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8.223261-63 - WOLF-FERRARI: Himmelskleid (Das)
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Ermanno Wolf-Ferrari (1876-1948) DAS HIMMELSKLEID

Ermanna Walf-Ferrari (1876-1948)

DAS HIMMELSKLEID

"Der letzte Trost der Seele liegt in der Musik..."

 

"Daß mein heutiges Bühnenwerk eine Legende ist und keine komische Oper, wird manchen wundern; ja es kann sein, daß mancher denke, ich versuche mich darin auf auf einem mir neuen Gebiete. Wer mein Chorwerk La Vita Nuova nach Dante, das ich vor 25 Jahren schrieb, kennt, wird anderer Meinung sein. Eher hatte damals ich mich zu wundern, als ich kaum ein Jahr nach der La Vita Nuova die Neugierigen Frauen, ein musikalisches Lustspiel, zu schreiben anfing. Heute wundert mich das nicht mehr, denn ich weiß heute manches, das ich damals noch nicht wußte. Ist doch streng genommen, jeder Mensch, von außen gesehen, eine komische Figur - und von innen eine tragische. (...)

 

Nun, wenn ich diesesmal eine Legende gesungen habe, so meine ich durchaus nicht, etwas "Ernsteres" vollbracht zu haben, als wie sonst, denn Kunst ist sowieso, im hohen Sinne, immer heiter, sondern ich habe auf den Alltag verzichtet und die Figuren somit direkt als Innenmenschen und Seelen auf der Bühne sich bewegen lassen, wodurch sie viel weniger im Kampfe mit sich selbst gezeigt werden. Man erwarte also nicht, gepackt, gefesselt und gespannt zu werden. Nein: wenn mein Werk irgendwie zu wirken vermag, so kann es nur durch eine Art magnetische Anziehung geschehen, die ihm entströmt und der sich der Hörer neigt. Es ist ein Werk der Stille, aus der Stille geboren und verlangt Stille. Warum soll das nicht ein Bedürfnis gerade einer sehr bewegten Zeit sein? Doch darüber möchte ich nicht viel sagen..."

 

Mit diesen Worten äußerte der Ermanna Wolf-Ferrari anläßlich der Uraufführung seiner Oper Das Himmelskleid, die am 21. April 1927 unter der musikalischen Leitung von Hans Knappertsbusch am Münchner Nationaltheater zur Uraufführung gelangte. Die Kritik nahm das Werk des Komponisten, der zuvor besonders mit seinen komischen Opern Beachtung gefunden hatte, sehr gemischt auf. Es war nicht der große Erfolg, den sich Wolf-Ferrari gerade von dieser Oper so sehr erhofft hatte. Man sprach von einer "allzu philosophisch-ästhetischen Ideenfracht", bemängelte die Länge und das Fehlen des Spannungsbogens einer "Dichtung, die nicht von jenem dramatischen Atem durchhaucht ist, ohne den ein Bühnenwerk auf dem Theater nicht bestehen kann".

 

Einig war sich die Kritik aber in der Frage der Qualität der Komposition:

 

"... In diesem symbolischen Zwischenreich des Werkes, das sich musikalisch zu sakraler Größe und Entrücktheit erhebt, hat Wolf-Ferrari die ganze ihm zu Gebote stehende Inbrunst des Tonmalers angegeben. Er schwelgt in lyrischer Verzückung, seine musikalische Erfindung wie der Glanz der Instrumentation sind ins Höchste gesteigert, so daß uns das Bewußtsein der Szene verloren zu gehen droht. Wir sehen und hören nur noch den Gottessucher inmitten geisterhafter Wesen oder Abgesandter des Himmels...

 

...Musikalisch zeigt sich Wolf-Ferrari in seinem neuen Werke als idealer Romantiker. Mögen andere darin eine neue Seite des Komponisten zu erkennen vermeinen - für mich ist es nur ein neuer Beweis für seine ursprüngliche Musikantenbegabung, die, einem untrüglichen inneren Gefühl gehorchend, in erschöpfender Weise das auszudrücken vermag, was die Gelegenheit erfordert. Die Sensibilität seines Klang- und Farbempfindens ist erstaunlich und ihre Resultate sind so selbstverständlich, daß das Konstruktive daran kaum oder überhaupt nicht in Erscheinung tritt..."

