About this Recording
8.225252 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 2
English  German 

Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 2

Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 2

 

[1] Walzer (à la Paganini), op. 11

 

Der aus Genua stammende italienische Geigenvirtuose Nicolò Paganini (1782 - 1840) kam auf der ersten seiner ausgedehnten Kunstreisen durch die Zentren Europas im März 1828 in die Metropole des „Kaiserthums Österreich“. Dem Künstler ging eine sensationelle Reklame voraus. Man schrieb in allen Zeitungen von den Hexenkünsten, die der „interessant wirkende“ Künstler auf seinem Instrument auszuführen imstande sei, von dem faszinierenden Reiz seiner düsteren Persönlichkeit und von dem wechselvollen Schicksal seines bisherigen Lebens. Die Musikfreunde Wiens erwarteten also Wunderdinge von seinem Auftreten. Sein Eintreffen in der Kaiserstadt an der Donau wurde von der amtlichen „Wiener Zeitung“ am 18. März sorgsam registriert: „Am 16. März angekommen: Ritter Niklas Paganini, Professor der Tonkunst, aus Mailand angereist.“

           

Mit seinem ersten Auftreten ließ sich Paganini Zeit. Er machte eine Reihe sorgsam vorbereiteter Höflichkeitsbesuche. Er zeigte sich „artig und gesittet“. Als Paganini am 29. März 1828 sein erstes Konzert im

k. k. Redoutensaal gab, war der Raum allerdings nicht allzu dicht besetzt. Die von ihm geforderten Eintrittspreise waren den Musikfreunden zu hoch: Paganini verlangte zwei Gulden. Da es damals in Wien relativ viele Virtuosenkonzerte gab, meinten gerade die Musikfreunde, das sei zu viel und er werde es bei den noch folgenden Konzerten billiger geben. Aber der künstlerische Erfolg der Darbietungen war überwältigend. Der Beifall war schier endlos und wurde aus ergriffenen Herzen dargebracht. Paganini brillierte nicht nur mit einer perfekten, damals von keinem anderen Künstler erreichten Technik, sondern auch mit seelenvollem Vortrag lyrischer Passagen. Ganz Wien sprach von dem Erfolg. Vor allem die Kunde von dem betörenden Rondo „La campanella“ aus Paganinis II. Konzert für Violine, h-Moll, op. 7, machte die Runde.

           

Das zweite Konzert Paganinis am 13. April, das ebenfalls im k. k. Redoutensaal der Hofburg abgehalten wurde, war überfüllt. Schon eineinhalb Stunden vor Beginn der um die Mittagsstunde angesetzten Produktion kamen die ersten Besucher. Kaiserin Karoline Augusta, die vierte Gattin des „guten Kaisers“ Franz I., Erzherzog Carl mit seiner Gattin Henriette, Erzherzogin Sophie und Erzherzog Anton Victor, der Schirmherr der Gesellschaft der Musikfreunde, waren an der Spitze der Adelsgesellschaft der Monarchie erschienen. Die führenden Musiker Wiens, die Verleger und die Komponisten drängten sich auf den verbleibenden Plätzen. Auch Franz Schubert hat Paganini-Konzerte besucht. Er meinte, er habe im Adagio (des Violinkonzerts) „einen Engel singen gehört.“ Das weniger kunstsinnige Publikum aber begeisterte sich für die technische Perfektion des Künstlers, daher wurde das „Glöckchen-Rondo“ in grosser Auflage verkauft.

           

Der 24-jährige Johann Strauß-Vater war allen Enthusiasten und auch den Kaufleuten Wiens zuvorgekommen. Er hatte sofort einen Walzer geschrieben, der mit dem Rondo „La campanella“ in Begleitung eines fis-Glöckchens einsetzte, ihn mit allerlei Kunststücken angereichert und à la Paganini vorgetragen. Da bei seinen Konzerten „Bey den Zwey Tauben“ nur einige Kreuzer zu bezahlen waren, hatte Strauß ebenfalls ungeheuren Zulauf.

           

Paganini war bis in den Sommer hinein in Wien. Bei Strauß aber blieb der „Walzer à la Paganini“ (zu dem Joseph Lanner ein Gegenstück in Form eines Zitats im „Zweiten Wiener Quodlibet“ geschrieben hatte) noch weit länger im Repertoire.

