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8.223673 - LAJTHA: Symphonies Nos. 8 and 9
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László Lajtha (1892-1963) Orchesterwerke, Folge 7

Achte Sinfonie für Orchester op. 66

Neunte Sinfonie für Orchester op. 67

„Eine der schönsten musikalischen Schöpfungen, die uns seit vielen Jahren aus dern Osten erreicht hat!" So urteilte der Musikkritiker Claude Rostand über Lajthas Achte Sinfonie nach der Urauffiührung am 16. Mai 1961 in Paris. (Die Aufführung hatte mit dern Orchestre National unter der Leitung von Manuel Rosenthal im Théâtre des Champs-Elysées stattgefunden.) Auch Maurice Fleurer hörte dieses Konzert und schrieb am nächsten Tag einen Brief an den ungarischen Komponisten: „Lieber Maestro! Ich kann gar nicht in Worte fassen, was für ein ergreifendes Gefühl letzten Abend die Kehlen der Zuhörer zugeschnürt hat. Warum nur konnten Sie nicht unter uns sein, um persönlich die Begeisterung entgegen zu nehmen, die alle nationalen Grenzen überwunden hätte? Ihre Achte Sinfonie hat uns sehr betroffen gemacht. Ich weiß gar nicht, was mir am meisten an ihr gefiel: die fesselnde freie Inspiration ader die Techniken, die Sie angewandt haben, von denen die meisterhafte und ausdrucksstarke Instrumentation besonders bedeutsam ist."

Im Besitz Lajthas fand sich ein sehr interessanter Brief, den seine Frau kurz vor der Urauffiihmng an den Pariser Verleger Claude Leduc geschrieben hatte. Lajtha war wieder einmal auf einer Studienreise, um Volkslieder zu sammeln, und in seiner Abwesenheit teilte seine Frau dern Verleger mit, wie ihr Mann seine Sinfonie interpretierte. Unter anderem hebt der Brief hervor, dass die Komposition im Gegensatz zu den meisten Sinfonien, die mit einem positiven, hymnischen Finale enden, vom Licht zur Dunkelheit fortschreitet. „Es gibt kein Happy End. Sondern das genaue Gegenteil. Kaum spürt man das Licht der Freude, schon tauchen wir in die gnadenlose Tragödie der Unmenschlichkeit ein." Das ist eine treffende Zusammenfassung von Lajthas viersätziger Sinfonie.

Die Sinfonie entstand 1959, ganze drei Jahre nachdem die sowjetischen Truppen 1956 den ungarischen Volksaufstand niedergeschlagen hatten. Das erklärt die besonders tragische, klage-ähnliche Stimmung des Werkes. In diesem Sinne ist die Sinfonie die natürliche Fortsetzung der Siebten Sinfonie, der „Herbst-Sinfonie", die ebenfalls auf die Revolution Bezug nimmt. Zwischen 1948 und 1962 konnte Lajtha nicht ins Ausland reisen (mit einer einzigen Ausnahme), denn sein Pass war von den kommunistischen Behörden konfisziert worden. Die eigentliche Urauffbhrung der Achten Sinfonie hatte schon am 21. Mai des vorhergehenden Jahres in einem Konzert des Ungarischen Staatsorchesters unter der Leitung von Lajthas Schüler János Ferencsik stattgefunden.

Die hellen Pastellfarben des ersten Satzes, Alègre et léger, und die zwischen piano und pianissimo angesiedelte Dynamik nehmen den Zuhörer vom ersten Takt an gefangen. Der ungewöhnliche Rhythmus (15/8) und der asymmetrische Puls verstärken noch den Eindruck der Unwirklichkeit. Es scheint, als würde man über eine imaginäre Märchenwelt hinwegschweben. Und es ist kein Zufall, dass Maurice Fleuret den besonderen Reiz der Instrumentation hervorgehoben hat: Harfe, Celesta und Xylophon übernehmen in den magischen Klangkombinaiionen ebenso wichtige Aufgaben wie die geteilten Streicher ader die vielen geheimnisvollen Streicher-Tremolos. Die tanz-ähnliche Melodie, das Hauptthema des Satzes, erklingt zunächst in den Holzbläsern (zunächst als Fagott-Solo). Zur Bereicherung der Klangmöglichkeiten wurde die traditionelle Holzb1äser-Gruppe um Piccolo, Alt-Saxophon, Englischhorn und Kontrafagott erweitert. Darüber hinaus ergibt sich der intensive Klangeindruck durch den Einsatz des Solo-Cellos und die führende Rolle der ersten Violine ganz am Ende des Satzes. Der fast unausgesetzte, huschende Klangcharakter erinnert an Mendelssohns Feenmusik, - vor allem im letzten Takt, in dem die Musik in den ätherischen hohen Registern verklingt.