 

Ermanno Wolf-Ferrari, am 12. Januar 1876 als Sohn eines deutschen Kunstmalers und einer Italienerin geboren, war Zeit seines Lebens ein Wanderer zwischen zwei Kulturen. In ihm vereinten sich der tiefsinnige Ernst der Deutschen und die heitere Gelassenheit der Italiener, belcanto und Kontrapunkt, Philosophie und Grazie. Er verbringt sein Leben zwischen München und Venedig, in Deutschland sich nach Italien sehnend und umgekehrt. Diese geographische Zerrissenheit ist auch immer wieder Grundlage seines Schaffens gewesen.

 

Schon früh ist Wolf-Ferrari mit großen künstlerischen Erfolgen gesegnet. Er genießt Weltruhm mit seinem Chorwerk La Vita nuova und der Oper Die Neugierigen Frauen. Bereits mit 19 Jahren wird er zum Chorleiter in Mailand berufen, mit 27 Jahren zum Direktor auf Lebenszeit des Liceo musicale Benedetto Marcello in Venedig. Nach sechs Jahren löst er den Vertrag, um nach München überzusiedeln, wo er die nächsten 35 Jahre lebt, arbeitet und wirkt - völlig zurückgezogen und sich nur selten dem Licht der Öffentlichkeit preisgebend. Der 1. Weltkrieg löst eine schwere Lebenskrise bei ihm aus, die eine schöpferische Pause von mehreren Jahren zur Folge hat. Dann kommen neue Impulse, und Wolf-Ferrari schafft ein Hauptwerk nach dem nächsten. 1939 folgt er einem Ruf an das Salzburger Mozarteum. Seine letzten Lebensjahre werden durch den 2. Weltkrieg und die mit ihm zusammenhängenden Folgen getrübt. Der inzwischen stark Herzkranke widmet sich verstärkt wieder seiner alten Liebe, der Kammermusik. Am 21. Januar 1948 stirbt Ermanno Wolf-Ferrari nach einem Herzanfall in Venedig.

 

An musikalischem Schaffen hinterläßt er neben Oratorien, Chor- und Orchesterwerken, Kammermusik und Liedern 13 Opern, drei ernste (Der Schmuck der Madonna, Das Himmelskleid und Sly) und 10 heitere, wobei Die Neugierigen Frauen und Die drei Grobiane die bekanntesten, erfolgreichsten und am meisten aufgeführten Opern sind.

 

Von allen seinen Opern liebte Wolf-Ferrari seine Märchenoper Das Himmelskleid am meisten.

 

Der Text basiert auf auf dem französischen Märchen Eselshaut von Charles Perrault. Es behandelt als Parabel in Gestalt einer jungen Fürstin die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Seele. Die Fürstin wird mit dem Himmelskleid geboren, verliert es aber im Laufe ihres Lebens als Folge von mißbrauchtem Reichtum, Gier und Machtdenken. Durch den "heiligen Bettler" wird sie all ihrer irdischen Güter und der ehrlichen Liebe eines Prinzen beraubt, den sie ausschickt, ihr die Kleider des Windes, der Sonne und des Mondes zu bringen. Elend und verlassen irrt sie durch die Welt, bis sie sich schließlich ihre Fehler eingesteht. Am Ende erkennend, daß der Mensch mit dem Himmelskleid geboren ist, erwartet die Fürstin den Tod, bis der Prinz sie wiederfindet...

 

Zur tiefen Enttäuschung Wolf-Ferraris war es gerade dieses Werk, das bei seiner Uraufführung in München 1927 trotz glänzender Interpretation (Knappertsbusch stand am Pult, Fritz Krauß und Luise Willer sangen in den Hauptpartien) nicht allzu großen Anklang fand. An der Musik lag es nicht, es ist vielleicht die tiefste und reifste, wohl auch die deutscheste, die er geschrieben hatte, die Sensibilität seines Klang- und Farbempfindens ist erstaunlich und wurde von keinem anderen Werk übertroffen. Möglich, daß das Publikum eine andere Erwartungshaltung hatte oder daß der von ihm selbst verfaßte Text zuviel Symbolik enthielt: Jedenfalls blieb der gewohnte Widerhall aus. und Wolf-Ferrari äußerte bestürzt: "Befeindung kann man aushalten, Gleichgültigkeit nicht."

