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8.553316 - MONTEVERDI: Canzonette
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Claudio Monteverdi (1567-1643)
Canzonette (1584)

 

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde die weltliche Musik in erster Linie an den zahlreichen Höfen der Könige und Fürsten gepflegt. Zum Teil aus echter Kunstliebe heraus, zum Teil nur zu schnöden Repräsentationszwecken — die standesbewußten Herrscher sammelten jeweils die berühmtesten Musiker um sich herum, sie erteilten Kompositionsaufträge und ließen sich die oftmals rauschenden Feste musikalisch umrahmen. (Monteverdis berühmte Oper L’Arianna zum Beispiel — ein Auftragswerk — wurde 1608 anläßlich einer Hochzeit in Mantua uraufgeführt.) Diese Hofmusik sollte unterhalten und ein bißchen rühren, in ihren Tänzen und Arien, in ihren Konzerten, Sonaten und Madrigalen spiegelten sich gewisse, für die Zeit typische Bewegungs-, Verhaltens- und Empfindungsmuster. Den Typ des romantischen Künstlers, das heißt den Komponisten als ganz in seine schöpferische Arbeit versunkenen Einzelgänger, gab es im 16./17. Jahrhundert noch nicht. Vielmehr wurde der Musiker in das galante höfische Leben mit einbezogen und er mußte mit den Herrschaften über Projekte und Programme verhandeln oder schlichtweg seinen Dienst tun.

Der aus Cremona stammende Claudio Monteverdi (1567-1643) gehörte zweifellos zu den fortschrittlichsten Musikern seiner Zeit. Seine kontrastreiche, emotionsgeladene Musiksprache, sein kühner und ausdrucksorientierter Umgang mit der Harmonik, sein Gebrauch von harten Dissonanzen, seine rhythmisch akzentuierten, mitunter bis an die Grenzen der Musikalität gehenden Textvertonungen riefen bei den Zeitgenossen sowohl Bewunderung als auch hilfloses Befremden hervor. Monteverdi nahm wenig Rücksichten auf den sogenannten guten musikalischen Geschmack. Gerade in seinen Opern, aber auch in vielen seiner Madrigale war er mit allen Mitteln darauf aus, das Publikum zu packen, zu erschüttern. Der Dramatiker Monteverdi machte niemals Musik um ihrer selbst willen, er brauchte das Wort, um Affekte dingfest zu machen, er war auf die Wirkung bedacht und nahm den zugrundegelegten Text ernster als jemals ein Komponist vor ihm.

Angesichts der Kühnheiten und provokativen Schroffheiten seiner Kompositionen könnte man glauben, Monteverdi habe doch so etwas wie eine romantische Künstlerexistenz geführt. Das Gegenteil ist der Fall. Monteverdi lebte und arbeitete in seiner Zeit und für seine Zeit, an den Höfen von Mantua und Venedig versah er über 50 Jahre anstrengende und manchmal sogar zermürbende Solisten- und Kapellmeisterdienste. In den adligen Musikzimmern und Konzertsälen und in Anwesenheit hochgestellter Persönlichkeiten gelangten seine Ballette, Opern und Madrigale zur Aufführung — noch lange bevor sie vielleicht einmal im Druck erschienen. Und sie hatten nicht selten einen großen Erfolg.

