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8.223470 - Locomotiv-Musik 1: A Musical Train Ride
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Eisenbahnmusik

Eisenbahnmusik

 

Als man zu Beginn der 1830er Jahre daran ging, das mitteleuropäische Eisenbahnnetz zu errichten, war das ein technischer Durchbruch, den man durchaus mit der heutigen Entwicklung auf dem Gebiet der Computer vergleichen kann. Die Dampflokomotive war das höchstentwickelte Industrie-Erzeugnis: ein technisches Wunderwerk, dessen Funktionsweise der Normalbürger kaum begreifen konnte - von Kaisern und Fürsten ganz zu schweigen. So ist es auch kein Wunder, daß die Lokomotive mit ihrer rhythmisch arbeitenden  Dampfmechanik rasch zur Inspirationsquelle vieler Kompositionen wurde.

 

Dabei sind nicht alle Eisenbahn-Musiken beschreibender Art. Einweihungen, Eisenbahnbälle und Bankette verlangten nach festlichen Werken, die nicht unbedingt wie eine Dampflok klingen mußten. Ein Beispiel dieser Art ist der "Ankunfts-Walzer" von Joseph Lanner. Dieser autodidaktische Geiger und Komponist wurde 1801 in Wien geboren. Nachdem er einige Zeit als Orchestermusiker gearbeitet hatte, gründete er ein Trio, das sich bald zu einem Orchester auswuchs. Der "Ankunfts-Walzer" entstand schon 1829, als noch keine Eisenbahn nach Wien fuhr. Und als 1835 sein "Dampf-Walzer" zum ersten Mal gespielt wurde, kam der Dampf nicht aus dem Schornstein einer Lokomotive: Das Stück, das mit einem Galopp schließt, hat Lanner seinem Freund August Corti gewidmet, der der Besitzer eines Caféhauses im schönen Wiener Volksgarten war. Möglicherweise kredenzte man hier dampfenden (oder dampfgekochten) Kaffee? Im übrigen war Lanner kein Freund von Reisen; er verließ seine teure Heimatstadt nur selten, um einige kürzere Konzerttourneen zu unternehmen.

 

Um so emsiger reiste Johann Strauß, Vater. Seine musikalische Laufbahn begann er - wie sein Kollege, Konkurrent und Freund Lanner - als Geiger in Michael Pamers Orchester. Später wurde er Mitglied des Lanner-Trios, das sich damit zum Quartett vergrößerte. Einige Jahre war er nun in Lanners Orchester als Bratschist und stellvertretender Leiter tätig; dann gründete er 1827 eine eigene Kapelle. Mit diesem Orchester - oder zumindest einer kleineren Besetzung - unternahm Strauß fortan Konzertreisen durch ganz Mitteleuropa und auf die Britische Insel. Zusammen mit Lanner machte er den Wiener Walzer zu einem weltweiten Begriff .

 

Die langen Reisen des Johann Strauß Vater gingen noch mit der Postkutsche vonstatten. Und so erinnert der 1836 geschriebene "Reise-Galopp" an eine umfangreiche Deutschland- Tournee des Vorjahres. Im Sommer 1836 jedoch schreibt Strauß seinen "Eisenbahn-lust

-Walzer", und jetzt gibt es keinen Zweifel mehr: Der Siegeszug des neuen Transportmittels hat begonnen. Man ging daran, die erste Allgemeine Österreichische Eisenbahnlinie zu bauen, die Wien und Breclav miteinander verbinden sollte. Als der Strauß-Walzer am 18. Juli 1836 im Rahmen eines Sommerfestes uraufgeführt wurde, mußte sich das Publikum allerdings noch mit dem Bild einer Dampf-Lokomotive zufrieden geben. Im September des nächsten Jahres hingegen gab es ein weiteres Eisenbahnkonzert, bei dem man das unfaßbare technische Wunderwerk mit eigenen Augen bestaunen konnte. Die neugierigen Besucher des Wiener Augartens konnten sogar sehen, wie sich die Lokomotive - von Pferden gezogen - 100 Meter vorwärts bewegte. Am 13. November dieses Jahres wurde die Strecke Floridsdorf-Deutsch Wagram getestet. Die Lokomotive "Austria" legte die 13 Kilometer lange Strecke mit zwei Waggons in ganzen 21 Minuten zurück!

 

Fast zehn Jahre später, am 18 Februar 1847, präsentierte Strauß Vater eine Quadrille zu einem Karnevalsball, den die Herren Beamten der a.p. Kaiser-Ferdinand-Nordbahn veranstalteten. Die Quadrille mit dem Titel "Souvenir de Carneval 1847" ist in der "klassischen" Form mit sechs je zweiteiligen Touren gehalten.

 

Als er im Jahre 1849 viel zu früh starb, war der " k.u.k. Hofball-Musikdirektor Johann Strauß einer der bekanntesten und beliebtesten Komponisten der Welt. Doch trotz all seiner beschwingten Walzer verdankt er seine heutige Berühmtheit vor allem seinem "Radetzky-Marsch".

