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8.225172 - ZIEHRER: Selected Dances and Marches, Vol. 3
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Ohne Zweifel war Carl Michael Ziehrer der größte Rivale der berühmten Strauß-Brüder. Seine lange Musikerlaufbahn ähnelt der von Johann Strauß-Sohn – mit der wichtigen Ausnahme, daß Ziehrer dreimal den Posten eines Militärkapellmeisters bekleidete, was seiner Musik nicht selten einen etwas großspurig auftrumpfenden Charakter verleiht. Diese Militärmusikelemente wußte er jedoch mit Einflüssen aus der lokalen Volksmusik zu einer erfrischend neuen Stilmischung zu verschmelzen. Ziehrer debütierte 1863 mit einem neu gegründeten Tanzorchester im Wiener Dianasaal, lanciert vom Verleger Carl Haslinger, der sich auf diese Weise für finanzielle Zwistigkeiten mit den Strauß-Brüdern revanchieren wollte. Haslingers Schützenhilfe war jedoch nicht vollkommen uneiegennnützig, denn Ziehrers Vater, ein wohlhabender Hutmacher hatte die musikalische Ausbildung seines Sohnes am Wiener Konservatorium finanziert; Haslinger hatte sich als Gegenleistung vertraglich bereit erklärt, Ziehrers Kompositionen herauszugeben.

Trotz seines anfänglichen Erfolgs erwies sich die Konkurrenz der Strauß-Brüder zunächst als übermächtig, und Ziehrer sah sich nicht selten gezwungen, in Vororten zu spielen, um ein Auskommen zu finden. Doch seine zahlreichen Auftritte und die ihm eigene unermüdliche Zielstrebigkeit weckten bald die Aufmerksamkeit der Presse. In einem Artikel verglich man seinen Stil mit Lanner, dem einstigen Hauptrivalen von Johann Strauß-Vater. Wohl aus finanziellen Gründen verpflichtete er sich 1870 für drei Jahre als Militärkapellmeister. Nach der Rückkehr ins Zivilleben stellte er in kürzester Zeit ein Orchester zusammen, mit dem er bei der Wiener Weltausstellung von 1873 reüssierte. Außerdem gründete er die Deutsche Musik-Zeitung, die sich zu einer der verläßlichsten Informationsquellen über das Musikleben des späten 19 Jahrhunderts entwickeln sollte.

Ziehrer wechselte von Haslinger zum Herausgeber Doblinger und schloß mit der Armee einen erneuten Vertrag ab, aus dem er jedoch 1877 wieder ausschied. Bald danach übernahm er in Wien zahlreiche Musiker aus dem Orchester von Eduard Strauß – Mitglieder, die sich geweigert hatten, mit dem Orchester auf eine ausgedehnte Übersee-Tournee zu gehen. Das neue Ensemble erhielt den Namen Das frühere Eduard-Strauß-Orchester. Die Folge war, daß die Polizei eines seiner Freilichtkonzerte stürmte, was Ziehrer einen unerfreulichen Prozeß und eine schlechte Presse eintrug. Mit einem rekonstituierten Orchester begab er sich während der folgenden zwei Jahre auf eine selbstgewählte Exil-Tournee nach Deutschland und durch Osteuropa. In Berlin begegnete er 1881 seiner späteren Gattin Marianne Edelmann, einer beliebten Operettensängerin.

Doch erst als er sich 1875 zum dritten Male beim Militär verpflichtete, und zwar als Kapellmeister des Hoch- und Deutschmeister-Regiments, gelang es ihm, seinen guten Ruf in Wien völlig wiederherzustellen. In wenigen Tagen hob er das Niveau der Militärmusik auf einen bis dahin nicht erreichten Standard und zog eine immense Zuhörerschaft an. Für Zivilkonzerte stiegen viele Musiker von Schlagzeug und Blasinstrumenten auf Streichinstrumente um, was damals durchaus üblich war. Endlich hatte Ziehrer seine wahre Identität gefunden. In den nächsten zehn Jahren entstanden seine besten Tanzkompositionen.. Er spielte bei zahllosen Bällen und gesellschaftlichen Anlässen, nicht zuletzt bei einer Reihe von Wohltätigkeitsveranstaltungen, und wurde allgemein als ein Mann des Volkes verehrt.