Im Laufe seiner über sechzigjährigen Komponistentätigkeit machte Claudio Monteverdi eine stete Entwicklung durch. Er begann als em zaghafter Schüler des italienischen Kirchenmusikers Marc’ Antonio Ingegneri. Seine frühen Kompositionen zeichnen sich durch eine geschmackvolle Schlichtheit und durch den behutsamen Gebrauch von chromatischen Brechungen aus. Auf seinen Reisen durch Österreich und Ungarn, später durch Frankreich und die Niederlande nahm er die unterschiedlichsten Einfiüsse auf und mauserte sich bald zum unbekümmert intuitionssicheren Neuerer. Seine frühen Opern L’Arianna und Orfeo machten tiefen Eindruck auf das Publikum und wurden sogar an anderen italienischen Höfen nachgespielt, seine Madrigalbücher machten ihn weit über die Grenzen Italiens hinaus berühmt. — In einer Streitschrift des Musiktheoretikers Giovanni Maria Artusi (Delle imperfettioni della moderna musica, 1600) wurde Monteverdi sogar öffentlich — und respektvoll! — als Stellvertreter der rnusikalischen Moderne angegriffen. Doch dem Komponisten kam es gar nicht so sehr auf das Prädikat des Modernisten an. In Venedig sorgte er sich später ebenso um die totgeglaubte Tradition des A-capella-Gesangs. Und im Alter von immerhin 74 Jahren schien er die Oper noch einmal neu für sich entdeckt zu haben — in Venedig hatten gerade die ersten öffentlichen Opernhäuser ihren Betrieb aufgenommen, und Monteverdi schuf binnen kürzester Zeit die drei gewaltigen Bühnenwerke Il ritorno d’Ulisse in patria (1641), Le Nozze d’Enea con Lavinia (1641) und L’incoronazione di Poppea (1642). Doch trotz dieser imposanten Laufbahn galt der späte Monteverdi schon als ein konservativer Musiker. Viele seiner frühen Madrigalbücher waren schon wieder in Vergessenheit geraten, viele seiner Opern wurden überhaupt niemals gedruckt und sind verschollen.

Die Canzonette a tre voci (1584) sind eine frühe Sammlung von 21 schlichten, volksliedhaften und mehrstrophigen Kompositionen für zwei Sopranstimmen und einen Alt. In den Texten handelt es sich fast durchweg um Liebe und Liebessehnsucht. Eine Cembalo- oder Streicherbegleitung ist nicht eigens notiert, vielleicht waren die Stücke auch a capella zu singen. Der junge Monteverdi hatte diese Publikation als libro primo angekündigt, doch eine Fortsetzung dieser kurzen, jugendfrischen Lieder sollte nicht folgen. Statt dessen trat der emanzipierte und hörbar gereifte Komponist drei Jahre später mit seinem Primo Libro de Madrigali a cinque voci hervor. Doch die auf dieser CD aufgenommenen Canzonetten wirkten quasi untergründig nach, nämlich auf die viel späteren Scherzi musicali (1607) sowie auf die Scherzi musicali cioè (1632) — ähnlich tanzartige Lieder für drei Stimmen.

Mit dem Concerto delle Dame di Ferrara hat es Folgendes auf sich: Im Alter von 23 Jahren wurde Claudio Monteverdi 1590 als Suonatore di viuolo (als Viola-Spieler) an den Hof der Gonzagas in Mantua verpflichtet. Schon nach fünf Jahren durfte er seinen Brotherren Vincenzo Gonzaga in der Funktion eines provisorischen Maestro di capella auf einern Feldzug gegen die Türken in Ungarn begleiten. Das bedeutete für den jungen Komponisten eine große Anerkennung seiner musikalischen Leistungen. Im darauf folgenden Jahr starb der Mantuaner Hofkapellmeister Giaches de Werth — ein Freund und Ratgeber, vielleicht sogar Lehrer Monteverdis. Als Nachfolger de Werths wurde der altgediente Benedetto Pallavicino ernannt — ein redlicher, mittelmäßiger Komponist. Claudio Monteverdi fühlte sich gekränkt und übergangen, er vermutete sogar Intrigen und suchte aus Ärger die Nähe zurn musikalisch noch glanzvolleren Hofe Alfonso d’Estes in Ferrara. Ohne Erfolg, denn der kunstliebende Alfonso d’Este starb schon ein Jahr später, 1697, und damit verlor Ferrara zugleich an kultureller Bedeutung. Doch im Zusammenhang mit diesen Annäherungsversuchen dürfte Monteverdi auch einige Canzonetten für das Concerto delle Dame di Ferrara — eine feste Einrichtung von Gesangsabenden — bearbeitet oder komponiert haben.

Sven Precht


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