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8.223246 - STRAUSS II, J.: Edition - Vol. 46
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Die Johann Strauß-Edition

Die Johann Strauß-Edition

 

Johann Strauß II., der berühmteste und bis in unsere Zeit hinein erfolgreichste Komponist der wienerischen Musik des 19. Jahrhundens, die zum Vorbild der Unterhaltungsmusik in der gesamten, von der europäischen Kultur geprägten, Welt geworden ist, wurde am 25. Oktober 1825 in Wien geboren. Er ist von der Tradition ausgegangen, die sein, ebenfalls berühmter, Vater, Johann Strauß I. (1804-1849), im Wettstreit mit Joseph Lanner (1801-1843) geschaffen hatte, konnte aber im Zusammenwirken mit seinen Brüdern Joseph (1827-1870) und Eduard (1835-1916) eine deran künstlerische Weiterentwicklung und Vollendung der übernommenen Form des "klassischen Walzers" erreichen, daß seine Werke nicht nur in den Tanzsälen willkommen waren, sondern auch in den Konzenprogrammen einen festen Platz erhielten. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Johann Strauß II. nicht nur seine Heimatstadt Wien, die Reichshaupt- und Residenzstadt der Habsburgermonarchie im Zentrum Europas, sondern eben die ganze Welt mit seinen kunstvoll gestalteten, klangvollen Walzern, Polkatänzen, Quadrillen und Märschenfasziniert. Ab dem Jahre 1871 wendete der dreimal verheiratete "Walzer-König" Johann Strauß II. sein Interesse der Komposition von Operetten und sogar einer komischen Oper zu und vollendete neben seinen mehr als 500 Instrumental-Kompositionen auch sechzehn Bühnenwerke, darunter die "Operette der Operetten", die "Fledermaus". Die Instrumental-Kompositionen erreichten im populärsten aller Walzer, "An der schönen blauen Donau" (1867), ihren Höhepunkt. Johann Strauß II. ist nach einem Leben voller Triumphe und Ehrungen am 3. Juni 1899 in Wien gestorben.

 

Die Marco-Polo Edition ist ein Meilenstein in der Chronik der Strauß-Aufnahmen: sie bietet zum allerersten Male die vollständige Produktion aller Orchesterkompositionen von Johann Strauß. Die Arbeiten des "Wiener Walzer-Königs" sind trotz ihrer hohen Qualität und ihrer kulturhistorischen Bedeutung bisher noch niemals systematisch und komplett, unter Verwendung des noch vorhandenen Archiv-Materials in der ganzen Welt, aufgenommen und veröffentlicht worden. In dieser Produktion werden alle Werke so vollständig, wie dies nur möglich war, in der Original-Instrumentierung gespielt, also so, wie es sich Johann Strauß II., der ja auch ein Meister der Orchestrierung gewesen ist, ausgedacht und seinen Verlegern übergeben hat. Jede Aufnahme ist "echter Johann Strauß".

 

[1] Johann und Joseph Strauß: "Vaterländischer Marsch"

 

Am 23. April 1859 traf in Turin ein Ultimatum ein, das der Außenminister des Kaisertums Österreich, Graf Buol, an den Staatsminister des Königreiches Sardinien-Savoyen, Graf Cavour, gerichtet hatte: es sollte den Frieden in Oberitalien sichern. Aber bereits am 11. Juli 1858 hatten Cavour und der Kaiser der Franzosen, Napoleon III., beschlossen, einen Krieg zur Vertreibung Österreichs zunächst aus der Lombardei zu beginnen. Die österreichische Politik ließ sich dupieren; in Wien war man daher überrascht, als Graf Cavour die Bedingungen des Ultimatums schroff zurückwies. Am 27. April 1859 erhielt der Befehlshaber der österreichischen Truppen in Oberitalien den Befehl, die Offensive gegen Sardinien und gegen die mit ihm verbündeten Franzosen zu ergreifen. Die Donaumonarchie hatte sich in einen Krieg verwickeln lassen, der ihre Herrschaft in Italien gefährden mußte.

