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8.225343 - STRAUSS I, J.: Edition - Vol. 23
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Johann Strauß-Vater • Edition • Folge 23

 

[1] Fortuna-Polka, op. 219. 1848 war ein Schaltjahr, und am 29. Februar feierte man im Sofienbadsaal ein Faschingsfest unter der Devise „Unzählige Freuden an einem überzähligen Tage“. Als besonderer Anreiz wurde eine Lotterie veranstaltet, die mit märchenhaften Gewinnen lockte. Passend dazu komponierte Johann Strauß Vater, der mit der Ausrichtung der Ballmusik betraut war, eine nach der römischen Schicksalsgöttin benannte Fortuna-Polka. Ein ernster Hintergrund bestand darin, dass, einer sich anlassbedingt verstärkt bemerkbar machenden Entwicklung folgend, ein Drittel des Reinertrags der Lotterie wohltätigen Zwecken zugute kommen sollte. Jedoch war mit solchen Symptomkuren den wirtschaftlichen und sozialen Problemen der Zeit nicht länger beizukommen. Der Umstand, dass sich eine kleine privilegierte Schicht auf rauschenden Festen amüsierte, während ein stetig anwachsender Teil der Bevölkerung auf Almosen angewiesen war, sollte sich nur allzu bald als politisches Pulverfass erweisen.

[2] Wiener Kreuzer-Polka, op. 220. Die Armutsbekämpfung war Mitte des 19. Jahrhunderts weitestgehend auf private Initiativen aufgebaut. Zu diesen zählte der Wiener Kreuzer-Verein, der sich im Februar 1847 konstituiert hatte. Darin hatten sich honorige Bürger der Stadt zusammengefunden, um wöchentlich einen Kreuzer einzuzahlen und den Erlös den Bedürftigen zur Verfügung zu stellen. Strauß, der dem Vereinsausschuss angehörte, veranstaltete am 1. März 1848 im Sperl einen Benefizball zugunsten des Wiener Kreuzer-Vereins. Trotz massiver Werbung in der Presse blieben Besuch und Einnahme hinter den Erwartungen zurück. Man gab dem schlechten Wetter und den Konkurrenzveranstaltungen die Schuld, bei denen Strauß übrigens auch auftrat. Einmütig gelobt wurde die Wiener Kreuzer-Polka, die Strauß eigens für den Anlass komponiert hatte und die dreimal wiederholt werden musste: „Wenn diese charmante, melodiöse Polka einen Kreuzer werth sein sollte, so kämen die Kreuzer bald zu einem hohen Curse, was in unserer schwindelnden Börsezeit keine Unmöglichkeit wäre. Sollte die Polka jedoch nach ihrem wahren Werthe taxirt werden, so müßte sie schon Dukaten- oder Banknoten-Polka heißen!“

[3] Österreichischer Nationalgarde-Marsch, op. 221. Am 13. März begann in Wien der Aufstand gegen die alte Ordnung. Die Revolutionäre hatten Tote zu beklagen, konnten sich jedoch vorerst behaupten. Dafür sorgten die Nationalgarden, die aus bewaffneten Bürgern, Arbeitern und Studenten zusammengestellt waren. Der Aufruhr war anfänglich nur gegen das verhasste Metternich-Regime gerichtet, nicht aber gegen den Kaiser und seine Familie. Im Volksgarten, unmittelbar vor der kaiserlichen Residenz, trug Strauß zum ersten Mal seinen Österreichischen Nationalgarde-Marsch vor, der unter dem stürmischen Applaus der Zuhörer dreimal wiederholt werden musste. Um die Stimmung nicht zu eskalieren, stimmte Strauß unmittelbar danach die Volkshymne an, wobei das Publikum aus vollem Herzen den kaisertreuen Text mitsang. Dennoch verzichtete Strauß auf dem Titelblatt der nur acht Tage nach der Uraufführung erscheinenden Druckausgabe des Marschs auf die Nennung seines bislang mit Stolz getragenen Titels eines k. k. Hofball-Musikdirektors. Im Mai legte er sein Amt als Kapellmeister des 1. Wiener Bürgerregiments zurück und nahm die Stelle eines Kapellmeisters der Nationalgarde des Stuben- und Kärntnerviertels an.