 

[2] Krapfen-Waldel-Walzer, op. 12

 

Das einstige Ausflugs-Gasthaus im Krapfelwaldel auf dem Anstieg von Grinzing zum Kahlenberg ist längst verschwunden und Teil eines Nobelbades geworden. Im Biedermeier war es ein bescheidenes Lokal inmitten der Baumgruppen eines lichten Wäldchens. Die Abbildung auf der Klavierausgabe des Walzers von Johann Strauss lässt das ganz deutlich erkennen. Einfach wie das Gasthaus ist auch die Komposition des angehenden Musikdirektors. Das Werk besteht aus 6 Walzerteilen ohne Introduction, die Coda ist kurz und wiederholt zunächst das Motiv der ersten Teiles, wie es später bei allen Walzern, auch seiner Söhne, üblich wurde. Der besonders hübsche Teil 2 (in dem man einen Vogelruf zu hören glaubt), sowie die Walzer 3 und 6 haben Ländler-Charakter. Die Überlieferung will wissen, dass der Krapfen-Waldel-Walzer einer der Lieblingswalzer des musikliebenden Kronprinzen und späteren Kaisers Ferdinand I. gewesen ist.

           

Das Werk wurde vom Verleger Tobias Haslinger am 28. Juli 1828 in der „Wiener Zeitung“ annonciert. Es ist also spätestens im Frühjahr 1828 entstanden und entweder bei einer Réunion der Kapelle im „Weißen Schwan“ in der Rossau oder im Garten des Gasthauses „Krapfenwaldel“ zum ersten Male aufgeführt worden. In den Zeitungen des Jahres 1828 wurde weder über das Krapfenwaldel noch über die Walzerpartie des jungen Strauß berichtet. Erst im Jahre 1834 bot die Theaterzeitung ihren Lesern eine sehr amüsante und eingehende Schilderung des Gasthofes und des Weges, der von Grinzing durch die Weingärten hinauf zum Krapfenwaldel führt. Gerühmt wurde auch der Ausblick über die damals noch in viele Arme verzweigte Donau ins Marchfeld und bis zum Beginn der Bergkette, die sich von der Donau weg nach Mähren hinein zieht.

           

Wer das eindrucksvolle Panorama kennt, kann sich beim Erklingen des „Krapfen-Waldel-Walzers“ auch heute noch in die Sphäre des biedermeierlichen Wiens versetzen. Auch Johann Strauß-Sohn hat dem Krapfenwaldel seine Reverenz erwiesen. Er ließ seine im Sommer 1869 in Russland entstandene Polka „Im Pawlowsk-Walde“, op. 336, in Wien unter dem seither üblichen Titel „Im Krapfen-Wald’l“ aufführen. Damals waren also Vogelstimmen und der Kuckucksruf auf der Anhöhe über Grinzing noch zu hören.

 

[3] Die beliebten Trompeten-Walzer, op. 13

 

Die als op.13 im Verlag Tobias Haslinger erschienenen „Trompeten-Walzer“ gehörten zu den frühesten Kompositionen des Musikdirektors Johann Strauß. Das in der „Wiener Zeitung“ annoncierte Erscheinungsdatum 11. Februar 1828 führt ein wenig in die Irre. Haslinger hat das Werk erst herausgegeben, als es durch wiederholte Aufführungen der kleinen Strauß-Kapelle bereits bei den Tänzern beliebt und bei den Musikern bekannt war.

           

Die „Trompeten-Walzer“, in der Annonce auftrumpfend als „Die so sehr beliebten Trompeten-Walzer“ bezeichnet, sind eine verhältnismäßig einfache, nur durch die geschickte Instrumentierung auffällige Komposition. Es handelt sich um 6 Walzerteile mit längerer Coda, in denen die Trompete mit markanten Signalen hervortritt. Sehr apart klingen die Flöten-Imitationen im 2. Walzerteil.