Den Gipfel seiner Militärlaufbahn erreichte er mit der ehrenvollen Einladung, sein Land Österreich bei der Chicagoer Weltausstellung 1893 zu vertreten, wo er Abend für Abend spielte. Bei der gleichen Gelegenheit traten auch John Philip Sousa und seine Kapelle auf, was später zu vermutlich erfundenen Geschichten über einen angeblichen Wettstreit führte. Ziehrer setzte seine Tournee durch die Vereinigten Staaten fort, überzog seinen Urlaub und wurde bei der Rückkehr mitsamt seinem Orchester entlassen. Er nahm ein Angebot aus Berlin an und gastierte mit seinem Orchester, das sich jetzt Chicagoer Konzert-Kapelle nannte, auf einer neuerlichen Tournee, bei der man das Publikum in nicht weniger als 41 deutschen Städten mit präzisem und schwungvollem Spiel beeindruckte. Danach kehrte Ziehrer nach Wien zurück, wo er nach wie vor populär war, und stellte dort ein neues Orchester zusammen, mit dem er tagtäglich Engagements in der ganzen Stadt wahrnahm. Nach einem mißglückten Versuch, in London aufzutreten, zog er sich in die österreichischen Alpen zurück, um sich von chronischer Überarbeitung zu erholen. Hier beschloß er, sich nach früheren halbherzigen Versuchen nun ernsthaft der Operette zuzuwenden. Von diesen früheren Kompositionen sind lediglich Stücke aus König Jerôme erhalten, da die Partitur bei dem tragischen Brand im Ringtheater zerstört wurde. Der erste große Durchbruch erfolgte 1899 (dem Todesjahr von Johann Strauß-Sohn und Carl Millöcker) mit der Operette Die Landstreicher, die mit über 1500 Wiederholungen einen Aufführungsrekord aufstellte. Es folgten Der Fremdenführer, Die drei Wünsche, Der Schätzmeister und Fesche Geister. Von diesen werden heute nur noch Die Landsteicher und Der Fremdenführer gelegentlich gegeben, obgleich Ziehrers Operetten schon damals den Weg in die meisten europäischen Städte, einige sogar bis zum Broadway fanden. Sein bodenständiger Stil und die typisch wienerischen Texte ließen sich schwerer vermarkten als die Werke einiger seiner Zeitgenossen. Wie Johann Strauß-Sohn veröffentlichte er Bearbeitungen von Tänzen und Liedern aus seinen Operetten, von denen viele weithin bekannt wurden und die Bühnenwerke selbst überlebten.

Während der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges bewahrten Ziehrers Operetten die Form des sogenannten Goldenen Zeitalters, die bald von romantischeren Stil des Silbernen verdrängt werden sollte, das sein Freund Franz Lehár einleitete. 1909 ernannte Kaiser Franz Joseph Ziehrer in Anerkennung seiner Beliebtheit und seiner Verdienste um die Förderung des Musiklebens zum kaiserlichen Hofballdirektor. Vor Kriegsausbruch komponierte er weitere Bühnenwerke, darunter Ein tolles Mädel, Der Liebeswalzer, Ball bei Hof, Der Husarengeneral und Das dumme Herz - letzteres mit Alexander Girardi in der Titelrolle. Er gab sein eigenes Orchester auf und begann eine Karriere als Gastdirigent; zusammen mit Franz Lehár, Leo Fall und Oscar Straus gründete er ein ständiges Orchester für leichte Musik mit stets gleichbleibend hohem Niveau, aus dem später die Wiener Symphoniker hervorgingen. Doch der Krieg, mit dem das Kaiserreich zerbrach, bereitete Ziehrers seiner Karriere ein jähes Ende: 1914 dirigierte er den letzten Hofball; nach 1915 komponierte er nur noch sporadisch, und so starb der letzte der Walzerkönige 1922 bettelarm. Doch durch sein Werk lebte er fort in den Herzen der Wiener.

