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8.225336 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 16
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 16

 

[1] Die Dämonen, Walzer, op. 149

Das Katharinenfest war der Höhepunkt der herbstlichen Lustbarkeiten im Wien des 19. Jahrhunderts. Die Tanzveranstaltungen, die um den Tag der Namenspatronin (25. November) abgehalten wurden, bildeten gewissermaßen einen Vorgeschmack auf die bevorstehende Faschings-Ballsaison. Johann Strauß (Vater) ließ es allerdings am 23. November 1842 bei seiner „außerordentlichen Festsoiree“ im Sperl nicht bei der Ausrichtung der Tanzmusik bewenden. Mit seinem hervorragend geschulten Orchester konnte er es sich leisten, dem Ball ein musikalisches Programm bestehend aus Opern- und Salonpiècen voranzustellen. Die Krönung des Balls selbst war dann, wie bei den repräsentativen Tanzfesten von Strauß üblich, die mit Spannung erwartete Novität, diesmal eine Walzerpartie unter dem Titel Die Dämonen. Die Komposition schlug auf Anhieb ein und musste „unter lärmendem Beifalle […] zwei oder drei Mal wiederholt werden“. Besonders der erste und der fünfte Walzer gefielen. Das Tanzen dürfte auf diesem Ball allerdings recht mühevoll gewesen sein, da die Säle durch die vielen Besucher, die sich trotz Schlechtwetters nicht vom Veranstaltungsbesuch abhalten lassen hatten, überfüllt waren. Die Klavier-Erstausgabe der Dämonen erschien erst ein knappes Jahr nach der Uraufführung, war dafür aber besonders originell ausgestattet. Die Buchstaben des Werktitels bestehen aus allerlei Teufelsgestalten und höllischem Getier. „Teuflisches“ war damals modisch; vor allem auf den Wiener Bühnen kam es zu einer auffälligen Häufung von Stücken mit entsprechendem Inhalt, allen voran Die Papiere des Teufels von Johann Nestroy.

[1] Künstler-Ball-Tänze, Walzer, op. 150

Staus auf den Straßen sind in der heutigen Zeit des motorisierten Massenverkehr etwas Alltägliches. Es mag jedoch überraschen, dass dieses Phänomen bereits vor mehr als 150 Jahren bekannt war. Schon damals berichtete eine vielgelesene Wiener Zeitung über „eine gedrängte geschlossene Reihe von Wagen, in ihrer Länge vom Stephansplatze bis zum Sperl Schritt vor Schritt sich bewegend“, das ist immerhin eine Länge von fast einem Kilometer! Auslöser war der Ball der bildenden Künstler am 31. Jänner 1843 im besagten Sperl, und wer sich von den Veranstaltern einen besonderen Augenschmaus erwartete, der wurde nicht enttäuscht: „Der Tanzsaal selbst[,] orangefarb dekorirt, bildete in seinem Flammenmeere den Centralpunkt des geselligen Vergnügens. Die Credenz war roth, mit Gold im Renaissance-Geschmacke geschmückt, während eine Schaar buntgefiederter und durch Kunst lebensgetreu gebildeter Vögel dem Ganzen einen originellen Reiz gewährte, und sich hierdurch eben so anziehend gestaltete, als die zeltförmig gebildeten Spiel-Appartements.“ Die Tänze wurden von drei der berühmtesten Wiener Tanzmeister ihrer Zeit geleitet, wobei sich die Quadrille besonderer Beliebtheit erfreute und selbst das alte Menuett wieder zu Ehren kam. Diese modebedingte Vorliebe des Publikums mag der Grund sein, warum der Berichterstatter die von Strauß für dieses Fest komponierten Künstler-Ball-Tänze (nicht zu verwechseln mit dem unter gleichem Titel erschienenen Opus 94) nur eher beiläufig erwähnte. Bemerkenswert ist, dass Strauß dieses Werk mit einem Marsch einleitet, eine Idee, die sein gleichnamiger Sohn 46 Jahre später in seinem berühmten Kaiser-Walzer aufgriff.

