der Nordarmee des Habsburgerreiches und der Truppen des Königreichs Preußen auf den böhmischen Schlachtfeldern mit scharfer Munition aufeinander geschossen. Die Wunden, die damals geschlagen worden waren, schmerzten noch immer: umso aufmerksamer waren die Veranstalter des Bundesschießens in Wien darauf bedacht, dem Treffen der Schützenverbände ganz bewußt den Charakter eines Volksfestes zu geben. Nicht nur in der Schützenhalle im Prater, sondern in allen Etablissements der Donaumetropole gab es Konzerte und Bälle; alle Zivil- und Militärkapellen Wiens wetteiferten untereinander mit der Präsentation fröhlicher Musik.

 

Selbstverständlich war vor allem die Strauß-Kapelle unter der Leitung aller drei Brüder, Johann, Joseph und Eduard, in vielfältiger Weise in die Kette der Feste eingebunden. Gemeinsam hatten die drei Musikdirektoren und Komponisten auch eine "Schützen-Quadrille" arrangiert, die zum ersten Male durch die Strauß-Kapelle am 28. Juli bei einem "Wiener Musikfest" im Volksgarten aufgeführt und am 30. Juli bei einem Monstrekonzert der Militärkapellen in der Schützenhalle im Prater wiederholt wurde. Joseph hatte die ersten beiden Teile der Quadrille, Eduard die Nummern drei und vier und Johann den brillanten Abschluß (Pastourelle, Nr. 5, und Finale, Nr. 6) beigesteuert. Auch im Volksgarten wurde die Quadrille nicht von der Strauß-Kapelle allein vorgetragen: für die grandiose Wirkung des Werkes sorgte das Zusammenwirken von vier Ensembles mit insgesamt 200 Musikern. Die eingestreuten Schüsse wirkten wie der Auftakt zum Feuerwerk, mit dem das Fest abgeschlossen wurde. Das Ergebnis der Aufführung war Jubel, Heiterkeit und fröhliche Stimmung. Bis weit in die Nacht hinein feierten die Gäste der Donaustadt mit den Wiener Musikern ein Fest der Freundschaft und der Gemeinsamkeit, beflügelt durch die beschwingte Musik der Brüder Strauß.

 

[8] "Altdeutscher Walzer"

 

Aus dem reichen Melodienvorrat, den Johann Strauß für seine Operette "Simplicius" gesammelt hatte, konnte der Komponist nach der Premiere des Stückes am 17. Dezember 1887 im Theater an der Wien sechs Tanzstücke arrangieren.

 

Der Verleger Cranz gab sich aber damit nicht zufrieden: er ließ mit einiger Verspätung auch noch zwei kurze Walzer im Druck erscheinen; ein Werk mit dem Titel "Jugendliebe", das allerdings nur Motive enthält, die bereits im Walzer "Donauweibchen", op. 427, verwendet wurden, und einen "Altdeutschen Walzer". Da die Handlung der Operette zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (also im 17. Jahrhundert) spielt, hatte sich Strauß bemüht, auch "historische Melodien" in seine Partitur aufzunehmen. Der Verlag zog nun den Entr'act (Nr. 10½ des Klavierauszuges) und die Tanzszene mit Chor (Nr. 16) - mit abgeändertem Ausklang - zusammen und ließ die so entstandene Komposition unter dem Titel "Altdeutscher Walzer" herausgeben. Es dürfte allerdings nur eine Klavierfassung veröffentlicht worden sein; Kapellmeister Christian Pollack hat daher in Kenntnis der Partitur der Operette eine Orchesterfassung arrangiert.

 

[9] "Nur nicht mucken", Polka française, op. 472

 

Die letzte Operette von Johann Strauß mit dem Titel "Die Göttin der Vernunft" wurde am 13. März 1897 zum ersten Mal im Theater an der Wien aufgeführt. Der Komponist, der die Arbeit an diesem Werk mehrmals hatte aufgeben wollen, blieb der Premiere fern. Es gab einen Achtungserfolg, doch war vorherzusehen, daß das Stück keine allzu lange Aufführungsserie erleben werde. Natürlich war Johann Strauß trotzdem bestrebt, wenigstens die besten Motive der Operette auch als Tanzmusik zu verwerten. Aber Eduard Strauß konstatierte schon am 14. März in einem Brief an seinen Bruder Johann: "Leider ist jetzt für den musikalischen Betrieb der Arrangements keine Zeit mehr, in zwei bis drei Wochen schließen alle Säle. Und bis der Mai kommt, vergißt das Publikum darauf."