Es entstanden einige wenige Film- und Tonaufnahmen, darunter ein 1949 gedrehter Film über sein Leben von Willi Forst. Professor Max Schönherr, langjähriger Dirigent des Wiener Rundfunkorchesters, Komponist, Arrangeur, Schallplattendirigent und Musikwissenchaftler, hat unter dem Titel Carl Michael Ziehrer, sein Leben, seine Zeit, sein Werk die bislang umfangreichste Abhandlung über einen Komponisten der leichten Musik verfaßt – eine mit Anmerkungen versehene, wertvolle Quelle auch für die Begleittexte dieser CD-Serie. 1952 arrangierte er die posthum veröffentlichte Operette Deutschmeisterkapelle und hielt Zeit seines Lebens das Interesse an Ziehrer wach.

Ziehrers Nachlaß umfaßt etwa 600 Tänze und Märsche sowie 23 abendfüllende Operetten. Diese Aufnahmeserie bietet eine Auswahl von Orchesterstücken aus seinem Schaffen. Die CDs enthalten – neben bekannten Werken – zahlreiche Ersteinspielungen weniger bekannter Kompositionen dieses zu unrecht lange vernachlässigten Komponisten.

Freiherr von Schönfeld-Marsch op.422

Seit 1920 der offizielle Regimentsmarsch der österreichischen Armee, wird dieser Marsch an Popularität nur von Johann Strauß-Vaters berühmtem Radetzky-Marsch übertroffen – fraglos der berühmteste Marsch, aus Ziehrers Feder. Häufig hört man ihn, begleitet vom enthusiastischen Klatschen des Publikums, bei festlichen Konzertanlässen als Zugabe, auch hier vergleichbar dem Radetzky-Marsch. Es gibt wohl keine Militärkapelle auf der Welt, die diesen Marsch nicht gespielt hätte. Ziehrer komponierte ihn für den damaligen österreichischen Generalstabschef. Dieser hatte offenbar um einen seiner eigenen Person gewidmeten Marsch gebeten, wie das seinerzeit nicht ungebräuchlich war bei hochrangigen Prominenten, die die Achtung ihrer Person auf diese Weise erhöhen wollten. Als er sich nach längerem Schweigen erkundigte, was aus dem Auftrag geworden wäre, rief Ziehrer, so erinnerte sich später ein Musikerkollege, gerufen haben, „Mein Gott, das habe ich total vergessen!" Dann habe er, am Klavier sitzend, mit genialer Eingebung die Themen rasch skizziert und dem Kollegen befohlen, sie sofort für Blaskapelle zu instrumentieren – so wurde der Marsch geboren. Er wurde im Kasernenhof der Hof- und Deutschmeister einstudiert, und die erste Aufführung fand am 16. Oktober 1890 statt. Wahrscheinlich war es neben Ziehrers Tätigkeit als Militärkapellenleiter vor allem dieses Stück, das einige Musikwissenschaftler veranlaßte, ihm das wenig schmeichelhafte Etikett eines Marschmusikkomponisten anzuheften.