 

Zwei weitere Komponisten, die dem Verkehr auf der ersten Eisenbahnstrecke der großen Habsburger-Monarchie ihre Aufmerksamkeit widmeten, waren Joseph Gungl und Philipp Fahrbach. Der letztere wurde 1815 als Sohn einer berühmten Wiener Musikerfamilie geboren. Schon als Zwölfjähriger wurde er Mitglied des Orchesters, das Johann Strauß soeben gegründet hatte; und er blieb hier bis 1835, als er seine eigene Kapelle formierte, die er mit einem derartigen Erfolg leitete, daß er einige Jahre später im Wechsel mit Lanner und Strauß die Wiener Hofballmusik dirigieren durfte. 1838 wurde sein "Locomotiv-Galopp" gedruckt, ein Werk, das seine Inspiration sicherlich der Eisenbahnlinie Wien-Wagram verdankte.

 

Nach England, der Heimat der ersten Eisenbahn und Lokomotive, war Belgien der erste Staat des europäischen Festlands mit einer Eisenbahnlinie. Die Strecke Brüssel-Mecheln wurde Mitte 1835 eingeweiht. Am 8. Dezember desselben Jahres folgte die Strecke Nürnberg-Fürth. In beiden Fällen kam die englische Lokomotive (Patentee-Typ) zum Einsatz. Und auch in Rußland dampfte zunächst eine englische Maschine los. Sie befuhr die etwa 27 Kilometer lange Strecke von St. Petersburg nach Pavlovsk. Die Einweihung fand am 30. Oktober 1837 statt, und im folgenden Mai wurde das Bahnhofsgebäude "Vauxhall" an der Endstation fertiggestellt. An der vorletzten Haltestelle lag Tsarskoje-Selo (heute Pushkin), das Sommerschloß des Zaren; und neben dem Vauxhall in Pavlovsk befand sich das Schloß Pavlovs I., das damals von Großfürst Konstantin, dem Bruder des Zaren, bewohnt wurde. Das Bahnhofsgebäude war wie ein großer Vergnügungsort gebaut. Es gab Konzerte im Innern und im Freien, und sowohl vom Restaurant als auch vom Säulengang aus bot sich ein großartiger Blick auf den schönen Schloßpark.

 

Die Tsarskoje-Selo-Eisenbahngesellschaft bemühte sich, Reisende von der Hauptstadt nach Pavlovsk zu locken. Mehrmals versuchte man, Johann Strauß Vater für die dortigen Konzerte zu gewinnen - vergebens. Strauß war mit anderen Verpflichtungen vollauf ausgelastet. Die Eisenbahngesellschaft mußte sich mit Sternen der zweiten Größe bescheiden - Gungl, Lumbye und Labitzky gehörten dazu.

 

Hans Christian Lumbye wurde 1810 in Kopenhagen geboren und begann seine musikalische Laufbahn als Trompeter in "Den Konglige Hestgarde". 1839 hörte er ein durchreisendes Orchester mit Werken von Lanner und Strauß, und diese neuen Klänge faszinierten ihn so sehr, daß er beschloß, ein eigenes Orchester à la Strauß zu gründen. Als 1843 das Tivoli in Kopenhagen eingeweiht wurde, engagierte man Lumbye als Kapellmeister. Am 18. Juni 1847 wurde schließlich die erste dänische Bahnlinie eingeweiht - zwischen Kopenhagen und Roskilde -, und zu diesem feierlichen Anlaß schrieb Lumbye seine exakte Schilderung, den "Kjøbenhavns Jernbane-Damp-Galop".

 

Drei Jahre später (1850) leitete Lumbye die Sommerkonzerte von Pavlovsk, wo er den Ungarn Johann Gungl ablöste. Schon in der nächsten Spielzeit erhielt Gungis Neffe Josef, der berühmte Kapellmeister und Komponist, den Vertrag des musikalischen Bahnhofs. Josef Gungl wurde 1809 in Zsambek geboren, begann seine Laufbahn als Oboist und Militärkapellmeister in Graz und gründete 1843 in Berlin eine zivile Kapelle. Hier wurde er später als kaiserlicher Hofkapellmeister ausgezeichnet. 1849 unternahm er eine Reise nach New York. Der "Eisenbahn-Dampf-Galopp" stammt noch aus seiner Zeit in Graz - eine Komposition, die zweifellos für die Eisenbahnstrecke Wien-Wagram (1837) gedacht war.

 

Ihre glanzvollste Periode erlebte die Tsarskoje-Selo-Linie allerdings seit 1856, als es gelang, Johann Strauß Sohn für elf Spielzeiten zu gewinnen: In jeweils fünf Sommermonaten konzertierte er hier, mitunter im Wechsel mit seinen jüngeren Brüdern Josef und Eduard.

