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8.223626 - STRAUSS, Josef: Edition - Vol. 24
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Josef Strauß (1827-1870)

Orchesterwerke, Folge 24

[1] Aus der Ferne. Polka Mazur, op. 270

Im Frühjahr 1869 reisten Johann und Josef Strauß, begleitet von Johanns Gattin Jetty, gemeinsam nach Russland, um noch einmal die Sommerkonzerte im Vauxhall von Pawlowsk bei St. Petersburg zu leiten. Ziel des Unternehmens war, Josef auch in den kommenden Sommern das einträgliche Engagement in Pawlowsk zu verschaffen. Aber schon in Warschau wurde der damals schon schwer kranke Pepi von der Sehnsucht nach seiner in Wien zurückgebliebenen Frau Caroline gepackt. Er schrieb ihr sehnsuchtsvolle Briefe und begann mit der Komposition einer schwermütigen Polka Mazur, der er den Titel „Aus der Ferne" gab. „Dolcissimo" steht zu Beginn des Werkes über den Geigenstimmen: die slawische Einfärbung der Melodie verstärkt die melancholische Grundstimmung, und mit einem Male glaubt man, aus dem Zucken der Melodie einen Hauch von Verzweiflung zu spüren. Im Trio festigt der strenge Rhythmus der Mazur die Konturen und das kleine, aber ausdrucksstarke Seelengemälde wird doch wieder zur Tanzweise. Aber mit der Wiederaufnahme des ersten Teiles kehren Schwermut und Sehnsucht zurück. Dieser Gruß aus der Ferne an die geliebte Frau steht in enger Verwandtschaft zur Musik Frédéric Chopins.

Die Polka Mazur „Aus der Ferne" wurde am 2. Juli 1869 im Wiener k.k. Volksgarten durch Eduard Strauß („Aus Russland eingesandt") zum ersten Male aufgeführt. In Pawlowsk spielte Josef Strauß das Werk erst am 25. August / 6. September 1869 dem russischen Publikum auf. Das ist ein Beweis dafür, dass dieses Werk ein Gruß Pepis an die in Wien zurückgebliebene Gattin Caroline gewesen ist.

[2] Liebesgrüße. Walzer, op. 56

Josef Strauß hat seinen anmutigen Walzer „Liebesgrüsse" im Frühjahr 1858 komponiert und das Werk bei einem Fest mit Feuerwerk am 1. Juni im k.k. Volksgarten zum ersten Male dem Publikum präsentiert. Das bestätigt ein Bericht in der „Theaterzeitung" vom 3. Juni 1858 (Nr. 125), in dem es heisst: „Josef Strauß brachte seinen neuen Walzer ‘Liebesgrüsse’ zum ersten Male zur Aufführung. Die Walzerpartie ist wie alle Kompositionen Strauß’ ungemein melodiös und brillant instrumentiert. Sie musste oftmals wiederholt werden."

Am 19. September 1858 zeigte der Verlag Carl Haslinger das Erscheinen der Druckausgabe des Werkes an. Das nahm die „Theaterzeitung" am 23. September 1858 (Nr. 218) zum Anlass für folgende Beurteilung: „Seine [= Josef Strauß’] ‘Liebesgrüße-Walzer’ - im Lanner’schen Stil gehalten - besitzen so viel melodische Elemente, dass sie bereits im Munde des Volkes sind."

Das Werk wurde bis in das Jahr 1859 hinein regelmäßig in den Programmen der Strauß-Kapelle berücksichtigt und verschwand auch später nicht völlig aus dem Repertoire.

[3] Unbekannter Marsch, ohne op.

Im Nachlass des im Sommer 1870 verstorbenen Komponisten Josef Strauß, über dessen Umfang und Inhalt vielerlei Aussagen zu registrieren waren, haben sich nur wenige Handschriften gefunden. Zur größten Überraschung seiner Brüder konnten keine autographen Partituren seiner Meisterwerke entdeckt werden. Auch die später bekannt gewordenen, von Kopisten geschriebenen Stichvorlagen etlicher seiner bis zum Jahre 1863 entstandenen Werke stammten aus dem Besitz des im Jahre 1868 verstorbenen Verlegers Carl Haslinger.