 

In Wien war man über die Ereignisse in Oberitalien keineswegs begeistert. Trotzdem fühlte man sich mit dem Schicksal der Donaumonarchie in den italienischen Gebieten verbunden und dokumentierte seine Solidarität mit der k.k. Armee in zahlreichen Kundgebungen und patriotischen Veranstaltungen. Auch die Strauß-Kapelle wollte sich von diesen Aktionen nicht ausschließen. Obwohl Johann Strauß bereits zu seinen Sommerkonzerten in Pawlowsk bei St. Petersburg hatte abreisen wollen, blieb er noch einige Tage in Wien und verfaßte in aller Eile gemeinsam mit seinem Bruder Joseph einen "Vaterländischen Marsch". Am 8. Mai 1859 veröffentlichten die Wiener Zeitungen einen Aufruf zu einer "Zusammenkunft aller Vaterlandsfreunde" am 9. Mai im Etablissement "Sperl" in der Leopoldstadt. Dort veranstalteten "zum Vorteil des Unterstützungsfonds der Wiener Freiwilligen" Johann und Joseph Strauß ein Patrioten-fest-Konzert mit der Devise "Hoch dem Adler Österreichs". Bei dieser Gelegenheit wurde der "Vaterländische Marsch" zum ersten Male aufgeführt.

 

Als der Marsch am 20. Mai 1859 bei Haslinger erschienen war, schrieb die "Theaterzeitung":

 

"Der Marsch bietet einen wahren Schatz an Nationalmelodien, auf das Sinnigste zusammengestellt, und dürfte sogar die Beliebtheit des gefeierten Radetzkymarsches erreichen."

 

Richtig an dieser Mitteilung war, daß der "Vaterländische Marsch" von Johann und Joseph Strauß mit Zitaten patriotischer Kompositionen durchsetzt war. Die vier Auftakte des "Radetzky-Marsches" leiteten die Komposition ein, als Kurzzitat erklang der "Rakoczy-Marsch", und im Trio, das wieder den "Radetzky-Marsch" aufbietet, bildete die österreichische Hymne den eindrucksvollen Abschluß. Der "Vaterländische Marsch" bot also gewiß "sinnig verwendete Nationalmelodien", die Beliebtheit des "Radetzky-Marsches" hat er allerdings nicht erreicht. Er war eine typische Gelegenheitskomposition und wurde rasch wieder vergessen.

 

[2] "Greeting to America", Walzer, ohne op.

 

Am 7. Juni 1872, also etwa eine Woche bevor Johann Strauß in Amerika eintraf, um sein Engagement beim Welt-friedens-Fest anzutreten, berichtete die "Boston Post": "Strauß wird ein großes Potpourri mit Auszügen aus den besten seiner eigenen Werke zusammenstellen, das er 'Sounds from Boston' betiteln wird. Er komponiert aber auch einen neuen Walzer, der unter der Bezeichnung 'Fair Columbia' beim fest präsentiert werden soll."

 

Während das aus Motiven mehrerer Walzer zusammengesetzte Werk "Sounds from Boston" (= "Geschichten aus Boston") pünktlich veröffentlicht wurde, konnte kein Werk mit dem Titel "Fair Columbia" entdeckt werden. Es wäre möglich, daß der in der "Boston Post" als Originalkomposition angekündigte Walzer unter dem Titel "Greeting to America" veröffentlicht worden ist, da dieses Werk - mit Ausnahme der Introduktion, die ein Zitat aus J. Stafford Smith's "The Star Spangled Banner" enthält - tatsächlich aus Originalmelodien besteht. Die Herkunft der Melodien für den dreiteiligen Walzer ist bisher ungeklärt, es konnte auch kein Datum der Uraufführung in Amerika ermittelt werden. Der Klavierauszug des Werkes, der vom New Yorker Verleger Carl Heuser im Jahre 1873 herausgegeben worden ist und im Archiv der Library of Congress in Washington aufbewahrt wird, trägt den Hinweis: "Arrangiert von H.B.". Welcher Musiker oder Verlagsmitarbeiter sich hinter der Chiffre H.B. verbirgt, blieb bisher unbekannt. Ebenso sind die Fragen: Besaß der Arrangeur eine Orchesterpartitur oder stellte Strauß für das Werk Themen aus seinem Skizzenbuch zur Verfügung? nicht beantwortet. In Europa wurde der Walzer "Greeting to America" weder zu Lebzeiten des Komponisten noch in den folgenden Jahren jemals aufgeführt. Der englische Musiker und Arrangeur Norman Godel hat in einer Analyse der "amerikanischen Kompositionen" des Walzerskönigs (erschienen im Journal "Tritsch Tratsch" der Johann Strauss Society of Great Britain) auf eine Verwandtschaft zwischen "Greeting to America" und dem Walzer "Tausend und eine Nacht", op. 346, von Johann Strauß, eine ebenfalls dreiteilige Komposition nach Motiven der Operette "Indigo und die vierzig Räuber" aus dem Jahre 1871, hingewiesen.