[3] Quadrille zur allerhöchsten Namensfeyer Sr. Majestät des Kaisers Ferdinand I. (Ferdinand-Quadrille), op. 151

Der Personenkult, der in früheren Zeiten europäischen Herrscherpersönlichkeiten entgegengebracht wurde, mutet aus heutiger Sicht reichlich bizarr an. Dass der Namenstag eines regierenden Fürsten landesweit gefeiert wurde, war natürlich eine Selbstverständlichkeit. Auch die regelmäßige Beteiligung von Strauss an den Feierlichkeiten zu Ehren seines Monarchen leuchtet ein, leitete er doch die Ballmusik bei Hof und war darüber hinaus eine Person, die das Interesse der Öffentlichkeit erweckte. Wie berichtete nun die Presse, wenn der „Walzerkönig“ dem Kaiser von Österreich anlässlich dessen Namenstags huldigte? Für den Kolumnisten, der über das wegen anhaltenden Schlechtwetters erst am 2. Juni 1843 stattgehabte Fest im k. k. Volksgarten zu referieren hatte, versteht sich von selbst, dass Dekoration, Beleuchtung und Musik von erlesener Qualität waren, ferner „daß die Erfrischungen erfrischten, alles gut war und eine Auswahl schöner Damen und eleganter Herren den Salon und Promenadeplatz füllten.“ Viel mehr war es ihm darum zu tun, seiner patriotischen Gesinnung Ausdruck zu verleihen. Seinen Lesern versichert er, die in einem Nebengebäude „angebrachten Portraite unsers allergnädigsten Kaisers, dann weiland Sr. Majestät des Kaisers Franz, bilden, wie jeder Österreicher aus vollem Herzen sagen wird, den schönsten Schmuck der Decorirung und lassen die hübsche Malerei fast übersehen.“ Das „Bildnis unsers allergnädigsten Landesvaters“ wurde, so wusste der Redakteur weiter zu berichten, „auch im Freien lichtumstrahlt aufgestellt“. Immerhin war ihm auch Strauß’ Widmungskomposition eine Eloge wert: „Die neue Ferdinands-Quadrille kann man die beste der seinen nennen, und wer componirt wohl bessere?“ Der Reporter vom Konkurrenzblatt wusste noch zu ergänzen, dass die Novität den Höhepunkt des Abend bildete und „unter dem stürmischsten Beifallsjubel drei Male wiederholt werden mußte“.

[4] Tanz-Capricen, Walzer, op. 152

Der Sommer des Jahres 1843 war in Mitteleuropa extrem verregnet, was allerorten zu Überschwemmungen führte. So musste in Wien am 3. Juli die Notbrücke über den gleichnamigen Fluss vor dem Karolinentor gesperrt werden, da bereits die Wogen darüberschlugen, und die Donau setzte viele Keller in der Leopoldstadt, einem Teil des heutigen zweiten Gemeindebezirks, unter Wasser. Da fiel es vergleichsweise kaum ins Gewicht, dass auch Strauß der Witterung Tribut zollen musste, indem er seine unter freiem Himmel geplanten Musikfeste immer wieder verschieben musste. Am 7. Juli fand nach mehreren fehlgeschlagenen Versuchen sein Benefiz im k. k. Volksgarten statt. Zunächst sah es so aus, als wäre der Wettergott zur Abwechslung einmal gnädig gestimmt, doch kurz vor Beginn der Veranstaltung trieb ein heftiger Wolkenbruch das Orchester wie auch das erwartungsvolle Publikum in den Salon. Der Unterhaltung scheint das keinen Abbruch getan zu haben, denn es ist, wie ein Chronist vermerkte, „im Trockenen gut sitzen, wenn Strauß’s schwungvolle Walzer ertönen“. Ob denn auch die in den Zeitungen und auf den Anschlagzetteln angekündigte Novität, die Walzerpartie Tanz-Capricen, ertönte, ist aus seiner Darstellung nicht zu erfahren, zu sehr war er mit den Capricen des Wetters beschäftigt. Eine Woche später gab Strauß wiederum eine „große Fest-Assemblée“ im Volksgarten, bei der das neue Werk unter dem Titel Toncapricen angekündigt war. Ein Bericht über diese Veranstaltung ist nicht bekannt.