           

Johann Strauß wirkte im Jahre 1828 als Musikdirektor im „Weißen Schwan“ in der Rossau im Donauviertel. Daneben spielte er aber immer noch auch in Joseph Lanners Kapelle. Im „Weißen Schwan“ waren die „Trompeten-Walzer“ im Fasching 1828 eine Attraktion. Ob sie auch in Lanners Orchester gespielt worden sind, kann nicht ermittelt werden. Noch nahmen die Zeitungen keine Notiz von den Ballkompositionen der Wiener Musikdirektoren. Das galt auch für die Novitäten des damals führenden Kapellmeisters Joseph Wilde, der in der altberühmten „Mehlgrube“ in der inneren Stadt (heute: Neuer Markt - Kärtnerstraße, Hotel Ambassador) und in den Redoutensälen der Hofburg sowie bei den Hofbällen zum Tanz aufspielte. In der Mehlgrube hatte Wolfgang Amadeus Mozart konzertiert. Die Tanzfeste vereinigten jahrelang die führenden Kreise der Wiener Gesellschaft. Diese Feste gaben auch einen beliebten Gesprächsstoff in den Kreisen des Adels und des noblen Bürgertums ab. Trotzdem wurden sie in den Zeitungen ignoriert. Die Bälle und Réunionen in den Vorstädten, etwa im „Schwarzen Bock“ auf der Wieden oder eben im „Weißen Schwan“ in der Rossau kamen für die Journalisten überhaupt nicht in Betracht. Die Ära der Ballreporter begann erst nach 1830.

           

Das ist schade. Man wüsste gerne, wie es zugegangen ist bei den Bällen, die von Johann Strauß mit fast dämonischer Energie oder von Joseph Lanner mit seinem von Philipp Fahrbach bezeugten „Künstler-Raptus“ geleitet wurden. Es muss höchst eindrucksvoll gewesen sein, denn anders ist der rasche Aufstieg der beiden Musikdirektoren nicht zu erklären.

 

[4] Gesellschafts-Galoppe [op. 17]

 

Die „Gesellschafts-Galoppe“ wurden zuerst im Verlag Cappi und Czerny mit dem Vermerk veröffentlicht: „Aufgeführt im Saal zum Schwarzen Bock“. Das geht aus der Annonce hervor, die am 30. April 1827 in der „Wiener Zeitung“ (Nr. 99) erschienen ist. Am 15. Dezember 1828 wurde die Herausgabe des Werkes neuerlich in der „Wiener Zeitung“ angekündigt, diesmal vom Verlag Anton Diabelli (ohne Opuszahl). Es war jene Sammelausgabe von 15 Galoppen, in der auch die „Alpenkönig-Galoppe“, die „Champagner-Galoppe“, die „Chineser-Galoppe“ und die „Seufzer-Galoppe“ enthalten waren. Anton Diabelli hatte also sein Lager geräumt.

           

Bei den „Gesellschafts-Galoppen“ handelt es sich um recht effektvolle, aber einfach gegliederte Teile: Johann Strauß hat zwei fröhlich dahinhüpfende, bzw. elegant geschwungene Motive zu je 8 Takten aneinandergereiht. Dann liess er ein Trio mit ebenfalls zweimal 8 Takten folgen. Nach der Wiederholung der genannten Galoppe folgt eine Coda, deren erste 4 Takte das hüpfende Motiv des Beginns wiederholen und zu einem kraftvollen Abschluss überleiten.

           

Wenn die Angabe: „aufgeführt im Saal zum schwarzen Bock“ stimmt, dann hat die erste Aufführung im Fasching 1827 bei einem der Gesellschaftsbälle auf der unteren Wieden stattgefunden und zwar durch Joseph Lanner, der Ballregent im „Schwarzen Bock“ gewesen ist und - wie Johann Strauß-Sohn bezeugt hat,- auch Kompositionen seines Partners vorgetragen hat. Es ist aber auch möglich, dass Johann Strauß die Gesellschaftsgaloppe erst im Fasching 1828 bei einem Gesellschaftsball im „Weißen Schwan“ selbst aufgespielt hat. Das Werk blieb ja im Repertoire der kleinen Kapelle.