 

Die Klavierfassung des Walzers "Greeting to America" ist erst im Herbst 1983 in der Kongreßbibliothek in Washington entdeckt worden und dann von Jerome D. Cohen instrumentiert worden. Die Uraufführung dieser Fassung hat bei einem Gala-Benefizkonzert für das Bostoner Ballett im Ballsaal des Copley Plaza Hotels in Boston stattgefunden. Dasselbe Arrangement liegt auch dieser Aufnahme zugrunde. Dazu sagte Herr Cohen: "Abgesehen von meinen Zusätzen, wie etwa der Gegenmelodie im ersten Walzerteil, habe ich mich bemüht, den Klang wiederzugeben, den das Strauß-Publikum zu Lebzeiten des Komponisten zu hören gewohnt war."

 

Trotz aller Geheimnisse um die Entstehungsgeschichte des Werkes ist anzuerkennen, daß "Greeting to America" Aufmerksamkeit und Wertschätzung verdient.

 

[3] Johann und Joseph Strauß: "Pizzicato-Polka"

 

Im Sommer 1869 konzertierten die Brüder Johann und Joseph Strauß gemeinsam in Pawlowsk bei St. Petersburg. Da sich diesmal zwei Musikdirektoren die Arbeit des Probierens und Dirigierens teilen konnten, hatten beide genügend Zeit zum Komponieren. Die Zeiten, in denen es zu einem Wettstreit zwischen Johann und Joseph Strauß gekommen war, gehörten nun endgültig der Vergangenheit an. Sie arbeiteten Seite an Seite in schönster Harmonie.

 

Am 13. Juni 1869 unterrichtete Jett y Strauß, die ihren Gatten und Schwager nach Rußland begleitet hatte, die in Wien zurückgebliebene Gattin Josephs, Caroline, mit den lakonischen Worten:

 

"Pepi & Jean schreiben jetzt eine Polka zusammen, das wird wieder was Neues sein."

 

Wie das damals in Pawlowsk zugegangen ist, hat Johann Strauß am 1. April 1892 seinem Verleger Simrock wie folgt geschildert: "Ich habe meinem Bruder Josef den Rath erteilt, etwas zu komponieren was in Petersburg zündet und schlug ihm vor, eine Pizzicato-Polka zu machen. Er wollte nicht daran - er war immer unschlüssig - endlich machte ich ihm die Proposition, die Polka soll von uns Beiden geschaffen werden. Darauf ging er ein und siehe da - die Polka machte im wahrsten Sinne des Wortes Furore."

 

Johann Strauß hat nicht übertrieben: das Werk erlebte am 24. Juni 1869 in Pawlowsk bei St. Petersurg seine erste, zweite und dritte Aufführung. Es löste beim Publikum einen derartigen Jubelsturm aus, daß es nach seiner Präsentation sofort wiederholt und am Schluß des Programms noch einmal vorgetragen werden mußte. Seitdem ist das Vorbild, das diese "Pizzicato-Polka" von Johann und Joseph Strauß der Musikwelt gegeben hat, oft nachgeahmt, aber eigentlich niemals wieder perfekt erreicht worden.

 

Die erste Wiedergabe der "Pizzicato-Polka" in Wien fand am 14. November 1869 im Sofiensaal durch Joseph Strauß statt.

