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8.223562 - STRAUSS, Josef: Edition - Vol. 2
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Josef Strauß (1827-1870)

Josef Strauß (1827-1870)

Edition Vol. 2

 

[1] "Schottischer Tanz", op. 20

 

In Otto Schneiders "Tanzlexikon" wird unter dem Stichwort "Schottisch" berichtet, daß sich dieser Gesellschaftstanz, der aus der Eccosaise hervorgegangen ist, bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland und in Osterreich im Ballrepertoire behaupten konnte. Die Wurzeln dieses Tanzes reichen ins historische Schottland des 17. Jahrhunderts zurück; über Frankreich kam die Eccosaise auch nach Wien. Franz Schubert und Ludwig van Beethoven haben berühmte Tänze im raschen Zwei - und Viervierteltakt geschrieben, die vor allem in privaten Zirkeln eifrig "mit den Füßen erprobt" worden sind.

 

Der "Schottische Tanz" , den Joseph Strauß als junger Musikdirektor am 22. Juli 1856 im Wiener Volksgarten zum ersten Male aufgeführt hat, kann als Nachzügler in der Geschichte dieser vor allem in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts beliebten und verbreiteten Tanzmode gelten. In den Ballprogrammen hatte der mit Wechselschritt und Hüpfer ausgeführte Tanz längst schon der Polka (und dann auch der Schnellpolka) weichen müssen. Aber in privaten Kreisen mag sich der "Schottisch" seine Anhänger bewahrt haben. Das könnte Joseph Strauß bewogen haben, ebenfalls einen "Schottischen Tanz" in der Tradition Beethovens und Schuberts zu schreiben. Seine flotten Melodien haben gewiß viel Beifall gefunden. Zu einer Renaissance der Eccosaisen ist es in den folgenden Jahren nicht gekommen.

 

[2] "Fünf Kleeblad'ln", Walzer, op. 44

 

An den Kirchtagen in der Vorstadt Hemals ging es in Ungers Casino stets hoch her. In dem damals weitläufigen Arreal dieses Etablissements, an dessen Stelle sich heute die Station Alserstraße der Stadtbahn U6 befindet, wurde alljährlich ein fröhliches Fest abgehalten, bei dem seit den Tagen Strauß-Vaters die Strauß-Kapelle ihre neuesten Weisen, darunter eine eigens für dieses Fest komponierte, gemütliche Walzerpartie, zum Tanz aufspielte. Konzertwalzer waren bei diesem Publikum, in dem die wohlhabenden Fabrikanten und Geschäftsleute mit ihren Familien, aber auch die Vorstadt-Kavaliere mit ihren Frauen und Bräuten buchstäblich den Ton angegeben haben, nicht gefragt; man wollte es gemütlich haben und die Weisen, die von der Estrade der Kapelle in den zumeist überfüllten Saal drangen, sollten möglichst volkstümlich sein, also Elemente der wienerischen und niederösterreichischen Volksmusik enthalten. Dieser Erwartung haben die Mitglieder der Familie Strauß, sowohl der Vater als auch seine Söhne Johann und Joseph, gerne Rechnung getragen. Für den Kirchtag des Jahres 1857, der mit einem Ball am 31. August in Ungers Casino gefeiert worden ist, hatte Pepi Strauß eine Walzerpartie mit dem Titel "Fünf Kleeblad'ln" vorbereitet, und dieser Titel orientierte sich an den fünf Teilen, aus denen eine Walzerpartie bestand: sie wurden als glücksbringende Kleeblätter bezeichnet. Die Komposition war im Ländlerstil gehalten und fand beim Publikum größten Anklang. Die "Theaterzeitung" berichtete am 2. September 1857, daß die "allerliebsten Ländler" ebenso wie die am selben Abend zum ersten Male gespielte "Steeple chease-Polka" (op. 43) oftmals wiederholt werden mußten. Gegen 2000 Besucher tanzten in dieser Nacht in Ungers Casino und traten erst um drei Uhr früh den gewiß etwas mühseligen Heimweg an, glücklich über das "genußreiche Fest".