Auf hoher See, Walzer op.66

Dies ist ein schönes Beispiel für die Walzer aus Ziehrers frühem Schaffen, komponiert nur zwei Jahre nach seinem Debüt. Gewidmet ist das Stück einem österreichischen Admiral zur See, der gerade einen Sieg über die italienische Flotte errungen hatte – ein Pyrrhussieg, wie sich heraussteellen sollte, denn Österreich verlor Venedig. Der Walzer wurde von Ziehrers Kapelle am 10. Oktober 1866 bei einem großen Sommerkonzert in der Neuen Welt, bei dem auch andere Militärkapellen auftraten, uraufgeführt. Nach der Einleitung, die an Mendelssohns Meeresstille erinnert, taucht der Walzer in die Fluten des Meeres ein und erreicht einen beeindruckenden Höhepunkt. Bei der hier vorliegenden Aufnahme handelt es sich um eine Ersteinspielung. Tonmalerische Meeresszenen im Dreivierteltakt waren zu jener Zeit sehr beliebt, wie Johann Strauß-Sohns Wellen und Wogen op. 141 und die viel später entstandenen Nordseebilder op. 390 beweisen (vgl. Marco Polo: Johann Strauß Jr., Sämtliche Orchesterwerke, Folge 6 und 7).

Cavallerie, Polka française op.445

Diese Polka wurde bei der Premiere am 9. Februar 1893 anläßlich eines Festkonzerts für die Kavallerie im Wiener Musikvereinssaal, bei dem Ziehrer die Kapelle des Hoch-und Deutschmeister -Regiments dirigierte, vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen. Das Stück, das ursprünglich den Titel Reiterei trug, ist ist dem Offizierskorps der österreichisch-ungarischen Kavallerie gewidmet. Es beginnt mit dem Regimentsruf des 62. Infanterieregiments. Der erste Teil des Trios ist in ähnlichem Stil komponiert wie der Fehrbelliner Reitermarsch von Richard Henrion.

Ein Blick nach ihr! Polka schnell op. 55

In seinen früheren Jahren trat Ziehrer mit seinem Orchester in dem wunderschönen Gartenbauvereinssaal auf, der 1865 in Wien eröffnet worden war. Im ersten Konzert, das er dort leitete, bei dem nicht weniger als vier Konzertkapellen und drei Chöre mitwirkten, führte Ziehrer seinen Walzer Blumengeister op.33 auf (vgl. op.552 O diese Husaren!). Ein Blick nach ihr! entstand für einen Maskenball am 8. Februar 1866 und wurde acht Jahre später im selben Saal in einem Konzert wiederholt, das von der örtlichen Schiller-Gesellschaft veranstaltet worden war, die auf die Unterstützung durch Ziehrers Kapelle angewiesen war.

Gebirgskinder, Walzer op.44

Einer von Ziehrers bekanntesten Walzern – mit seiner Zither-Einleitung flüchtig erinnernd an Johann Strauß-Sohns Gschichten aus dem Wienerwald op.325. Bei heutigen Aufführungen wird die Zither häufig, wie auch in unserer Einspielung, durch die Harfe ersetzt. Im 19. Jahrhundert war die Zither ein äußerst beliebtes, allseits gespieltes Instrument. Ziehrer selbst war Ehrenmitglied der damals existierenden Zither-Gesellschaft. Viele seiner Werk erschienen in Ausgaben für dieses Instrument, häufig in Bearbeitungen von Franz Wagner (nicht zu verwechseln mit Josef Franz Wagner, dem berühmten zeitgenössischen österreichischen Orchesterleiter und Komponisten). Obgleich die Erstaufführung im Schloß Laxemburg am 21. November 1892 stattfand, wurde der Walzer im Januar 1893 auch in der Hofburg anläßlich der Vermählung von Erzherzogin Margarethe Sofie mit Herzog Albrecht von Württemberg gespielt. Gebirgskinder gehörte auch zu den beliebten Stücken, die Ziehrer bei seinen regelmäßigen Akademiekonzerten aufführte. Ursprünglich gehörte zu diesem Stück, das aus einer Folge von Walzerthemen besteht, die sich zu einem mitreißenden Höhepunkt steigern, auch die Begleitung durch einen summenden Männerchor. Es überrascht nicht, daß Gebirgskinder bis zum heutigen Tag zum österreichischen Walzerrepertoire gehört.