Der zweite Satz beginnt schwer und düster, Lent et triste, und beschreibt, laut des erwähnten Briefs, „eine Wolke, die sich tiber alles legt." Obwohl der Grundton entspannt und zart ist, sind in der Ferne bedrohliche Klänge zu hören, die unzweifelhaft darauf hindeuten, dass etwas unvermeidlieh Schreckliches naht. Der virtuose Einsatz der Streicher-Tremolos und die Schwebungen gespaltener Phrasen erzeugen innere Angst und Vorahnung. Auch die elegische Melodie in der Violine, die am Ende des Satzes erklingt, kann die tiefe Trauer des polyphon behandelten Materials nicht aufhellen.

Im Gegensatz zu den ersten beiden Sätzen enthält der dritte Satz, Très agité et toujours angoissé, erschütternde Forte-Schläge und kraftvolle Schlagwerk-und Blechbläser-Effekte. Dennoch sind die ruhigen Zwischenspiele düstcr und verraten völlige Trostlosigkeit. Im Zusammenhang mit diesem Satz spricht Lajthas Frau von „Sorge und Terror", „ungezügeltem Sturm" und „herzzerreißenden Schreien". Die Musik ist zeitweise grotesk und alptraumhaft. Das Läuten von Glocken am Ende des Satzes bedeutet das Ende: Nach diesem unwirklichen Alptraum, dieser verzweifelten Flucht gibt es keine Rückkehr, keinen Trost.

Würde die Sinfonie hier enden (was gar qicht so ungewöhnlich wäre, da die meisten der Sinfonien Lajthas dreisätzig sind), hätte sie uns eine erschütternde Erfahrung vermittelt. Lajtha fügt jedoch einen vierten Satz, Violent et tourmenté, hinzu. „Es ist eine Tragödie ohne Er1ösung oder Trost", schrieb Lajthas Frau, und in ihrem Brief vergleicht sie die Atmosphäre des vierten Satzes mit Dantes Hölle. So gelangen wir vom Himmel des ersten Satzes schlicßlich in die Hölle, vom ätherischen Pianissimo des Anfangs zum schweren, schmerzhaften Fortissimo, Nach der klagenden Tutti-Einleitung stimmen die Holzbläser eine MeIodie an, die an die berühmte Rákóczi-Melodie erinnert, die in enger Verbindung steht mit dern Kampf gegen die Habsburger (1703 - 1711) unter Ferenc Rákóezi. Die Melodie hat eine Vielzahl von Texten begleitet, die sich genau so gut auf Ungarns Schicksal im Jahr 1956 übertragen ließen wie auf die Rákóczi-Zeit. Zwei Episoden sind in diesen Ausbruch des Schmerzes eingezwängt. In der ersten spiclt die Solo-Klarinette eine schöne Melodie über einer äußerst differenzierten Begleitung, die wie eine schwächere Erinnerung aus einer reineren Welt herüberweht. Die zweite Episode, deren hervorstechendes Merkmal die Solo-Violine ist, est weitaus schmerzvoller als die erste. Das Finale weitet sich zu einem veritablen Totentanz aus.

„Die Siebte und die Achte Sinfonie, die auf Ungarns historische Sehwicrigkeiten Bezug nehmen, waren in Paris sehr erfolgreich. Aber in Wahrheit war es die Neunte Sinfonie, die am 2. Mai 1963, zweieinhalb Monate nach Lajthas Tod, im Théâtre des Champs-Elysées uraufgeführt wilde, die uns davon überzeugte; dass László Lajtha wahrlich einer der größten sinfonischen Komponisten des 20. Jahrhunderts war," schrieb Maurice Fleuret. Die Premiere erfolgte durch das Französische Radio Sinfonie-Orchester unter Louis Soltesz und war ein unmittelbarer Erfolg. Ihre ungarische UrauffUhrung erlebte Lajthas letzte Sinfonie am 6. April 1964 durch das Philharmonische Orchester unter der Leitung van János Ferencsik. (Eine weitere Premiere gab es am 28. Mai 1978, als eine einaktige Ballettfassung der Sinfonie nach einer Choreographic von Imre Eck im Erkel-Theater aufgeführt wurde.)

