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8.225294 - HOMS: Piano Sonata No. 2 / Presences / 9 Sketches
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Joaquim Homs (1906-2003)
Klaviermusik Folge 3

Diese dritte und letzte Folge des von Jordi Masó eingespielten Klavier-Gesamtwerks von Joaquim Homs ist weitaus mehr als eine bloße Fortsetzung der ersten beiden Folgen und sticht in mehrerlei Hinsicht als die interessanteste unter den dreien hervor. Da gibt es sowohl reizende Miniaturen als auch Werke substantielleren formalen Aufbaus zu entdecken; es wird das Früh- und das Spätwerk repräsentiert; es erklingen Transkriptionen von ursprünglich für andere Instrumente geschriebenen Kompositionen und Originalwerke für Klavier, sowie Musik für Klavier zu zwei und zu vier Händen; man erlebt Augenblicke warmer Leidenschaft und Momente tiefster Bitterkeit, hört Stücke von populärem Gusto und solche von akademischer Strenge; neben klarem, beherrschtem Expressionismus gibt es zaghafte Nachklänge des Neoklassizismus, und neben Werken, die bereits veröffentlicht vorliegen, erklingen Revisionen unveröffentlichter Manuskripte, Stücke, die mit Preisen ausgezeichnet wurden und Stücke, die hier nun erstmals erklingen. Kurz: Es ist dies eine treffliche Auswahl, die diese Edition zu der bis dato repräsentativsten macht, und zwar nicht allein, was das Klavierwerk des katalanischen Komponisten betrifft, sondern auch im Hinblick auf dessen Gesamtwerk. Da die Einführungstexte zu den vorangegangenen Folgen bereits die Homs’ Klavierwerken innewohnenden Charakteristika umschrieben haben, beschränken wir uns im folgenden darauf, kontextuale Bezüge zu den Rahmenbedingungen der hier eingespielten Werke aufzuzeigen.

Die Drei Sardanas (1951) für Klavier zu vier Händen entstanden ursprünglich für eine Cobla, jenes kleine volkstümliche Instrumentalensemble aus Bläsern und Schlagwerk, das die Musik für die Sardana, den traditionellen katalanischen Tanz, spielt. Eingedenk der katalanischen Wurzeln des Komponisten also ein äußerst sinnträchtiger Einstieg. Und selbst ohne jedes Vorwissen um die zum volkstümlichen Liedgut gehörenden Melodien erkennt man doch sofort den charakteristischen Rhythmus der Sardana und die Essenz dieses katalanischen Tanzes. Die inspirierten Melodien bleiben uns schon nach einmaligem Hören deutlich in Erinnerung, und obwohl sich die Tänze eindeutig in einem tonalen Rahmen bewegen, lassen die gelegentlichen Dissonanzen doch die Tendenz des Komponisten erkennen, die starren Grenzen des harmonischen Systems zu überwinden. Dass die drei Stücke erst relativ spät, nämlich 1998 uraufgeführt wurden, ist etwas, was Homs häufiger erleben musste – und oft kam es sogar nicht einmal zu einer Uraufführung. Beim Andante für Klavier zu vier Händen (1940) handelt es sich um die reduzierte Bearbeitung eines früheren Werkes, dem Andante aus seinem Bläserquintett Nr. 1. In unserem Zusammenhang fällt jedoch vor allem der serielle Charakter des Werkes auf. Freilich verwendet Homs diese Technik stets frei, flexibel und auf eine sehr persönliche Weise. Wie oft bei Homs, bestimmt bereits die Metrik der ersten Takte Artikulation und Intervallstruktur des gesamten Werkes.

Das erste vollständige Werk, das Homs selbst katalogisiert hat, sind die Nou apunts per a piano (Neun Skizzen für Klavier) von 1925/26. Die neun kurzen Stücke wurden durch Texte von Sebastià Sànchez-Juan (die ersten sechs sowie das neunte), Joan Salvat-Papasseit (das siebte) und Rabindranath Tagore (das achte) inspiriert. Obwohl es sich um instrumentale Sätze für Klavier handelt, sind die Gedichte jeweils unter den musikalischen Verläufen abgedruckt. Sie dienen dem Interpreten allerdings lediglich als Inspiration und sind nicht für Gesang oder Rezitation vorgesehen. Dieser knappe Zyklus ist besonders repräsentativ, da er eine Schlüsselposition in Homs’ Entwicklung einnimmt, der als einziger Schüler von Robert Gerhard – einem direkten Schüler Schönbergs – ja gewissermaßen direkt von der Quelle der Zweiten Wiener Schule gespeist wurde. Die Skizzen offenbaren deutlich, wie sehr Homs als Komponist seiner Zeit voraus war.

Bei der weit von der klassisch-romantischen Tradition entfernten Klaviersonate Nr. 2 (1955) hatte Homs für einmal das Glück, dass das Werk nur wenige Monate nach der Aufführung in Barcelona durch Jaume Padrós als deutsche Erstaufführung auch in Ulm (Baden- Württemberg) erklingen konnte. So nahm man den Komponisten wieder einmal außerhalb seines Heimatlandes wahr, was sich ansonsten durchaus nicht nur auf die drei von der IGNM (Internationale Gesellschaft für Neue Musik) organisierten Festivals beschränkte, an denen er als Repräsentant Spaniens auftrat, nämlich in Paris (1937), Warschau (1939) und Stockholm (1956). Diese zweite (und zugleich letzte) Sonate besteht aus drei Sätzen, in denen der musikalische Verlauf sich auf der beständigen Rotation einer Reihe von zwölf unterschiedlichen Noten gründet. Die dazu korrespondierenden Umkehrungen und Krebse treten sowohl vertikal als auch horizontal auf. Dass der zweite Satz nicht mit Variationen sondern Derivationen überschrieben ist, hat seinen guten Grund, wie man der Korrespondenz zwischen Homs und seinem Lehrer und Freund Gerhard entnehmen kann. Gerhard meinte, dieser Terminus beschreibe „bedeutend treffender die intellektuelle Haltung der seriellen Technik“ als der im Klassizismus aufgekommene Begriff der Variation, „der zu einem gewissen Grad naturgemäß ein Moment der Wiederholung“ impliziere.