 

[4] "Marlen-Quadrille", op. 51

 

Im Verlauf seiner abenteuerlichen Herbst- und Winterreise von Wien über Preßburg, Pest, Belgrad und die Zentren Siebenbürgens nach Bukarest hat der 22jährige Musikdirektor Johann Strauß zwei Quadrillen nach rumänischen Volksmelodien verfaßt. Uber das Entstehen der "Marien-Quadrille" (um die Jahreswende 1847/1848) berichtete die "Bukarester Deutsche Zeitung" u.a.:

 

"In Bukarest befreundete er [= Johann Strauß] sich mit dem Schriftsteller und Musikkritiker Nicolaie Filimon, dem Schriftsteller, Musiker und Folkloristen Anton Pann sowie mit Cezar Bolliac und wurde durch ihre Vermittlung mit mehreren rumänischen Volkssängern und ihren Liedern bekannt. Der Niederschlag dieses Kontakts findet sich in Opus 51, einer Suite [!], der er den Namen 'Marien-Quadrille (nach rumänischen Melodien)' gab."

 

Die Uraufführung könnte beim Abschiedskonzerts des Musikdirektors Strauß am 6. Januar 1848 in Bukarest stattgefunden haben. Das Werk wurde Marie Bibesko, der Gattin des Hospodars der Walachei, Gheorghe Dimitrie Bibesko, gewidmet. Darüber berichtete die Wiener "Theaterzeitung" am 12. Februar 1848 mit dem Satz:

 

"Die Fürstin nahm die Widmung einer Quadrille aus wallachischen Themen an, welche dort [= in Bukarest] Furore macht."

 

Im Wiener Verlag H.F. Müller erschien am 2. Juni 1848 die Klavierausgabe des Werkes Die in "korrekten Abschriften" angebotene Orchesterfassung ist wohl als verloren anzusehen. Für diese Aufnahme wurde der Klavierauszug von dem Fachmann für die Musik der Balkanländer, Vladimir Haklik, instrumentiert.

 

[5] "Strauss' Engagement Waltzes", ohne op.

 

Zu der Gruppe von Kompositionen, die Johann Strauß für seinen Aufenthalt in Amerika anläßlich des Welt-Friedens-Jubiläums und Internationalen Musikfestes im Jahre 1872 in Boston vorbereitet hat, gehört auch ein Werk mit dem Titel "Strauss' Engagement Waltzes".

 

Der Organisator des Festes in Boston, der aus Irland stammende Patrick Sarsfield Gilmore (1829-1892), ist am 6. Dezember 1871 von seiner Europareise zurückgekehrt, die er zum Engagement ausländischer Orchester und Solisten für sein Unternehmen angetreten hatte. Unmittelbar nach seiner Rückkehr gab Gilmore vor den Mitgliedern des Festkomitees eine Erklärung ab, über die im "Boston Daily Advertiser" u.a. berichtet wurde:

 

"Es besteht die Möglichkeit, und daran werden die Amerikaner mit Zähigkeit feshalten, daß Johann Strauß, den Mr. Gilmore in Wien getroffen hat, seine Zukunftspläne abändern und an dem großen Jubiläum teilnehmen wird."

 

Dieser erste Hinweis aus dem Dezember 1871 auf die Absicht des Walzerkönigs, im Juni 1872 nach Amerika zu reisen, hat eine Entwicklung eingeleitet, die dazu führte, daß Strauß tatsächlich seine Pläne für den Sommer 1872 abänderte. Er entschloß sich, das bereits getroffene Abkommen mit der Eisenbahngesellschaft in St. Petersburg, das ihn zu einem weiteren Gastspiel in Pawlowsk verpflichtete, zu brechen und nach Boston zu reisen. Strauß wurde prompt wegen Vertragsbruchs angeklagt und mußte schließlich ein hohes Pönale an die Eisenbahngesellschaft zahlen.

 

Strauß Engagment in Boston dauerte vom Eröffnungskonzert am 17. Juni bis zum offiziellen Schluß des Festes am 4. Juli 1872. Am 6. Juli nahm Strauß an einem Benefizkonzert teil, das zu seinen Ehren im "Coliseum" veranstaltet wurde; anschließend reiste er mit ,einer Gattin Jetty nach New York, wo er drei Konzerte zu dirigieren versprochen hatte.