 

[3] "Sympathie", Polka Mazur, op. 73

 

Als sich Joseph Strauß endgültig dazu entschloß, zur Entlastung seines Bruders Johann ins Walzergeschäft der Familie einzutreten und die damit verbundenen Pflichten zur Leitung der Konzerte und Bälle der Strauß-Kapelle sowie der Komposition des dafür benötigten, aktuellen Repertoires zu übernehmen, fand er sehr rasch zu seinem persönlichen Stil. Dabei kam seinem scheuen Naturell die Form der Polka Mazur besonders entgegen: die leise Schwermut des ursprünglich polnisches Tanzes entsprach seinem Fühlen. Joseph Strauß fand aber auch wie kein zweiter Komponist der gesamten Epoche den Übergang von der Mazurka zum heimischen Nationaltanz, dem Ländler. In seinen frühen Werken im Rhythmus der Polka Mazur tritt die Neigung zu Mollklängen besonders wirkungsvoll hervor.

 

In die Gruppe dieser Kompositionen gehört die Polka Mazur "Sympathie": ihre Uraufführung wurde für das erste Konzert in der Wintersaison im Salon des Volksgarten am 30. Oktober 1859 angekündigt. Joseph Strauß spielte das Werk aber bereits eine Woche früher beim Schlußkonzert am 23. Oktober 1859 in Ungers Casino in Hernals - gleichsam als Generalprobe - auf. Joseph Strauß legte offenkundig großen Wert darauf, gerade dieses Werk perfekt zur Geltung zu bringen: das Publikum sollte es noch im Ohr haben, wenn am 6. November 1859 sein Bruder Johann mit seinen neuesten Kompositionen aus der Sommersaison in Pawlowsk ebenfalls im Volksgarten nach seiner Rückkehr aus Rußland zum ersten Male auftrat. Die Überlegung erwies sich als richtig, denn im Bericht, der im Theaterblatt "Der Zwischenakt" am 31. Oktober erschienen ist, wurde der "Sympathie-Polka" nachgerühmt, sie sei "zu den lieblichsten Produktionen Strauß"' zu zählen. In seiner verhaltenen, schlichten und leise elegischen Anmut hat die Polka Mazur seither immer aufs Neue die Zuhörer bezaubert. Sie gehört zu jenen Kompositionen, über die Johann Strauß später einmal gesagt hat: "In diesen Weisen lag Josephs ganze Seele."

 

[4] "Diana" , Polka française, op. 95

 

Aus bescheidensten Anfängen hat sich das im Jahre 1804 an einem Seitenarm der Donau (heute: Donaukanal) errichtete Dianabad zum größten Bad der Kaiserstadt entwickelt: ab dem Jahre 1842 hatte es eine gedeckte Schwimmhalle zu bieten, die um das Jahr 1860 im Winter zu einem Ballsaal umgewandelt werden konnte. Im Herbst 1860 eröffnete der Unternehmer Hassa zunächst einen Wintergarten und im darauffolgenden Fasching den Tanzsaal sowie die entsprechenden Nebenräume. Für das erste Konzert im Wintergarten des Dianabades wurde die Strauß-Kapelle engagiert, die dann auch am 12. November 1860 unter Josephs Leitung für ein sehr zahlreiches Publikum ein abwechslungsreiches Programm bieten konnte. Eigens für das Eröffnungskonzert hatte Joseph Strauß eine "Diana-Polka" komponiert. Das Werk erinnerte durch das einleitende Hornsignal daran, daß man dem Bad den Namen der römischen Göttin Diana gegeben hatte; das recht freizügige Bild Dianas (mit Pfeil, Bogen und Jagdhund) zierte dann auch das Titelblatt der Erstausgabe der Polka, die pünktlich zur Eröffnung des Bades in den Musikalienhandlungen vorrätig war. In den Berichten über das Eröffnungskonzert wurde hervorgehoben, die "Diana-Polka" sei mit Beifall aufgenommen und zur Wiederholung verlangt worden.

