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8.225337 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 17
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 17

 

[1] Volksgarten-Quadrille, op. 157

Ausgelöst durch das Bestreben, dem Publikum immer neue Verlockungen anzubieten, unterlagen im Biedermeier selbst die Gattungsbezeichnungen für die Tanzfeste den Modeströmungen. 1843 war offenbar die „Redoute“ das Zauberwort, das die meiste Anziehungskraft besaß. „Redoute im Freien“ nannte sich das Fest, das Johann Strauß (Vater) am 10. September jenen Jahres im Volksgarten gab. Der Korrespondent der „Theaterzeitung“, der darüber zu berichten hatte, überschlug sich förmlich vor Begeisterung: „Das war wirklich ein Fest im ausgedehntesten Sinne des Wortes. Eine äußerst zahlreiche (circa 6000 Personen) schöne Gesellschaft, blendende Illumination, prachtvolles Feuerwerk, reizende Musik, ein himmlischer Abend, Alles vereinigte sich, dieses Fest zu einem der glänzendsten zu gestalten, die je gegeben wurden.“ Die Novität des Abends, benannt Volksgarten-Quadrille, wurde, wie es in solchen Fällen üblich war, „mit einem Sturm von Applaus aufgenommen“ und musste wiederholt werden.

[2] Nur Leben! Walzer, op. 159

Nur drei Tage nach der Uraufführung der Redout-Quadrille (3) überraschte Strauß sein Publikum mit einer weiteren Novität aus seiner Feder: „Johann Strauss gibt sich die Ehre, einem hohen Adel und dem geehrten Publicum geziemend anzuzeigen, daß er Mittwoch den 29. November 1843, einen großen Fest-Ball, in den oberen neu decorirten Winter-Sälen zum Sperl, veranstalten wird, wobey er das Orchester dirigiren, und nebst den beliebtesten Compositionen, auch neue Walzer, unter dem Titel: Nur Leben! (von ihm componirt) zum ersten Mahle vorzutragen die Ehre haben wird.“—Über den tieferen Sinn dieses Titels ist viel gerätselt worden. Verband sich damit eine Aufforderung, sich um gesellschaftspolitische Fragen nicht zu kümmern und einfach das Leben zu genießen, oder meinte er vielmehr: nur überleben in einer für weite Teile der Bevölkerung angespannten wirtschaftlichen und sozialen Lage?

[3] Redoute-Quadrille, op. 158

Der Namenstag der heiligen Katharina (24. November) war im Wien des 19. Jahrhunderts alljährlich Anlass zu einer Serie von Festen. Am 26. November 1843 veranstaltete Strauß in den Redoutensälen der k. k. Hofburg eine „Katharinen-Redoute“ zugunsten des Pensionsfonds für bildende Künstler, bei welcher Gelegenheit er seine Redoute-Quadrille aus der Taufe hob: „Bis um vier Uhr rasten verschwiegene Dominos mit Türkinnen, Reiterinnen, Fledermäusen, Charaktermasken, oder auch nur im einfachen Ballcostume im brausenden Walzer dahin, oder benutzten den gemessenen Schritt der Quadrille, zu gegenseitigem Austausch der Gefühle. Und über dieser Menge ein hellstrahlendes, endloses Lichtermeer, und in dieser Luft, gesättigt von Liebe und Geheimnissen, Rendezvous und Eifersüchteleien, beglückten und genährten Leidenschaften, der sinnverwirrende Zauberbogen unseres Strauß, mit seinen feurigen, herzerschütternden Weisen, was braucht es mehr, um diese Tausende in seliges Genießen und Vergessen zu wiegen! Erst mit dem Grauen des Tages verödeten die Säle.“

