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8.225342 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 22
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 22

 

[1] Die Schwalben, Walzer, op. 208. Am Pfingstmontag, dem 24. Mai 1847, veranstaltete Johann Strauß Vater in Unger’s Casino und Promenade-Garten im westlich von Wien gelegenen Vorort Hernals, dem heutigen 17. Gemeindebezirk, eine „große musikalische Nachmittags-Unterhaltung“. Als besondere Attraktion und gleichsam als musikalische Sommerboten waren neue Walzer unter dem Titel Die Schwalben angekündigt. „Man muß nur heute wieder diesen Jubel gehört haben“, begeisterte sich der Rezensent, „mit dem die überzahlreiche, gewählte Gesellschaft ihren Liebling Strauß auszeichnete. Als Strauß aber seine neueste Tonschöpfung, eine Walzerpartie: ,Die Schwalben‘ sinnreich betitelt, vortrug, da grenzte der Beifall an welschen Opernenthusiasmus, und Strauß mußte diese superben Walzer öfter wiederholen. Diese musikalischen ,Schwalben‘ sind eigentlich Tonnachtigallen, welche man immer schlagen hören möchte. Es herrscht wieder eine solche Fülle reizender herrlicher Melodien, ein solcher Schwung und so viel rhythmische Pikanterie und Originalität in diesen Weisen, daß man nicht weiß, soll man mehr die ,ewige Jugend‘ der Strauß’schen Fantasie, oder die glänzende Instrumentationsgabe bewundern.“

[2] Oesterreichischer Defilir-Marsch, op. 209. Wann und wo Strauß seinen Österreichischen Defilir-Marsch erstmals erklingen ließ, ist nicht überliefert. Zumal Strauss nicht nur Leiter eines eigenen Orchesters war, sondern auch Kapellmeister des Ersten Wiener Bürgerregiments, liegt es durchaus im Bereich des Wahrscheinlichen, dass die Uraufführung im Rahmen einer Parade dieses Truppenkörpers erfolgte. Verbürgt ist eine mit „stürmischem Applaus“ aufgenommene Reprise des Werks während einer Soirée der Straußkapelle am 18. August 1847 im Lokal „Zum Großen Zeisig“ in der damaligen Wiener Vorstadt St. Ulrich, die heute Teil des siebenten Bezirks ist. Besonderes Glück aber machte der Marsch in Berlin, wo ihn Strauß im November in Anwesenheit des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. vortrug. Dieser führte ihn, unter der Bezeichnung Parademarsch des 2. Garde- Regiments zu Fuß, „für immerwährende Zeiten“ als preußischen Armeemarsch ein. Für die Bundeswehr legte der Militärmusiker Wilhelm Stephan eine neue Sammlung an, in der die bekanntesten Werke der alten Armee- und Heeresmarschsammlung aufgenommen und mit neuen Bezeichnungen versehen wurden. Der Defilir-Marsch fand in Band 2, enthaltend Parademärsche für Fußtruppen, Eingang und figuriert dort unter Nr. 119 als Geschwindmarsch.

[3] Beliebte Kathinka-Polka, op. 210. Wenn zu Strauß’ Zeiten über den Prototyp der böhmischen Frau geschrieben wurde, so benannte man diese Figur zumeist Marianka oder Katinka. Es sind dies die tschechischen Koseformen der damals dort wohl verbreitetsten weiblichen Vornamen Maria und Katharina. Strauß, welcher der aus Böhmen stammenden Polka längst nicht dieselbe Aufmerksamkeit schenkte wie der Quadrille oder gar dem Walzer, ließ bei der Auswahl der Titel für seine Polkakompositionen zeitweise wenig Fantasie walten. So folgte der Marianka-Polka von 1845 (s. Folge 17 / Marco Polo 8.225337) zwei Jahre später eben eine Kathinka-Polka, die bei dem traditionellen zweitägigen Hernalser Kirchweihfest in Unger’s Casino erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Glaubt man der einzigen Pressenotiz, welche auf diese Uraufführung hinweist, so geschah dies am Sonntag, dem 29. August, an welchem Tag eine „Große musikalische Nachmittags-Unterhaltung“ stattfand. Man möchte annehmen, dass Strauss die Kathinka-Polka bei dem am darauffolgenden Montag stattgehabten „Große[n] Gartenfest mit Ball“, bei welcher Gelegenheit man zu ihren Klängen auch hätte tanzen können, zumindest wiederholt hätte; im Bericht über diese Veranstaltung ist jedoch nichts dergleichen erwähnt.

