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8.225340 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 20
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Johann Strauß-Vater
Edition • Folge 20

 

[1] Sofien-Tänze, Walzer, op. 185

Die „überaus günstige Aufnahme “ der von Johann Strauß (Vater) im Herbst 1844 im Volksgarten veranstalteten „Redoute im Freyen“ veranlasste den Festgeber, die Veranstaltung im Jahr darauf unter gleichem Titel zu wiederholen, selbstverständlich mit einem neuen Programm und „mit ganz verändertem effectvolleren Arrangement“ . Damit waren Dekoration und Beleuchtung gemeint, zwei wesentliche Faktoren für den Erfolg der Benefizkonzerte von Strauß. Obwohl das Wetter nicht mitspielte und der Wind die meisten der bunten Lämpchen ausblies, war der Andrang riesig: „Um den Pavillon, wo Strauß musizirte, da wurden Königreiche für Sesseln, Gedichte für einen passablen Stehplatz geboten“ , berichtet ein Chronist. „Als ich mich auch hindrängte in die Nähe des walzerischen Oberhauptes, um seine ,Sophien-Tänze‘ zu hören, da wäre eine Rippen-Assekuranz ein Bedürfniß gewesen. Auch die Hühneraugen-Eigenthümer wurden hier stark mitgenommen. Aber auch diese gedrückte Lage vergab man ob der charmanten ,Sophien-Walzer,‘ die so zart und melodisch, so pikant-naiv, originell und so effectvoll instrumentirt sind, daß man sich an dieser trefflichen Composition nicht satt hören konnte; eine dreimal enthusiastisch begehrte Wiederholung derselben war daher unvermeidlich.

[2] Moldau-Klänge, Walzer, op. 186

Nachdem im Frühjahr 1845 ein verheerende Hochwasser der Elbe und ihrer Nebenflüsse, darunter auch der Moldau, gewütet hatte, veranstaltete Strauß am 10. Juli ein Benefizkonzert zugunsten der Flutopfer in Böhmen, bei dem er seine Walzerpartie Heitere Lebensbilder, op. 181 (Marco Polo 8.225339), aus der Taufe hob. Getreu der Maxime, dass rasch geholfen doppelt geholfen ist, hatte er schon im April einen Vorschuss von 400 Gulden, eine sehr stattlichen Summe, geleistet. Als Strauß auf seiner Reise nach Berlin am 15. Oktober in Prag Station machte, konnte er mit einer entsprechend freundlichen Aufnahme rechnen. Als „Gastgeschenk“ hatte er den Bewohnern der böhmischen Hauptstadt, die ihrem Fluss inzwischen wohl verziehen hatten, eine neue Walzerpartie namens Moldau-Klänge mitgebracht. Den Wienern stellte er das Werk erst am 11. Jänner 1846 anlässlich der Faschingseröffnung im Sperl vor. In der Folge erzielten die Moldau-Klänge „bei jedesmaliger Executirung steigenden Beifall, so wie man überhaupt nach dem Anhören dieser Walzer neue Schönheiten darin findet. […] Melodie, Lieblichkeit in der Form, erhebend zum Tanz, Gefühl und eine beinahe unnachahmliche Schönheit in der Instrumentirung zeichnen diese Walzer wieder besonders aus.

[3] Concert-Souvenir-Quadrille, op. 187

Bei den Bällen der Gesellschaft der Musikfreunde hatte es sich Strauß zur Gewohnheit gemacht, jedes Mal ein neues Werk aus seiner Feder vorzustellen, das auf die Höhepunkte der jeweils laufenden Konzertsaison Bezug nimmt. In der Concert-Souvenir-Quadrille, die er am 4. Februar 1846 im Großen Redoutensaal der Hofburg aus der Taufe hob, sind die Touren 1, 3, 4 und 5 von Melodien aus Félicien Davids Ode-Symphonie Le désert [Die Wüste] gespeist. Der französische Komponist hatte sein Werk im vorangegangenen Dezember im Theater an der Wien und später auch im Kärntnertor-Theater dirigiert. Über die Verarbeitung seiner Melodien durch Strauß bemerkte der Spötter Moritz Saphir: „Das ist das Los des Schönen in der Wüste“ . In der zweiten Tour, Eté, zitiert Strauß Themen aus dem Konzertstück L’Inquiétude, op. 29, des Pianisten Alexander Dreyschock, der sechs erfolgreiche Konzerte gegeben hatte. Dem Finale liegt der Yankee Doodle zugrunde, der den gleichfalls in Wien gastierenden Geiger Henri Vieuxtemps unter der Opuszahl 17 zu einer Reihe von Variationen inspiriert hatte.