Auf! In’s XX. Jahrhundert, Marsch op. 501

Dieser Marsch war einer von Ziehrers Beiträgen zur ersten Faschingssaison des neuen Jahrhunderts, geschrieben für den Concordia-Ball vom 19. Februar 1900. Doch bereits am 23. Januar wurde er im Sofiensaal in einer Vokalfassung beim Karnevalsball des Wiener Männergesangvereins zum ersten Mal aufgeführt. Die von Schier stammenden Verse, eine Huldigung an die Fortschritte der Technik, waren in illustrierter Form auf dem Umschlag des Klavierauszugs abgebildet: ein Heißluftballon der Wiener Luftschiffgesellschaft, eine Eisenbahn und ein Flugzeug. Die Illustration, die im Hintergrund die Silhouette der Stadt Wien zeigt, deutet mit Telegrafenmasten auch bereits den Beginn der neuen Kommunikationstechnik an. Die vorliegende Aufnahme, übrigens die erste kommerzielle Einspielung dieses Marschs, entstand, wenngleich an anderem Ort, so doch ebenfalls aus Anlaß einer Jahrhundertwende – derjenigen zum 21. Jahrhundert. Zu weiteren Komponisten, die Werke für den Concordia-Ball schrieben, gehörten Josef Bayer, Karl Komzák, Wilhelm Wacek und Eduard Strauß, letzterer mit der Polka schnell Klein-Chronik op. 128.

D’Kernmad’ln, Original-Steierische Tänze op.58

Die Bezeichnung Original-Steierischer Tanz stammt vom Ländler, der Form, aus der der Walzer von Lanner und Johann Strauß-Vater entwickelt worden war. Frühe Beispiele von Lanner waren seine Steyrischen Tänze op. 115 und Hoamweh op. 202, angeregt von den Melodien und Tänzen der damaligen Alpensänger. Zu Lanners frühen Kompositionen gehörten an die fünfzehn Ländler, und sowohl Johann Strauß-Vater und -Sohn als auch Josef Strauß komponierten Walzer im Länderstil. Ziehrer, der sich in Wien rasch einen Namen machen wollte, ging es darum, ein Stück zu schreiben, das sich durch seinen gleichmäßigen Rhythmus leicht tanzen ließ. D’Kernmad’ln, voller einfallsreicher Melodien, gehört zu den schönsten Tänzen dieses Genres. Es handelt sich um ein dreiteiliges Stück, beginnend in langsamem Tempo und endend mit einer Kadenz in schnellem Tempo. Der Wechsel im Lebensstil und der Gesellschaftsordnung um 1848 führte zum Ende des Ländlers und zum Aufstieg des Walzers mit seinem engen Körperkontakt des Tanzpaares, einer damals von Wien ausgehenden kühnen Neuheit der gesellschaftlichen Bräuche. Aber es blieb eine gewisse Nostalgie für den Ländler, und so beschloß Ziehrer einen Maskenball am 8. Februar 1860 mit dieser herrlichen Komposition.

Ballfieber, Polka française op.406

Diese französische Polka erklang erstmals am 24 Januar 1889 anläßlich eines Konzert im Sofiensaal für die medizinische Fakultät der Universität Wien, bei dem auch ein Walzer von Baron Lilienau und eine Polka von Wilhelm Wacek gespielt wurden. Der Baron, später Ingenieur und Brauereibesitzer, war damals noch Student. Später entwickelte er sich zu einem einflußreichen Akademiker, der eine Brücke schlug zwischen Wissenschaft und Kunst. Er unterstützte zahlkreiche Kulturereignisse mit finanziellen Mitteln und veröffentlichte seine eigenen Kompositionen. Darüber hinaus war er ein hervorragender Pianist, zu dessen Lieblingsstücken die Werke von Josef Strauß und Carl Michael Ziehrer zählten.

