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8.225307 - SPOHR, L.: String Quartets (Complete), Vol. 11 - Nos. 32 and 34 (Moscow Philharmonic Concertino String Quartet)
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Louis Spohr (1784–1859)
Quartett Nr. 32 in C-Dur op. 141 (Februar 1849)
Quartett Nr. 34 in Es-Dur op. 152 (Juni/Juli 1855)

Das Komponieren von Streichquartetten zieht sich wie ein kontinuierlicher Faden durch Spohrs Leben. Das erste, op. 4, schrieb er mit etwas zwanzig Jahren, und mehr als fünfzig Jahre später war das Streichquartett Nr. 36 op. 157 sein letztes vollendetes groß angelegtes Werk. Dieses vielgestaltige Werkkorpus ist ein signifikanter Beitrag zur Quartettliteratur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, voll von Beispielen an harmonischen und melodischen Eigenheiten sowie Experimenten in Form und Metrum, die seine Zeitgenossen begeisterten.

Als Spohr 1784 geboren wurden, waren Haydns innovative Quartette op. 33 gerade einmal zwei Jahren veröffentlicht, und Mozart arbeitete, inspiriert von deren meisterhafter Ausführung, an seinen sechs Haydn gewidmeten Quartetten. In den folgenden paar Jahren schrieb Mozart seine letzten Quartette, während Haydn mit einer Reihe von Werken – beginnend mit op. 50 im Jahr 1787 – neue Höhen erklomm. Schließlich veröffentlichte Beethoven 1801 seine sechs Quartette op. 18.

In den formenden Jahren als Student und Kammermusicus in Braunschweig lernte Spohr dieses Repertoire, das er zusammen mit Werken weniger bedeutender Zeitgenossen in gut besuchten Kammerkonzerten spielte, kennen und lieben. Es übte einen nachhaltigen Einfluss auf seinen eigenen Beitrag zu diesem Genre aus. Seine Ergebenheit gegenüber Mozart blieb Zeit seines Lebens bestehen, und auch die Verehrung Haydns behielt er lebenslang bei. Trotz seiner viel zitierten Kritik an Beethovens späteren Werken gehörte er zu den frühesten Verfechtern der Quartette op. 18 in Norddeutschland und führte sie schon kurz nach ihrer Veröffentlichung auf. Sein Einsatz für diese Quartette auf der Konzertreise 1804 führte ihn sogar in Kontroversen mit einigen angesehenen Musikern. In Berlin bemerkte der gefeierte Cellist und Komponist Bernhard Romberg (1767–1841), nachdem er ihn für die Interpretation eines der Quartette gelobt hatte: „Aber, lieber Spohr, wie können Sie es aushalten, solch absurdes Zeug zu spielen?“

Spohrs Wirken als Violinvirtuose brachte ihn indessen auch in direkte Berührung mit einer völlig anderen Art von Quartett, die sein Schaffen tiefgreifend beeinflussen sollte: das so genannte Quatuor brillant oder Solo-Quartett. Als das Klavier noch nicht das universelle Begleitinstrument späterer Zeiten war, schufen viele Violinisten/Komponisten Stücke mit Streicherbegleitung, um so ein Repertoire zur Verfügung zu haben, mit dem sie ihre technische Brillianz auf Soiréen und bei anderen Anlässen unter Beweis stellen konnten, wenn kein Orchester zur Verfügung stand. Das Quatuor brillant, eine Art Kammerkonzert, war eine gleichsam natürliche Folge dessen. Auf seinen frühen Konzertreisen, als die Quartette Beethovens das Publikumsinteresse verfehlten, konnte er darauf bauen, mit dem Quartett Es-Dur op. 11 (1804) des vielbewunderten französischen Violinisten Pierre Rode (1774–1830) die Begeisterung der Zuhörer zu entfachen. Dieses Werk war, obwohl es nicht unter dem Titel Quatuor brillant veröffentlicht wurde, ein wichtiger Vorläufer dieses Genres.

