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8.225306 - SPOHR, L.: String Quartets (Complete), Vol. 10 - Nos. 24 and 25 (Moscow Philharmonic Concertino String Quartet)
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Louis Spohr (1784–1859)
Quartett Nr. 24 in G-Dur op. 82 Nr. 2 (November 1828)
Quartett Nr. 25 in a-Moll op. 82 Nr. 3 (Februar 1829)

Das Komponieren von Streichquartetten zieht sich wie ein kontinuierlicher Faden durch Spohrs Leben. Das erste, op. 4, schrieb er mit etwas zwanzig Jahren, und mehr als fünfzig Jahre später war das Streichquartett Nr. 36 op. 157 sein letztes vollendetes groß angelegtes Werk. Dieses vielgestaltige Werkkorpus ist ein signifikanter Beitrag zur Quartettliteratur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, voll von Beispielen an harmonischen und melodischen Eigenheiten sowie Experimenten in Form und Metrum, die seine Zeitgenossen begeisterten.

Als Spohr 1784 geboren wurden, waren Haydns innovative Quartette op. 33 gerade einmal zwei Jahren veröffentlicht, und Mozart arbeitete, inspiriert von deren meisterhafter Ausführung, an seinen sechs Haydn gewidmeten Quartetten. In den folgenden paar Jahren schrieb Mozart seine letzten Quartette, während Haydn mit einer Reihe von Werken – beginnend mit op. 50 im Jahr 1787 – neue Höhen erklomm. Schließlich veröffentlichte Beethoven 1801 seine sechs Quartette op. 18.

In den formenden Jahren als Student und Kammermusicus in Braunschweig lernte Spohr dieses Repertoire, das er zusammen mit Werken weniger bedeutender Zeitgenossen in gut besuchten Kammerkonzerten spielte, kennen und lieben. Es übte einen nachhaltigen Einfluss auf seinen eigenen Beitrag zu diesem Genre aus. Seine Ergebenheit gegenüber Mozart blieb Zeit seines Lebens bestehen, und auch die Verehrung Haydns behielt er lebenslang bei. Trotz seiner viel zitierten Kritik an Beethovens späteren Werken gehörte er zu den frühesten Verfechtern der Quartette op. 18 in Norddeutschland und führte sie schon kurz nach ihrer Veröffentlichung auf. Sein Einsatz für diese Quartette auf der Konzertreise 1804 führte ihn sogar in Kontroversen mit einigen angesehenen Musikern. In Berlin bemerkte der gefeierte Cellist und Komponist Bernhard Romberg (1767–1841), nachdem er ihn für die Interpretation eines der Quartette gelobt hatte: „Aber, lieber Spohr, wie können Sie es aushalten, solch absurdes Zeug zu spielen?“

Spohrs Wirken als Violinvirtuose brachte ihn indessen auch in direkte Berührung mit einer völlig anderen Art von Quartett, die sein Schaffen tiefgreifend beeinflussen sollte: das so genannte Quatuor brillant oder Solo-Quartett. Als das Klavier noch nicht das universelle Begleitinstrument späterer Zeiten war, schufen viele Violinisten/Komponisten Stücke mit Streicherbegleitung, um so ein Repertoire zur Verfügung zu haben, mit dem sie ihre technische Brillianz auf Soiréen und bei anderen Anlässen unter Beweis stellen konnten, wenn kein Orchester zur Verfügung stand. Das Quatuor brillant, eine Art Kammerkonzert, war eine gleichsam natürliche Folge dessen. Auf seinen frühen Konzertreisen, als die Quartette Beethovens das Publikumsinteresse verfehlten, konnte er darauf bauen, mit dem Quartett Es-Dur op. 11 (1804) des vielbewunderten französischen Violinisten Pierre Rode (1774–1830) die Begeisterung der Zuhörer zu entfachen. Dieses Werk war, obwohl es nicht unter dem Titel Quatuor brillant veröffentlicht wurde, ein wichtiger Vorläufer dieses Genres.

Der Einfluss der Wiener Klassik wie auch der Violinvirtuosenmusik auf Spohrs Werke für Streichquartett ist evident. Die Virtuosentradition hat ihren Niederschlag in zwei Potpourris, zwei Folgen von Variationen mit Streichtrio-Begleitung – entstanden zwischen 1804 und 1808 – und in den acht Virtuosen- Quartetten – geschrieben zwischen 1806 und 1835 – gefunden. Spohrs erstem Quatuor brillant op. 11, das er in einem Brief an seinen Verleger Kühnel als „vom Rode-Typ“ bezeichnete, folgten fünf weitere, die unter demselben Titel veröffentlicht wurden. Alle haben drei Sätze – ohne Menuett oder Scherzo – und folgen damit ganz dem Muster von Rodes Prototypen. Ein siebtes, op. 30, trägt trotz seiner vier Sätze im Autograph die gleiche Bezeichnung. Das gilt auch für das als Grand quatuor veröffentlichte op. 27, Spohrs Autobiographie zufolge ein Solo-Quartett.

Spohr wusste sehr wohl um den grundlegenden Unterschied zwischen Solo-Quartett und „echtem“ Quartett – und so liegt die Betonung bei seinen übrigen 28 Quartetten auf dem Dialog zwischen den Instrumenten. Obwohl schwierige, ja virtuose Passagen oftmals der ersten Violine, zuweilen auch den anderen Instrumenten übertragen sind, sind sie doch geschickt der Gesamtgestaltung integriert, so daß der Schwerpunkt in der dialogartigen Ausformung von Motiven liegt. Für ihn stand technische Brillianz immer im Dienst höherer musikalischer Ziele. Spohrs Quartett- Werk als Ganzes ist eine bemerkenswert gelungene Synthese der klassischen und der virtuosen Seite in seiner musikalischen Seele.