[5] Quadrille zur allerhöchsten Namensfeyer Ihrer Majestät der Kaiserin Maria Anna (Anna-Quadrille), op. 153

Der Annentag, der auf den 26. Juli fällt, wurde im alten Wien so wie auch der Katharinentag traditionellerweise besonders gefeiert. Während der Regentschaft Kaiser Ferdinands I. gewann er insofern zusätzliche Bedeutung, als dessen Gemahlin die Namen Maria Anna führte. Für ein Fest zu ihren Ehren bildete, speziell in der warmen Jahreszeit, der ehemals zum Hofburg-Areal gehörende k. k. Volksgarten den geeigneten Rahmen. Dort musizierte Strauß mit seinem Orchester, der als Leiter der Ballmusik bei Hof über ein besonderes Naheverhältnis zum Kaiserhaus verfügte. Strauß seinerseits hatte für die neue Widmungskomposition nicht den aus dem Volk stammenden, in adeligen Kreisen wenige Jahrzehnte zuvor noch verpönten Walzer gewählt, sondern die würdevolle Quadrille, die damals noch dazu der Modetanz schlechthin war. Man hatte also bei der Gestaltung dieses Festes so gut wie nichts dem Zufall überlassen—nur das Wetter konnte man nicht beeinflussen. Das Gesetz der Serie wollte es, dass auch diese Veranstaltung ungünstiger Witterung zufolge vom 25. auf den 28. Juli verschoben werden musste. Dann aber lief alles, glaubt man den Zeitungskommentatoren, zur höchsten Zufriedenheit ab. Fast schon selbstverständlich erscheint das Lob für die musikalische Novität des Abends: „Uiberflüssig wäre es wahrlich über Straußs neueste Composition ,die Annen-Quadrille‘ ein Wort zu sprechen, da jede neue Composition dieses Compositeurs jede seiner früheren übertrifft. So wurde die ,Hautvolée-Quadrille‘ von der ,Saison-Quadrille‘ verdrängt, und diese, wieder von der ,Ferdinands-Quadrille‘ in den Hintergrund gestellt, findet nun an der ,Annen-Quadrille‘ eine gefährliche Rivalin.“

[6] Loreley-Rhein-Klänge, Walzer, op. 154

Die Loreley-Rhein-Klänge gelten bis heute als die gelungenste Walzerpartie von Johann Strauß (Vater). Dabei wurde das Werk bei seiner Uraufführung am 19. August 1843 eher beiläufig aufgenommen. Zwar wusste ein Chronist zu berichten, dass, „die Wiederholung“ der neuen Walzer „stürmisch verlangt“ wurde, doch hatte das nicht mehr zu bedeuten, als dass die Novität nicht durchgefallen war. Man vergleiche etwa mit dem zehn Monate zuvor aus der Taufe gehobenen Opus summum Joseph Lanners, der Walzerpartie Die Schönbrunner: Schon beim Erklingen der ersten Takte setzte begeisterter Applaus ein und das Publikum erzwang drei oder vier Repetitionen. Die unterschiedliche Reaktion auf diese beiden Meisterwerke hängt möglicherweise mit der Zusammensetzung des jeweiligen Premierenpublikums zusammen. Während Die Schönbrunner im Rahmen eines Lanner-Benefiz in der bodenständigen Fünfhauser Bierhalle uraufgeführt wurden, erklangen die Loreley-Rhein-Klänge zum erstenmal in einem Wohltätigkeitskonzert zugunsten eines von der Erzherzogin Sophie protegierten Kinderspitals auf dem noblen Wasserglacis, dem Areal des heutigen Stadtparks, wo sich eine viel zurückhaltendere Zuhörerschar eingefunden hatte. In der Folge etablierte sich die neue Walzerpartie jedoch rasch als das unumstrittene Spitzenwerk von Strauß, das erst ein halbes Jahrzehnt später von seinem Radetzky-Marsch übertroffen wurde.

