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8.225284 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 8
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Johann Strauß-Vater Edition, Folge 8

 

[Track 1] Tausendsapperment-Walzer op. 61

Im Karneval des Jahres 1833 war in Wien die Tanzlust besonders rege. Nach dem Zeugnis des Verfassers der volkstümlichen „Hans Jörgel-Briefe“ war allein schon die große Zahl der Anschlagzettel verwirrend, auf denen die Bälle in den Etablissements der Kaiserstadt an der Donau angekündigt wurden.

Trotzdem hat sich Johann Strauß etwas Neues ausgedacht, um das Interesse des Publikums an seinem Benefiz-Ball am 13. Februar 1833 im „Sperl“ in der Leopoldstadt noch zu steigern. Er hatte einen neuen Walzer geschrieben und lud alle Ballgäste ein, für dieses Werk einen Titel zu finden. Der Einfall erwies sich als überaus wirksam. Strauß konnte sich über regen Zuspruch freuen. Alle Räume des „Sperl“ waren überfüllt und im großen Tanzsaal herrschte ein solches Gedränge, daß kaum ein Drittel der Tanzlustigen genügend Raum fand, um sich ím heiteren Kreise hinlänglich zu bewegen.

Beim Eintritt in das Etablissement hatte jeder Besucher einen Zettel erhalten und war ersucht worden, darauf einen Titel für den Widmungswalzer des Musikdirektors Johann Strauß zu schreiben. Diese Zettel wurden in einer Truhe verwahrt. Gegen Mitternacht ist der Walzer zum ersten Male vorgetragen worden. Als die bereits recht umfangreiche Coda zu Ende war, wurde die Truhe geöffnet. Ein Mädchen holte mit verbundenen Augen einen Zettel heraus. Auf diesem stand zur allgemeinen Verblüffung: „Tausendsapperment-Walzer“.

Obwohl die Gäste sofort Einspruch gegen diesen für einen anmutigen Wiener Walzer nicht recht passenden Titel erhoben und andere Bezeichnungen vorschlugen, hielt Johann Strauß an dem vorgeschlagenen Titel fest und ließ das neue Werk eben unter dem Namen „Tausendsapperment-Walzer“ im Verlag Tobias Haslinger als op. 61 im Druck erscheinen.

Als Joseph Lanner das Beispiel seines einfallsreichen Rivalen Johann Strauß nachahmte und ebenfalls eine Titelwahl veranstaltete, hatte er mehr Glück. Für seinen neuen Walzer, den er am 18. Februar im „Römischen Kaiser“ vortrug, wurde der hübsche Titel „Blumen der Lust“ ermittelt. Den konnte er getrost seinem Opus 73 geben.

[Track 2] Ballnacht-Galopp op. 86

Am selben Tag, an dem der „Reise-Galopp“ erschienen ist, also am 15. Februar 1836, veröffentlichte der Verleger Tobias Haslinger auch den „Ballnacht-Galopp“ von Johann Strauß. Die Themen dieses ebenfalls recht kunstlosen, aber doch sehr effektvollen Werkes hat der Komponist wohl den Motiven der Oper „Die Ballnacht“, mit der Musik von Daniel-François-Esprit Auber ursprünglich „Gustave III. ou Le Bal Masque“ (Uraufführung am 27. Februar 1833 in der Grand Opéra Paris) nachgebildet. Die Oper „Die Ballnacht“ wurde ab 26. September 1835 im k. k. Hof-Operntheater nächst dem Kärntnertor gespielt.

Johann Strauß hat also wieder einmal sehr rasch gearbeitet und die aus dem Opernhaus bekannten Motive den Besuchern seiner Bälle aufgespielt. Der „Ballnacht-Galopp“ war wohl eine Gelegenheitskomposition für die Ballsaison 1836. Später wurde der Galopp nur noch selten gespielt.

[Track 3] Der Frohsinn, mein Ziel. Walzer op. 63

Beim Sophienfest am 16. Mai 1833 konzertierte Johann Strauß auf dem Tivoli. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Das Etablissement auf dem Grünen Berg konnte einen Massenbesuch registrieren. Es war eine ideale Gelegenheit für Strauß, seinen neuesten Walzer zu präsentieren. Er gab dem Werk den Titel „Frohsinn, mein Ziel“ und bekräftigte mit dieser Bezeichnung das Motto, das für sein gesamtes Wirken als Komponist und als Musikdirektor maßgebend war. Es war ja stets sein Ziel, Frohsinn zu schaffen und zu verbreiten. Er hat dieses Ziel auch stets erreicht, sogar im Krisenjahr 1848, als er mit seinem Walzer „Sorgenbrecher“ op. 230 im Fasching, kurz vor dem Ausbruch der März-Revolution die damals sehr großen Sorgen der Wiener Bevölkerung linderte und sein Ziel, Frohsinn zu verbreiten, einmal mehr erreichte.