Clive Brown
(Clive Brown ist ein international angesehener Kenner der Musik Spohrs und Autor von Louis Spohr: A critical biography. Cambridge University Press, 1984)

Spohr komponierte die drei Streichquartette op. 82 im Winter 1828/29, gegen Ende seines siebenjährigen Wirkens als Kapellmeister in Kassel. Nach Vollendung seiner Oper Pietro von Abano konzentrierte sich Spohr für längere Zweit auf das Komponieren von Instrumentalmusik, darunter einige seiner schönsten Werke wie das Doppelquartett Nr. 2 op. 77, die Sinfonie Nr. 3 op. 78, das Violin Concertino Nr. 1 op. 79 und das Klarinettenkonzert Nr. 4 WoO. 20. Die Arbeit an den Quartetten op. 82 begann im Oktober 1828; das zweite Quartett Nr. 24 in G-Dur vollendete er im November. Es ist ein allgemein gutmütiges, lebhaftes Werk, dessen tiefere Gedanken in den langsamen Satz verlegt sind. Im eröffnenden Allegro entwickelt Spohr die beiden Hauptthemen aus einem einzigen Kernmotiv – gleichwohl unterscheiden sich beide in Charakter und Ausgestaltung vollkommen. Das noble Thema im schönen Adagio in b-Moll mit seinem ausdrucksvollen Lamento ist den ganzen Satz hindurch präsent; es tritt im Cello in Erscheinung, verbunden mit untergeordnetem Material. Der Satz beruht gänzlich auf diesen Elementen und enthält keinerlei weitere. An die Stelle des traditionellen Scherzos oder Menuetts setzt Spohr ein Alla Polacca in e-Moll, dessen würdevoll-prächtige Polonaise im EDur- Trio um Anflüge von virtuosem Violinenspiel bereichert wird. Das eingängige, rasche Finale mit seinen drei humorvoll behandelten Themen wirkt orchestral. Tatsächlich könnte Mendelssohns Anweisung für die Spieler seines bekannten Oktetts auch hier gelten: „Dieses Stück muss von allen Instrumenten in einem sinfonischen Stil gespielt werden; die Pianos und Fortes müssen streng beachtet und klarer herausgearbeitet werden, als in Stücken dieses Charakters üblich.“ Am Ende scheint die Musik zu verklingen, doch nach einer kurzen Pause gibt es einen nachdrücklichen finalen Tusch.

Im dritten Quartett Nr. 25 in a-Moll, datiert auf Februar 1829, stellt Spohr die Stimmung des Vorgängers gleichsam auf den Kopf. Hier sind die beiden äußeren Sätze die ernsten, während die beiden inneren entspannter und melodischer sind. Das Allegro arbeitet mit nur einem Thema und folgt damit gewissermaßen Präzedenzfällen in einigen Quartetten Haydns. In den Worten Vaughan Williams’, als dieser in einer seiner Sinfonien einem Vorbild Haydns folgte: „What is good for the master is good for the man.“ Der elegische Ton des Themas, der üblicherweise dem traditionellen zweiten Thema übertragen ist, tritt mit dem Übergang von Moll zu Dur und der nachlassenden Intensität in den Hintergrund. Virtuose Verzierungen fehlen in diesem Satz – einem der stringentesten im Werk Spohrs – völlig. Im F-Dur-Andante treibt der Komponist mit den Musikern sozusagen sein Spiel: Die Taktangabe vermerkt einen Wechsel zwischen 4/8 und 3/8, was dem Fortgang der Musik eine pikant-reizvolle rhythmische Note gibt, und dies mit zunehmenden Schwierigkeiten, wenn das aus Triolen bestehende zusätzliche Thema über der Hauptmelodie zu spielen ist. Dabei klingt für den Hörer alles einfach und serenadenartig. Es folgt ein außergewöhnliches Scherzo in a-Moll mit einem robusten Tanzrhythmus, das ein melodienreiches Trio volkstümlichen Charakters in a- Dur enthält. Anders als bei vielen Scherzi erfährt das Material hier eine ausgeprägte Entwicklung. Das raffiniert konstruierte Finale beruht trotz seines rhapsodischen Eindrucks auf einer stringenten Sonatenform ohne Durchführung. Die ausgedehnte langsame Einleitung, Andante, schafft eine grüblerische Atmosphäre und enthält in statu nascendi das Motiv des Satzes, das im Fugato-Stil vorgetragen wird. Dieses Andante kehrt an Stelle der Durchführung sowie am Ende zurück. Sechzehntel-Passagenwerk, das zwischen den Abschnitten hin- und herwogt, schafft zusammen mit einem zweiten Thema aus längeren Noten, das ein breiteres Tempo zu bewirken scheint, die rhapsodische Stimmung, wobei die Musik sich in völliger Freiheit von den Zwängen der zugrunde liegenden klassischen Form bewegt. Klangvolle Akkorde verebben in den letzten Takten, um die ernste Grundstimmung des Quartetts mit seinem Anflug von Traurigkeit zu betonen, und strafen eine alte Legende Lügen, nämlich dass Louis Spohr ein ausgesprochen konservativer Komponist sei.

Keith Warsop
Präsident der Spohr Society of Great Britain
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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