[4] Beliebte Quadrille nach Motiven aus Auber’s Oper „Des Teufels Antheil“, op. 211. Um die Wiener Erstaufführung der Oper La Part du Diable [Des Teufels Antheil] von Daniel-François-Esprit Auber entbrannte im September 1847 ein Wettlauf zwischen dem Kärntnertor-Theater und dem Theater an der Wien. Dabei kam die Vorstadtbühne dem Hoftheater um zwei Tage zuvor, jedoch um den Preis fragwürdiger Qualität. Auch Strauß mischte in diesen für die Opernfreunde Wiens so spannenden Tagen kräftig mit: „Kaum holte der Theaterteufel im Theater an der Wien den Auber’schen ,Antheil des Teufels,‘ eine Teufelei, welche der schlechten Aufführung galt, kaum brachte unsere berühmte Hofoper denselben Auber’schen ,Antheil des Teufels‘ in einer Prachtdarstellung, die den armen Opernteufel wieder zu allen Ehren brachte, als sich auch schon unser Strauß Vater, der selbst ein Stück Diavolo ist, rührte, die schönsten Motive dieser Oper in einer Quadrille vorzuführen.“ Gelegenheit der mit „enthusiastischem Beifall“ aufgenommenen Uraufführung der Quadrille war am 25. September, nur zwei bzw. vier Tage nach den Opernpremieren, ein Benefiz von Strauß in dessen alteingesessener Hochburg Sperl. Und bloß weitere drei Tage später war bereits die Druckausgabe des neuen Werks erhältlich!

[5] Marien-Walzer, op. 212. Nach dem großen Erfolg des am 1. Oktober 1846 stattgehabten Festes im Paradiesgärtchen, einem heute nicht mehr existenten Teil des Volksgartens, entschloss sich Strauß im darauffolgenden Jahr zu einer Neuauflage der Veranstaltung, jedoch in einer witterungsmäßig günstigeren Jahreszeit. Das Kalkül ging jedoch nicht auf. Zweimal musste das Fest verschoben werden, ehe es trotz erneut unsicherer Wetterlage am 20. Juli schließlich doch zustande kam. Das Publikum ließ sich nicht abschrecken und erschien zahlreich, nicht zuletzt, um die Uraufführung der in den Zeitungsannoncen und Plakaten angekündigten neuen Marien-Walzer zu genießen. „Da gab es denn bei letzteren zahlreiche Akklamationen als: göttlich, herrlich, klassisch, charmant und famos. Gleich die erste Exekution dieser Walzer wurde acht- bis zehnmal von einstimmigem Applaus begleitet und hierauf eine zweimalige Wiederholung verlangt, Beweis genug, daß das opus von der schönen Welt verstanden und gewürdiget wurde.“ Als aber mit dem abschließenden Feuerwerk begonnen wurde, öffnete der Himmel seine Schleusen, „und man ging, lief, eilte und stob mit der Überzeugung auseinander, daß auch Freuden des Paradieses, auf Erden genossen, zu Wasser werden können.“