[4] Aeaciden, Walzer, op. 222. Durch die Abwesenheit seines ältesten Sohnes, der mit seiner Kapelle in Bukarest weilte, war Strauß Vater der unangefochtene musikalische Dominator des langen Faschings von 1848. Auf nicht weniger als 120 Bällen soll er einem seriös erscheinenden Zeitungsbericht zufolge aufgespielt haben; das ergibt im Durchschnitt zwei Auftritte pro Tag! Auch die kompositorische Ernte nimmt sich eindrucksvoll aus: fünf Walzer, eine Quadrille und zwei Polkas wurden zwischen Dreikönigstag und Aschermittwoch aus der Taufe gehoben. Bei den Korporationsbällen der Juristen, Techniker und Mediziner war es gleichsam zu einem ungeschriebenen Gesetz geworden, dass sich der Leiter der Ballmusik mit einer neuen Widmungskomposition einstellte. Für die Juristen, die ihr Tanzfest im Jänner abhielten, schrieb Strauss, der 1848 zu allen drei Korporationsbällen herangezogen wurde, eine Walzerpartie namens Aeaciden. Der Name bezeichnet die Nachkommen des Aiakos, der in der griechischen Mythologie neben Minos und Rhadamanthos als einer der drei Richter der Unterwelt fungiert.

[5] Marsch der Studenten-Legion, op. 223. Obwohl Strauß Vater—im Gegensatz zu seinen Söhnen—niemals akademischen Studien oblag und mit den Studenten höchstens bei den Juristen-, Techniker- und Medizinerbällen in Berührung kam, ließ er es sich angelegen sein, dieser Speerspitze der revolutionären Bewegung einen Marsch zu widmen. Die Akademische Legion hatte sich in den ersten Tagen des Umsturzes als Freikorps innerhalb der bürgerlichen Nationalgarde konstituiert; insbesondere bei der sogenannten Sturmpetition im Mai sollte ihr militärische Bedeutung zukommen. Der Marsch der Studenten-Legion war jedoch schon zuvor, spätestens am 30. April im Rahmen einer Soirée in Ungers Casino in Hernals, uraufgeführt worden. Im zweiten Teil des Trios zitiert Strauß in Hörnern, Trompeten und Piccolo das als Fuchslied bekannte Studentenlied „Was kommt dort von der Höh“. Dazu ließen sich trefflich immer neue Strophen improvisieren, in denen die missliebigen Vertreter der alten Ordnung verspottet wurden. Das verkappte Zitat im Marsch genügte dem Publikum nicht; Strauß musste das Fuchslied auch in seiner vollen Originalgestalt wiederholt vortragen.

[6] Amphion-Klänge, Walzer op. 224. Am 31. Jänner 1848 hielten die Techniker ihren alljährlichen Faschingsball im angesagtesten Ballsaal der Stadt, dem Sophienbadsaal, ab. Für dieses Fest komponierte Strauß, der die Musik zu besorgen hatte, eine Walzerpartie unter dem Titel Amphion-Klänge. Amphion und Zethos sind die Zwillingssöhne von Zeus und Antiope, der Tochter des Königs von Theben. Sie werden auch die „thebanischen Dioskuren“ genannt. Von ihrem Charakter her sind sie grundverschieden. Beim Bau der Stadtmauer kommt dem athletischen Zethos seine physische Kraft zugute, während sich dem musischen Amphion selbst die größten Steine allein durch das Spiel seiner Lyra zur Mauer fügen. Dieser Brückenschlag zwischen Musik und Technik wurde von den Zeitgenossen durchaus verstanden. Ein Chronist prophezeite, dass die neuen Walzer zwar „keine Steine, wohl aber viele Tänzer in Bewegung setzen“ würden. Nimmt man die enthusiastische Aufnahme bei einer nachfolgenden konzertanten Wiedergabe im Volksgarten zum Maß, kann man davon ausgehen, dass sich der Obengenannte nicht getäuscht hat.