Umso erstaunlicher ist es, dass vor einigen Jahren die Partitur eines Marsches entdeckt wurde, die eindeutig als Handschrift des jungen Josef Strauß zu erkennen war. Das vollständige Werk hatte keinen Titel. Nun ist aus Zeitungsberichten bekannt, dass Josef Strauß in den ersten Jahren seiner Tätigkeit, als er sich lediglich als „Interimskapellmeister" betrachtete, (als „Aushilfsmöbel", wie er selbst formuliert hat), einige Märsche komponiert hat, die nicht im Druck veröffentlicht worden sind, zum Beispiel einen „Wiener Garnison-Marsch", der am 23. Juli 1854 in Ungers Casino in Hernals zum ersten Male gespielt und einige Male wiederholt worden ist.

Aber es ist keinesweg sicher, dass es sich bei dem Autograph um eine der nicht im Druck erschienenen Arbeiten handelt, deren Existenz nur aus Zeitungsberichten bekannt ist. Der erhaltene „Marsch ohne Titel" könnte auch ein Entwurf sein, den der Komponist gar nicht veröffentlichen wollte. Das Werk ist noch keineswegs perfekt. Es wäre in die Gruppe der „Militär-Märsche" einzureihen, die Josef Strauß zu Beginn seiner Laufbahn geschrieben hat, weil der jeweilige Anlass es erforderte. Als Beispiel wären zu nennen der „Avantgarde-Marsch", op. 14, aus dem Jahre 1854 oder der „k. k. Österreichische Armee-Marsch", op. 24, aus dem Jahre 1856.

War der „Marsch ohne Titel", der als „Unbekannter Marsch" registriert worden ist, tatsächlich eine Vorstudie zu den Militär-Märschen des jungen Komponisten, dann bietet er einen willkommenen Beweis dafür, wie rasch und geschickt Josef Strauß, der ja zunächst weder Musikdirektor noch Komponist von Tanzweisen werden wollte, in die ihm von seiner Familie zugewiesene Aufgabe hineingewachsen ist, die sein Schicksal wurde. Josef Strauß ist darin einzigartig, dass er - der Ingenieur und Baumeister - gegen seinen Willen dazu gezwungen worden ist, eine geniale Begabung zu entfalten und die Unsterblichkeit zu erringen.

[4] Glückskinder. Walzer, op. 124

Josef Strauß hat den Walzer „Glückskinder" im Frühjahr 1862 komponiert. Die erste Aufführung wurde für das Benefiz-Konzert der Strauß-Kapelle angekündigt, das am 17. Juni 1862 im Etablissement Weghuber am ehemaligen Burgglacis stattfinden sollte. (An dieser Stelle befindet sich heute das Volkstheater). Aber eine Regenperiode vereitelte das Fest mehrfach und so entschied sich der Komponist, den Walzer für eine andere Veranstaltung aufzuheben, nämlich für die traditionelle Feier zum Namenstag aller Annerln, die dementsprechend als „Annenfest" am 25. Juli im Garten des Kaffeehauses Weghuber abgehalten wurde. Dieses Datum wird durch die Eintragung in Josefs Notizbuch und durch die Aufzeichnungen des Hornisten Franz Sabay bestätigt.

Vielleicht hat Josef Strauß damals bereits gewusst, dass er in einigen Tagen nach Russland werde abreisen müssen, um seinen Bruder Johann bei der Leitung der Sommerkonzerte in Pawlowsk bei St. Petersburg abzulösen. Als Glückskind fühlte er sich deshalb jedoch nicht. Er trat die Reise nur an, weil seine Mutter es von ihm verlangte. Als der Walzer „Glückskinder" am 17. September 1862 im Druck erschien, war für ihn die schmerzliche Zeit der Trennung von seiner geliebten Frau Caroline fast schon vorüber.