 

[5] "Amazonen-Quadrille", op.118

 

Als im Dianasaal der Ballbetrieb aufgenommen wurde, war der Veranstalter der in diesem Etablissement durchgeführten Maskenbälle bestrebt, für eine zusätzliche Attraktion zu sorgen: er ließ jeweils eine Gruppe junger Tänzerinnen engagieren, die sich - nach Pariser Vorbild - in Charakterkostümen unter das Publikum mischen und für fröhliches Maskentreiben sorgen sollten. Es handelte sich selbstverständlich um figurbetonte Kostüme, und da bot sich eine Verkleidung als Amazone geradezu an: ein knapp sitzendes Jäckchen und eng anliegende, bis ganz kurz unter das Knie reichende Hosen ließen die Reize der jungen Damen optimal zur Geltung kommen. (Das Titelbild der Klavierausgabe läßt das ganz deutlich erkennen.) Der kriegerische Kopfschmuck, der eher römischen Legionären als den legendären Amazonen der griechischen Mythologie zuzuordnen wäre, sorgte für einen amüsanten Kontrast.

 

Für die große Quadrille dieser Maskenbälle, an der selbstverständlich die Charaktermasken teilzunehmen hatten, schrieb Joseph Strauß gehorsam jeweils eine Widmungskomposition; im Jahre 1862 war es die" Amazonen-Quadrille". Sie wurde am 18. Januar 1862 im Dianasaal zum ersten Male aufgeführt. Es war übrigens seine letzte Komposition dieser für den Dianasaal bestimmten Serie von Quadrillen (vgl. "Debardeurs-Quadrille", op. 97, und "Folichon-Quadrille" , op. 115), die auch im Druck erschienen ist.

 

[6] "Sturmlauf" (Turner-), Polka schnell, op. 136

 

Die Brüder Johann, Joseph und Eduard Strauß waren keine Anhänger des Körpersports. Johann bevorzugte die Fahrt im Fiaker anstelle anstrengender Wanderungen oder gar als Ersatz von Sprints, die Vorliebe Josephs beschränkte sich auf die Begeisterung für den Pferdesport und Eduard hat wohl niemals in seinem Leben den Frack mit einer Turnkleidung vertauscht. Aber der sich in den sechziger Jahren auch in der Donaumonarchie rasch entwickelnden Turnerbewegung haben immerhin Joseph und Eduard Strauß interessante Kompositionen gewidmet. Joseph schrieb im Fasching 1860 für die Mitglieder des offiziell noch gar nicht bewilligten Turnervereins eine "Turner-Quadrille", op. 92, deren Klavierauszug ausdrücklich "den Turnern" dediziert worden ist. (Die Behörden der Donaumonarchie ließen erst im Jahre 1861 die Gründung des "Ersten Wiener Turnvereins" zu.) Die Schnellpolka "Sturmlauf", die im Innentitel der Klavierausgabe und auf der Stichvorlage ausdrücklich als "Turner-Polka" bezeichnet worden ist und dem "Wiener Turnverein" zueeignet wurde, entstand im Fasching 1863 und wurde zum ersten Male beim Turnerball am 4. Februar 1863 im Dianasaal vom Komponisten an der Spitze der Strauß-Kapelle vorgetragen. Die Begeisterung der Turner für die rasante Schnellpolka war groß; das Werk mußte am Ballabend mehrfach wiederholt werden.

 

PS: Im Juni 1863 widmete dann Eduard Strauß dem Wiener Turnverein den Marsch "Gut heil", op. 4. Der Titel bezieht sich auf den von Turnvater Jahn ab dem Jahre 1846 eingeführten Turnergruß. Mit seiner "Sport-Polka" , op. 170, ist Joseph Strauß bereits wieder zu seinem bevorzugten Pferdesport zurückgekehrt.