[7] Aether-Träume, Walzer, op. 225. Für den Medizinerball des Jahres 1848 würde Strauß, so eine populäre Wiener Tageszeitung, eine neue Quadrille komponieren. Doch der Höhepunkt der Beliebtheit dieses Tanzes war bereits überschritten, und die Mediziner wünschten offenbar, in Parität mit den Juristen und Technikern, eine Walzerpartie für ihr Ballfest. Dieses fand am 8. Februar, so wie auch der Technikerball eine Woche zuvor, im Sophienbadsaal statt und fiel den Kommentatoren zufolge besonders glanzvoll aus. Die neuen Medizinerball-Tänze fanden „rauschende Aufnahme“. Den endgültigen Titel Aether-Träume dürfte das Werk erst später erhalten haben. Mit Äther als Narkosemittel experimentierten Wiener Ärzte seit Beginn des Jahres 1847. Durch Selbstversuche trachteten sie die betäubende Wirkung des Mittels nachzuweisen, ehe sie es bei Zahnextraktionen und anderen Operationen an Patienten einsetzten. Anfang März 1848 wurde ein Fall bekannt, bei dem ein taubstummer Bub nach einer in Äthernarkose durchgeführten Operation Gehör und Sprache wiederfand. „Weitverzweigt und noch ungeahnt großartig sind die Wirkungen des Äthers“, zeigte sich ein Zeitungsredakteur beeindruckt. Gab diese Notiz den Anstoß zur Entscheidung über den Titel der neuen Walzerpartie?

[8] Freiheits-Marsch, op. 226. Datum und Umstände der Uraufführung des Freiheits-Marschs sind nicht überliefert. Fest steht lediglich, dass ein Zusammenhang mit den revolutionären Ereignissen des Jahres 1848 besteht. In der Strauß-Literatur wird wiederholt darauf hingewiesen, dass die Einleitung des Marschs im Rhythmus dem Lied Ein freies Leben führen wir entspricht. In der Tat lassen sich diese Worte—aus einem ursprünglich als Räuberlied bezeichneten Gedicht von Friedrich Schiller aus dem Jahr 1781—den Anfangstakten der Komposition unterlegen. Ob das jedoch Zufall oder von Strauß beabsichtigt war, bleibt dahingestellt. Ebenso gut könnte man zu dieser Musik nämlich Gaudeamus igitur singen, den Anfang jenes uralten Studentenlieds, auf dessen Melodie das Räuberlied Schillers gesungen wurde. Es bleibt also die Frage, warum Strauß, hätte er diese Assoziation gewünscht, in einer Zeit der abgeschafften Zensur nur den Rhythmus, nicht aber die entsprechende Melodie zitiert hat.

[9] Marsch des einigen Deutschlands, op. 227. Die Revolution des Jahres 1848 hatte ihre Ursache nicht nur in wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Übelständen, sondern war auch von einer Aufwallung nationaler Gefühle getragen. Dies führte zu separatistischen Bestrebungen in den nicht deutschsprachigen Teilen der Habsburgermonarchie, während die deutschsprachige Bevölkerung Österreichs vom Eintritt in einen deutschen Gesamtstaat—allerdings unter österreichischer Führung—träumte. Ein Schritt in diese Richtung war die deutsche Nationalversammlung, die am 18. Mai 1848 in Frankfurt am Main zusammentrat und den österreichischen Erzherzog Johann zum Reichsverweser wählte. Aus dieser Geisteshaltung heraus dürfte Strauß seinen Marsch des einigen Deutschlands komponiert haben. Ein knappes Jahrhundert später gab der Wortlaut des Titels den Nationalsozialisten Anlass, das Werk für ihre eigenen Propagandazwecke zu missbrauchen. Die früheste nachweisliche Wiedergabe des Marschs erfolgte am 26. Juli 1848 auf dem Wasserglacis, etwa dem Gebiet des heutigen Stadtparks, im Rahmen eines großen Benefizfests zugunsten von Strauß.