[5] Sternschnuppen. Walzer, op. 96

Für den Hernalser Kirchtag des Jahres 1860, der mit einem Festkonzert und einem Ball am 27. August in Franz Ungers Casino gefeiert wurde, schrieb Josef Strauß eine Walzerpartie mit dem Titel „Sternschnuppen". Das Werk kann insofern Anspruch auf Aktualität erheben, als im Sommer 1860 besonders viele Meteoriten über Wien aufleuchteten. Werk und Aufführung wurden am 24. August 1860 im „Fremden-Blatt" angekündigt. Obwohl bisher kein Bericht über dieses Fest in den Zeitungen gefunden werden konnte, gibt es keine Zweifel, dass diese musikalischen „Sternschnuppen" an diesem Abend in Hernals zu bewundern waren. Die Uraufführung des Walzers ist sowohl in Josefs Aufzeichnungen als auch in Franz Sabays Verzeichnis registriert worden. Beim Novitätenkonzert, das Josef Strauß am 31. August 1860 im k.k. Volksgarten abhielt, wurde der Walzer wiederholt, ebenso beim Schlusskonzert in Ungers Casino am 7. Oktober, bei dem - als Gegenstück zur Karnevalsrevue - eine Revue aller Sommerkompositionen von Josef Strauß auf dem Programm stand. Der Walzer „Sternschnuppen" scheint überhaupt Erfolg gehabt zu haben, denn anlässlich des Erscheinens der Druckausgabe im Verlag Carl Haslinger schrieb das Theaterblatt „Zwischen-Akt" am 3. Februar 1861: „Josef Strauß’ beliebte Walzer ‘Sternschnuppen’ sind soeben in eleganter Ausstattung veröffentlicht worden. Für den Schluss des Karnevals dürften diese melodienfrischen Tonblüten noch sehr willkommen sein."

[6] Fortunio-Magellone-Daphnis-Quadrille. op. 103

In einem undatierten Brief, der aus dem Frühjahr 1861 stammen muss, schrieb Josef Strauß seinem Verleger:

„Werthester Herr von Haslinger!

Das Unglaubliche ist geschehen. Die Veranlassung hiezu ist, dass von verschiedenen Seiten des Publikums Anfragen an mich gestellt werden, ob ich nichts aus ‘Fortunio’ (Operette) spiele? Heute nun sah ich nach: ich habe sie noch nicht gehört und wollte eine Quadrille daraus schreiben, doch sie hat zu wenig passende Melodien. Da nahm ich ‘Daphnis und Chloe’, die ‘Magellone’ her und um 4 Uhr begann ich meine Quadrille zu schreiben und siehe - ich war um halb acht Uhr damit fix und fertig mit Allem und Jedem. Da Sie aber vermutlich jetzt wenig Zeit und auch vielleicht nicht gelaunt wären, ein langweiliges Arrangement durchzumachen, so setzte ich mich nochmals hin und war mit dem Arrangement um acht Uhr präcise fertig. So schnell die Offizin C. Haslinger druckt, so schnell schreibt der Telegraf Josef Strauß. Wollen Sie gleich in Angriff nehmen, damit Sie, wenn ich Sonntag sie spiele, gleich mit in die Öffentlichkeit treten, so werden Sie sehr erfreuen Ihren ergebensten

Josef Strauß.

PS. Die Taufe der Schnellgeburt überlasse ich mit Freude Ihnen. Vielleicht bloss die drei Namen: Fortunio-Magellone-Pan. (Gäbe ein hübsches Titelblatt). Quadrille nach beliebten Motiven aus obigen Operetten."

Der Verleger Carl Haslinger hat sich genau an die Vorschläge des Komponisten gehalten. Sogar die Anregung für das Titelblatt (Pan belauscht das Liebespaar Daphnis und Chloe) wurde übernommen. Offenbachs Operetten wurden damals in Karl Treumanns „Quai-Theater" gespielt: „Meister Fortunio" ab 25. April 1861, „Die schöne Magellone" ab 6. April, „Daphnis und Chloe" ab 2. März 1861. Josef Strauß hat seine Quadrille am 15. Mai 1861 im „Grossen Zeisig" am Burgglacis zum ersten Male aufgeführt, kurz darauf ist die Klavierausgabe im Verlag Haslinger erschienen.

[7] Transactionen. Walzer, op. 184

Der Titel dieses Walzers erweckt zwar zunächst Gedanken an Börsengeschäfte, Aktien, Kapital, Zinsen, denn lt. Wörterbuch sind Transaktionen großangelegte Finanzgeschäfte. Der Zeichner des Titelblattes der Erstausgabe des kostbaren Werkes vermutete in dem Unternehmer den Liebesgott Amor, der die rechte Hand eines Mannes in die linke einer Frau legt. Demnach wären diese Transaktionen die leidenschaftliche Vereinigung zweier Liebender oder vielleicht ihre Versöhnung.