Am 16. Mai 1833 half ihm das Rahmenprogramm des Festes auf dem Tivoli, seinem Motto gerecht zu werden. Nach der Uraufführung seines Walzers flogen transparente Ballons über dem Grünen Berg auf und entschwebten in den Nachthimmel. Aber Strauß hätte eigentlich eine derartige Hilfe gar nicht gebraucht. Sein Walzer begeisterte das zahlreiche Publikum des Sophienfestes, das natürlich eine Feier für Erzherzogin Sophie war, also für die Gattin Erzherzog Franz Carls und Mutter der Söhne Franz Joseph und Carl Ludwig.

Der Widmungswalzer von Johann Strauß hatte es nicht nötig, mit allzu großem Aufwand an musikalischen Effekten aufzutrumpfen. Das Werk erreichte sein Ziel durch eine feierliche Introduction (Andante) und einen zunächst leisen, wiegenden ersten Walzer, dem allerdings eine überaus kraftvolle Fortsetzung folgte. Diese geballte Energie, die der damals bereits von Richard Wagner und bald darauf auch von Heinrich Laube als „Dämon“ charakterisierte Johann Strauß dem Publikum vermittelte, zwang die Paare geradezu magisch zum Tanzen. Dem kecken fünften Walzer folgte eine ausgedehnte Coda, in der die effektvollsten Teile des Werkes noch einmal zitiert wurden. Unmittelbar vor den kraftvollen Schlußakkorden ließ Strauß Trompete und Horn einen winzigen Jodler ausführen.

Natürlich waren die Zuhörer von dem neuen Walzer „Frohsinn, mein Ziel“ von Johann Strauß begeistert. Als sie nach Schluß des Festes auf dem Tivoli den weiten Heimweg antraten, haben es wohl viele Besucher bedauert, daß Johann Strauß nicht mehr ständig in diesem Etablissement spielte. Aber die Glanzzeiten des „Tivoli“ waren vorüber und es ging fortan nicht nur für die Wägelchen abwärts, die den Grünen Berg hinunter rollten, sondern auch für das Unternehmen. Aber das galt nicht für Strauß. Seine Glanzzeit stand noch bevor, sein Ruhm vermehrte sich weiter und verbreitete sich stetig über die Grenzen der Donaumonarchie hinaus. Strauß schuf sich noch die Gelegenheit, Frohsinn auch in Deutschland und später in Holland, Frankreich und England zu erreichen.

[Track 4] Paris-Polka, ohne op.
Dedicated to H. Willis Esq

Die „Paris-Polka“ von Johann Strauß ist im Jahre 1841 vom Verleger R. Cocks & Co. in London publiziert worden. Die Klavierausgabe des Werkes hatte den Innentitel „Pariser-Polka on English Airs“. Auf dem Titelblatt der Ausgabe ist vermerkt, daß bei diesem Verleger bereits zahlreiche Kompositionen von Johann Strauß bis zu den Walzern „Die Tanzmeister“ op. 135 (Uraufführung beim Katharinen-Ball im „Sperl“ am 24. November 1841) und „Stadt- und Landleben“ op. 136 (Uraufführung bei einem Gartenfest im „Sperl“ am 5. Juli 1841) erschienen waren. Wie aus einem Brief hervorgeht, den Johann Strauß am 20. April 1839 an den Pariser Verleger Maurice Schlesinger geschrieben hat, hatte er sich vor seiner Abreise nach Frankreich und England im Oktober 1837 das Recht vorbehalten, in Paris und London für seine neuen Werke einen Verleger zu wählen. Von diesem Recht hat er dann offenbar Gebrauch gemacht.

Eine Aufführung des gewiß interessanten, aber nicht sensationellen Werkes ist nicht bekannt geworden. Daß es sich um eine Komposition von Johann Strauß handelt, wird dadurch bezeugt, daß eine Original-Partitur des Werkes in der Musikabteilung der Wiener Stadt-und Landesbibliothek aufgefunden wurde. Das hat die vorliegende erste Aufführung der „Paris[er]-Polka“ ermöglicht.