Der Einfluss der Wiener Klassik wie auch der Violinvirtuosenmusik auf Spohrs Werke für Streichquartett ist evident. Die Virtuosentradition hat ihren Niederschlag in zwei Potpourris, zwei Folgen von Variationen mit Streichtrio-Begleitung – entstanden zwischen 1804 und 1808 – und in den acht Virtuosen- Quartetten – geschrieben zwischen 1806 und 1835 – gefunden. Spohrs erstem Quatuor brillant op. 11, das er in einem Brief an seinen Verleger Kühnel als „vom Rode-Typ“ bezeichnete, folgten fünf weitere, die unter demselben Titel veröffentlicht wurden. Alle haben drei Sätze – ohne Menuett oder Scherzo – und folgen damit ganz dem Muster von Rodes Prototypen. Ein siebtes, op. 30, trägt trotz seiner vier Sätze im Autograph die gleiche Bezeichnung. Das gilt auch für das als Grand quatuor veröffentlichte op. 27, Spohrs Autobiographie zufolge ein Solo-Quartett.

Spohr wusste sehr wohl um den grundlegenden Unterschied zwischen Solo-Quartett und „echtem“ Quartett – und so liegt die Betonung bei seinen übrigen 28 Quartetten auf dem Dialog zwischen den Instrumenten. Obwohl schwierige, ja virtuose Passagen oftmals der ersten Violine, zuweilen auch den anderen Instrumenten übertragen sind, sind sie doch geschickt der Gesamtgestaltung integriert, so daß der Schwerpunkt in der dialogartigen Ausformung von Motiven liegt. Für ihn stand technische Brillianz immer im Dienst höherer musikalischer Ziele. Spohrs Quartett- Werk als Ganzes ist eine bemerkenswert gelungene Synthese der klassischen und der virtuosen Seite in seiner musikalischen Seele.

Clive Brown
(Clive Brown ist ein international angesehener Kenner der Musik Spohrs und Autor von Louis Spohr: A critical biography. Cambridge University Press, 1984)

Das Quartett Nr. 32 in C-Dur op. 141 ist auf Februar 1849 datiert, Spohrs 27. Jahr als Kapellmeister in Kassel . Es setzt die optimistische Stimmung fort, die im Streichsextett op. 140 – ebenfalls in C-Dur – Ausdruck gefunden hatte. Jenes Werk war im März/ April 1848 während der Revolution entstanden, die Spohr offen unterstützte. Das warme und geschmeidige ausgedehnte Eingangsthema des Quartetts mit seinen reichen Harmonien weist vor auf Brahms. Die positive Stimmung hält das ganze Allegro moderato hindurch an. In der Durchführung fokussiert Spohr auf ein wichtiges verbindendes Stakkato-Motiv zusammen mit dem ausgesprochen melodischen zweiten Thema. Der Satz endet mit einer Version des Hauptthemas, überzogen von „verwobenen Figuren ähnlich den Silberfäden eines Spinnennetzes“, wie Hans Glenewinkel in seiner Studie von 1912 über Spohrs Quartette formuliert. Das Larghetto in F-Dur ist von Sanftmut und Gelassenheit geprägt und enthält manches delikate Detail. Sechzehntel-Triolen bilden einen Kontrast, ohne jedoch den friedvollen Fortgang des Satzes wirklich zu stören. Das Scherzo in c-Moll im Rhythmus eines spanischen Boleros unterbricht den freundlichen Ablauf der bisherigen Sätze. Das kraftvolle Hauptmotiv wird ständig von Chromatizismen unterbrochen, die über das Scherzo eine Atmosphäre tiefer Melancholie breiten. Das Trio in As- Dur ist eine eher entspannte Etüde für die erste Violine. Nach Wiederholung des Scherzos und des Trios wird die Koda völlig von dem melancholischen Material dominiert. Doch wird diese Stimmung durch das sorglose Presto-Finale sogleich abgeschüttelt. Auf den drei Noten, die nacheinander in jedem der vier Instrumente den Satz eröffnen, beruhen viele Elemente des Finales. Sie bringen das pikante zweite Thema hervor, dessen Lauf im siebten Takt plötzlich gebremst durch die Vorgabe, 27 Takte lang „durchweg pianissimo“ gespielt zu werden. Dieses ausgedehnte pianissimo ist auch für die Durchführung vorgesehen, in der ein Fugato über dem Hauptthema eingeführt wird. Das Werk endet zuversichtlich mit emphatischen Akkorden.