Aber es gibt wohl noch eine andere Deutung des über diesen empfindungsreichen Walzermelodien stehenden Titels. Im Fasching 1865 war der 38-jährige Josef Strauß mitten in der Ballsaison zu Hause durch einen Anfall seines schweren und - wie sich zeigen sollte - unheilbaren Kopfleidens zusammengebrochen und musste eine Zeitlang den Ballsälen fernbleiben. Der schwer kranke Musikdirektor und Komponist wusste wohl die Zeichen zu deuten, aber er resignierte nicht, sondern erschien unerwartet rasch wieder an der Spitze der Kapelle. Josef Strauß hatte den Karneval 1865 mit einer Walzerpartie begonnen, die „den Hörern der Rechte an der Wiener Hochschule" gewidmet war und den Titel „Actionen", op. 174, erhalten hatte. Bei der ersten Aufführung dieses Werkes war aufmerksamen Musikfreunden die seltsam verhaltene, depressive Einleitung aufgefallen, die jedoch nur einige Takte umfasste. Die triste Vision ging also rasch vorüber.

Im Sommer 1865 musste Josef Strauß einen Urlaub antreten. Das war erst möglich, als Eduard Strauß aus Russland, wo er seinen Bruder Johann vertreten hatte, wieder nach Wien zurückgekehrt war. So lange musste der erschöpfte Josef an der Spitze der Kapelle aushalten und alle Veranstaltungen in den Etablissements der Donaumetropole leiten. Erst dann konnte er Geige und Taktstock aus der Hand legen. Doch bevor er zu einer Fahrt hinaus in die herrliche Landschaft seiner Heimat aufbrach, präsentierte Josef Strauß bei seinem Benefiz-Konzert am 2. August 1865 im k. k. Volksgarten ein Werk, in dem wohl sein mahnendes Erlebnis aus dem Karneval nachwirkte. Es war ein Walzer, noch tanzbar und doch an der Grenze zur sinfonischen Musik, von makelloser Schönheit und doch durchweht von der Ahnung einer anderen, noch harmonischeren Sphäre - jenseits aller irdischen Geschäfte. Josef Strauß nannte daher das Werk - „Transactionen".

[8] Blitz-Polka. op. 106

Für die Veranstaltung eines Lust-Feuerwerks in Wien war seit den Zeiten der Kaiserin Maria Theresia (1717 - 1780) die aus Bayern eingewanderte Familie Stuwer zuständig. Da bei jeder ihrer Darbietungen ein Massenbesuch zu erwarten war, überließ Maria Theresias Sohn, Kaiser Joseph II. (1741 - 1790), der Familie Stuwer ein Gelände im Wiener Prater, das von der Bevölkerung „Feuerwerkswiese" genannt wurde. (Heute spricht man von der „Jesuitenwiese"). Ab dem Jahre 1819 übte Anton Stuwer das Amt des Lust-Feuerwerkers aus, ab dem Jahre 1858 folgte ihm sein geichnamiger Sohn. Die beiden entfalteten pyrotechnische Festspiele von vordem nie gekannter Reichhaltigkeit und Farbenpracht. Allerdings hatte gerade Anton Stuwer, der jüngere, mit seinen Darbietungen häufig Pech: Kaum ließ er ein Fest im Prater ankündigen und das Publikum durch Trommler einladen, setzte Regen ein. Es kam so weit, dass man in Wien spottete: „Der Stuwer kündigt den Regen an!"

Im Mai 1861 lud Anton Stuwer die Bevölkerung Wiens zu einem „noch nie dagewesenen Feuerspektakel" in den Prater ein. Diesmal hatte der einfallsreiche Lust-Feuerwerker Glück und die Zeitungen konnten am 14. Mai 1861 berichten: „Das vorgestrige Feuerwerk fand bei herrlichem Wetter statt und hatte einen Massenbesuch aufzuweisen."