 

[7] Robert Schumann / Joseph Strauß: "Träumerei"

 

Die Konzerte der Strauß-Kapelle haben dem Publikum schon seit den Tagen Johann Strauß-Vaters nicht nur Tanzstücke geboten, sondern auch Kompositionen aus dem Bereich der Opern - und der symphonischen Musik. In der Regel wurden diese ins Repertoire eingegliederten Werke in Bearbeitungen präsentiert, die dem Personalstand der Strauß-Kapelle und den Bedingungen der Unterhaltungskonzerte angepaßt waren. Strauß-Vater hat u.a. auch die Ouvertüren Ludwig van Beethovens und Werke etwa von Hektor Berlioz seinem Publikum zu einer Zeit präsentiert, in der das Konzertwesen in Wien noch wenig entwickelt war. Seine Söhne, vor allem Joseph und später auch Eduard Strauß, haben ebenfalls Opernausschnitte und symphonische Werke in eigenen Bearbeitungen in ihre Konzertprogramme eingegliedert. Joseph ist dabei am erfolgreichsten und eifrigsten gewesen; er arrangierte u.a. auch Beethovens Sonaten und die Tondichtungen von Franz Liszt, führte aber auch als erster Orchesterleiter Ausschnitte aus Richard Wagners damals noch als unspielbar abgelehnter "Tristan"-Musik in seinen Konzerten auf. Leider sind diese Arrangements später von Eduard Strauß verbrannt worden.

 

Zu den rund 500 Transkriptionen und Bearbeitungen dieser Art aus der Feder Josephs gehören auch die Konzertfassungen etlicher Werke von Robert Schumann. Das ist insoferne bemerkenswert, als gerade der Romantiker aus dem Rheinland vom Wiener Publikum wenig geschätzt worden ist. Schumanns Versuch, in Wien seßhaft zu werden, wurde vereitelt und noch im Jahre 1847 mußte er, als er zusammen mit seiner Gattin, der Pianistin Clara Schumann, in Wien konzertierte, die schmerzhafte Zurückhaltung des Publikums hinnehmen. Umso größer aber war der Verdienst der Strauß-Kapelle, daß sie zahlreiche Werke Schumanns ihrem Publikum vorstellte. Von diesen Arrangements sind zwei erhalten geblieben: Johann Strauß Orchesterfassung des Liedes "Widmung" und - im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien - Josephs eigenhändiges Arrangement der berühmten Miniatur "Träumerei" aus den "Kinderszenen", op. 15. Es ist Joseph Strauß gelungen, den charakteristischen Zauber dieser - wie Schumann formuliert hat - "Rückspiegelungen in die Kinderzeit eines Älteren für Ältere" auch in der Orchesterfassung zu bewahren. Auch seine "Träumerei" gehört daher zu den Kostbarkeiten der Musikliteratur.

 

[8] "Petitionen", Walzer, op.153

 

Bis zum Jahre 1863 war Johann Strauß für die Widmungen bei den traditionellen Gesellschaftsbällen zuständig; der neue Walzerkönig hat daher auch die von ihm erwarteten Kompositionen für die Faschingsfeste der Mediziner, der Juristen und der Techniker jeweils prompt zur Verfügung gestellt. Im Karneval 1863 hatte sein Bruder Joseph einspringen müssen, weil die Ärzte Johann Strauß das Komponieren als "zu anstrengend" verboten hatten. Im Jahre 1864 blieb es dabei, daß Joseph für die Gesellschaftsbälle die erwarteten Widmungskompositionen beizusteuern hatte. Daher schrieb Pepi auch den Walzer für den Juristenball, der am 18. Januar 1864 im sofiensaal stattgefunden hat. Der Titel des Werkes, das den Hörern der Rechte an der Hochschule zu Wien achtungsvoll zugeeignet worden war, muß den anwesenden Juristen angenehm gewesen sein, denn sie verstanden sich zweifellos darauf, Petitionen - also Eingaben bei Gericht - zu verfassen. Aber auch die von Joseph Strauß auf den Notenlinien gestalteten "Petitionen" fanden, wie aus den Ballberichten hervorgeht, allgemeine Zustimmung und lebhaften Beifall. Joseph hatte sich auch bei den Juristen als Nachfolger seines Bruders durchgesetzt. Die Klavierausgaben des Werkes wurden vom Verlag Spina am 8. Januar ausgeliefert, standen also den Ballgästen bereits zur Verfügung, auch wenn der Verkauf erst am 2. März 1864 bekanntgegeben und angezeigt werden durfte.