Interessantes über die Entstehungsgeschichte des Werkes verdankt man dem englischen Strauß-Forscher Peter Kemp. Er hat Folgendes ermittelt: „Die fröhliche Eröffnungsmelodie der Polka kommt aus „The Plough Boy“ von Willam Shield (1787). Die Melodien der beiden Trios der Polka sind Liedern aus „The Beggar’s Opera“ („Die Bettler-Oper“) von John Christopher Pepusch aus dem Jahre 1728 entnommen. (Die Uraufführung des populären Werkes hat am 9. Februar 1728 in London stattgefunden.)“ Das mag für das Verständnis dieser interessanten Komposition von Johann Strauß genügen.

[Track 5] Robert- Tänze op. 64 nach beliebten Motiven aus Meyerbeers Oper „Robert der Teufel“

Am 29. Juli 1833 feierte Johann Strauß einen der größten Erfolge seiner verhältnismäßig kurzen Laufbahn als Musikdirektor. Am Abend dieses Tages veranstaltete er ein Fest zusammen mit seinem Freund und Berater (heute könnte man sagen: Manager) Carl Friedrich Hirsch, genannt „Lamperl-Hirsch“, weil er es verstand, mit den bescheidenen Möglichkeiten einer Zeit, in der es weder Gasbeleuchtung noch elektrisches Licht gab, zauberhafte Lichteffekte zu erzeugen. Sein Können bewies er nie eindrucksvoller als bei dem Fest im k. k. Augarten am Abend des 29. Juli 1833. Johann Strauß veranstaltete ein Sommerfest zu seinem Vorteil mit dem anspruchsvollen Titel „Eine Nacht in Venedig“. Der „Lamperl-Hirsch“ nahm die Herausforderung an, eine Fassade, die an Venedig erinnern konnte, in den k.k. Augarten zu zaubern. Die Bilder von diesem Fest wurden so berühmt, daß man sie später immer wieder reproduzierte. Man sieht darauf eine von zahlreichen Lichtern gebildete Fassade, die von zwei von Flammenkränzen umwundenen hohen Säulen unterbrochen wurde. Oben auf den Säulen waren ein geflügelter Löwe und ein Standbild des heiligen Leopold angebracht. Sie konnten, den guten Willen des Betrachters vorausgesetzt, Venedig symbolisieren.

Den Besuchern genügte und imponierte diese Kulisse, vor der das von Johann Strauß temperamentvoll geleitete Orchester aufgestellt war. Die Musik war an diesem Abend fast nebensächlich. Aber die „Robert-Tänze“ nach Motiven der Oper „Robert der Teufel“ waren ein sehr interessantes und wichtiges Werk. Giacomo Meyerbeers Oper, die am 21. November 1831 in der Pariser Grand Opéra uraufgeführt worden war, konnten die Wiener seit dem 20. Juni 1833 im Theater in der Josefstadt kennen lernen. Johann Strauß war mit seinen „Robert-Tänzen“ wieder sehr rasch zur Stelle. Daß Meyerbeers Oper auch in Wien sehr erfolgreich war, kam den „Robert-Tänzen“ von Johann Strauß zugute.

Strauß hat seine Zitate sehr klug gewählt. Die Nr. 1 der Tänze samt der kurzen Einleitung sind dem 2. Air de ballet entnommen. Dann verwendete er die Romanze „Eh ich die Normandie verlasse“ (selbstverständlich im 3/4- Takt). Benützt wurden ferner die Duette „In dem Wechsel nur ist Leben“ und „Fürchte meine Wuth“ sowie der Höllen-Walzer „Dämonen, Phantome“ mit effektvollen Akzenten auf dem dritten Viertel. Eine ausführliche Coda schließt das Werk ab.

Daß diese Tänze ebenso erfolgreich waren wie Meyerbeers Oper versteht sich von selbst. Sie blieben lange Zeit im Repertoire der Strauß-Kapelle und sind auch heute noch willkommen.

[Track 6] Marianka-Polka, ohne op.-Zahl

Unter den fünf Polkatänzen, die in der Wiener Stadt- und Landesbibliothek in Abschriften der Orchesterstimmen durch einen Kopisten aufbewahrt werden, befindet sich auch diese Polka. Sie hat wie die anderen Kompositionen dieser Serie folgende Orchester-Besetzung: eine Flöte, eine Oboe, zwei Hörner, eine Trompete sowie erste und zweite Geigen und Violoncello.