 

Wenig später beklagte sich Eduard, er habe vom Verleger Berté nichts erhalten und sei froh, daß er sich den Walzer (= "Heut' ist heut'" op. 471) selbst gemacht habe. Von der Polka française "Nur nicht mucken", deren Titel sich vom Lied des Bonhommes (1. Akt, Nr. 3), "Nur nicht ducken und zucken, wenn ein scharfes Lüfterl weht, lieber schlucken und nicht mucken, bis es glatt vorüber geht.", herleitet, ist in der Folge nur die Klavierausgabe veröffentlicht worden. Dennoch erschien die Polka im Sommer 1897 auf den Programmen einiger Militärkapellen, deren Dirigenten wohl selbst für die Orchesterfassung gesorgt hatten. Für unsere Aufnahme wurde das Arrangement des englischen Musikers Edward Peak verwendet, das dieser für die Strauß-Gesellschaft Großbritanniens gemacht hat. "Nur nicht mucken" wurde bei weitem nicht so populär wie der Marsch "Wo unsre Fahne weht", op. 473, also das effektvollste Werk nach Motiven der bald vergessenen Operette "Die Göttin der Vernunft".

 

[10] "Hinter den Coulissen", Quadrille (Johann und Joseph Strauß)

 

In einer Vorschau auf den Karneval teilte die "Theaterzeitung" am 22. Januar 1859 u.a. mit:

 

"Aus den Offenbach'schen Operetten wurden die beliebtesten Motive zu einer Quadrille: 'Hinter den Coulissen' von Strauß verwendet." Die Uraufführung dieser wahrscheinlich bereits in den letzten Wochen des Jahres 1858 vorbereiteten Komposition hat dann, wie aus den Aufzeichnungen des Hornisten Franz Sabay zu ersehen ist, beim Benefizball der Brüder Johann und Joseph Strauß am 28. Februar 1859 im Sofiensaal stattgefunden. Die Veranstaltung stand unter dem Motto: "Zwei Bälle in einem Saal, bezeichnet 'Carnevals-Perpetuum mobile', der Tanz ohne Ende." Versprochen wurde ein Tanzprogramm, das von zwei Orchestern - eines unter der Leitung von Johann, das andere unter der Leitung von Joseph Strauß - ausgeführt werden und das 15 Walzer, 10 Quadrillen, 8 Polka française, 8 Polka Mazurs, 6 Polka schnell, 2 Kör, 1 Schottisch, also insgesamt 50 Tänze umfassen sollte. Unter den neuen Kompositionen befand sich auch die Quadrille "Hinter den Coulissen".

 

Am 2. März 1859 berichtete die "Theaterzeitung" in einem umfangreichen Artikel über das Strauß-Benefiz im Sofiensaal. Von der Quadrille "Hinter den Coulissen" - nach den beliebtesten Motiven der Offenbach'schen Operetten - wurde mitgeteilt, sie sei äußerst effektvoll instrumentiert. "Diese Quadrille, deren ungemein brillantes Finale von hundert Musikern ausgeführt wurde, gefiel so sehr, daß sie wiederholt werden mußte." Auch das "Fremden-Blatt" hob am 2. März in seinem Ballbericht die "neue Quadrille" besonders hervor, "die sich großen Beifalls" erfreut habe.

 

"Hinter den Coulissen" war also die erste Quadrille der Brüder Strauß nach Motiven der Bühnenwerke des Wahlparisers Jacques Offenbach; zahlreiche weitere sollten ihr in den nächsten Jahren folgen. Nun waren aber im Januar 1859 nur wenige Operetten Offenbachs in Wien bekannt; daher konzentrierte sich das Interesse auf das Singspiel "Le Mariage aux laternes" (Uraufführung in Paris im Jahre 1857), das unter dem Titel "Hochzeit bei Laternenschein" im Wiener Carltheater am 16. Oktober 1858 zum ersten Male mit größtem Erfolg gespielt worden war. Da für diese Aufführung der Hauskapellmeister des Theaters, Carl Binder, Offenbachs Musik nach dem Klavierauszug selbst instrumentiert hatte, lehnten sich auch die Brüder Strauß an diese Fassung an. Das Finale der Quadrille bot die anmutige Melodie zu dem Lied von den Abendglocken aus "Hochzeit bei Laternenschein" in brillanter Steigerung.


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