 

[9] "Arabella-Polka", op. 167

 

Joseph Strauß hat seine kapriziöse "Arabella-Polka" im Frühsommer des Jahres 1864 komponiert. Die erste Aufführung des Werkes wurde dem Publikum für den 2. August versprochen, es sollte an diesem Tag in der "Neuen Welt" in Hietzing das Programm bereichern. Aber Pepi Strauß dürfte dann doch anders entschieden haben, denn in seinen Aufzeichnungen, die Franz Sabay bestätigt, wird das Festkonzert der Strauß-Kapelle am 19. August 1864 im Wiener Volksgarten als Anlaß der Uraufführung genannt. (Am 18. August hatte Kaiser Franz Joseph Geburtstag, ihm zu Ehren wurde also dieses Festkonzert arrangiert.)

 

Die Komposition trägt keine Widmung: der schöne Frauenkopf auf dem Titelblatt scheint darauf hinzuweisen, daß die Anregung zu dieser Titelwahl aus der Theatersphäre gekommen ist. Denn der Name Arabella, den im 20. Jahrhundert Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss durch ihre gemeinsame Oper "Arabella" weltberühmt gemacht haben, war um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Adelskreisen wie im Bürgertum kaum bekannt.

 

[10] "Stiefmütterchen" , Polka Mazur, op. 183

 

Für sein Benefizkonzert am 7. Juli 1865 im Wiener Volksgarten komponierte Joseph Strauß eine Polka Mazur, der er den Titel "Stiefmütterchen" gab. In der langen Reihe seiner Werke, über deren Partitur der naturverbundene Pepi den Namen einer Blume geschrieben hat, sollte die Bezeichnung dieser bescheidenen Pflanze nicht fehlen. Die kleine Blume, die in den Gärten und auf den Gräbern der Armen und der Bauern heimisch war und immer noch ist, mag ihm besonders teuer gewesen sein, denn diese Komposition erwies sich als besonders wertvoll und kostbar. Allerdings präsentierte sie Joseph Strauß in einem Rahmen, in dem sie eigentlich nicht ideal zur Geltung kommen konnte. Warum er die Polka Mazur so "stiefmütterlich" (im Sprachgebrauch der Wiener bedeutet das so viel wie benachteiligt) behandelt hat, ist nicht recht einzusehen. Bei Josephs Benefiz am 7. Juli 1865, das er unter dem Titel "Großes musikalisches Novitätenfest mit Feuerwerk" im Volksgarten veranstaltet hat, standen nämlich etliche wichtige, für die musikinteressierten Zeitgenossen schlicht sensationelle Werke auf dem Programm. Angekündigt wurden sowohl das erste Finale der damals in Wien noch unbekannten, letzten Oper von Giaccomo Meyerbeer, "Die Afrikanerin" (am 28. April 1865 hatte die Uraufführung des Werkes in Paris stattgefunden, in Wien wurde es erst im Jahre 1870 gespielt!), als auch die Tondichtung "Mazeppa" von Franz Liszt und die von Joseph Strauß im Jahre 1860 arrangierten Fragmente aus Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde" , die Pepi nun wieder aufs Programm setzte, weil am 10. Juni 1865 in München endlich die Premiere dieser in Wien seinerzeit abgelehnten Oper - unter Hans Guido von Bülows Leitung -stattgefunden hatte. Überdies übemahrn Joseph Strauß aus dem Programm des ersten Schubert-Konzerts der Wiener Philharmoniker die Ouvertüre zu "Rosamunde" (eigentlich: "Die Zauberharfe") und präsentierte auch gleich die Quadrille seines Bruders Johann nach Motiven der Oper "Die Afrikanerin", op. 299, die er wahrscheinlich in einer gemeinsamen Produktion mit einer Militärkapelle vorgetragen hat. Da hatte die kleine Polka Mazur "Stiefmütterchen" so gut wie keine Chance, vom sehr zahlreichen Publikum des Konzerts gebührend beachtet und in ihrem Wert erkannt zu werden. Doch das Werk hat sich später durchgesetzt und blieb stets im Repertoire der Strauß-Kapelle.