 

Das Erscheinen des Wiener Walzerkönigs in Amerika löste ein phänomenales, öffentliches Interesse aus. Die Zeitungen brachten lange Berichte über seine Tätigkeit und seine privaten Unternehmungen. Es ist daher erstaunlich, daß einige unter seinen Namen (johann Strauß bzw. einlach Strauss) veröffentlichten Kompositionen, die für Boston komponiert (oder arrangiert) worden waren, in den Artikeln der Bostoner und New Yorker Zeitungen nicht erwähnt worden sind. Das gibt zu der Überlegung Anlaß, daß Strauß diese Werke erst nach Schluß des Jubiläums den Verlegern überlassen oder diese aus Europa zugeschickt hat. Es ist aber auch denkbar, daß Strauß unter dem Druck der Verleger, ihnen neue Werke zur Veröffentlichung zu überlassen, diesen lediglich Skizzen zur Verfügung gestellt hat, die dann von den Verlagsarrangeuren ausgewertet worden sind. Ja, man kann sogar nicht ausschließen, daß die eine oder andere dieser Kompositionen eventuell auch bloß nur unter dem zugkräftigen Namen Strauss publiziert worden ist.

 

"Strauss' Engagement Waltzes" wurde - wie sein Gegenstück, "Strauss' Autograph Waltzes" (siehe Volume 44) - vom Bostoner Verlag White & Goullaud veröffentlicht und gelangte im Jahre 1873 in den Besitz der Library of Congress in Washington. Kürzlich wurde auch eine Fassung für kleines Orchester entdeckt. Für die Marco Polo-Aufnahmen wurde die Instrumentierung der Klavierfassung des "Engagement Waltzes" herangezogen, die Jerome D. Cohen verfaßt hat. Diese wurde von David Zinman an der Spitze des Minnesota Orchestra am 28. Juli 1993 in der Orchestral Hall, Minneapolis, uraufgeführt.

 

[6] Robert Schumann / Johann Strauß: "Widmung"

 

Am 27. August 1862 vermählte sich Johann Strauß mit der Sängerin Jetty Treffz [= Henriette Chalupetzky, 1818-1878]. Anschließend trat das Ehepaar die Hochzeitsreise nach Italien an, ihr Ziel war Venedig. Auf der Rückfahrt machten die beiden in Triest Station. "Zur Erinnerung an den glücklichen Aufenthalt in Triest 1862" - so steht es auf der eigenhändigen Partitur - arrangierte Johann Strauß das berühmte Lied "Widmung" von Robert Schumann auf einen Text von Friedrich Rückert für Orchester. Ob Jetty dieses Lied in ihrem Repertoire hatte, ist nicht bekannt; aber sie kannte jedenfalls den Text, der die Worte enthält: "Du meine Seele, Du mein Herz". Das war eine deutliche Liebeserklärung und Jetty war gewiß sehr glücklich über Jeans Huldigung. Die Uraufführung dieses kurzen, aber sehr stimmungsvollen Musikstückes durch die Strauß-Kapelle erfolgte am 22. November 1862 im "Sperl", zusammen mit einigen anderen Novitäten. Die Orchesterfassung des Liedes "Widmung" ist ein Beispiel für die zahlreichen Bearbeitungen von Liedern, Arien und klassischen Kompositionen für die Strauß-Kapelle. Leider hat Eduard Strauß im Jahre 1907 das Archiv der Kapelle verbrannt und damit alle die vielen Arrangements vernichtet, die vor allem von Joseph Strauß geschaffen worden waren. Johann war gewiß nicht der eifrigste Arrangeur - aber gerade deshalb ist diese Orchesterfassung des berühmten schumann-Liedes besonders kostbar.

 

[7] "Probier-Mamsell", Polka nach Motiven des Balletts "Aschenbrödel"

 