 

Vauxhall war aber nicht der einzige Bahnhof, in dem der junge Strauß auftrat. Schon am 22. August 1847, als auch sein Vater noch aktiv war, brachte Johann Strauß Sohn seinen Walzer "Wilde Rosen" im Bahnhofscafé Wien-Gloggnitz zur Uraufführung. Ein weiterer Walzer, "Die Spiralen" entstand für den Wiener Ball der Eisenbahningenieure am 31. Januar 1858. Rund anderthalb Jahre später, am 23. Juli 1859, wurde sein Walzer "Reiseabenteuer" in Pavlovsk uraufgeführt. Strauß schrieb diesen Walzer in Rußland, und vieles spricht dafür, daß sich das hier geschilderte "Abenteuer" im Eisenbahnmilieu zutrug. In der Coda dieses Walzers zeichnet Strauß eine dramatische Fahrt nach.

 

Eine hübsche Beschreibung ist der "Accellerationen"-Walzer, in dem man hören kann, wie eine Lokomotive (oder eine andere Maschine) allmählich "anzieht". Auf dem Titelblatt der Klavierfassung ist unter anderem eine Lokomotive zu sehen. Der Walzer wurde für die Technik-Studenten der Wiener Hochschule komponiert und am 14. Februar 1860 uraufgeführt.

 

Um 1860 erfreuten sich kurze Ausflüge auf dem rasch wachsenden Eisenbahnnetz um Wien großer Beliebtheit. Am 19. Januar 1864 konnte man beim Karnevalsball des Vereins der Industriellen Gesellschaft im Wiener Redoutensaal die Strauß-Polka "Vergnügungszug" hören. Hier hat der Komponist sogar Signale und Zylinderfauchen einkomponiert, um seinem Publikum das Gefühl eines echten Zuges zu vermitteln.

 

Auch Josef Strauß hat seinen Beitrag zur Eisenbahn-Musik geleistet. Zur Eröffnung der Strecke Wien-München - der sogenannten Elisabeth-Bahn - wurde am 15. August 1860 ein Einweihungsfest gegeben; Josef Strauß komponierte aus diesem Anlaß die Polka française "Gruß an München".

 

Zu diesem Zeitpunkt war man auch im Norden ernsthaft mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes beschäftigt. Schweden und Norwegen waren in einer Union vereint, wobei die Norweger ihre Strecke Christiania-Eidswoll schon 1854 fertiggestellt hatten. Zwei Jahre später war der schwedische Bau der Linie Örebro-Nora abgeschlossen, und 1868 wurde die 456 Kilometer lange Strecke Stockholm-Göteborg eröffnet. Baumeister dieses Projektes war Nils Ericsson, der bei dem Einweihungsfest mit dem Galopp "Jernvägs-Galopp" (Eisenbahn-Galopp) von Jean Meyer geehrt wurde. Meyer war 1822 in Hamburg geboren worden, aber schon in jungen Jahren nach Schweden gekommen. Hauptsächlich war er Geiger und Konzertmeister an der Königlichen Hofopernkapelle zu Stockholm. Er schrieb auch einige Werke für Violine und Klavier.

 

Nils Ericsson, der Bauleiter der Schwedischen Staatsbahnen, war ein hervorragender Ingenieur. Sein Bruder John hatte das Kriegsschiff "Monitor" für die USA konstruiert und mit seiner Lokomotive "Novelty" verschiedene Wettrennen bestritten; 1829 war er allerdings von Stephensons "Rocket" besiegt worden.

 

Als 1871 die Linie Stockholm-Christiania (heute Oslo) eröffnet wurde, gab es in Schweden und Norwegen Feierlichkeiten. Zur Einweihung komponierte Traugott Grahl (1802-84) einen Walzer mit dem bezeichnenden Titel "Sveas helsning till Nore" (Schwedische Grüße an Norwegen). Der Walzer ist der norwegischen und schwedischen Jugend gewidmet. Grahl - dessen richtiger Vorname Carl Gottfried lautete - war ein deutscher Einwanderer; nachdem er einige Zeit an der Hofopernkapelle zu Stockholm gearbeitet hatte, wurde er Musik-Direktor des "Södermanlands Regiment", wo er sich als geschickter Arrangeur und Komponist einen Namen machte.

 

Auch Finnland hatte seine Eisenbahnen. Das Land war russisches Großherzogtum, genoß allerdings eine weitreichende Selbständigkeit. Die erste finnische Eisenbahn führte von Helsingfors (Helsinki) nach Tawastehus und wurde am 31. Januar 1862 eröffnet. Der Komponist Frans Hoyer beschrieb die Jungfernfahrt mit seinem "Jernban-Galopp" (Eisenbahn-Galopp), den er der Baronin Rokassowsky widmete. Die Lokomotive "Lemmenkäinen" zog einen Personenwagen und einige Güterwagen mit Baumaterialien.

 

Die übrigen Musikstücke stammen von Eduard Strauß und Carl Michael Ziehrer. Beide waren in der genannten Reihenfolge k.u.k Hofballmusikdirektoren in Wien. Auch schrieben beide ihre Werke für verschiedene Bälle, die von Wiener Eisenbahnbeamten veranstaltet wurden. Die Polka française "Die Nachtschwalbe" von Ziehrer hieß ursprünglich "Rückwärts fertig!" Diese Signal rief der Schaffner am letzten Waggon, wenn der Zug abfahrbereit war.

 

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der Seite 2 der chronologischen Zusammenfassung.


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