 

[5] Champagner-Walzer, op. 14

 

Die Veröffentlichung etlicher Kompositionen von Johann Strauß im Verlag des eifrigen Verlegers Tobias Haslinger spornte dessen Konkurrenten Anton Diabelli an, die noch in seinem Archiv lagernden frühen Kompositionen des beim Publikum immer bekannter und beliebter gewordenen Strauß herauszugeben. Am 28. August 1828 ließ er dem „Champagner-Galopp“, op. 8, von Johann Strauß einen „Champagner-Walzer“ folgen, in dessen Nr. 5 und in der Coda der Galopp samt Motto „Sauf aus“ notengetreu, nur eben im Dreivierteltakt, wiederholt wird. Einen Anlass für diese seltsame Verwandlung boten die „Champagner-Bälle“, die im Fasching 1828 im „Weißen Schwan“ unter der Leitung von Johann Strauß abgehalten wurden. Die Orchesterbesetzung ist noch einfach. Vorgesehen waren nur 1 Flöte, 2 Klarinetten, 2 Hörner, 1 Trompete, drei Violinen und Bass. Die Melodien sind anmutig, weisen aber schon deutlich den Schwung auf, der die Kompositionen des energischen Musikdirektors auch fernerhin auszeichneten und ihnen zum Weltruhm verholfen hat.

           

Mit der Klavierausgabe des „Champagner-Walzers“ hat sich der Verleger Anton Diabelli viel Mühe gegeben. Auf dem originellen Titelblatt perlt der Titel des Werkes aus Champagner-Gläsers heraus.

 

[6] Chineser-Galoppe, [op. 20]

 

In den Friedensjahren nach dem Wiener Kongress (1814/1815) blühte das gesellige Leben in Wien auf. Die Stadt war erfüllt von Musik. Ludwig van Beethoven und Franz Schubert schrieben unvergängliche Werke, aber auch die Tanzmusik in den vielen kleinen Lokalen in der Kaiserstadt und in ihren Vororten konnte durchaus Anspruch auf künstlerischen Rang erheben. An der Spitze der Musikdirektoren und Komponisten wienerischer Musik standen in den Jahrzehnten des Biedermeier Joseph Lanner und Johann Strauß-Vater. In den Bürgerhäusern tanzten die Wiener noch die alten Tänze, die „Deutschen“ und die „Schottischen“, die ihnen eine ganze Serie geschickter Komponisten, mit Franz Schubert an der Spitze, unermüdlich aufspielten. In den Tanzlokalen waren der neue „Wiener Tanz”, der Walzer, und die rasanten Galoppaden gefragt, bei denen sich die Lebenslust und Lebensfreude der Menschen voll entfalten, ja austoben konnten. Im Jahre 1827 schrieb der 23-jährige Johann Strauß, damals bereits Vater seines Sohnes Johann, Walzer und Galoppaden in Serie. Anregungen für die musikalische Gestaltung griff er auf, wo er sie finden konnte: in der Theatermusik wie in den Volksweisen aus dem Umland Wiens. Auch das damals „Exotische” erregte sein Interesse. Daher schrieb er die „Chineser-Galoppe”, obwohl er wahrscheinlich niemals einen Sohn aus dem „Reich der Mitte” gesehen hatte. In Wien kannte man chinesisches Porzellan und war auch mit der chinesischen Malerei einigermaßen vertraut. Aber von der Musik aus dem Weltreich in Ostasien wusste man so gut wie nichts. Daher nahm sich Strauß für den genialen Einfall der Galoppe, die ja nur aus wenigen Takten bestehen, wahrscheinlich die damals in Wien als „türkisch“ bekannte Musik zum Vorbild, und tatsächlich erinnern die „Chineser Galoppe” an das Alla Turca von Wolfgang Amadeus Mozart. Das kleine Werk wurde sofort populär. Die Wiener kosteten es aus, wo immer Strauß, vielleicht aber auch Joseph Lanner, in dessen Orchester Strauß noch immer mitwirkte, es ihnen aufspielte. Der erste Teil wurde stets wiederholt, und wenn das Stück verklungen war, applaudierten die Tänzer und Zuhörer beim „Schwarzen Bock“ auf der unteren Wieden, dessen Tanzsaal mit chinesischen Lampions beleuchtet wurde, später bei den „Zwey Tauben” am Heumarkt, in der Gegend des heutigen Konzerthauses, beim „Weißen Schwan” in der Rossau und im Lokal „Zur Kettenbrücke” am Ufer der Donau so lange, bis Joseph Lanner und Johann Strauß mit ihren kleinen Orchestern die Galoppaden wiederholten. Unter Jubel und Begeisterung ging es weiter, bis die Tänzerinnen und Tänzer erschöpft waren. Strauß triumphierte. Rasch wurde er der beliebteste Tanzgeiger und Komponist der Kaiserstadt. Als die „Chineser-Galoppe” im Jahre 1828 im Druck erschienen, war die Auflage sehr rasch ausverkauft. Nun erklang das geniale Werk auch in den Bürgerhäusern und bei den Hausbällen. Die Tanzmode wechselte, aber die „Chineser-Galoppe” wurden nicht mehr vergessen. Erschienen ist die geniale Komposition in einer „Neuesten Sammlung beliebter Galoppe“ im Verlag Anton Diabelli bereits am 15. Dezember 1828.