Ich lach, Walzer op.554

Wie viele von Ziehrers erfolgreichen Walzern stammt dieser aus einem seiner Bühnenwerke, in diesem Fall aus der Operette Das dumme Herz, uraufgeführt im Johann-Strauß-Theater in Wien am 27. Februar 1914. Hauptprotagonist in dieser Operette war Alexander Girardi, der in den drei Akten jeweils einen anderen Bruder verkörperte: einen Uhrmacher, einen Abgeordneten und einen Richter. Da aufgrund einer neuen Verfügung Staatsbeamte nicht mehr lächerlich gemacht werden durften, mußte die Premiere verschoben und die Namen geändert werden. Girardi liebte dieses Werk besonders, da er hier nicht andauernd den Komiker spielen mußte, denn diese Hauptrolle hatte wesentlich mehr Substanz. Die Operette hatte großen Erfolg und brachte es bis zum Kriegsausbruch auf 129 Vorstellungen. Man schätzte sie als wohltuende Abwechslung gegenüber der hergebrachten Norm. Viele ihrer Melodien übernahm Ziehrer aus seinen eigenen Tanzkompositionen und paßte sie dem aktuellen Kontext an. Der Walzer beginnt mit den rhythmischen Refrains aus dem Trio der Polka Schneidig! op. 387 von 1887. Der Titel des Walzers geht auf den Originalrefrain von Girardis Auftrittslied zurück: „Für Herz und Seel’ ist Ruh’ nur g’sund, ich lach". Dem folgt ein vertrautes Thema aus dem Walzer Wie man im Himmel lebt op. 322, entnommen seiner 1881 entstandenen Operette König Jérôme (vgl. Ziehrereien-Walzer). Das abschließende, rauschende Walzerthema geht zurück auf die Coda des Walzers Teuferln op. 485, komponiert 1898.

Wenn man Geld hat, ist man fein, Marsch op.539

Dieser schwungvolle Marsch stammt aus Ziehrers 1908 entstandenen Operette Liebeswalzer, seinem letzten großen Bühnenerfolg. Hier zeigt sich besonders die Instrumentierungskunst des Komponisten, und die Melodien enthalten den in vergleichbaren Werken seiner Zeitgenossen nicht immer offensichtlichen Kontrapunkt. Die Themen werden denjenigen Hörern bekannt sein, die die Operette kennen, der einzigen bisher in einer kommerziellen Tonaufnahme vorliegenden Operette Ziehrers. Mehr als 100 Vorstellungen gingen allein über die Bühne des Raimundtheaters; ingesamt mag sie es auf mehr als 500 Aufführungen gebracht haben. Nach der Premiere lobte die Kritik Ziehrer als den letzten Vertreter der alten Garde, der seine Wurzeln in der Tanzmusik hatte und über sie hinausgewachsen war. Die Operette war auch international von Erfolg gekrönt, u.a. mit Aufführungen in Paris, Mailand (wo sie den Titel Valzer di Amour trug) sowie – in amerikanisierter Gestalt und mit hinzugefügten Melodien von Jerome Kern – am Broadway.