[10] Radetzky-Marsch (1. Fassung), op. 228. Trotz aller revolutionären Gesinnung war die deutschsprachige Bevölkerung Österreich nicht bereit, die nationale Selbstbestimmung, die sie für sich in Anspruch nahm, auch den anderen Völkern der Habsburgermonarchie zuzugestehen. Groß war der Jubel in Wien, als sich die Kunde vom Sieg Feldmarschall Radetzkys in Oberitalien verbreitete. Am 31. August fand auf dem Wasserglacis ein „Siegesfest zu Ehren der tapferen Armee in Italien und zur Unterstützung der verwundeten Krieger“ statt, bei dem Strauß seinen für diesen Anlass komponierten Radetzky-Marsch erstmals zu Gehör brachte. Das offizielle Festgelände war nicht übermäßig gut besucht, wohl aber drängten sich Menschenmassen entlang der Absperrungen. Das heute berühmteste Werk Johann Strauß Vaters brachte ihrem Komponisten aber nicht nur Glück. Während seiner letzten Tournee, die ihn 1849 über Prag und Deutschland bis nach England führte, bekam Strauß zu spüren, dass man den Radetzky-Marsch als Bekenntnis zur politischen Reaktion ansah, während man teils insgeheim, teils offen, mit den freiheitshungrigen Italienern und Ungarn sympathisierte. Die vorliegende Einspielung greift auf die Urfassung des Marschs zurück, die auf das „Eintrommeln“ verzichtet, transparenter instrumentiert ist und im Trio geringfügig von der allseits bekannten Version abweicht.

[11] Quadrille im militärischen Style, op. 229. Viel erwartete man sich vom Bürger-Offizierball, der für den 23. Februar 1848 in den Redoutensälen der k. k. Hofburg angesetzt war. Allein die kolportierten Beträge, die für Tapeziererausgaben und Blumenschmuck veranschlagt wurden, erregten Staunen. Selbstverständlich erhöhte auch die Mitwirkung von Strauß, der damals noch die Stellung eines Kapellmeisters des Ersten Wiener Bürgerregiments inne hatte, die Attraktivität des Fests. Obwohl „nur“ 2600 Eintrittskarten ausgegeben wurden, versammelten sich 3000 Personen, was zu einem erheblichen Gedränge führte. Die neue Quadrille, die Strauß auf diesem Ball zum ersten Mal vortrug, erhielt das obligate Lob. Quadrille im militärischen Style dürfte sie erst anlässlich einer späteren Wiedergabe oder gar ihrer Drucklegung benannt worden sein, da die frühen Zeitungsberichte keinerlei Hinweis auf diesen Titel geben. Im zweiten Teil des Finales ist in Hörnern und Trompeten der Jagdchor aus der Oper Das Nachtlager von Granada von Conradin Kreutzer zitiert. Zwar war dieses Werk schon 1834 in Wien erstmals aufgeführt worden, doch erfreute es sich auch in den folgenden Jahrzehnten ungebrochener Beliebtheit.

[12] Sorgenbrecher, Walzer, op. 230. Erst gegen Ende des langen Faschings von 1848 füllten sich die Ballsäle, als hätte die Bevölkerung Wiens in Vorahnung des Kommenden wenigstens für kurze Zeit noch einmal die reale Welt durch ein Universum ungetrübten Frohsinns zu vertauschen gesucht. Als Festgeber profilierte sich dabei insbesondere Franz Morawetz, der Inhaber des Sophienbadsaals. Dort veranstaltete Strauß am 21. Februar seinen Benefizball, verbunden mit der Eröffnung des neuen Wintergartens. Wie umsichtig Strauß und Morawetz bei der Planung vorgingen, zeigt der Umstand, dass sie sogar für die bequeme Zu- und Abfahrt der Gäste Sorge trugen, indem sie einen durchgehenden Fiaker-Betrieb vom Stadtzentrum zu dem in der Vorstadt Landstraße gelegenen Sophienbad gegen fixes Entgelt organisierten. Sorgenbrecher hieß, ganz dem Zeitgeist entsprechend, die neue Walzerpartie, die als Höhepunkt des glänzenden Ballfests aus der Taufe gehoben wurde. Sie seien, befand ein Rezensent, „auch wirklich Sorgenbrecher, wenigstens werden alle bei diesen melodiösen, schwungvollen, brillant instrumentirten Walzern, die Plackereien des Tages sicher vergessen haben“. Fazit eines Kollegen: „Rasender Jubel—zahllose Wiederholung“.


Thomas Aigner


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