[6] Feldbleamel’n, Walzer (im Ländlerstyle), op. 213. Es ist denkbar, dass die mögliche Aufführung der Kathinka-Polka bei dem „Große[n] Gartenfest mit Ball“ in Unger’s Casino (s. oben) vom Berichterstatter deswegen nicht erwähnt wurde, weil sie zu sehr im Schatten einer anderen Novität von Strauß stand. Um Mitternacht produzierte er nämlich „eine neue Partie Ländler ,Feldbleamln‘ genannt, die eine enthusiastische Aufnahme fanden und zweimal stürmisch wiederholt werden mußten. Diese ,Feldbleamln‘ sind duftende Blüten aus dem reichen Melodienstrauße unseres Strauß, voll melodischer Schönheit und elektrischer Kraft, lieblich und reizend in ihrem schmucklosen einfachen Ländlerstyle. Da wird man unwiderstehlich hineingerissen in den Strudel der Tanzlust und vergißt dabei sogar auf die Sirokkohitze des Saales und auf die schlechte Bedienung der Deutschen-Ungerischen Kasinokellner!“ Titelgebend für das neue Werk war eine kürzlich erschienene gleichnamige Gedichtsammlung des oberösterreichischen Mundartdichters Joseph Kartsch. Damit lag Strauß wieder einmal am Puls der Zeit, denn auch sein Sohn (Wilde Rosen, Dorfgeschichten) und Philipp Fahrbach sen. (’s Schwarzblattl aus’n Weanerwald) hatten sich von literarischen Vorlagen inspirieren lassen.

[7] Nádor Kör, Palatinal-Tanz op. 214. Bis zur Revolution des Jahres 1848 hatte Ungarn einen Palatin, in der Landessprache Nádor genannt, der in Abwesenheit des Königs als dessen Statthalter fungierte. Am 13. Jänner 1847 war der alte Palatin, Erzherzog Joseph, gestorben. Noch ehe dessen Nachfolger, Erzherzog Stephan, Mitte November in sein Amt eingeführt wurde, konnte man in der Zeitung lesen, dass der beliebte Tanzlehrer Gorski einen „Palatinaltanz“ erfunden hätte. Der „Nádor Kör“, wie er auf Ungarisch bezeichnet wurde, war analog der Quadrille aufgebaut und bestand aus folgenden Touren: 1. Köszöntés (Begrüßung), 2. Látogató (Besuch), 3. Hódolat (Huldigung), 4. Nagy séta (Spaziergang), 5. Ujjongó (Jauchzen), 6. Zárlat (Schluss). Bei so viel propagandistischem Aufwand darf es nicht verwundern, dass niemand anderer als Strauß die Musik dazu komponierte, selbstverständlich nach ungarischen Nationalmelodien. Am 18. Dezember 1847 wurde das neue Werk im Rahmen einer Soirée im Sperl unter großem Beifall aus der Taufe gehoben. Auf längere Sicht durchsetzen konnte sich der Tanz allerdings nicht, in erster Linie wohl wegen der 1848 offen zu Tage tretenden nationalen Spannungen in der Habsburgermonarchie und der damit in Zusammenhang stehenden Abschaffung des Amtes des Palatins.

[8] Martha-Quadrille, op. 215 / [9] Martha-Quadrille, op. 215 (Einlage zum beliebigen Wechsel der Figuren Été, Patourelle und Finale). Im Herbst 1847 stand mit der Oper Martha, oder der Markt zu Richmond von Friedrich von Flotow eine mit Spannung erwartete Welturaufführung auf dem Programm der Wiener Hofoper. Die mehrmals verschobene Premiere am 25. November brachte dem Komponisten einen durchschlagenden Erfolg. Die ganze Stadt lag im Martha-Taumel, jedermann sang, pfiff oder spielte die eingängigen Melodien aus der Oper. Selbstverständlich stellte sich Strauß umgehend mit einer aus denselben zusammengestellten Martha-Quadrille ein, die er am 18. Dezember im Sperl zum ersten Mal vortrug. Aber auch andere Komponisten versuchten die Gunst der Stunde zu nützen: „Strauß Vater und Sohn, und der geistreiche Waldmüller, Fahrbach, ec., eine ganze Armee schreibt uns noch Quadrillen aus der ,Martha!‘ Wir bedauern dies um der thätigen Haslinger’schen Musikalienhandlung willen, die wegen dieser unendlichen Konkurrenz erst 3000 Exemplare von ihrer Martha- Quadrille (Strauß Vater) verkauft hat, und die Platten schon zweimal hat nachstechen lassen.“ Natürlich war das Wörtchen „erst“ eine bewusste Untertreibung, denn die genannte Auflage wurde in dem kurzen Zeitraum von Ende Dezember bis Mitte Jänner erreicht!