Es war Johann Strauß nicht vergönnt, die Arbeit an dem Ballett "Aschenbrödel" zu vollenden, die er im Jahre 1898 begonnen hatte. Der Tod hat ihm am 3. Juni 1899 buchstäblich die Feder aus der Hand genommen. Seine Witwe Adèle ließ die erhaltenen Fragmente und vorliegenden Skizzen durch den routinierten und erfolgreichen Ballettkomponisten Josef Bayer (1852-1913) sichten und zu einer vollständigen Partitur ausarbeiten. Vollständig zufrieden war sie dann mit der Arbeit Bayers nicht - doch sie ließ den tüchtigen, wenn auch nicht gerade feinsinnigen Musiker und den Verleger Josef Weinberger gewähren. Die beiden brachten das Ballett "Aschenbrödel" zwar nicht in Wien, aber in Berlin auf die Opernbühne und sorgten auch dafür, daß die entweder von Strauß oder von Bayer stammenden Motive des Werkes in traditioneller Weise in Tanzstücke eingebracht wurden. Ein erfolgreiches Beispiel dafür war die Polka "Probier-Mamsell", die durch ihren Titel darauf hinweist, daß in diesem Ballett eine - damals - moderne Version des Aschenbrödel-Märchens dargeboten worden ist.

 

[8] "Annika-Quadrille", op. 53

 

Wie die "Marien-Quadrille", op. 51, ist auch die "Annika-Quadrille" von Johann Strauß während der Balkanreise des jungen Musikdirektors im Herbst 1847 und Winter 1847 / 1848 entstanden. Auch dieses Werk verwendet Motive der Volksmusik der Walachei. Besonders bemerkenswert ist das zweite Thema des vierten Teiles (Trenis), weil es im "Revolutions-Marsch" (op. 54) des Komponisten wiederkehrt - ein Hinweis auf die Entstehungsgeschichte des so ganz und gar nicht "wienerischen" Marsches der Märzrevolution in der Donaumetropole. Das Quellenmaterial für die "Annika-Quadrille" hat Strauß wohl in derselben Art und Weise erhalten wie bei der "Marien-Quadrille". Eine Widmung gibt es diesmal nicht und welche Annika (Koseform für Anna) den Titel angeregt hat, ist nicht bekannt. Aber es gibt eine Reinschrift der Klavierfassung (für "Annika") mit dem Vermerk: "Quadrille francaise, sur un air valaque composée par Jean Strauß (fils) donné à Bucarest a 4 Mars 1848", die immerhin die Datierung erlaubt. Von diesem Werk sind also sowohl die Klavierausgabe des Verlages H.F. Müller, erschienen am 2. Juni 1848 in Wien, als auch die Reinschrift aus Bukarest erhalten geblieben. Die beiden Fassungen weichen etwas von einander ab, sodaß die Orchesterstimmen doppelt interessant wären. Aber diese - auch nur in "korrekten Abschriften" angebotenen - Stimmen sind nicht erhalten. Daher hat Vladimir Haklik auch die "Annika-Quadrille" instrumentiert.

 

[9] "Sehnsucht", Romanze

 

Johann Strauß hat während der Sommer 1856-1865, die er in Pawlowsk bei St. Petersburg tätig war, mehrere Romanzen komponiert; dazu kam noch das Lied "Dolci pianti", das ebenfalls als Romanze vorgetragen worden ist. Diese Kompositionen waren eine Konzession des Wiener Walzerkönigs an die Vorliebe des russischen Publikums für diese Gattung romantischer Musik. Die beiden ersten Romanzen - aus dem Sommer 1860 - waren für Cello-Solo und Orchester gesetzt, die dritte Romanze, die im Sommer 1861 entstanden ist, bevorzugte das Cornet á pistons als Soloinstrument. Das Werk wurde vom Cornet á pistons-Spieler der (russischen) Strauß-Kapelle, Tittel, beim Orchesterbenefiz am 2./14. September 1861 zum ersten Mal aufgeführt und fand Beifall und Interesse des Publikums. Eine Veröffentlichung der Romanze, die den Beinamen "Le desir" (= Sehnsucht) erhalten hatte, im St. Petersburger Verlag Büttner dürfte verloren gegangen sein. Hingegen hat sich eine Partitur-Reinschrift in der St. Petersburger Philharmonie-Bibliothek erhalten, die vom Wiener Strauß-Forscher Thomas Aigner entdeckt worden ist. Sie liegt dieser Aufnahme zu Grunde. In Wien ist diese Romanze nie aufgeführt worden. Die weiteren Romanzen sind verschollen. Die Romanze "Sehnsucht" ist vor allem als Beleg für die Fähigkeit des Wiener Komponisten bemerkenswert, sich in die russische Musik einzuleben. Bedeutend ist sie freilich nicht.