 

Am 6. Mai 1995 erlebte Das Himmelskleid im wiederentdeckungsfreudigen Hagener Theater eine vielbeachtete Neubelebung. Unter der musikalischen Leitung des Hagener Generalmusikdirektors Gerhard Markson wurde die Oper in der Inszenierung der jungen Regisseurin Anette Leistenschneider und dem Bühnenbild von Gerd Friedrich bei Publikum und Presse gleichermaßen äußerst positiv aufgenommen. Aus der Hagener Aufführungsserie resultiert die Idee zur vorliegenden Einspiejung. die Ermanno Wolf-Ferraris Lieblingswerk vielleicht zu weiterer Verbreitung verhilft.

 

Astrid Rech

 

Handlung

 

Vorgeschichte: Ein Bettler hatte einst dem König eines kleinen Reiches als Dank für dessen Güte und Liebe zu seinem Volk einen goldenen Esel geschenkt, der dem Land für alle Zeit materiellen Wohlstand sichert. Als der alte König stirbt, übernimmt dessen Tochter die Regierung. Der Bettler, der einst den alten König beschenkte, stellt die junge Fürstin, die in ihrem Leben nur Reichtum und Wohlstand kennt, auf die Probe: Das wahre Glück sei ihr nur beschieden, wenn sie im Besitze der Kleider des Windes, des Mondes und der Sonne sei. Die ehrgeizige Fürstin läßt verkünden, daß sie nur den Prinzen zum Manne nimmt, der ihr diese Kleider schenkt. Viele Prinzen reisen an und legen der Fürstin die kostbarsten Gewänder zu Füßen, doch alle werden abgelehnt.

 

1. Akt CD 1 [1] - [8]

 

Der Kanzler ist untröstlich. Schon wieder hat die junge Fürstin drei Eheanwärter verspottet und abgelehnt. Das Volk wird unruhig, es befürchtet einen Krieg mit den benachbarten Königreichen.

 

Da kündigt sich ein neuer Prinz an. Schon bei der ersten Begegnung erkennen der Prinz und die Fürstin ihre Liebe zueinander. Doch statt der gewünschten Kleider hält der Prinz nur eine Blume in Händen. Die Fürstin besteht auf der Erfüllung ihres Wunsches, schickt den Prinzen fort und gebietet ihm erst dann wiederzukommen, wenn er im Besitze der Gewänder sei. Alleingelassen verflucht die Fürstin ihren Reichtum und den goldenen Esel, den sie schuldig glaubt an ihrem Unglück. Sie zerstört das Standbild des Esels und damit den Zauber. Das Königreich bricht zusammen, die Fürstin wird von ihren aufgebrachten Untertanen - bekleidet nur mit dem Eselsfell - aus ihrem Reich vertrieben.

 

2. Akt CD 2 [1] - [7] & CD 3 [1] - [2]

 

Der Prinz reist in die Welt der Lüfte, um hier das Kleid des Windes zu finden. Doch er findet nur Spott bei den Luftgeistern. Im Reich des Mondes trifft er auf die Mondfee, die den Prinzen für sich gewinnen will und ihn zornig aus ihrem Reich vertreibt, als er sie nach dem Kleid des Mondes fragt. Im Reich der Sonne verraten ihm die Sonnenmädchen, daß kein Lebender fähig ist, das Kleid der Sonne zu tragen. Er erfährt , daß die junge Fürstin aus ihrem Land vertrieben und in Not ist. Erschrocken eilt der Prinz auf die Erde zurück.

 

3. Akt CD 3 [3] - [6]

 

Die Fürstin irrt - nur mit dem Eselsfell bekleidet - durch einen Wald. Sie ist bereit zu sterben. Hier findet sie der Prinz, der abermals ohne die gewünschten Kleider vor ihr steht. Doch nun erkennt die Fürstin, daß sie längst irn Besitz der Kleider des Windes, des Mondes und der Sonne ist - in ihrer Nackheit und in ihrer Liebe.

 

Der Zauber des Bettlers wirkt erneut, und das Königreich erstrahlt in neuern Glanze.

 

 


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