Auch Josef Strauß hatte den Zustrom der Massen vorhergesehen und konzertierte am 12. Mai 1861 ausnahmsweise im Zweiten Kaffeehaus im Prater. Wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht, konnte er bei dieser Gelegenheit seine neue „Blitz-Polka" zum ersten Male vortragen. Der Zeichner des Titelblattes der Klavierausgabe ließ zwar einen Blitz aus einer Gewitterwolke niederfahren, aber Josef Strauß dürfte - im Gegensatz zu seinem Bruder Johann, der in seiner Schnellpolka „Unter Donner und Blitz", op. 324, tatsächlich eine Gewitterstimmung hervorzurufen verstand - eher die Blitze des Lust-Feuerwerkers Anton Stuwer im Sinn gehabt haben, als er seine amüsante „Blitz-Polka"„ komponierte. Dass die Novität damals kaum beachtet worden ist, überrascht nicht. Alles stand ja im Bann der Stuwerschen Kunst. Aber auch später fand die „Blitz-Polka" nicht die gebührende Anerkennung.

[9] Die Ersten und Letzten. Walzer, op. 1

Im Dezember 1852 ist Johann Strauß, unmittelbar nach seiner Rückkehr von einer anstrengenden Kunstreise nach Deutschland, zusammengebrochen. Nach Meinung der Ärzte war seine Erschöpfung lebensgefährlich. Mutter Anna Strauß bestimmte daraufhin den jüngeren Bruder Johanns, den 25-jährigen Josef Strauß, seine Laufbahn als Baumeister abzubrechen und zur Entlastung des Kranken ins „Walzergeschäft" der Familie einzutreten. Josef war über diese Entscheidung nicht glücklich, aber er fügte sich dem Wunsch der Mutter. Bevor er als Aushilfsdirigent („Interimskapellmeister") am 23. Juli 1853 zum ersten Male an die Spitze der Strauß-Kapelle trat, schrieb er seiner Verlobten Caroline:

„Das Unvermeidliche ist geschehen, ich spiele zum ersten Male beym „Sperl". Ich bedaure vom ganzen Herzen, dass dies so plötzlich geschehen...."

Zwei Tage später reiste Johann Strauß nach Bad Gastein und dann weiter nach Bad Neuhaus in der Untersteiermark (heute: Slowenien).

Zu den Pflichten der Strauß-Kapelle gehörte alljährlich die Übernahme der Ballmusik in Ungers Casino anlässlich des Hernalser Kirchtages. Aber der Termin dieses Festes - der 29. August 1853 - rückte heran und Johann Strauß hatte es unterlassen, die aus diesem Anlass erwartete neue Walzerpartie zu komponieren und nach Wien zu senden. Daher musste Josef auch als Komponist für den Bruder einspringen. Er hatte Johann im Hirschenhaus oft genug beim Komponieren und Instrumentieren zugesehen, sodass er nicht in Verlegenheit kam. Um den Ballgeber und das - wie zu erwarten war - sehr zahlreiche Publikum nicht zu enttäuschen, schrieb Josef die traditonelle Ballwidmung, einen Walzer im Ländlerstil. Aber er gab dem Werk den Titel: „Die Ersten und Letzten" [ergänze: Walzer]. Das hieß: einmal und nicht wieder! Josef Strauß wollte seine Komposition auch nur einmal, eben beim Hernalser Kirchtag am 29. August 1853, aufführen. Aber das Werk wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen und musste sogleich wiederholt werden. In den nächsten Tagen erschienen aufmunternde Berichte. So war im „Wanderer" vom 30. August 1853 (Abendblatt) zu lesen:

„Josef Strauß ist ein entschiedenes musikalisches Talent, um welches schade wäre, wenn es so bald wieder sich von dem öffentlichen Wirken zurückzöge. Seine Walzer strotzen von Frische und Schwung, von jener Elektrizität, welches Alleineigenthum der Strauß’schen Familie zu sein scheint.- Der stürmische Beifall und die unermüdlichen Wiederholungen werden Herrn Josef Strauß wohl bald zu einer neuen Komposition ermuntern."

Ähnliches konnte Josef Strauß auch in anderen Zeitungen lesen. Er liess sich umstimmen und setzte bald darauf seine Laufbahn als Komponist wienerischer Musik fort, die ihn - zunächst wider Willen! - in die Unsterblichkeit führte.