 

[11] "Genien-Polka" (française), op. 205

 

Joseph Strauß hat im tristen Sommer 1866 nur wenig komponiert. Die Theater blieben nach der Niederlage der Nordarmee der Donaumonarchie gegen die Truppen des Königreiches Preußen im Juli leer, auch die Konzerte der Strauß-Kapelle waren nicht so gut besucht, wie es die Brüder Strauß, die gerade in diesem Sommer alle drei in Wien waren, gewohnt gewesen sind. Erst im Herbst war wieder auf eine rege Teilnahme des Publikums zu hoffen.

 

Am 11. September 1866 fand im Volksgarten ein Fest mit Feuerwerk statt. Diesen Anlaß benützte Joseph Strauß, um seine im Sommer fertiggestellte Polka mit dem Titel "Genien" dem Publikum vorzuführen. Das Werk war bereits am 31. August in der Klavierausgabe in den Musikalienhandlungen erhältlich.

 

Die geflügelten Gottheiten, die auf dem Titelblatt dieser Erstausgabe abgebildet worden sind, haben den Komponisten zu einer leicht aufschwebenden Polka animiert, die zu den besten Arbeiten dieser Schaffensperiode des mittleren der Strauß-Brüder gehört. Sie hat sich nicht sehr lang im Repertoire der Kapelle behauptet und wurde später fast völlig vergessen.

 

[12] "Tanz-Prioritäten", Walzer, op. 280

 

Der Ball der Industriellen Gesellschaften des Jahres 1870 hat am 6. Februar im Redoutensaal der Hofburg stattgefunden. Diesmal erschien der Kaiser im Kreise seiner Suite nicht im Ballsaal - Hoftrauer war angesagt und so mußten die Mitglieder des Ballkomitees auf die Anwesenheit des Monarchen, die Franz Joseph als eine seiner Pflichten ansah, verzichten. Aber dafür war die "zweite Gesellschaft" der Donaumonarchie vollzählig vertreten. Im Ballbericht des liberalen "Neuen Wiener Tagblatts" konnte man nachlesen:

 

"In den Redoutensälen strotzte beim Industriellenball alles von Samt, Seide, Gold, Juwelen und Ordenskreuzen. Da reihte sich Diadem an Diadem in einer Fülle, wie man sie nur bei Hoffestlichkeiten zu sehen pflegt. Da waren die Repräsentanten der Banken und der Großindustrie selbstverständlich auch der Eisenbahngesellschaften allesamt versammelt - wer zählt die Millionen der Finanziers, die wir übersehen haben."

 

Joseph Strauß hatte einen großangelegten Walzer mit dem Titel "Tanz-Prioritäten" vorbereitet und spielte ihn in der Ballnacht unter lebhaftem Beifall auf. Es handelte sich um echte Vorzugsaktien in Tönen, die selbstverständlich großen Anklang gefunden haben. Für Joseph Strauß war es einer der letzten Bälle seines Lebens: er sollte das strahlende Licht im wunderschönen Redoutensaal nicht mehr sehen. Es war ein Abschied im vollen Glanz seiner reifen Meisterschaft als Musikdirektor und als Komponist.


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