[4] Österreichischer Fest-Marsch, op. 188

Wie das Titelblatt der Erstausgabe stolz vermerkt, verdankt der Österreichiche Fest-Marsch seine Entstehung der Enthüllung des Denkmals für Kaiser Franz I., den Vater und Vorgänger des damaligen Regenten Ferdinand I. Die Grundsteinlegung für das Monument, das im inneren Burghof seinen Platz fand, hatte am 18. Oktober 1843, dem 30. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, stattgefunden. Die binnen Jahresfrist geplante Fertigstellung verzögerte sich allerdings beträchtlich. Für die feierliche Enthüllung wählte man schließlich den 16. Juni 1846, den Gedenktag der Heimkehr Franz’ I. aus Paris 1814 nach erfolgter Niederwerfung Napoleons. Im inneren Burghof wurden Tribünen für 10.000 Personen aufgebaut, und der kaiserliche Hof verteilte entsprechend viele Freikarten an die Bevölkerung, „ohne Ansehen des Standes“ , wie man sich mitzuteilen befleißigte. Neben hohen und höchsten Würdenträgern waren auch verschiedene militärische Einheiten an der Gestaltung der Festlichkeit beteiligt, darunter die Bürgergarde. Kapellmeister des ersten Wiener Bürger-Regiments war Strauß, der vermutlich beim abschließenden Défilé seinen neuen Marsch erstmals intonierte.

[5] Die Vortänzer, Walzer, op. 189

Einen der Höhepunkte des Faschings 1846 bildete am 16. Februar ein Benefizball von Strauß in seinem Stammlokal, dem Sperl. „Das Leben ein Tanz“ , lautete die Devise. Nicht weniger als drei Kapellen sorgten für die Musik, darunter natürlich auch jene des Festgebers, der sich zudem mit einer eigens für diese Veranstaltung komponierten Walzerpartie einstellte. Die Vortänzer betitelte sie sich und versetzte den Rezensenten in einen wahren Begeisterungstaumel: „Strauß vielgerühmte Werke scheinen gerade jetzt den Zenith der Vollkommenheit erreicht zu haben; sind auch seine früheren Compositionen voll Mark und Leben, sind sie doch nicht so gediegen wie die Werke der letzten Jahre. “ Insbesondere die Vortänzer verdienen nach Meinung des Berichterstatters „in jeder Beziehung in den Vordergrund gestellt zu werden“ . Im zweiten Teil des zweiten Walzers zitiert Strauß übrigens das Kinderlied Alles neu macht der Mai—drückt sich darin seine Vorfreude auf den Frühling aus?

[6] Epionen-Tänze, Walzer, op. 190

Eine glänzende Rezension erhielt auch der Medizinerball, der am 3. Februar 1846, ebenfalls im Sperl, stattfand. „Herr Capellmeister Strauß Vater erntete den größten Beifall mit seinen, den Medicinern gewidmeten neuen Walzern: ,die Epionen,‘ “ resümierte, wenig überraschend, der Kritiker. Wieder einmal musste eine antike Göttin für den Werktitel herhalten. Epione, die Schmerzlindernde, ist die Gattin von Asklepios, des Gottes der Heilkunde, und Mutter von Hygieia, der Gesundheit. Bemerkenswert ist, dass auf dem genannten Ballfest neben den Epionen noch eine zweite Novität vorgetragen wurde, und zwar die Quadrille eines Medizinstudenten namens Hofgartner. Das Werk sollte sogar bei Haslinger, dem Verlag von Strauß, erscheinen und der Reinertrag aus dem Verkauf einem Wohltätigkeitsfonds der Mediziner zugeführt werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Strauß hinter den Kulissen die Wege geebnet hatte, so wie er auch für die Orchestrierung der Quadrille gesorgt haben dürfte.

[7] Zigeunerin-Quadrille, op. 191

Michael William Balfe, heute fast vergessen, war Mitte der 1840er-Jahre einer der populärsten Opernkomponisten in Europa. Auch in Wien erregten seine Kompositionen großen Zuspruch, um nicht zu sagen, Sensation, und eine solche ließ sich Strauß für gewöhnlich nicht entgehen. So geschehen im Fall von Balfes Oper The Bohemian Girl, die am 24. Juli 1846 im Theater an der Wien unter dem Titel Die Zigeunerin und unter der musikalischen Leitung von Franz von Suppè erstmals in Österreichs Hauptstadt zu hören war. Schon am 7. August präsentierte Strauß im Rahmen einer großen musikalischen Fest-Soirée im Volksgarten seinem Publikum nicht nur die Ouvertüre zur Oper, sondern auch seine aus Themen derselben zusammengestellte Zigeunerin-Quadrille. Wie es sich für eine Novität aus seiner Feder geziemt, gefiel sie so sehr, dass sie dreimal wiederholt werden musste. Dennoch gab es für Strauß einen Wermutstropfen: Sein Sohn war ihm mit einer eigenen Zigeunerin-Quadrille um mindestens eine Woche zuvorgekommen!