Die Polka steht in D-Dur, bietet nach einer viertaktigen Introduktion die traditionelle Gliederung und wird mit einer kurzen Coda abgeschlossen. Obwohl das Werk die für die späteren Polka-Kompositionen von Johann Strauß- Vater typischen Merkmale aufweist, zweifelte der bekannte Strauß-Forscher Max Schönherr daran, daß es sich bei diesem Werk um eine Original-Komposition dieses Komponisten handelt (Im Jahrhundert des Walzers, Verlag Universal-Edition, Wien 1954).

Die fünf Polkatänze, die der Kopist mit dem Datum 1. Sepember 1841 versehen hat, sind nämlich nicht identisch mit der berühmten „Marianka-Polka“ op. 123, die am 1. Juni 1845 bei einem Ball in Unger’s Casino in Hernals zum ersten Male aufgeführt worden ist und am 23. Juni 1845 im Verlag Tobias Haslingers Witwe & Sohn herausgeben wurde.

Da Johann Strauß-Vater niemals einen Werktitel zweimal verwendet hat, ist der Zweifel des Strauß- Fachmanns wohl berechtigt. Dennoch ist es interessant, auch dieses Werk einmal kennenzulernen.

[Track 7] Elisabethen-Walzer op. 71
Ihrer königlichen Hoheit der durchlauchtigsten Frau Elisabeth Louise Kronprinzessin von Preußen, geborne Königliche Prinzessin von Baiern etc. etc. in tiefster Ehrfurcht gewidmet

Als Johann Strauß seinem Opus 71 den Titel „Elisabethen-Walzer“ gab und das anmutige Werk der Kronprinzessin von Preußen, Elisabeth Louise, der Gattin des künftigen Königs Friedrich Wilhelm IV., widmete, wußte er gewiß schon, daß er im November 1834 eine Tournee in die Metropole Preußens antreten würde. Bei der ersten Aufführung des „Elisabethen-Walzers“ am 26. Juni 1834 beim „Nächtlichen Sommerfest“ in Dommayers Casino in Hietzing ahnten wohl auch seine Freunde bereits, warum das neue Werk der Kronprinzessin Elisabeth Louise gewidmet worden war. Strauß bereitete sein erstes Gastspiel in Berlin eben besonders sorgfältig vor. Erst viel später wurde in einem Buch behauptet, die Reise des 30-jährigen Wiener Musikdirektors im November 1834 sei eine „Flucht nach Berlin“ gewesen. Davon konnte natürlich keine Rede sein.

Viel interessanter und wichtiger war, daß Johann Strauß das damals bereits berühmte und von der noblen Gesellschaft gern besuchte Casino Dommayer in Hietzing seinem sich rasch erweiternden „Imperium“ hatte eingliedern können. Er löste dort Joseph Lanner ab.

Bei dem „Nächtlichen Sommerfest“ am 26. Juni 1834 waren der Salon und die Gartenanlagen bei Dommayer bis auf den letzten Platz besetzt. Der Rahmen der Uraufführung war also des neuen Walzers würdig.

Der „Elisabethen-Walzer“ gehört zweifellos zu den besten Werken von Johann Strauß in den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts. Das Werk, das nach einer opernhaften Introduction mit einer weit ausschwingenden Walzermelodie beginnt, blieb noch in späteren Jahren im Repertoire der Kapelle und wurde auch von seinem Sohn Johann wiederholt aufgeführt. Das hat dieser Walzer auch verdient.

[Track 8] Militär-Quadrille, ohne op.-Zahl

Dieses interessante Werk, das ebenfalls in der Wiener Stadt- und Landesbibliotek – leider nicht als Autograph des Komponisten, sondern nur in der Abschrift eines Kopistenerhalten ist, steht nach einem flotten Beginn nicht auf dem Niveau der ersten im Verlag Tobias Haslinger herausgegebenen Quadrille, der „Wiener Carnevals- Quadrille“, die am 21. Januar 1840 im „Sperl“ zum ersten Male vom Komponisten als Vorgeiger seiner tüchtigen Kapelle vorgetragen worden ist.