Die Toccata (1948) wird nun berechtigterweise der Vergessenheit entrissen. Das auf liniertem Papier geschriebene Manuskript, das vom Zahn der Zeit gezeichnet und schwer zu entziffern ist, verbirgt keineswegs die unter nicht wenigen expressionistischen Kompositionen durchaus charakteristische Bewunderung für die Musik Bachs. Und so hebt sich denn dieses Werk in ganz wunderbarer Weise ab von Homs’ übrigem Klavierwerk. Basierend auf einer kontrapunktischen Figur zeigt sich in seiner ganz eigenen Musiksprache erneut die Beherrschung jenes Instrumentes, das er neben seinem akademischen Titel als Cellolehrer im Selbststudium erlernt hat.

Diptychon II (1994) entstand als Prüfungsstück für den zehnten Klavierwettbewerb der Stadt Berga (Barcelona). Der Auftrag sorgte für Beschäftigung – Homs empfand das Komponieren aufgrund ernster Augenprobleme bereits zunehmend als schwierig –, und zudem war wenigstens die Uraufführung garantiert. Aus dem gleichen Grund gelangte auch Record del Mar (Erinnerung an das Meer) von 1995 vor die Öffentlichkeit, als Auftrag für ein selbstfinanziertes Projekt von Cecilia Colien: ein Album mit zeitgenössischer spanischer und portugiesischer Klaviermusik. Tatsächlich sollte dieses Stück zu den letzten Seiten, die Homs beschrieb, gehören, zugleich aber auch zu den ersten seines letzten kreativen Arbeitsanfalls. Den Vals de suburbi (Vorstadt-Walzer) von 1931 verdanken wir Homs’ Angewohnheit, keines seiner Dokumente – unabhängig von der jeweiligen Bedeutung – wegzuwerfen. Das kleine, kaum eine Seite lange Stück, das man unter den groben Entwürfen in seinen privaten Dokumenten aufspürte, entpuppt sich dabei als charmantes Kuriosum.

Das letzte Werk dieser Folge ist nicht weniger als ein Scheitelpunkt in Homs Leben und Karriere als Komponist: Presències (Präsenzen) von 1967. Dem Andenken seiner Frau, der Malerin Pietat Fornesa gewidmet, destilliert es gleichsam das Gefühl tiefen und bitteren Schmerzes um einen geliebten Menschen. Die Komposition besteht aus sieben Teilen, die höchst intimer und emotionaler Natur sind, reflektieren sie doch die Erinnerungen an gemeinsam erlebte Momente, die man nicht vergessen kann. Die einzelnen Teile sollen dabei ohne Unterbrechung gespielt werden. Obwohl die Sätze keine Titel haben und auch nicht deskriptiv sein sollen, hat Homs als Orientierung für den Hörer angegeben, dass die ersten beiden Stücke für gemeinsam erlebte Momente an der See und in den Bergen stehen, Landschaften, die in einem relativ frühen Lebensabschnitt großen Eindruck auf ihn machten. Bezieht sich das dritte Stück ganz einfach auf einen Traum, so kündet das vierte vom nahenden Tod. Das fünfte wechselt zwischen Schmerz, Zärtlichkeit und Hoffnungslosigkeit, das sechste erinnert sich eines letzten Traums und das siebte schließlich bezieht sich auf das Nachdenken über den Tod.

Musikalisch basieren die Sätze I, IV und VII auf der gleichen Zwölftonreihe, die jedoch sehr frei und sehr persönlich ausgeführt wird – beispielsweise wird die Sequenz erst nach einigen Takten vollständig vorgestellt. Die Sätze II-V und III-VI gründen sich auf zwei weitere Reihen, die durch verschiedene, durchaus übliche Techniken miteinander in Beziehung gebracht werden. Bewegte Abschnitte werden mit kurzen motivischen Zellen durchsetzt, bis dass ein klagend tiefer Ton erklingt, der an die Auflösung von Rhythmus und Melodie zu gemahnen scheint. Die verwendeten Reihen sind von vergleichsweise einfacher Struktur, und ihre Einheit beziehen sie weniger aus den bereits erwähnten seriellen Bezügen als vielmehr aus der vorherrschenden emotionsgeladenen Grundstimmung. Jeder der sieben Sätze dauert etwa drei Minuten, wobei die letzten vier sehr eng durch die abschließende Präsenz des Todes miteinander verwoben sind. Der zurückhaltende Expressionismus, den Homs hier anschlägt, transportiert hervorragend die gleichsam destillierte Atmosphäre dieses Meisterwerks des 20. Jahrhunderts, mit dem der Komponist in eine neue ästhetische Phase von einsamerer, introspektiverer Natur eintrat. Presències, das der Komponist Ramón Barce als ebenso schematisch wie tiefgründig und schön bezeichnet hat, wurde in der Orchesterfassung 1968 mit dem Premi Ciudad de Barcelona (Preis der Stadt Barcelona) ausgezeichnet.

Das hier aufgenommene Programm bietet eine gelungene Einführung in die ganz eigene Welt des Joaquim Homs.

Ignacio José Valdés Huerta
Deutsche Fassung nach der Übersetzung von Paul
Jutsum: Matthias Lehmann


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