[4] Waldfräuleins Hochzeits-Tänze, op. 160

Am 14. Februar 1844 hieß es vermeintlich von Strauss Abschied zu nehmen. „Strauß’ Schwanen-Gesang im Sperl“ lautete das Motto der Veranstaltung, die eine ungeheure Menschenmenge anlockte. Man kolportierte, der beliebte Kapellmeister würde für einige Jahre die Kaiserstadt verlassen, „um im fernen Norden sich den Succeß zu erringen, den die Weltstädte Paris, London und Wien ihm so reichlich zugestanden“. Damit konnte nur St. Petersburg gemeint sein, oder genauer gesagt, dessen südlicher Vorort Pawlowsk. Heute kann niemand sagen, ob damals tatsächlich ernsthafte Pläne zu einem solchen Gastspiel bestanden haben, oder ob das Ganze bloß ein gut inszenierter Werbegag war. Das Publikum war jedenfalls begierig darauf, seinen Liebling noch einmal zu sehen; an Tanzen war wegen des riesigen Andrangs ohnehin nicht zu denken. Nicht nur fand die eigens für diesen „Abschied“ komponierte Walzerpartie Waldfräuleins Hochzeits-Tänze (nach einem romantischen Märchen des Joseph Christian Freiherrn von Zedlitz) „verdienten, enthusiastischen Beifall und wurde dreimal zur Wiederholung verlangt“; ähnliche Szenen spielten sich bei jeder von Strauß dargebrachten Pièce ab. „Armer Strauß“, kommentierte einer der anwesenden Zeitungsberichterstatter, „deine Einnahme mag ergiebig gewesen seyn, allein Deine Mühe ist gewiß auch nicht klein. Bei der Bruthitze, die im großen Saale herrschte, beinahe in ununterbrochener Folge bei sechs bis sieben Stunden zu spielen, ist gewiß auch mühsam.“

[5] Salon-Polka, op. 161

Der Titel des Werks bezieht sich auf den 1822/23 im Volksgarten erbauten Kaffeesalon des Peter Corti. Es ist dies eines der wenigen von Strauß bespielten Lokale, die heute noch erhalten sind. Die im 19. Jahrhundert im Volksgarten veranstalteten Feste zogen wegen der unmittelbaren Nähe zur Hofburg stets ein besonders gewähltes Publikum an, so auch das am 16. Juli 1844 von Strauß auf eigene Rechnung veranstaltete „Nächtliche Sonnenfest“. Trotz witterungsbedingter mehrmaliger Verschiebung und starker Konkurrenz durch andere Veranstaltungen war der Volksgarten überfüllt. Strauss hatte sich denn auch besonders ins Zeug gelegt, hatte er doch „zu diesem Feste eigends zwei neue Compositionen geliefert, und zwar Walzer, unter dem Titel: ,Rosen ohne Dornen,‘ und eine Polka, ,Salon Polka‘ benannt, die wieder so ausgezeichnet sind, daß man unwillkürlich zum Enthusiasten werden muß.“ Dreimal mussten die beiden Novitäten unter dem Jubel des Publikums wiederholt werden. Die Salon-Polka erschien binnen Monatsfrist im Druck. Wollte der Verleger Tobias Haslinger mit dieser beachtlichen Leistung das Interesse an der damals in Wien noch recht neuen Tanzgattung ankurbeln?

[6] Orpheus-Quadrille, op. 162

Orpheus, der mit seinem Gesang und Saitenspiel Tiere und Pflanzen bezaubern und sogar die Götter der Unterwelt zur Herausgabe seiner geliebten Eurydike bewegen konnte, steht als Allegorie für die Macht der Musik schlechthin. Welche mythologische Figur hätte einen besseren Namensgeber abgegeben für eine Komposition, die speziell für einen Ball der Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates geschrieben wurde? Am 30. Jänner 1844 hob Strauß bei solcher Gelegenheit in den k. k. Redoutensälen seine Orpheus-Quadrille aus der Taufe. Das Publikum war zwar wie immer bei den Musikvereinsbällen ein sehr gewähltes, dieses Mal aber ein weniger zahlreiches als sonst. Das lag daran, dass sich Strauß selbst Konkurrenz machte, indem er am gleichen Abend im Sperl einen glanzvollen Industrie-Ball veranstaltete. Der Musikvereinsball hätte eigentlich sechs Tage zuvor stattfinden sollen, musste aber wegen der Hoftrauer infolge eines Todesfalls in der kaiserlichen Familie verschoben werden. Die Presse konstatierte, dass „die ,Kunst‘ keineswegs [durch die ,Industrie‘] beeinträchtigt“ worden wäre, „denn in einer Stadt, wo in beiden Fächern stets das Vorzüglichste geleistet wird, kann auch das Resultat nur ein günstiges sein.“ Schöne heile Welt!