Es besteht daher auch bei diesem Werk der nicht unbegründete Verdacht, daß es sich nicht um eine Original- Komposition handelt, sonden daß die Quadrille untersgeschoben worden ist. Diese Praxis ist von den Fachleuten schon bei Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart nachgewiesen worden. Unter dem Namen eines berühmten Meisters waren neue Werke leichter zu verwerten. Daß im zweiten Teil des Finales der Quadrille, das seinerzeit berühmte Lied „Latour, der erste Grenadier Frankreichs“ verwendet worden ist, spricht nicht gegen diese Annahme. Dieses Lied war ja auch dem Kopisten bekannt. Aber als Werk aus dem Wiener Biedermeier ist diese Quadrille immerhin kennenswert.

[Track 9] Cotillons nach beliebten Motiven aus der Oper „Der Zweykampf“ op. 72

Die komische Oper „Le pré aux clercs“ mit der Musik von Louis Hérold wurde am 15. Dezember 1832 an der Opéra comique in Paris uraufgeführt. In Wien ist das amüsante Werk unter dem Titel „Der Zweykampf oder Die Schreiberwiese“ seit 17. Oktober 1833 im Theater in der Josephstadt gespielt worden. Johann Strauß reagierte auf den Erfolg mit seinen „Cotillons“ op. 72, die am 26. Juli 1834 vom Verlag Tobias Haslinger herausgegeben wurden. Die Uraufführung der Cotillons ist wohl im Fasching 1834 erfolgt.

Das Werk besteht aus Nr. 1 mit Trio, Nr. 2 bis 5 und einer 78 Takte umfassenden interessanten Coda. Es dürfte sich nicht lange behauptet haben. Nach dem Jahr 1834 scheint es nicht mehr in den Programmen auf. Aber man hört es doch immer wieder gern. Es bietet einen prächtigen Eindruck von der Musik in den Jahren des Biedermeier.

[Track 10] Versailler-Galopp op. 107

Johann Strauß hat bei seiner Konzertreise nach Frankreich in den Jahren 1837 und 1838 nicht in Versaille konzertiert, aber wahrscheinlich einen Ausflug in das Städtchen im Umkreis von Paris unternommen. Das historische Schloß und der herrliche Park (heute Weltkulturerbe) waren auch damals berühmt und jedenfalls einen Besuch wert. Es ist wahrscheinlich, daß sich Johann Strauß an diesen Ausflug erinnert hat, als er entweder noch in Frankreich oder zu Beginn des Jahres 1839 in Wien den Galopp komponierte. Das Werk wurde zum ersten Male am 16. Februar 1839 in der „Theaterzeitung“ erwähnt. In dem Artikel heißt es: „Johann Strauß hat uns bisher mit vier neuen Kompositionen erfreut. Es sind dies die Walzer „Freuden-Grüsse“ und „Exotische Pflanzen“, der „Boulogner“ und der „Versailler-Galopp“. Es ist schwer, einer dieser Compositionen den Vorzug zu geben, denn sie entfalten eben dieselbe Fülle von lieblichen Gedanken, wie man sie auch in den früheren Compositionen von Strauß findet.“

Leider sind Tag und Ort der Uraufführung des Versailler-Galopps nicht angegeben. Es steht nur fest, daß das Werk am 10. April 1839 im Verlag Tobias Haslinger erschienen ist. Der „Versailler-Galopp“ ist allerdings weniger lieblich als temperamentvoll. Nach vier Takten (mit Auftakt) beginnt eine feurige Melodie, die im zweiten Teil des Galopps noch lebhafter wird. Diese Gliederung ist auch im Trio vorhanden. Die Coda wiederholt den ersten Teil des Galopps und schließt mit kraftvollen Motiven. Johann Strauß hatte trotz der Strapazen der ausgedehnten Reise, von der er erschöpft zurückgekehrt war, nichts von seiner Energie und Schaffenskraft verloren.

[Track 11] Rosa-Walzer op. 76
Ihrer Durchlaucht der regierenden Frau Fürstin Esterházy von Galantha, in tiefster Ehrfurcht gewidmet

Am 26. Juni 1834 fand im Schloß Esterhazy in Eisenstadt die Übernahme der Geschäfte in der Herrschaft der Fürsten Esterházy von Galantha durch Fürst Paul Anton und Fürstin Rosa statt. Der Fürst folgte seinem am 25. November 1833 in Como gestorbenen Vater Nikolaus in allen Ämtern nach. Drei Monate später, am 22. September 1834 fand das Schauspiel eine großartige Fortsetzung. Der gesamte Adel der ungarischen Nation war versammelt, um der feierlichen Installation des Fürsten beizuwohnen. Den Pomp der Kirche entfalteten die Bischöfe, Äbte und Prälaten der Region. Die Bevölkerung von Kismarton – das war der ungarische Name von Eisenstadt – war ebenfalls in Scharen erschienen.