Die Revolution wurde bis 1850 niedergeschlagen. Preußische und bayerische Truppen rückten in Kassel ein und setzten das Kriegsrecht durch. Spohr machte in Briefen an Freunde kein Hehl aus seiner Nie- dergeschlagenheit angesichts dieser Wendung der Ereignisse: „Wenn ich nicht zu alt wäre, würde ich sofort ins freie Land Amerika emigrieren.“ Bis zu dem Zeitpunkt, als Spohr sein Quartett Nr. 34 in Es-Dur op. 152 schrieb (Juni/Juli 1855), hatte sich das scharfe Vorgehen als fürchterlich wirkungsvoll erwiesen: Der herrschende Monarch regierte seinen Staat weiter in der gewohnt autoritären Form. Das Quartett übt einen Sog an Traurigkeit aus – eine Stimmung, die Spohr gleich zu Beginn entfaltet, indem er dem ersten Satz eine nachdenkliche und fragende langsame Einleitung voranstellt. Die Eingangsfigur aus vier Noten hat entscheidende Bedeutung für den ganzen Satz, sie bildet die Basis für das erste und das zweite Thema. An einer Stelle erwächst aus ihr eine für Spohr beispiellose Kühnheit: über Synkopierungen im Cello bleibt eine misstönende Dissonanz unaufgelöst! Das kehrt in gleicher Form im Allegro wieder, in dem Spohr die herkömmliche Durchführung durch ein Fugato ersetzt. Synkopierung bleibt ein Unruhe stiftender Faktor bis in die letzten Takte. Im Larghetto con moto in As-Dur vermag der Komponist die melancholische Atmosphäre nicht abzuschütteln – Synkopierungen durchdringen sogar das lieblich-lyrische Eröffnungsthema. Komplexe innere Chromatizismen in dem von Sextolen dominierten kontrastierenden Abschnitt verhindern, dass die Musik sich gleichsam über die Sorgen erhebt. Das Menuett in Es-Dur vermittelt einen scharfen Kontrast. Das punktierte Eröffnungsmotiv ringt mit dem Hauptthema um die melodische Vorherrschaft und erzeugt so einen bizarr-ruhelosen, gleichwohl fesselnden Effekt. Das Trio in As-Dur ist bemerkenswert wegen seiner volksliedartigen Melodie, welche die erste Violine vornehmlich in schwierigen Doppelgriffen vorträgt. Dieses Thema kehrt am Ende des Satzes kurz wieder. Das Finale findet einen leichteren, geradezu frivolen Ton, dessen zweites Thema als Variante des ersten ein hübsches Wechselspiel zwischen den beiden Violinen enthält, das in der Reprise von Violine und Viola übernommen wird. Das erste Thema eröffnet die Durchführung – doch dann wartet Spohr mit einer Überraschung auf: mit einem völlig neuen Thema beginnt ein Fugato, unter dem das Cello schließlich die ersten vier Noten des Eingangsmotivs wiederholt. Auf die Reprise folgt eine kurze Anspielung auf das Fugato-Material zusammen mit dem Viernoten-Signal des Cellos, sodann endet das Quartett mit einem Diminuendo zu einer plagalen Moll- Kadenz. Spohr fand, dass Frivolität nicht die Oberhand gewinnen könne und dass die Zeitstimmung nicht ohne Weiteres zu überwinden sei.

Keith Warsop
Vorsitzender der britischen Spohr-Gesellschaft

Deutsche Fassung: Thomas Theise


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