 

[7] Die so sehr beliebten Erinnerungs-Ländler (in A-Dur), op. 15

 

Wie der „Champagner-Walzer“, op. 14, ist auch der „Erinnerungs-Ländler“, op. 15 von Johann Strauß nicht erst kurz vor der Veröffentlichung am 12. Februar 1829 im Verlag Tobias Haslinger entstanden. Da auf dem Titelblatt der Klavierausgabe der Hinweis aufgedruckt wurde: „aufgeführt im Saale zur Kettenbrücke“, sind der Ort und das ungefähre Datum der ersten Aufführung zu ermitteln. Johann Strauß begann seine Tätigkeit als Musikdirektor im Saal zur Kettenbrücke im Fasching 1828 (siehe op. 3) und gab diese Position erst auf, als er im Herbst 1829 Musikdirektor im Sperl wurde. Dort löste er Joseph Lanner ab.

           

Die „Erinnerungs-Ländler“ (Innenbezeichnung „Walzer“) gemahnen an ähnliche Werke Joseph Lanners und können daher während des Jahres 1828, spätestens zu Beginn des Faschings 1829 entstanden sein. Es handelt sich um eine zwar recht melodiöse, aber sehr einfache Komposition, die aus 6 Teilen zu jeweils zweimal 8 Takten, die wiederholt werden, und einer kurzen Coda von 6 Takten besteht.

           

Das Werk dürfte nicht lange im Repertoire der Kapelle geblieben sein, denn es schien in der Folge nie mehr auf. Es zeigte aber immerhin jenen Johann Strauß, der später, z. B. im Jahre 1843 mit seinem Opus 155 „Brüder Lustig“, den „Walzer im Ländlerstyle“ präsentiert hat.

 

[8] Carolinen-Galoppe, op. 21 a

[10] Kettenbrücke-Galoppe, op. 21 b

 

Unter der Opuszahl 21 ließ der Verleger Tobias Haslinger die „Carolinen“ - und die „Kettenbrücke“- Galoppe erscheinen. Die beiden in ihrem Charakter sehr ähnlichen Werke sind allerdings im Abstand von einigen Monaten in der „Wiener Zeitung“ annonciert worden. Die „Carolinen-Galoppe“ am 16. November 1827, die „Kettenbrücke-Galoppe“ am 25. Januar 1828 ohne Nennung des Komponisten (in der Sammlung „Lieblings-Galoppen für das Pft.“). Die beiden Werke dürften auch bei verschiedenen Gelegenheiten zum ersten Male vorgetragen worden sein, die „Carolinen-Galoppe“ bei den „Zwey Tauben“, die man im Biedermeier von der Inneren Stadt her über die „Carolinen-Brücke“ erreichte, die über dem Wienfluss errichtet worden war, und die „Kettenbrücken-Galoppe“ im Saal des Gasthauses an der „Kettenbrücke“, die über den an der Stadt vorüberführenden Donauarm (heute: Donaukanal) gespannt war. In beiden Etablissements war Johann Strauß im Jahre 1828 Musikdirektor, und im Fasching dieses Jahres haben die beiden Kompositionen die Tanzpaare über das Parkett gejagt.

           

Die Galoppaden, die jeweils zwei achttaktige Teile kunstlos aneinander reihten, waren dazu ideal geeignet. Mit scharf akzentuierten Rhythmen trieben sie das Tempo an, die hüpfenden Motive gaben gleichsam die Tanzschritte vor. In den „Carolinen-Galoppen“ erklingt in der Coda ein Posthornruf. Soll es über die Carolinen-Brücke nach Süden gehen?