[10] Cyclopen-Polka. op. 84

Im Fasching 1860 ließ sich Josef Strauß nach Jacques Offenbach, der bereits zwei Jahre vorher den legendären Sänger Orpheus über den mystischen Grenzfluss Styx begleitet hatte, von der Unterwelt inspirieren. Den gelernten Ingenieur Strauß faszinierten die Cyclopen, die drei Söhne des Uranos in der griechischen Sage, die es übernommen hatten, für den Göttervater Zeus Donnerkeile zu schmieden. Das Titelblatt der Klavierausgabe der Polka lässt erkennen, welche Szenerie dem Komponisten vorschwebte. In der Tiefe eines rauchenden Vulkans schmieden die drei Cyclopen - Brontes, Steropes und Argens - wie es der Schriftsteller Hesiod geschildert hat - glühende Pfeile. Ein Lastenträger schleppt neues Material herbei.

Für Pepi Strauß scheint es allerdings keine Schwerarbeit gewesen zu sein, seine effektvolle „Cyclopen-Polka" zu schmieden. Nach vier Takten Einleitung folgen zweimal acht Takte mit dem ersten Polkamotiv, daran reihen sich - außer der Norm - dreizehn Takte mit dem zweiten Motiv, und mit der Reprise des ersten Motivs ist der erste Teil auch schon zu Ende. Zweimal acht Takte, die jeweils wiederholt werden, bilden das Trio, und schließlich heißt es einfach: „Polka da capo". Der übliche Schlussteil bleibt ausgespart.

Die Uraufführung der „Cyclopen-Polka" wurde für den Benefiz-Ball der Brüder Johann und Josef Strauß am 20. Februar 1860 im Etablissement „Sperl" in der Leopoldstadt angekündigt. Johann Strauß hat für diesen Abend die Walzerpartie „Immer heiterer", op. 235 komponiert. Im Ballbericht der „Theaterzeitung" wurde nur der Widmungswalzer des flotten Jean erwähnt. Aber am 29. Februar 1860 fand das erste Konzert im Etablissement „Zum großen Zeisig" am Burgglacis statt. Diesmal schrieb die „Theaterzeitung" am 1. März 1860: „Gestern fand in den Lokalitäten des ‘Großen Zeisig’ das erste Konzert der Brüder Strauß statt. Sie brachten alle Novitäten vor, welche die tanzlustige Jugend im Karneval entzückt hatten. Einen förmlichen Beifallssturm riefen die im Ländlerstil gehaltene Walzerpartie ‘Immer heiterer’ von Johann und die ‘Cyclopen-Polka’ von Josef Strauß hervor."

[11] Amanda. Polka Mazur, op. 72

Die Polka Mazur „Amanda" muss im Frühsommer des Jahres 1859 entstanden sein. Ihre Erstaufführung kann bei einem der zahlreichen Konzerte stattgefunden haben, die Josef Strauß damals trotz der Ungunst der Zeit zwischen Hietzing, Hernals und dem Prater geben konnte. Die Lage war für die Wiener Musikdirektoren damals so schwierig, weil die Bevölkerung die Berichte über die verlustreichen Niederlagen der österreichischen Truppen in Oberitalien zu verkraften hatte und daher wenig Interesse für Theateraufführungen und Konzerte aufbrachte. In Josefs Aufzeichnungen wird das kleine Werk überhaupt nicht erwähnt. Erst bei der Ankündigung des Hernalser Kirchtages, der am 29. August 1859 in Ungers Casino gefeiert worden ist, hieß es, Josef Strauß werde „nebst seinen neuesten Kompositionen" - unter denen sich auch die Polka Mazur „Amanda" befand - „die eigens für den Kirchtagsball geschriebene Walzerpartie im Ländlerstil ‘Waldbleamln’ (op. 79) vortragen". Dieser Hinweis berechtigt zu der Annahme, die „Amanda"-Polka Mazur stamme aus dem Frühsommer 1859.

Der Name Amanda war den Theaterfreunden Wiens aus den populären Werken Johann Nestroys bekannt. In seinem Original-Zauberspiel „Der konfuse Zauberer oder Treue und Flatterhaftigkeit" (aus dem Jahre 1832) betritt Amanda als Nichte der Treue die Bühne. Zu den beliebten und gebräuchlichen Frauennamen der Epoche gehörte Amanda [= die Liebende] allerdings nicht.

Franz Mailer


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