O diese Husaren! Walzer

Mit seiner Operette Manöverkinder von 1911 hatte Ziehrer nichts als Ärger, so daß er sie für die folgende Saison umarbeitete und ihr den Titel Der Husarengeneral gab, unter dem sie über fünfzig Aufführungen am Raimunstheater erlebte. Aus Krankheitsgründen konnte er der Premiere am 22. Juni 1912 im Sommertheater Venedig in Wien (gelegen im Prater uns später in Kaisergarten umbenannt) nicht beiwohnen. Das Wetter in jenem Sommer war miserabel, wodurch zahlreiche Aufführungen abgesagt werden mußten, so daß der Theaterbetreiber, der bekannte Magnat Gabor Steiner, ein langjähriger Freund Ziehrers, Bankrott machte und fluchtartig das Land verließ. Ziehrer selbst hatte endlose Querelen mit seinen Librettisten, und der Verleger Herzmansky weigerte sich, die Operette herauszugeben, so daß Zieherer die Finanzierung des Drucks selbst bestreiten mußte. O diese Husaren! bedient sich allerlei Themen aus der Operette, die Originalfassung der Orchestration besorgte Martin Uhl. Ziehrer arrangierte entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit aus dieser Operette übrigens nur diesen Walzer und den Marsch Husarenstreiche op. 533 für Klavier. In der Walzerkomposition fehlt die Melodie Alte Liebe, neue Liebe, die er für Manöverkinder geschrieben hatte. Aus Gründen der Vollständigkeit ist diese Melodie in der hier vorliegenden Ersteinspielung in das zweite Walzerthema integriert worden, nach der Originalpartitur der Operette instrumentiert von Christian Pollack. Dadurch erhält der Walzer einen abgerundeten Charakter. Die Hauptmelodien entstammen zwei wesentlich früher entstandenen Kompositionen: das erste Walzerthema stammt aus dem Lied Das war der erste Walzer, das Ziehrer dem Walzerlied Der Schani und die Fanny op. 328/3 entnahm, seinerseits eine Weiterentwicklung, die auf dem Walzerthema des Blumengeister-Walzers op. 33 beruht, der 46 Jahre früher entstanden war. In den frühen 1880er Jahren schrieb Ziehrer eine Reihe von Liedern für seine spätere Frau, die Operettensängerin Marianne Edelmann, die er kurz zuvor kennengelernt hatte, und diese Lieder wurden rasch bekannt;. Dies ist eines von ihnen. Das dritte Walzerthema entnahm er einem kurzen Stück mit dem Titel Weihnachtsmärchen, das er 1904 für die Veröffentlichung im Neuen Wiener Journal komponiert hatte. Der leicht träumerische Stil des vollendeten Walzers spiegelt die stimmung seiner späten Schaffensjahre wider.

Wurf-Bouquet, Polka Mazurka op.426

Dieses Stück ist ein gutes Beispiel für Ziehrers Fähigkeit, sich erfolgreich auch der sanfteren Polka mazurka anzunehmen, ein Genre, das in Josef Strauß einen weiteren Vertreter hatte. Wurf-Bouquet entstand 1890, auf dem Höhepunkt seines Schaffens, während seiner Zeit als Kapellmeister des Hoch- und Deutschmeister-Regiments. Wahrscheinlich erklang die Polka zum ersten Mal Ende Dezember für den folgenden Fasching in einem seiner Konzertakademie-Abende im Ronacher. Diese über viele Jahre von Ziehrer und seinem Orchester allwöchentlich veranstalteten Konzerte waren ein fester Bestandteil des Wiener Musiklebens.

Ziehrereien, Walzer op.478

Dieser Walzer wurde von Ziehrer ebenfalls bei einem in einem seiner Akademiekonzerte bei Ronacher im Jahre 1897 eingeführt. Bei den Originalmelodien aus früheren Kompositionen, die er hier zu einer vollständigen Walzerkomposition zusammenstellte, handelt es sich der Reihenfolge nach um die Introduktion, Le petit Soldat op. 319/2, gefolgt von Walzerthemen aus Echt wienerisch op. 381, der Jerôme-Quadrille op. 320, dem Militärmarsch op. 321 und Verliebt op. 319/1. Echt wienerisch ist vor allem bei Schrammelspielern immer populär gewesen. Alle anderen Themen stammen aus Ziehrers erstem großen Bühnenerfolg, König Jérôme, dessen Partitur 1881 bei dem verheerenden Brand im Ringtheater, wo die Operette 1878 in Premiere gegangen war, ein Opfer der Flammen wurde. Glücklicherweise überlebten die meisten Melodien, da Ziehrer einzelne Musiknummern, darunter die Ouvertüre, bereits in Druck gegeben hatte. Bei bekannten Operettenkomponisten war es Usus, einzelne Tanznummern, Märsche und die Ouvertüre sowie die schönsten Gesangsstücke aus ihren neuesten Werken separat zu veröffentlichen. Bei der hier vorliegenden Aufnahme handelt es sich um die erste kommerzielle Einspielung dieses Walzers.


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