[7] Frohsinns-Salven, Walzer, op. 163

Datum und Umstände der Uraufführung der Walzerfolge Frohsinns-Salven sind nicht bekannt. Fest steht, dass diese Partie im Fasching des Jahres 1844 komponiert wurde. Als nämlich Strauß in der Einladung zu seinem „Schwanen-Gesang“ im Sperl (siehe Waldfräuleins Hochzeits-Tänze 4) die Aufführung seiner „jüngst componirten“ Tänze ankündigte, führte er unter diesen auch die Frohsinns-Salven an. Denkbar wäre, dass diese Walzer erstmals bei dem groß angekündigten Industrie-Ball am 30. Jänner (siehe Orpheus-Quadrille 6) erklangen.

[8] Aurora-Festklänge, Walzer, op. 164

Am 1. Mai fand im Prater das traditionelle Frühlingsfest mit einer Wagenauffahrt von bis zu 500 privaten und öffentlichen Equipagen statt. Was an diesem Tag von einflussreichen Personen getragen wurde, bestimmte die Mode für das ganze Jahr. Dazu stand (bis 1847) auch ein sportlicher Wettlauf auf dem Programm. All dies lockte bis zu 30.000 Menschen in die Praterauen. Geschickt machte sich Strauß 1844 den Zulauf zunutze, indem er im nahegelegenen Augarten „auf Allerhöchsten Befehl“ eine Matinée musicale gab, deren Reinerträgnis dem unter dem Schutz der Kaiserin stehenden ersten Wiener Kinderspital zugute kam. Für dieses Benefiz hatte Strauß eine neue Walzerpartie unter der Bezeichnung Aurora-Festklänge komponiert. Mit der Titelgebung deutete er elegant den höheren Zweck der Veranstaltung an: Aurora, die Göttin der Morgenröte, erhebt sich jeden Morgen von ihrem Lager, um den Menschen Licht zu bringen. Leider spielte das Wetter an jenem Tag nicht mit, sodass die Produktion vom Freien in den Saal verlegt werden musste. Der guten Stimmung und der Begeisterung über das neue Werk tat dies jedoch keinen Abbruch; die Aurora-Festklänge wurden „mit rauschendem Applause aufgenommen, und zur Wiederholung verlangt“.

[9] Fest-Quadrille, op. 165

Der Namenstag des „allgeliebten Landesvaters“, des Kaisers Ferdinand I., fiel eigentlich auf den 30. Mai, doch machte 1844 wieder einmal schlechtes Wetter eine mehrmalige Verschiebung der Feierlichkeiten unter freiem Himmel notwendig. Davon betroffen war auch Strauss, der jedes Jahr zu diesem Anlass im Volksgarten auftrat. Für die Charakterisierung seiner Produktionen hatte man beinahe jedes erdenkliche Superlativ strapaziert, sodass es schwierig geworden war, die hochgespannten Erwartungen des Publikums zu befriedigen. Das Inserat in der „Wiener Zeitung“ lockte mit „besonders brillanter, diesem Feste angemessener Illumination und Decorirung“, außerdem würde Strauß „persönlich“ dirigieren und neben seinen neuesten Kompositionen „eine neue, eigens für dieses Fest von ihm componirte Quadrille, unter dem Titel: Fest-Quadrille, zum ersten Mahle vorzutragen die Ehre haben“. Zudem wurde die Kapelle des k. k. Infanterieregiments „Hoch- und Deutschmeister“ unter der Leitung von Philipp Fahrbach aufgeboten, und der Schluss des Festes würde, so die Ankündigung kryptisch, „auf eine imposante Art ausgestattet seyn“. Damit war das obligate Feuerwerk gemeint, welches das zahlreich erschienene Publikum ebenso restlos zufrieden stellte wie die zuvor dargebotenen Musikstücke.


Thomas Aigner


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