Es wurde oft betont, die Neunte Sinfonie sei „unter dern Schatten des Todes" entstanden. Das entspricht jedoch kaum den Tatsachen. Im Alter van 71 Jahren erlitt Lajtha einen unerwarteten Herzanfall, der sofort zum Tode führte. Br hatte noch viele Plane und hatte seinen Pass zurück erhalten. 1962 bereiste et Europa und wurde als Volksmusikforscher, Komponis und Dirigent gefeiert. Er starb völlig überraschend mit ungebrochener Schüpferkraft.

Die Neunte Sinfonie, komponiert 1961, beginnt mit einer unmissverständlichen ernsten Grundstimmung und einem Widerhall dessen, was er als Ungarns tragisches Schicksal im 20. Jahrhundert ansah. Dennoch ist sic van einem ungebrochenen Lebenswillen und einer Form religiöser Erhabenheit geprägt.

Die Satzfolge ist für Lajtha typisch: schnell - langsam - schnell. Der erste Satz hat als Einführung nur cine Metronomangabe (MM 92) und beginnt mit einer herzzerreißenden, klagende Melodie im ganzen Orchester. Es folgt ein verhaltener Abschnitt, der seinen experimentellen Charakter dern Einsatz der Schlagwerkgruppe verdankt. Zuerst im Orchester, dann im Alt-Saxophon und schließlich in der Bassklarinette erklingt eine tastende Melodie, die Einsamkeit und Verlassenheit ausstrahlt. Nach einem volksliedhaft-improvisatorischen Bratschen-Solo sütrmt erneut das Thema der Klage, das am Anfang des Satzes zu hören war, mit neuer elementarer Gewalt hervor. Während all dern erklingt drei Mal eine rhythmische Figur, die Krieg anzudeuten scheint. Darauf folgt eine große polyphone Steigerung, die den Weg für eine fromme Melodie ebnet, die an einen Gregorianischen Choral erinnert. Diese reine, wundervolle Melodie bricht plötzlich ab; der Satz endet mit Material, das in seiner Wirkung perkussiv ist. Man hört den suggestiven Rhythmus auf sein nacktes Gerüst reduziert.

Die Handlung des zweiten Satzes, Lento, scheint in zwei Welten gleichzeitig stattzufinden. Die erste Welt hat alle Merkmale von der Reinheit und Schönheit einer zukünftigen Welt, die außerhalb van Raum und Zeit existiert, und Lajtha bemüht seine bekannten Instrumentierungstechniken - Harfe, Celesta und Xylophon - um diese einzigartige Traumwelt xu erzeugen. Die Melodic erklingt erst in den Holzbläsern, kontrapunktiert von den Streichern. Dann entfaltet eine längere Melodie ihren Glanz mit der Solo-Flöte, begleitet van einem rätselhaften Glissando in den Streichern. Danach bricht plötzlich ein Thema mit einem völlig anderen Charakter in diese idyllische Welt ein. Die Melodic ist hart und grausam und erzeugt ein Gefühl der Angst und des Schreckens. Das ist die irdische Welt, die schreckliche Realität von Krieg und Tyrannei. Der Wechsel dieser beiden gegensätzlichen Themen beherrscht den weiteren Verlauf des Satzes.

Ganz wie der erste Satz beginnt der dritte Satz, Vite, mit dern Schlagwerk. Yon Anfang an hämmert die Trommel „Sixteen to the Beat" und verleiht dem Material in den Streichern den Charakter eines schnellen perpetuum mobile. Dieser Rhythmus lässt nicht nach und bestimmt den rhythmischen Charakter des ganzen Satzes. Zu Anfang wird ein Fragment des Themas ständig wiederholt, zuerst in der Flöte, dann aber in immer größeren Instrumentengruppen. Auf dem Höhepunkt des Satzes stimmen die Streicher einen Erntedank-Hymnus an. Es scheint, als wolle der Komponist die ganze Welt umarmen und dem Schöpfer fear alle Dinge danken, das Leid und die Freude gleichermaßen. (Es fällt schwer, hier nicht an Beethovens 9. Sinfonie zu denken). Das Finale nimmt Bezug auf den dramatischeren und dunkleren ersten Satz und unterstreicht damit nicht nur den Zusammenhang innerhalb der Sinfonie, sondern hebt darüber hinaus ihre positive Botschaft hervor, László Lajthas Neunte Sinfonie endet mit einer ekstatischen Stretta.

Emöke Solymosi Tari

Übersetzung: Peter Noelke


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