[7] Brüder Lustig, Walzer (im Ländlerstyle), op. 155

Die zeitgenössischen Berichte über die von Strauß veranstalteten Feste überschlagen einander geradezu an Lobpreisungen, sodass der unvoreingenommene Leser meinen könnte, es gäbe nichts Schöneres auf Erden, als einer solchen Lustbarkeit beizuwohnen. Umso größer ist das Staunen, wenn man ausnahmsweise einmal auf einen kritischen Artikel stößt. Zu einem solchen gab ein von Strauß am 21. August 1843 im Sperl organisiertes Gartenfest mit Ball Anlass. Dabei verlief die Veranstaltung durchaus in gewohnten Bahnen, es kam zu keinerlei Pannen oder gar Skandalen, alles war sozusagen in bester Ordnung. Dennoch konnte der Rezensent das Erlebte nicht mit dem Motto des Festes, „Sommernachts-Augenweide“, in Einklang bringen: „[Es] wird mörderisch gegessen, unerbittlich gegessen, ohne Pardon getrunken. Ein schauderhafter Anblick! So viele Kinnbacken in unaufhörlicher Bewegung, so viele Hände ohne culinarische Kenntnisse in menschlichen Nahrungsmitteln herumwühlen zu sehen!“ Und über das Tanzen: „Zu Zweien stürzen sie hintereinander her, immer fort im Kreise, bei jedem Schritt um sich selbst herumwerfend. […] Im laufenden Galoppe geht’s hintereinander her, die Staubwolken wirbeln, die Hitze steigt in die Köpfe, die Glieder dampfen, es ist eine Roßarbeit das Walzen! Eben so das Quadrilliren, das ist der Paradegalopp der Tanztruppen. Eins, zwei, eins, zwei, die Zügel werden stramm gespannt, den Kopf wie ein Mauerbrecher gehalten, dann geht’s: eins zwei, eins zwei! Ha, wie schön!“ Ganz anders aber wird der Ton selbst dieses skeptischen Berichterstatters, wenn von Strauß die Rede ist. Für ihn ist ihm kein Lobeswort zu schade, selbst wenn er an der neuen Walzerpartie Brüder Lustig bemängelt, dass sie „etwas stark an’s Ländlerische“ streifen. Der gemütliche Ländler galt damals bereits als altvaterisch; sein Stil wollte nicht recht zum gewählten Titel passen.

[8] Astraea-Tänze, Walzer, op. 156

Der alljährlich im Sperl abgehaltene Ball der Hörer der Rechte an der Hochschule in Wien, mit einem griffigen Wort als „Juristenball“ bezeichnet, entwickelte sich Anfang der 1840er-Jahre zu einem Höhepunkt des Faschings. Ganz besonders galt dies für die Veranstaltung am 17. Jänner 1844: „Der zauberähnliche Eindruck, den die fast magische Beleuchtung der Säle bot, der Luxus im Arrangement, die herrliche Drappirung, und das bunte Durcheinanderwirren der anwesenden Gäste, unter denen sich viele Personen ersten Ranges, und die meisten Professoren der juridischen Facultät, achtunggebietende Namen auf dem Felde des Wissens befanden, war unbeschreiblich.“ Selbstverständlich räumte der Kommentator auch dem musikalischen Beitrag den gebührenden Anteil am Erfolg ein: „Als belebendes Princip des tanzlustigen Theiles der Gesellschaft figurirte Strauß, unser Walzer- und Quadrillenheros, mit seinem ausgewählten Orchester, und trug mit einer wahrhaft unermüdlichen Energie seine neuesten Compositionen auf dem Gebiet Terpsichorens vor, worunter die neuen von ihm den Hörern der Rechte gewidmeten Walzer ,Asträa-Tänze‘ betitelt, und die ,Minosklänge‘ den meisten Beifall erhielten.“ Astraia, Sternenjungfrau, ist der Beiname der griechischen Göttin der Gerechtigkeit, Dike, der Tochter des Zeus und der Themis. Sie lebte im goldenen Zeitalter auf Erden, zog sich aber im ehernen Zeitalter, als der Mensch Waffen zu schmieden begann, in den Himmel zurück, von wo sie seither den Menschen als Sternbild der Jungfrau leuchtet.


Thomas Aigner


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