           

Man weiß es nicht. Die beiden Tänze hatten ihre Saison und wurden schon im Jahre 1829 von neuen Galoppaden aus dem Repertoire der dann vergrößerten Strauß-Kapelle vertrieben.

 

[9] Fort nacheinander! Walzer, op. 16

 

Als der Verleger Tobias Haslinger am 26. September 1828 die Walzerpartie „Fort nacheinander!“ von Johann Strauß herausgab, fühlte sich ein Redakteur des „Musikalischen Anzeigers“ mit einiger Verspätung am 25. April 1829 berufen, zwar nicht das Werk, sondern den Verleger zu kritisieren. Er rügte es, dass Haslinger „ohne sich bis in den Bart hinein zu erröten und ohne sich zu schämen, dergleichen Allotria mit solchem marktschreierischen Aushängeschildern drucke.“

           

Er hatte insofern recht, als die Inserate in der „Wiener Zeitung“, mit denen der auf möglichsten Effekt der Werbung bedachte Haslinger die neuen Kompositionen von Johann Strauß ankündigte, nun schon ein respektables Format aufwiesen. Mit einer Zeile in einer Gruppenanzeige mehrerer Novitäten war es nicht mehr getan. Der Redakteur räumte aber ein, das müsse wohl so sein, denn nur aus den Einnahmen mit der Publikation von Tanzmusik lasse sich jener Gewinn erzielen, mit dem der Verleger weniger gefragte „wertvolle musikalische Werke“ herausgeben könne. Eigentlich hätte der Journalist auch darauf hinweisen müssen, mit welcher Sorgfalt gerade Tobias Haslinger die Titelblätter der Klavierausgaben der Walzer gestalten ließ. So ist in den Titel „Fort nacheinander!“ eine adrette Ballszene in einem kleinen Saal eingebettet. Die Paare schwingen sich gut erkennbar im Walzertakt.

           

Das passte sehr gut zu diesem als op. 16 von Johann Strauß edierten und wohl im Sommer 1828 im „Weißen Schwan“ zum ersten Male vorgetragenen Werk. Gleich die wirbelnden ersten Takte der Einleitung und die nachfolgenden Akkorde sind eine energische Aufforderung an die Paare, sich auf dem Parkett bereit zu stellen. Das war jener Johann Strauß, den Heinrich Laube als „Napoleon autriche“ bezeichnen sollte.* Dem Aufruf folgten allerdings lockende Melodien in den Walzern Nr. 1 und 2, die sich in 2b ganz kurz in Moll eintrüben, aber sofort in B-Dur zurückkehren. Ein raffinierter Stakkato-Teil schließt sich an, der mit kraftvollen Akkorden endet und dem im 5. Walzer ein hübsches Duett zwischen Geigen und Flöte folgt. Der 6. Teil hat beinahe Ländler-Charakter, kehrt aber in einer sehr geschickten Überleitung in den eindeutigen Walzerrhythmus zurück. Die Coda bietet ein neues hübsches Motiv und einen genialen Schluss.

           

Warum sollte Tobias Haslinger für diesen durchaus künstlerischen Walzer nicht die angemessene Werbung machen?

 

* in dem Kapitel „Sperl in floribus“ in seinem Buch „Reise durch das Biedermeier“.

 

[11] Lust-Lager-Walzer, op. 18

 

Wie schon während des Wiener Kongresses der Jahre 1814/1815 wurden auch im Jahre 1828 Einheiten der k. k. Armee zu einer gemeinsamen Übung zusammengezogen und in einem sogenannten „Lustlager“ im Raum von Traiskirchen in Niederösterreich untergebracht. Am 9. September 1828 wurde das Zeltlager bezogen. Kaufleute aus der Residenz benützten die Gelegenheit und errichteten Verkaufsstände und Bretterbuden, darunter sogar ein Restaurant und ein Kaffeehaus. Hübsche Marketenderinen boten „geistige Getränke“ (also einige Sorten Schnaps) an. Wie man sich dieses Lustlager vorzustellen hat, ist aus der Zeichnung auf dem Titelblatt zu ersehen, die der Verleger Tobias Haslinger auf der am 7. Januar 1829 erschienenen Klavierausgabe des „Lust-Lager-Walzers“ anbringen liess. So fröhlich wie auf diesem Bild ist es freilich in der Zeit nach dem 9. September 1828 im Raum Traiskirchen nicht immer zugegangen. Zunächst gab es pompöse Besichtigungen durch Mitglieder und Gäste des Kaiserhauses (aus Berlin war Prinz Wilhelm von Preußen gekommen), aber ab 13. September verwandelte ein Dauerregen das Wiesengelände in eine Sumpflandschaft und das Lager musste vorübergehend geräumt werden.