 

[10] "Graduale"

 

Am 1. August 1844 meldete die "Allgemeine Wiener Musikzeitung": "Nächsten Sonntag (d.i. der 4. August 1844) wird in der Pfarrkirche Am Hofe von Herrn Johann Strauß (ältesten Sohn unseres beliebten Walzerheros) eine Kirchenkomposition aufgeführt werden, die Herr Prof. Drechsler, Chorregent alldort und Lehrer desselben, als gelungen erklärt hat."

 

Diese Nachricht wurde vom "Sammler" in seiner Ausgabe vom 3. August 1844 wörtlich wiederholt.

 

Am 6. August 1844 schrieb die "Allgemeine Wiener Musikzeitung" u.a.: "Der Chor von Strauß jun. zeigt ein beachtenswerthes Talent, das einmal ... Bedeutendes leisten kann."

 

Damit ist die Aufführung einer Kirchenkomposition von Johann Strauß-Sohn am 4. August 1844 bestätigt worden. Als "Graduale" dürfte das Chorwerk mit dem Text "Tu, qui regis" an diesem Tage wohl nicht verwendet worden sein. Denn lt. Auskunft des Instituts für Liturgiewissenschaft vom 5. Januar 1982 sei "dieser Text weder im vorkonziliaren Meßbuch noch im Graduale Romanum noch im Liber usualis auffindbar. In einer dieser Quellen müßte er stehen, wenn er zu den gesamtkirchlichen offiziellen Texten der römischen Liturgie gehören würde."

 

Auch die Form, in der diese Komposition des Musikschülers Johann Strauß überliefert worden ist, gibt zu Überlegungen Anlaß. Die Abschrift des Kopisten Johann Proksch, die zum ersten Male die Überschrift "Graduale" enthält, bietet eine Fassung für Chorstimmen und ein Bläserensemble. Ob diese Fassung am 4. August 1844 in der Kirche Am Hof erklungen ist, kann als zweifelhaft gelten. Wahrscheinlicher ist, wie Norbert Rubey vermutet, daß es sich um die Choraufführung einer Kirchenkomposition gehandelt hat, und die Bläserfassung erst bei einer anderen Gelegenheit (unter freiem Himmel?) verwendet worden ist.

 

In Erwägung zu ziehen ist auch ein Bericht des Oberlandesgerichtsrates Adolf Lorenz, der zu den Jugendfreunden Johann Strauß' gehört hat: er veröffentlichte im "Neuen Wiener Tagblatt" am 14. Oktober 1894 eine Erinnerung an die Zeit, in der er (Lorenz) im Jahre 1844 Strauß in die Geheimnisse des Orgelspieles in der Kirche Am Hof eingewiesen hat. Darin schrieb Lorenz wörtlich:

 

"Aus dieser Zeit bewahre ich auch das Graduale 'Tu qui regis totum orbem' für vier Singstimmen und Bläserbegleitung, das Strauß zu dem Zwecke, um sich vor der Öffentlichkeit und der Kritik zu zeigen, komponiert und unter der Leitung Drechslers in der Kirche Am Hof zur Aufführung gebracht hatte, in jener Abschrift auf, welche zum Aufführungszweck in Verwendung kam."

 

Wenn das Zeugnis des Jugendfreundes aus dem Jahre 1894 über das Ereignis im Jahre 1844 korrekt ist, dann wäre die Fassung für Chor und Bläser doch die Originalfassung (wenn auch kein "Graduale").

 

[11] "Pawlowsk-Polka", op. 184

 

Im Vertrag, den Johann Strauß in seinem ersten Sommer in Rußland mit dem Verleger Büttner in St. Petersburg am 20. April / 2. Mai 1856 abgeschlossen hat, wurde eine "Pawlowsk-Polka" erwähnt. Damit schrieb Johann Strauß für die Siedlung Pawlowsk, in deren Vauxhall er als Kapellmeister der ersten Eisenbahngesellschaft Rußlands konzertiert hat, eine flotte Widmungskomposition. Der Verleger erhielt das Werk am 30. August / 11. September 1856, aber erst am 10. / 22. September 1856 erfolgte die Uraufführung. Warum sich Strauß mit der Präsentation dieser Novität so lange Zeit gelassen hat, ist unbekannt.