[10] Die Adepten, Walzer, op. 216. Im Kampf um das akademische und studentische Publikum errang Johann Strauß Sohn 1847 einen wichtigen Etappensieg. Für den Faschingsball der Architekten wurde nämlich er und nicht sein Vater mit der Leitung der Ballmusik beauftragt. Damit verbunden war die Bestellung einer Widmungskomposition, die Strauß (Sohn) unter dem Titel Architekten-Ball-Tänze bei der besagten Veranstaltung seinem Publikum vorstellte. Die Juristen, Mediziner und Techniker blieben hingegen Strauß Vater treu. Die ersteren bedachte er mit Themis-Klängen bzw. Herz-Tönen (s. Folge 21 / Marco Polo 8.225341), während er für den am 25. Jänner in den Redoutensälen stattfindenden Techniker-Ball eine Walzerpartie namens Die Adepten komponierte. Dieser aus dem Lateinischen hergeleitete Begriff bedeutet „die in geheime Künste Eingeweihten“; damit waren ursprünglich jene Alchemisten gemeint, die von sich behaupteten, mindere Stoffe zu Gold machen zu können oder den Stein der Weisen gefunden zu haben. Wie die neuen Walzer bei ihrer ersten Präsentation gefielen, ist nicht überliefert. Auch ließ die Drucklegung über ein Jahr lang auf sich warten, was einen außergewöhnlich langen Zeitraum bedeutete.

[11] Schäfer-Quadrille, op. 217. So wie im Winter der Dianabad-Saal schickte sich in der Freiluft-Saison Unger’s Casino ab der Mitte der 1840er-Jahre an, dem Sperl den Rang als der von Strauß bevorzugten Lokalität für die Uraufführung seiner Novitäten abzulaufen. Am 5. Juli 1847, im Rahmen einer „große[n] Fest-Soirée und Ball“, war es wieder einmal soweit: „Strauß Vater hat eine neue Quadrille komponirt, betitelt: ,Schäfer-Quadrille.‘“ Ungewohnt kritisch fügte der Rezensent hinzu: „Der Name klingt etwas sonderbar.“ Dann hörte man erst 1848 wieder von dem Werk: „Warum erscheinen Strauß Vaters zwei Kompositionen die ,Adepten‘ und ,Schäfer- Quadrille,‘ die sich bei jedesmaliger Aufführung vielen Beifalls erfreuten, nicht im Stiche, da doch schon viele spätere Kompositionen bereits erschienen? Strauß wird uns doch diese nicht vorenthalten? Für den heurigen Karneval wären sie gewiß Jedermann sehr willkommen.“ Aus welchen Gründen auch immer sollte es noch bis zum 29. Februar dauern, ehe die Schäfer-Quadrille im Druck erschien. Da aber war selbst der außergewöhnlich lange Fasching des Jahres 1848 schon gelaufen.

[12] Tanz-Signale, Walzer, op. 218. Kaum hatte 1847 der Aschermittwoch das närrische Treiben beendet, trösteten sich die tanzverrückten Wiener bereits mit dem Gedanken an den nächstjährigen Fasching. 61 Tage sollte er dauern, so lange wie seit 42 Jahren nicht mehr! Im Geiste malte man sich die Unterhaltungsangebote aus, die der nach immer neuen, ins Sensationelle gesteigerten Vergnügungen gierenden „besseren Gesellschaft“ harren würden: „sonnige Luft-Salons […] im Style der hängenden Gärten der Semiramis“ und ein „Elysium unter der Donau bis zum schwarzen Meere“. Tanz-Signale lautete denn auch der selbstbewusste, optimistische Titel, den Strauß seiner für die Eröffnung der Ballsaison im Sperl am 16. Jänner komponierten neuen Walzerpartie gab. Das neue Werk wurde „beifällig aufgenommen“; mehr geht aus den Zeitungsberichten nicht hervor. Überhaupt kam der Fasching des Jahres 1848, ganz im Gegensatz zu den hochgesteckten Erwartungen, nicht recht in Schwung. Die Zahl der Bälle blieb ungewöhnlich gering, da die schlechte wirtschaftliche Lage nun auch jene Bevölkerungsschichten erfasste, die bis dahin davon unberührt geblieben waren. Die Revolution stand unmittelbar vor der Tür.


Thomas Aigner


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