           

Zuletzt kam es am Fuße des benachbarten „Eichkogels“, der freilich nur eine geringe Bodenerhebung darstellt, zum abschließenden Manöver, und am Ende des Monats September 1828 war wieder Ruhe auf dem Lagergelände eingekehrt. Wann und bei welchem Anlass Johann Strauß seinen Gelegenheitswalzer - zu dem sein Sohn Joseph im Jahre 1858 ein Gegenstück komponieren sollte, die „Bivouac-Quadrille“, op. 58 - zum ersten Male vorgetragen hat, ist nicht zu konstatieren. Vielleicht ließ er sich mit der Uraufführung Zeit bis zu seinem Einzug in den „Sperl“ am 4. Oktober 1829. Wahrscheinlich wählte er dazu eine Gelegenheit bald nach Ende des Traiskirchener Lustlagers bei seinem Wirken im Saal zum „Weißen Schwan“ oder im Saal zur Kettenbrücke. Das Werk ist selbstverständlich überall erklungen, wo die Strauß-Kapelle konzertierte. Es brachte es zu einiger Popularität.

           

Die Walzerpartie, die Johann Strauß aus Anlass dieses feuchten „Lustlagers“ geschrieben hat, bietet ein größeres Orchester auf als die vorhergegangenen Kompositionen. Nun verlangte der Komponist auch eine Oboe, ein Fagott, 2 Trompeten und eine Posaune. Wie es bei einem militärischen Werk zu erwarten ist, erhielten Trompete und Trommel wichtige Akzente zugewiesen. Gleich als Auftakt erklingt ein Trompetensignal. Die ersten Teile lassen aber eher an das fröhliche und bunte Treiben zwischen den Zelten und Buden denken, wobei der Trommelwirbel im Walzer 1b durchaus der Turbulenz des Lagerbetriebes entspricht. Auffällig sind die gefühlvolle Melodie im Walzer 3b („dolce“ steht über den Noten), die weit in die Zukunft der Walzergeschichte verweist, und die h- Moll-Eintrübung im Walzer 5a, der allerdings ein desto lebhafteres Motiv folgt. In der Coda, in der zunächst der Beginn des Walzers wiederholt wird - der den Dirigenten Max Schönherr und den Kritiker Max Graf an die Militarsinfonie von Joseph Haydn erinnert hat* - dann aber melden sich Trompete und Trommel wieder sehr energisch und sorgen für einen Abschluss, wie er in der Militärmusik häufig vorkommt.

 

* Max Schönherr - Karl Reinöhl: Johann Strauß Vater, Universal-Edition, 1954

 

[12] Erinnerungs-Galoppe, op. 27

 

Die „Erinnerungs-Galoppe“ sind einfache, kunstlose, aber mit ihren hüpfenden Motiven sehr effektvolle Tänze. Die Galoppe sind durchkomponiert; zweimal 8 Takte ohne Einleitung und Coda. Temperamentvoll jagen sie die Paare durch den Saal. Man kann sich vorstellen, wie neiderfüllt die Nichttänzer inmitten des Kreises der vorbeispringenden Paare oder am Rande auf das ausgelassene fröhliche Treiben blickten. Johann Strauß hat sich Motive aus den Opern Gioachino Rossinis zum Vorbild genommen. Sie waren ihm vertraut, er hat sie in geschickten Arrangements gespielt und in seine Potpourris eingearbeitet, die bald unverzichtbarer Bestandteil seiner Konzerte geworden sind.