[8] Esmeralda Marsch, op. 192

Eine weitere theatralische Neuigkeit, die Strauß zu einer Komposition angeregt hat, war das mimische Ballett La Esmeralda von Jules Perrot mit der Musik von Cesare Pugni, das am 6. Mai 1846 im Kärntnertor-Theater uraufgeführt wurde. In der Titelpartie stand eine der berühmtesten Ballerinen ihrer Zeit auf der Bühne, Fanny Elßler, die Tochter des bevorzugten Kopisten von Joseph Haydn. Es mutet ein wenig seltsam an, dass sich Strauß von diesem Ballett nicht zu einer Tanzkomposition, sondern just zu einem Marsch inspirieren lassen hat. Aber wie dem auch sei, als Kapellmeister des ersten Wiener Bürgerregiments hatte er von Zeit zu Zeit mit einer neuen Komposition aufzuwarten. Der Esmeralda Marsch erschien denn auch, am 6. August 1846, als „Nr. 6 der Wiener Bürger-Märsche des 1. Regiments“ .

[9] Fest-Lieder, Walzer, op. 193

Die traditionelle Fest-Soirée zum Namenstag des „allgeliebten Landesvaters “ Ferdinand I. im Volksgarten war ursprünglich als Vorfeier angesetzt, musste jedoch, vermutlich witterungsbedingt, um drei Tage auf den 2. Juni verschoben werden. Die Quadrille-Mode hatte ihren Höhepunkt schon überschritten, und so wählte Strauß nach mehreren Jahren erstmals wieder eine Walzerpartie für den genannten Anlass, „,Festlieder‘ benannt, die alle Strauß’schen Vorzüge in sich vereinigen und eine so beifällige Aufnahme fanden, daß sie zweimal wiederholt werden mußten. “ Der Kritiker, der solch lobende Worte fand und für den Strauß gar der einzige war, „welcher aus der Saharra des heutigen Soirée- und Festlebens Paradiese zu machen versteht“ , fand ausnahmsweise doch ein Haar in der Suppe. Es schien ihm nämlich, „als wären diese schönen Walzer zu flüchtig einstudirt worden, weil das sonst so exacte Orchester bisweilen schwankte und es steht daher zu erwarten, daß dieselben bei öfterem Produziren, eine noch gesteigertere Theilnahme finden werden.

[10] Eldorado-Quadrille, op. 194

Das riesenhafte Odeon, der größte Tanzsaal Europas, wurde 1846 einer Umgestaltung unterzogen, nachdem das erste Bestandsjahr von einigen „Kinderkrankheiten“ gezeichnet war. Zur Eröffnung der Frühlings-Saison am 3. Mai versprach eine prahlerische Zeitungsannonce nichts weniger als „Eine Nacht im Eldorado“ . Die eigens angekündigte „Eldorado-Souvenir-Spende für Damen “ veranlasste einen Kommentator zu der Spekulation, es müsse sich dabei um „einen Pracht-Solitair von der Größe eines Taubeneies “ handeln. An weiteren Attraktionen nannte die Einladung „ein herrlich duftendes Blüthenlabyrinth“ , einen „magisch illuminirten Garten“ , eine „im purpurnen Lichte funkelnden Eldorado-Goldgrotte “ und, zu guter Letzt, Johann Strauß, der „an diesem Abende mit seinem ungewöhnlich verstärkten Orchester nebst seinen neuesten und beliebtesten Tanz-Compositionen, eine neue Quadrille unter dem Titel: Eldorado-Quadrille, welche von ihm eigens zur Verherrlichung dieses Festes componirt wurde“ , vortragen würde. Zwar entpuppte sich die Damenspende als simpler Blumenstrauß, doch hielt das von einem professionellen Theaterdekorateur gestaltete Arrangement den hochgespannten Erwartungen stand. Als der Rezensent, der darüber zu berichten hatte, zu den Leistungen von Strauß kam, waren ihm die Superlative bereits ausgegangen.

[11] Die Unbedeutenden, Walzer, op. 195

Am 22. September 1845 hatte Strauß ein Fest im Freien zugunsten des Kinderspitals auf der Wieden veranstaltet, bei dem er auch den Chor des Leopoldstädter Theaters beschäftigte. Die Sänger waren wegen der umbaubedingten Schließung des Theaters arbeitslos geworden. Zwar hatten ihre Leistungen den künstlerischen Wert der Produktion von Strauß nicht unbedingt gehoben, doch sollte dessen mildtätiger Einsatz ein Nachspiel haben. Als im renovierten Theater am 2. Juli 1846 eine musikalisch-deklamatorische Akademie zum Besten des Krankenhauses der Elisabethinerinnen gegeben wurde, war Strauß mit einer neu komponierten Walzerpartie vertreten. Er nannte sie Die Unbedeutenden, in Anlehnung an die exakt zwei Monate zuvor am selben Ort uraufgeführte Posse von Johann Nestroy, Der Unbedeutende, ohne aber aus der Bühnenmusik von Wenzel Müller Anleihen zu nehmen. Nestroy trat in dem bunten Programm übrigens auch auf. Alle Mitwirkenden ernteten für ihre Darbietungen reichen Beifall von Publikum und Presse.


Thomas Aigner


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