 

Sie war gewiß kein bedeutendes Werk, die kleine "Pawlowsk-Polka", aber sie gefiel dem Publikum so gut, daß sie in der kurzen Zeitspanne bis zum Saisonschluß - die Wiederholungen mitgerechnet - immerhin sechzehn Aufführungen erlebte. Nach Wien hat Strauß die Polka nicht mitgenommen. Sie war eben nur ein fröhlicher Gruß an die Bevölkerung der Siedlung, die Strauß in der Folge bis zum Jahre 1865 jeden Sommer aufsuchen sollte. Die Orchesterfassung dieser Aufnahme stammt von Arthur Kulling.

 

[12] "Cagliostro-Walzer", op. 370

 

Die Operette "Cagliostro in Wien", das vierte Bühnenwerk des Walzerkönigs Johann Strauß, erlebte ihre Premiere am 27. Februar 1875 im Theater an der Wien. Bei den vorhergehenden Strauß-Operetten war von der Kritik stets der Wunsch vorgebracht worden, man möge doch für den Wiener Meister einen heimischen Stoff zu einem Libretto aufbereiten. Diesem Wunsch wollte das routinierte Autorenteam F. Zell (Pseudonym für Camillo Walzel) und Richard Genée, mit dem Strauß aus diesem Anlaß zum ersten Male zusammenarbeitete, gerne nachkommen: aber der ehemalige Kapitän eines Donauschiffes, Herr Walzel, suchte allzuweit in der Vergangenheit nach diesem Stoff und vergriff sich dabei auch noch an dem Roman eines bekannten Wiener Schriftstellers. So hatte das Spiel um eine Episode aus dem Leben des legendären Wunderdoktors und Betrügers Alessandro Graf Cagliostro nicht nur einen schlechten Start bei der Wiener Presse, die Herrn Walzel ungeniert einen Dieb nannte, es brachte auch eine Handlung auf die Bühne, die allein schon durch historische Auflagen schwerfällig und langweilig wirkte. Das wurde von den Rezensenten der Uraufführung so nachdrücklich hervorgehoben, daß für eine Würdigung der Musik nicht mehr allzuviel Platz übrig blieb. Trotzdem fiel im Referat des "Fremden-Blattes", das Ludwig Speidel verfaßt hatte, ein wichtiger Satz: "Wenn man glaubt, Strauß habe schon seine besten Karten ausgespielt, so bringt er zuletzt noch einen Walzer, welcher alles übertrumpft." Strauß blieb eben auch als Operettenkomponist zuletzt doch der "Walzerkönig".

 

Als "Cagliostro" längst von der Bühne verschwunden war, spielte man in der ganzen Welt noch immer den Walzer, den Strauß aus Motiven dieser Operette arrangiert hatte. Eröffnet wird der Melodienreigen des Werkes mit der hinreißenden Walzermelodie, die zu den Worten des Duetts erklingt: "Könnt' ich mit Ihnen fliegen durchs Leben". Es war jenes Walzermotiv, von dem Speidel in seinem Referat schrieb: "(...) in ihm atmet die Tanzseele von Wien". Seine Melodie prägt auch den "Cagliostro-Walzer". Die Einleitung mit ihren historischen Anklängen und die weiteren Motive, die sich mosaikartig aus Zitaten zusammensetzen, die allen drei Akten des Stückes entnommen sind, treten hinter dieser lockenden, verführerischen Melodie im Dreivierteltakt zurück. Er vermittelt eine Ahnung davon, wie es gehen könnte, das schwerelose "Fliegen durchs Leben", der Wunschtraum, der sich auf Erden wohl niemals erfüllt.

 

Die erste Aufführung des "Cagliostro-Walzers" überließ Johann Strauß seinem Bruder Eduard und dieser stellte das Werk am 16. Juni 1875 in den Blumensälen der Gartenbaugesellschaft an der Wiener Ringstraße dem Publikum vor. Johann Strauß selbst hat diesen Walzer, zumindest in seiner Heimatstadt Wien, nie dirigiert. Aber er hat ihn sehr geliebt und die ersten Takte in einer Stunde des Glücks und der Sehnsucht auf ein Billett geschrieben, das an seine dritte Gattin Adèle, adressiert war.


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