Um drei Uhr nachmittags wurde eine festliche Tafel im Schloß geboten. Für 400 Personen war im großen Saal gedeckt, für weitere zweihundert im kleinen Saal. Da in der Familie Esterházy die Erinnerung an die Zeit noch nicht verblasst war, in der Joseph Haydn in Eisenstadt gewirkt hatte, war auch für ein musikalisches Programm gesorgt worden. Allerdings hatten sich die Zeiten geändert. Symphonien und Tafelmusiken waren nicht mehr aktuell. Fürst und Fürstin hatten daher die Kapelle des Infanterieregiments Wasa eingeladen und – als besondere Überraschung – Johann Strauß mit seinen Musikern. Die beiden Ensembles standen einander – so berichtete ein Redakteur der „Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode“ – im Wettstreit gegenüber.

Johann Strauß hatte als Präsent eine Komposition mitgebracht, welcher der Kapellmeister im Regiment Wasa, Joseph Resnitschek, nichts Gleichwertiges an die Seite stellen konnte. Das Werk hatte den Titel „Rosa-Walzer“, war also, wie die am 20. Januar 1835 im Verlag Tobias Haslinger erschienene Erstausgabe des Werkes bekanntgab, der regierenden Fürstin Rosa Esterházy gewidmet. Der Walzer dürfte am Nachmittag des 22. September 1834 im Schloß in Eisenstadt, das heute noch besteht, zum ersten Male erklungen sein. Die Wiener bekamen den „Rosa- Walzer“ am 26. Oktober 1834 im „Sperl“ anläßlich eines Bürger-Armen-Balles zu hören.

Das Werk hat nur eine ganz kurze Introduction. Johann Strauß legte sofort mit einem anmutigen Walzer los. Interessant ist die Verwendung eines Posthorns im Walzer Nr. 4. Vielleicht sollte das eine Anspielung auf die Anreise nach Eisenstadt sein, die wohl einige Stunden in Anspruch genommen hatte. In der umfangreichen Coda überrascht ein Ges-Dur-Sextakkord vor einer zweitaktigen Pause, die für eine letzte Spannung vor dem raschem Schluß sorgt. Strauß war bereits souverän beim Einsatz der Mittel, um eine möglichst große Wirkung zu erzielen.

[Track 12] Gitana-Galopp op. 108

Wie Johann Strauß hat auch Joseph Lanner einen „Gitana-Galopp“ (op. 142) komponiert. Beide Komponisten haben eine original spanische Zigeunermelodie verwendet, die Fanny Elssler in dem Ballett „La Gitana“ getanzt hat. Nach dem Urteil der Zeitgenossen, die beide Werke gehört haben, war Strauß mit seinem Galopp erfolgreicher. Ob anläßlich der Veröffentlichung des „Gitana-Galopps“ von Johann Strauß am 14. Mai 1839 im Verlag Tobias Haslinger eine Besprechung des Werkes erschienen ist, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen, da die Quellen über die Vorgänge in dieser Zeit nicht vollständig erhalten sind. Das Ballett „La Gitana“ wurde am 8. Dezember 1838 in St. Petersburg aufgeführt. Die Musik des Balletts war also sehr rasch auch in Wien bekannt geworden.

Der „Gitana-Galopp“ von Johann Strauß bringt nach einer kurzen und ganz schlichten Einleitung ein Zitat der Originalmelodie aus dem Ballett „La Gitana“, in dem Fanny Elssler mehrfach aufgetreten ist. Die Coda, die Strauß komponiert hat, ist rassig und sehr effektvoll. Das Trio wiederholt im zweiten Teil nicht das Zitat aus „La Gitana“, sondern bringt die darauf folgende Originalmelodie von Johann Strauß. Erst das Finale bringt noch einmal die Reprise des ersten Teils und schließt mit einem rasanten Ausklang. Ein Meisterwerk war entstanden, das später oft aufgeführt wurde und auch heute noch immer wieder erklingt wird.

Franz Mailer


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