           

Auch der Verleger Tobias Haslinger hat sich mit dieser Galoppade keine besondere Mühe gemacht. Er hat das Werk, das - wie die Instrumentierung erkennen lässt - schon im Jahre 1828 entstanden sein dürfte, zunächst einmal in seinem Archiv liegen gelassen, obwohl es unter der Bezeichnung „Navariner-Galopp“* bereits populär gewesen sein muss. Die „Erinnerungs-Galoppe“ wurden erst am 23. Februar 1829 in einer Gruppe von nicht weniger als 30 Galoppaden veröffentlicht und sind unter dem Titel „Lieblings-Galoppen“ als Nr. 24 erschienen. In diesem Bündel, das auf den Markt geworfen worden ist, befanden sich Werke von14 Komponisten. Darunter waren als Nr. 9 der „Carolinen-Galopp“ von Strauß, als Nr.10 der „Grätzer-Galopp“ des indessen verstorbenen** Franz Schubert, als Nr. 16 der „Damen-Galopp“, als Nr. 18 der „Osagen-Galopp“, als Nr. 23 der „Lager-Galopp“ und als Nr. 28 der „Hollabrunner-Galopp“ von Joseph Lanner. Johann Strauß war ferner in der Sammlung mit dem „Kettenbrücke-Galopp“, sowie den späteren Werken „Hirten-Galopp“ „Wettrennen-Galopp“ und „Tell-Galopp“ präsent.

           

Offenbar genügte dem geschickten Verleger Tobias Haslinger diese nicht gerade sorgfältige Publikation der beliebten und in den Tanzsälen damals unverzichtbaren Galoppaden. Es folgten übrigens noch weitere Serien „Lieblings-Galoppe“. Kostspielige Einzelausgaben lohnten sich wohl nicht. Im Jahre 1840 wurde die Publikation von Galoppaden eingestellt.

 

* Die Seeschlacht von Navarino (Pilos) ereignete sich am 23. Juli 1827. Der Sieg einer französisch-britischen Flotte über ein türkisches Geschwader entschied die Unabhängigkeit Griechenlands.

 

** Franz Schubert ist am 28. November 1828 gestorben

 

[13] II. Lieferung der Kettenbrücke-Walzer [op. 19]

 

Johann Nestroy hat einmal sinngemäß gesagt: „Es ist nicht viel los mit den 2. Teilen. Das ist eben so.“ Das galt übrigens auch für seine Posse: „Die Familien Leim, Zwirn und Knieriem“. Sie konnte den Erfolg seines Meisterwerkes „Lumpacivagabundus“, dessen Fortsetzung sie war, nicht wiederholen. Das trifft freilich nicht nur für Theaterstücke zu. Auch die „II. Lieferung der Kettenbrücke-Walzer“ von Johann Strauß, die der Verleger Tobias Haslinger am 8. Mai 1829 herausgab, erreichte die Popularität des „Kettenbrücke-Walzers“, op. 4, aus dem Jahre 1828 nicht.

           

Die als op. 19 eingereihte Walzerpartie ist gewiss interessant. Die feierliche Introduction ist knapp, präzise und macht auf den 1. Walzer neugierig. Aber gerade dieser Teil der Komposition tändelt in schroffem Gegensatz zur Einleitung dahin und erst Walzer 1b gewinnt an Kontur und Schwung. Walzer 2 ist wieder fast elegisch („dolce“). Amüsant ist die „Conversation“ des Posthorns mit den Streichern im Walzer 3, aber erst im Walzer 5 wird die bisher zumeist strikt eingehaltene Gliederung in zweimal achttaktige Melodien aufgegeben. Der erste Teil bietet 16 Takte. Dafür besteht der ganze 6. Walzer ebenfalls nur aus 16 Takten, die wiederholt werden.

           

Interessant ist die Coda. Sie beginnt wieder resolut, erinnert sich dann an den 4. Walzer und lässt das Motiv dessen ersten Teiles ganz leise ausklingen. Ob die Tänzerinnen und Tänzer auf diesen unkonventionellen Schluss mit Wehmut darüber, dass der Tanz schon aus ist,* reagiert haben, ist nicht überliefert. Es ist auch nicht zu ermitteln, wann und wo die „II. Lieferung der Kettenbrücke-Walzer“ aufgeführt worden ist. Johann Strauß war auch im Fasching und im Sommer 1828 noch Kapellmeister im Saal „Zur Kettenbrücke“ in der Leopoldstadt. Daher ist die erste Aufführung des Werkes in diesem Gasthaus wahrscheinlich. Ein Datum kann nicht angegeben werden.

 

* Max Schönherr und Karl Reinöhl. Johann Strauß, Universal Edition, 1954

 

Franz Mailer


Close the window